24.04.2000

KINOGroße Mächte, viele Tote

In dem Film „Insider“ legen sich zwei Einzelkämpfer mit der mächtigen US-Tabakindustrie an. Das Drama schildert eine wahre Begebenheit, die eine Reihe von Prozessen auslöste.
Jeffrey Wigand ist ein Mann, der dafür bezahlt wird, dass er seinen Ärger herunterdrückt wie ein altes Sandwich: 300 000 Dollar im Jahr, tolle Schulen für die Kinder, beste Krankenversicherung, und wenn er abends seine Limousine in der Doppelgarage neben seinem weiß lackierten Haus abstellt, lächelt seine Frau. Das Leben ist gut zu ihnen. Am Wochenende spielen sie Golf.
Nur glücklich macht das alles Jeffrey Wigand nicht, was vor allem daran liegt, dass er als Chef verantwortlich ist für die Forschungsabteilung eines Tabakkonzerns. Seine Arbeit ist ebenso absurd wie hart: Er dosiert Krebs erregende Chemikalien, um die Nikotinabhängigkeit der lieben Kunden zu erhöhen. Und, was vielleicht noch härter ist: Er muss den Mund halten.
Bald reicht das Golfspielen nicht mehr, er wird mürrisch, und weil so etwas im Zigarettenkonzern nicht vorgesehen ist, wird Wigand ziemlich schnell gezwungen, mit einem Pappkarton in der Hand zu seiner Limousine zu marschieren: Rausschmiss. Das Haus, die Schulen, die Krankenversicherung bleiben - Wigand hat ein Schweigeabkommen unterzeichnet. Damit er es nicht vergisst, drohen ihm seine ehemaligen Bosse. Sie wollen weiterhin Tabak verkaufen, und zwar in Ruhe. Doch selbst wenn Wigand, arbeitslos, mit weißem Hemd und Krawatte in seinem sonnigen Garten steht, dann tickt er weiter wie eine Bombe.
Und als ein Fernsehproduzent namens Lowell Bergman seine Bekanntschaft macht, ahnt der, dass der hoch bezahlte Tabaksklave über Jahre all die Geheimnisse in sich hineingefressen hat, die eine journalistische Sensation auszeichnen: große Mächte, viele Tote, eine Riesenschweinerei.
Der Kampf beginnt, und es wird schnell klar, dass ein wenig Ehre für die richtige Sache und ein paar tausend Dollar Fernsehhonorar ein verdammt niedriger Preis sind für das, was Wigand sein Wortbruch kosten wird: Erst verliert er das Haus, die Schulen, die Krankenversicherungen; dann kommen die Morddrohungen; dann läuft die Frau mit den Kindern weg, und als er schließlich an seinem letzten Zufluchtsort, einem Hotelzimmer, allein mit einem Glas Whiskey darauf wartet, dass auf dem Bildschirm sein Ansehen wiederhergestellt wird, erfährt er, dass er aus der Sendung herausgeschnitten wurde.
Was der Tabakmann nicht wissen und der Fernsehmann nicht ahnen konnten - die Anwälte des Senders haben Angst, dass die Klagen des Tabakkonzerns die Fernsehstation Milliarden kosten könnte. Das nervt. Noch mehr aber nervt die Chefs des Programms, dass der geplante Verkauf ihres Senders wegen dieser Querelen gefährdet ist. Auf einmal ist der heldenhafte Informant nur noch ein mieser Verräter, der sie ihre mit dem Deal verbundenen Millionenprovisionen kosten könnte.
Wenn es hart auf hart und um das neue Ferienhaus in Florida geht, muss man eben Opfer bringen - und wenn es die Wahrheit ist. Die Imperien schlagen zurück.
Dieser kapitalistische Alptraum, der sich anhört, als hätten ihn sich Karl Marx und Ché Guevara betrunken in einer Bar in Havanna ausgedacht, hat tatsächlich stattgefunden. Das Jahr: 1995; der Tabakkonzern: Brown & Williamson; die Sendung: "60 Minutes"; der Sender: CBS. Erst wurde der Informant gelockt, dann zur Aufzeichnung gebeten, dann in Prozesse verwickelt, dann fallen gelassen, und erst als Zeitungen wie die "New York Times" und das "Wall Street Journal" den Fall aufgriffen, wurde der Sender 1996 gezwungen, die Geheimnisse der Tabakindustrie in ihrem ganzen Ausmaß preiszugeben.
Wigand wurde so zum Kronzeugen im Kampf gegen die geheimen Machenschaften der Tabakkonzerne, die jahrzehntelang mit Lügen, Drohungen und Bestechungen die Öffentlichkeit derart hintergangen haben, dass die US-Justizministerin Janet Reno im vergangenen September von einer "willentlich angezettelten, koordinierten Kampagne zum Betrug und zur Täuschung" sprach. Seit Wigand half, die Macht der US-Tabakkonzerne zu erschüttern, haben die amerikanischen Bundesstaaten die Summe von insgesamt 246 Milliarden Dollar an Wiedergutmachung erstritten, und das ist erst der Anfang: Mit Zivilprozessen und einer zusammengestutzten Werbung steht eine ehemals ebenso arrogante wie potente Branche an einer Art von neuartigem Pranger. Viele ehemalige Kunden hoffen, sich jetzt an deren Konten ebenso frei bedienen zu können wie früher an einem Zigarettenautomaten.
Allein - nichts liegt "Insider"-Regisseur Michael Mann ferner, als einen Kreuzzug aufgebrachter Bürger zu inszenieren. Natürlich, die Enthüllungen um die verlogene Tabakindustrie sind der Anlass, doch das Interesse Manns gilt dem Konflikt zwischen den Konzernen und der Wahrheit sowie dem Drama dieser beiden Männer, die zu Helden werden, ohne es eigentlich zu wollen.
Da ist einmal Wigand (Russell Crowe) - ein von Ängsten geplagter Jedermann des amerikanischen Mittelstands, dessen gesamte Existenz wirkt, als habe sie ein erfolgsorientierter, aber stumpfsinniger Karriereberater am Reißbrett entworfen. Sein Leben wird ferngesteuert von seinem Konzern, seine Freiheit besteht darin zu entscheiden, ob er mit einem blauen oder einem weißen Polohemd zum Golfspielen geht. Als er droht, gegen diese 300 000-Dollar-im-Jahr-Regeln zu verstoßen, soll er samt Familie vernichtet werden.
Und da ist Lowell Bergman (Al Pacino); der Mann, der im Namen von CBS für Recht und Wahrheit streitet. Als er jung war, hat er bei Herbert Marcuse studiert und für eine linke Zeitung gearbeitet - nur irgendwann lockte der Konzern mit den großen Schecks und der Gewissheit, dass dies, was Bergman da jede Woche in seiner Sendung hervorzerrte, am Tag darauf in Amerika Thema sein würde. Und er hat Glück gehabt: Über die Jahre sorgte er mit seinen Wahrheiten für Quote und Kassen. Er ist so stolz darauf, wie er seinen Job macht, dass er ausrastet, als ihm Wigand bei einem Abendessen die Einsicht nahe legt, seine Geschichten seien nicht mehr als ein Stück Ware für den Nachrichtenkonzern.
"Hör mal zu", ruft der Journalist, "während du an den Wochenenden auf den Turnieren deiner Firma deinen Golfschläger herumgetragen hast, war ich da draußen in der Welt unterwegs, habe Leuten mein Wort gegeben und bin für mein Wort geradegestanden mit dem, was ich für diese Leute tat." Das klingt natürlich toll, und allmählich glaubt Wigand, dass sein Leben vielleicht doch zu mehr gut sein könnte, als jeden Dreck herunterzuschlucken, den man ihm vorsetzt - aber das kostet ihn seine bürgerliche Existenz und dazu fast das Leben.
Natürlich hat man immer gewusst, dass die Tabakindustrie mit allen möglichen Mitteln arbeitet - nur dass die Informationsindustrie im Zweifelsfall auch den Gesetzen des Kapitalismus gehorcht, ist verstörend. Die Suche nach der Wahrheit macht aus beiden Männern, die anfangs die absoluten Insider ihrer Firmen sind, verfolgte Außenseiter. Als Bergman dagegen protestiert, dass sein Beitrag nicht gesendet wird, muss er sich anhören: "Du bist ein Fanatiker, ein Anarchist."
Solche Erfahrungen verwandeln die funkelnde amerikanische Welt der Ordnung in eine Landschaft düsterer Paranoia, und folgerichtig hat Regisseur Michael Mann diesen Angriff zweier Männer auf zwei Konzerne nicht wie einen gut gelaunten Siegeszug inszeniert. Im Gegenteil: Er zeigt einen Prozess voller Selbstzweifel, Ungewissheit, Furcht und endloser Agonie - ein Schwitzen im beständigen Wissen, dass alles und jedes ein Hinterhalt sein kann.
Es ist ein weiter Weg, den die Männer zurücklegen müssen - mindestens so weit wie der von Regisseur Mann. Früher einmal hat er halb Miami Beach pastellfarben anstreichen lassen und in seiner Fernsehserie "Miami Vice" mit jeder Folge den Glauben neu formuliert, dass in den Vereinigten Staaten außer dem kolumbianischen Drogenkartell und jeder Menge silikongefüllter Brüste das Leben keine Sorgen biete, die zwei verschworene Kumpane nicht im Sturmlauf wegräumen könnten.
Von diesem Traum ist nicht viel übrig geblieben. "Insider" ist eher Kafka als Indiana Jones und, wenn zwei doch den Kampf aufnehmen gegen den Rest der Welt, dann tun sie es einsam, verbunden nur noch durch Mobiltelefone, von denen sie am Leben erhalten werden wie durch Sauerstoffleitungen.
Wie gesagt - miese Zeiten. Und da wiegt es besonders schwer, dass nicht einmal mehr die Zigarette, der andere gute Freund einsamer Männer von Casablanca bis zum Rio Bravo, über die finsteren Stunden helfen darf, in denen es so aussieht, als würden die Drecksäcke endgültig siegen. Keine Zigaretten. Wieder so eine Anweisung. Nur diesmal nicht von oben. "Es ist mir egal, was ihr mit meiner Figur macht", hatte der echte Jeffrey Wigand dem Filmteam gesagt, "lasst nur meine Töchter in Ruhe, und tut mir einen Gefallen: Sorgt dafür, dass keiner von den Jungs im Film raucht." THOMAS HÜETLIN
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 17/2000
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