24.04.2000

INNENARCHITEKTURWohnen mit Wehmut

Forscher schreiben die Geschichte des Wohnens neu. Ihre These: Der Wandel wird überschätzt. Selbst in den wilden sechziger Jahren liebten es die Leute nostalgisch.
Als Tania Blixen, Schriftstellerin und Hauptfigur im legendären Kinofilm "Jenseits von Afrika", 1913 aus Dänemark fortzieht, auf ihre Farm im kenianischen Hochland, da hat sie alles dabei: ihr blauweißes Teegeschirr und die silberne Kanne, ihren ovalen Standspiegel und auch ihre Kuckucksuhr. Die Fremde soll ihr zur neuen Heimat werden, und deswegen nimmt sie die transportablen Teile der alten Heimat einfach mit.
Das Verhältnis Mensch und Möbel ist durch Anhänglichkeit geprägt. Große private, aber auch gesellschaftliche Ereignisse, sie ändern wenig an Behausungsvorlieben - das jedenfalls ist die irritierende These einer unendlich beweislastigen Studie zur "Geschichte des Wohnens"*.
Der jüngste und letzte Band des Forschungsberichts wurde herausgegeben von Ingeborg Flagge, Professorin in Leipzig und designierte Leiterin des Deutschen Architektur-Museums in Frankfurt am Main. Er widerlegt alle Zeitgeistanalysen, die in der Wohnhistorie einen immer rasanteren Wandel der Moden sehen. Jüngst blickten etwa die Redakteure der Zeitschrift "Schöner Wohnen" auf die vergangenen 40 Jahre und schilderten einen hastigen Wechsel: von der wirtschaftswunderbaren "Kunststoffeuphorie" der "wilden" Sechziger über die Naturästhetik in den WGs der Siebziger bis zum "coolen" Stahl-Stil der Achtziger. An anderer Stelle imaginierten sie das "beschleunigte Wohnen" im "Nomadenhaus" der Zukunft.
Alles nur Oberfläche, so behaupten die Forscher um Flagge. "Wir dürfen uns von ästhetischer Diversifikation nicht täuschen lassen", rät
der Wohnsoziologe Michael Andritzky, "auf die Breite gesehen ist alles beim Alten geblieben." Wie vor 20 Jahren dominieren die funktionale Einbauküche - eine Erfindung der Zwanziger - und die neo-barocke Polstergruppe.
Andritzkys verblüffende Analyse: Es sind gerade die Wechselfälle, die vielfältigen Reize der modernen Welt, die die "Immobilität des Möbels" bewirken. "Ein Mensch, der ständig woanders lebt, kann sich nicht verorten. Gerade in einer hoch mobilen Gesellschaft ist das aber ein wichtiger Aspekt. Deshalb ändert sich das Wohnen nur langsam. Wo man sich im Dunkeln zurechtfinden möchte, müssen die Dinge ihren Platz haben."
Dem Wunsch nach Identifikation mit dem Nest entspricht die erstaunliche Beliebtheit des Heimwerkens: In einer Zeit, in der es wahrlich keinen Mangel an erschwinglicher Fertigware gibt, zahlen die Deutschen jährlich 60 Milliarden Mark für Selbstzubastelndes.
Die Anhänglichkeit ans traute Heim und - dazu passend - ans ererbte, möglichst richtig alte Möbel zieht sich durch die Jahrzehnte. So waren Nierentische und Tütenlampen keineswegs die beliebtesten Einrichtungsgegenstände der fünfziger Jahre. Das beweist eine der ersten Umfragen von Allensbach aus dem Jahre 1954. 60 Prozent der Befragten ersehnten das Vorkriegswohnzimmer, mit wuchtigen Polstermöbeln, schwerem Buffet und großem Esstisch. Nur klägliche 7 Prozent wünschten Nierentische und Schalensessel.
Auch die kollektive Erinnerung an eine unfassbar progressive 68er-Zeit scheint zu trügen. Dafür liefern die Möbel erstaunliche Indizien: Die Forscher entdecken lauter regressive Vorlieben, die so genannten Sitzlandschaften etwa, bei denen ganze Raumteile kinderzimmermäßig kuschelig ausgepolstert waren. Und der Ruf der ersten WG-Bewohner als wüste Gesellen ist auch gemogelt: Ein Großteil von ihnen siedelte gern in behaglicher Atmosphäre, bevorzugte bürgerliche Altbauwohnungen. Das Hochbett wurde studentisch-feudal zwischen Parkettboden und Stuckdecke gezimmert.
In die WGs kehrte zudem der Trödel zurück. Vor allem aus finanziellen Gründen nahmen sich die Studenten des Edelplunders an, den der Krieg übrig gelassen hatte. Ein Aufbruch in neue Zeiten im Retro-Ambiente. Revolte, wo ist dein Schrecken?
Die revoltefernen Gruppen sorgten ohnehin für eine "Hoch-Zeit von Neobiedermeier und Stilmöbeln aller Art", darauf weisen die Forscher geradezu genüsslich hin. Die wilden Sechziger hatten also - längst verdrängte - wehmütig-nostalgische Seiten.
"Aus dem eher verhaltenen Wandel im Wohngeschmack lässt sich für die Architektur manches lernen", sagt Herausgeberin Flagge, 57. "Architekten sollten sich mehr auf Innenräume konzentrieren als auf Fassaden und dabei die Leute nicht mit Extravaganzen verunsichern." Die offene Küche etwa oder total verglaste Räume, all diese extremen Lösungen hätten sich nicht bewährt. Die Leute wollten - wie eh und je - vier feste Wände um sich herum.
Beim aktuellen Einrichtungsgeschmack geht die Retro-Theorie der Forscher ganz offensichtlich auf. In Wohnzeitschriften sind zur Zeit lauter Festtagstische abgebildet: lange Tafeln unter Kronleuchtern, bestückt mit edlem Porzellan.
Soviel man weiß, sah es ganz ähnlich aus, als Tania Blixen vor Jahrzehnten auf ihrer Farm zum Festessen lud. Die Geschichte zeigt sich als Pendelschlag zwischen Progression in der Welt und Regression im Heim. Krawalle und Kriege, sie konnten dem alten Möbel am wenigsten anhaben. SUSANNE BEYER
* Ingeborg Flagge: "Geschichte des Wohnens. Von 1945 bis heute. Aufbau - Neubau - Umbau". Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 1072 Seiten; 128 Mark.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 17/2000
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