24.04.2000

KULTURPOLITIKSpieler ohne Noten

Er war zwölf Jahre Direktor des Deutschen Historischen Museums und vier Monate Feuilleton-Chef: Christoph Stölzl, der letzte Woche zum neuen Berliner Kultur- und Wissenschaftssenator gewählt wurde, kann die Hauptstadt aufmischen - wenn man ihn lässt. Von Henryk M. Broder
Zwei Tage vor dem Tag X macht Christoph Stölzl, 56, noch immer Dienst nach Vorschrift. Er sitzt in seinem Ressortleiter-Zimmer im 11. Stock des Springer-Hauses an der Kochstraße, liest Manuskripte für den Kulturteil der "Welt" und denkt sich Überschriften aus. Von Hektik keine Spur, es sieht auch nicht nach einem baldigen Umzug aus. "Ich habe noch nicht gekündigt, weil ich nicht weiß, ob die mich wirklich wählen."
Zwei Tage nach seiner Wahl zum Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur, dies ist ein Samstag, würde Stölzl gern ausschlafen und in Ruhe die Zeitungen lesen. Aber er hat schon um acht Uhr einen Termin, Frühstück mit Georg Gafron, dem Chef des Berliner Privatradios Hundert,6. Stölzl hat zweieinhalb Jahre auf Hundert,6 eine eigene Sendung moderiert, zuletzt lief sie jeden Montag von 21 bis 23 Uhr und hieß "Berliner Nachtpilot". Es war der private Abenteuerspielplatz des gelernten Historikers. Da konnte er die Musik spielen, die er gern hörte, von Bach und Mozart bis Gordon Lightfoot und Janis Joplin, und mit den Berlinern alles Mögliche besprechen: das Goethe-Jahr und den Sozialstaat, die Schwulen-Ehe und Fragen der Ehre in der Politik. "Ich hatte einen Dialog mit 40 000 Hörern, alles war improvisiert und ein gutes Training, komplizierte Sachverhalte so auszudrücken, dass jeder sie verstehen kann."
Der Moderatorenjob war, rückblickend betrachtet, auch "eine nützliche Übung für den Umgang mit Politikern". Nun ist Christoph Stölzl selbst einer, und sogar für einen Alleskönner, der "zu jedem Thema eine halbstündige Rede" (Stölzl über Stölzl) halten kann, ist das eine harte Prüfung. "Wir haben den Delinquenten schon da", witzelt Gafron, "er ist soeben zu vier Jahren verurteilt worden, das erste Jahr unter verschärften Bedingungen." Die Präsidenten der drei Berliner Universitäten haben Stölzl bereits einen Tag nach seiner Wahl ins Visier genommen und ihm einen heißen Sommer angekündigt: "Wir können unseren Protest genauso öffentlich inszenieren wie die Theaterintendanten."
Der Radiochef liest den Satz laut vor und sagt seinem Ex-Moderator, worauf er demnächst achten muss: "Die Verwaltung, die ist wie ein Moloch, der alles verschluckt. Und merk dir eins: Everybody's Darling ist everybody's Depp." Dann produziert er schnell noch eine Pointe für den Hausgebrauch: "In unserer Reihe ,Der Verlierer der Woche' hören Sie heute ...", doch als das Band läuft, wird's ernst. "Guten Morgen, Herr Senator, spüren Sie nur Freude oder schon ein bisschen Last?"
Der Senator nimmt den Faden auf: "Die Freude hält noch an, aber man spürt schon ordentlich was auf den Schultern." Und er sagt dann, er habe "in der Tat das schwierigste Amt" übernommen, die Folgen des "explosiven Glücksurknalls der Wiedervereinigung" seien "noch lange nicht" gemeistert; dann findet er ein paar gute Worte für "das gute alte West-Berlin, das wie eine Mätresse von der Bundesrepublik ausgehalten wurde", und erklärt, warum das neue Berlin, die Symbiose aus Frontstadt und Hauptstadt, saniert werden muss, freilich nicht nach den Regeln der Betriebswirtschaft: "Wenn Berlin eine Firma wäre, wüssten wir, was zu tun wäre. Es würde Personal abgebaut, die Firma würde schlanker und vermutlich besser funktionieren. Aber wir sind keine Firma, weil Deutschland ein Sozialstaat ist."
Stölzl weiß: "Ich habe keine 100 Tage Schonfrist, die hat schon Frau Thoben verbraucht." Es muss alles gleich angepackt werden, zum Proben und Warmlaufen ist keine Zeit. Warum tut er sich so etwas an? Ja, das habe ihn Diepgen beim ersten Gespräch auch gefragt. Und da seien ihm drei Gründe eingefallen. Erstens sei es "eine große Herausforderung, die schwierige Lage in Berlin wieder in den Griff zu bekommen und die Wissenschaft und die Kultur von dem zu befreien, was derzeit ihr Hauptinhalt zu sein scheint, die Frage ihrer Finanzierung"; zweitens sei es "nur gut, wenn der Kultursenator aus der Kultur kommt"; und drittens habe er "lange darüber nachgedacht, wer es sonst machen könnte, und bin auf niemanden gekommen".
So viel Aufrichtigkeit provoziert Widerspruch. Er war doch gar nicht die erste, sondern die letzte Wahl, Diepgens Notlösung einer Krisenlage - oder? "Ich finde es überaus ehrenvoll, die letzte Wahl zu sein, weil es bedeutet, dass man wirklich gebraucht wird, das finde ich ganz prima." Er sei "ein Kulturmensch, der sein ganzes Leben mit Zahlen verbracht hat", schon mit 36 sei er Direktor eines Museums geworden, und seitdem trage er "Verantwortung für Budgets und Menschen" (sein momentanes Berliner Budget: 4,5 Milliarden Mark); es sei seine Spezialität, "den Männern mit den Buster-Keaton-Gesichtern, die niemals lachen, Geld abzuringen", um es in Kulturprojekte zu stecken. "Das hab ich 25 Jahre lang getan."
Stölzls Synthese aus Großmäuligkeit und Pragmatismus ist entwaffnend, genau die Mischung, die eine marode Metropole wie Berlin braucht, in der jeder Intendant einen Feudalfürsten spielt. Und weil er das Abitur an einem humanistischen Gymnasium in München gemacht hat, kommt noch ein Beispiel aus der römischen Geschichte hinterher. "Ich komme mir vor wie Cincinnatus am Pflug aus meinem Lateinbuch, der geholt wird, weil die Republik ihn braucht. Jetzt lass ich den Pflug mal stehen und gehe in die Politik."
Cincinnatus ("Der mit dem gelockten Haar") hat um 458 vor Christus in Rom regiert, zog sich dann auf sein Landgut zurück und wurde knapp 20 Jahre später in einer schwierigen Situation wieder gerufen - als Diktator in der Not. Die Geschichte hat einen hohen Symbolwert, wenn man von den Details absieht, dass Stölzl noch nie einen Pflug geführt hat und nur als Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur einspringen musste. Er ist parteilos, steht aber "der Union nahe", ein "dezidierter Bürgerlicher und bürgerlicher Liberaler", der zwischen den Parteien, die PDS ausgenommen, keine großen Unterschiede erkennen kann. "Von Texas aus betrachtet, herrscht bei uns der Bolschewismus, und das in allen Parteien." Und deswegen werde er auch mit Kulturstaatsminister Michael Naumann auskommen, Musils Satz von der "natürlichen Abneigung jedes Menschen gegen jeden Menschen" lasse auch Ausnahmen zu.
"Naumann ist ein Transatlantiker wie ich, er liebt Amerika, und er liebt Berlin, auch das haben wir gemeinsam, und er ist ein antitotalitärer Denker, kein verblasener, dogmatischer Linker." Es werde sicher Konflikte zwischen Berlin und dem Bund geben, aber die werde man rational austragen. "Ich habe die begründete Hoffnung, dass wir einen Masterplan für Berlin zu Stande bringen werden." Es dürfe nicht so weit kommen, "dass der Vorhang aufgeht, aber es ist keiner mehr da, der noch singt". Berlin, vor allem die Finanzierung der Berliner Kultur - mit der superteuren Lindenoper, dem Sanierungsfall Museumsinsel, dem musealen "Berliner Ensemble" - "ist eine nationale Angelegenheit", an der sich Bund und Länder gemeinsam abarbeiten müssten. "Sonst brauchen wir keine Hauptstadt, sondern nur noch schnelle ICE-Verbindungen zu den Landesmetropolen."
Doch bevor die Mittel gerecht verteilt werden, müssen sie erst einmal eingesammelt werden. Amerikanische Verhältnisse werde es in Deutschland nicht geben, "weil die Religion und die Steuergesetze" anders sind. "Kein strenger Gott schaut den Reichen über die Schulter und sagt: Ihr kommt in die Hölle, wenn ihr nicht stiftet; hier sagen die Leute, unsere Hölle ist das Finanzamt, wir haben bereits gegeben."
Dennoch schwebt Stölzl "ein absurdes Modell" vor, das "vielleicht gar nicht so absurd ist". Es gebe in der Bundesrepublik "gewaltige Vermögen, die durch lange Friedenszeiten, Konjunktur und Erbschaft" zu Stande gekommen seien; deren Träger müssten gezielt angesprochen werden. Zum Beispiel um sich einen Platz in einer "Königsloge" zu kaufen. "Wenn einer Oper 20 Millionen im Jahr fehlen, dann soll sie doch versuchen, 20 reiche Leute zu finden, die sich einen Namen machen möchten, indem sie Plätze auf Zeit kaufen." Er selbst werde aber "auf Tingeltour gehen und mit jedem sprechen, der vorhat, Geld zu geben". Müssen alle Musiker einen staatlich garantierten Rentenanspruch haben? Klare Antwort: "Beamtete Schlagzeuger haben keinen Drive."
Stölzl selbst kann keine Noten lesen, aber Klavier, Banjo, Bass, Gitarre und Posaune spielen. "Ich bin kein Musiker, ich bin ein Musikant." Als Gymnasiast hat er bei den "Royal Bavarian Jazz Killers" mitgespielt, dann "kam die Elektrifizierung, und es war vorbei mit dem Dixieland".
Aus dieser Zeit stammt auch der "Besondere Beurteilungsbogen", seine schulische Kaderakte, die ihm ein Lehrer viele Jahre nach dem Abitur geschenkt hat. Und da steht auch schon alles drin, was man heute über Stölzl wissen muss. "Rasche Auffassungsgabe ... Gutes Pflichtgefühl, das durch Ehrgeiz mitbestimmt ist", heißt es am Ende des ersten Gymnasialjahrs. "Überdurchschnittlich begabt", ein Jahr später. Mit 13 ist er "nur bei einem Teil seiner Kameraden beliebt", mit 14 macht er einen "zwiespältigen Eindruck", denn "aus Kleidung und Frisur möchte man auf einen schlechten Umwelteinfluss schließen"; als 16-Jähriger ist er "vom Turnen befreit, aber als Trompeter auch körperlich recht leistungsfähig", im folgenden Jahr fallen "die historischen Neigungen und die stilistische Begabung" auf. Ein Jahr vor dem Abitur stellt der "Klaßleiter" fest: "In diesem jungen Mann ist etwas, das späterhin bemerkenswerte Leistungen erwarten lässt."
Die Lehrer haben Recht behalten. Davon ist auch Bettina Stölzl überzeugt: "Ich bin froh, mein Mann hat viel Arbeit und ist gut aufgehoben." Der Senator in spe sitzt derweil am Yamaha-Flügel und spielt den Sinatra-Hit "My Way". Ganz ohne Noten, nur nach Gehör.
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 17/2000
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