24.04.2000

LITERATURGeheimnisse im Zugabteil

Im Zug von New York nach Los Angeles begegnen sich ein Mann und eine Frau. Sie tauschen Belanglosigkeiten aus - bis er ihren Namen erfährt: Oskar Lourde. Fast entschuldigend erklärt sie: "Ich habe fünf Jahre als Mann gelebt." Fünf Tage und fünf Nächte, quer durch die Landschaften des amerikanischen Kontinents, erzählt sie ihre Geschichte: wie sie als ganz normales Mädchen aufwuchs, heiratete und später, als Mann getarnt, im Gefängnis therapeutisch mit Mördern und Vergewaltigern arbeitete. Der in seiner männlichen Rolle erschütterte Mitreisende versucht, mehr zu erfahren. Er selbst ist nämlich mit dem Plan, "ein anderer zu werden", in den Zug gestiegen und hat ein Leben in Trümmern hinter sich gelassen. Wie in einem guten Railroad-Movie schickt die US-Filmemacherin Janice Deaner, 33, die Protagonisten ihres zweiten Romans "Fünf Tage, fünf Nächte" auf die Reise zu sich selbst. Dabei gelingt ihr nicht nur die sensible Darstellung einer Annäherung und flüchtigen erotischen Begegnung: Immer wieder wirft sie die Frage nach den Grenzen der "inneren Zensur" auf, "die jedem Mann von der Kultur aufgezwungen wurde, um ihn vor seinen dunkelsten Impulsen zu schützen und ihn in die Zivilisation einzubinden". Überaus spannend schildert sie am Beispiel der Frau, die als Mann gelebt hat, die Folgen der Tabuverletzungen - und die Chancen, die in der Überschreitung gesellschaftlicher Konventionen liegen. Eine Zugfahrt von Ost nach West - und quer durch seelische Kontinente.
Janice Deaner: "Fünf Tage, fünf Nächte". Deutsch von Adelheid Zöfel. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 444 Seiten; 24 Mark.

DER SPIEGEL 17/2000
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