24.04.2000

KRIMISHarte Schocker aus zarter Feder

Die Zeiten englischer Kriminalidyllen à la Agatha Christie sind dahin. Crime-Autorinnen haben sich emanzipiert. Wie ihre männlichen Kollegen schwelgen sie in Gewalt- und Horrorphantasien. Paradebeispiel der Saison: die Britin Mo Hayder und ihr Leichenschänder-Roman „Der Vogelmann“.
Ein friedlicher Herbstmorgen auf dem englischen Lande. Oberst Bantry schnarcht neben seiner Frau Dolly einem kräftigen Frühstück mit Tee, Eiern und Speck entgegen. Mit der Bettruhe ist es allerdings sofort vorbei, als Mary, das Hausmädchen, ins Schlafzimmer stürmt und verkündet: "Es liegt eine Leiche in der Bibliothek!"
Ein Fall, of course, für die ortsansässige Miss Marple. Die alte Jungfer mit dem unbestechlichen Verstand eines Oxforder Logik-Professors und dem mitleidlosen Blick für die Abgründe der menschlichen Natur wird auch diesen Mord lösen - gewaltfrei, zielstrebig und nach den ehernen Regeln des englischen Kriminalromans.
Denn schließlich ist die nur äußerlich milde Miss das berühmteste Geschöpf von Agatha Christie (1890 bis 1976), der Urmutter aller angloamerikanischen Krimi-Autorinnen. Deren Roman "Die Tote in der Bibliothek" von 1942 ist ein Markstein des gemütlichen Genres. Die harmlosen Denkspiele der Queen Mum of Crime sind so weit von der Wirklichkeit entfernt wie die Pünktlichkeitsversprechen der Deutschen Bahn AG. Denn Blut fließt bei der Rosamunde Pilcher des Bösen nur im äußersten Notfall: Crime ohne Sex - so aufwühlend wie ein Besuch bei der Fußpflegerin.
Gut 50 Jahre später hat sich die literarische Mordszenerie gehörig verändert. Christies Enkelinnen haben die rohe Gewalt entdeckt. Angelsächsische Autorinnen werfen sich auf herumspritzende Gehirnmasse, Amputationen am lebenden Objekt, sie suhlen sich in jeder denkbaren Perversion. Und selbst deutsche Krimi-Frauen wetzen nun die Messer bis zum Exzess.
Schaurig-schöner Höhepunkt der neuen Bedenkenlosigkeit ist Mo Hayders Schocker "Der Vogelmann"*. Die blonde, zierliche Britin, die sich für ihr Mords-Debüt ein Pseudonym zugelegt hat, stürmt die Bestsellerlisten mit einer hoch professionell konstruierten, in Gewalt schwelgenden Story über eine Serie von Prostituiertenmorden im Londoner Vorort Greenwich.
Fünf Frauen in fünf verschiedenen Stadien der Verwesung werden auf einer Industriebrache in Abfalltonnen gefunden. An allen hat sich der abartige Mörder mit dem Sezierbesteck bestialisch zu schaffen gemacht. Einigen seiner Opfer, mit üppiger Oberweite, hat er die Brust verkleinert, anderen "nur" einen semiprofessionellen "Thorako-Abdominalschnitt" beigebracht, er hat sie - von Brust bis Bauch - aufgeschlitzt und wie ein Operateur wieder zusammengenäht. Und alle fünf Frauen hatten da, wo ihr ängstliches Herz pochte, einen kleinen, zu Zeiten der Implantation noch flatternden Vogel im Brustkorb. Und nach dem Massaker verging der Täter sich mehrfach an seinen toten Opfern.
Die Debütantin Mo Hayder, 38, Tochter eines Astronomieprofessors und einer Schulleiterin, hat ein bewegtes, Klappentext-kompatibles Leben hinter sich. Mit 15 türmte sie aus der Welt der Bildung und der Wohlgeordnetheit, arbeitete in Kneipen, später heiratete sie, reiste nach Japan und studierte in den USA.
Sie kehrte geschieden nach Großbritannien zurück, schaffte sich eine Katze namens Rilke Darling an und schrieb zwei Jahre lang an ihrem "Vogelmann". Als ihr Agent das Manuskript per Auktion anbot, bekam Bantam Press den Zuschlag bei umgerechnet 600 000 Mark.
Und weil die Autorin so zerbrechlich wirkt und ihr Buch so böse ist, hat auch die Presse den Umsatz ordentlich angekurbelt, mit Lobeshymnen oder rührend wohlmeinenden Warnungen. "Vor allem diejenigen, die sich auf den Frühling freuen", mahnt etwa "Die Welt", "sollten einen Bogen" um das Buch machen. Und auch der Rezensent des britischen "Observer" beobachtete bei der Lektüre an sich einen "unangenehmen Geschmack im Mund". Aber
immerhin: "Ich las es zu Ende, obwohl ich wünschte, ich hätte nie damit angefangen."
Dabei steht doch Mo Hayders "Vogelmann" in bewährt brutaler Thriller-Tradition. Schon Anfang der neunziger Jahre beglückte die ehemalige Gerichtsreporterin Patricia Cornwell eine einschlägig stimulierte Leserschaft mit ihren inzwischen zehn Romanen um die amerikanische Polizei-Pathologin Kay Scarpetta.
Die klinische Nüchternheit, mit der Cornwell, 43, die süßlich-modrigen Gerüche der Verwesung schildert inklusive aller unerfreulichen Umstände, die zu diesem beklagenswerten Zustand der Leichen geführt hatten, ließ selbst die sonst nicht sehr zimperliche "New York Times" schaudern.
Cornwells vorerst letztes Buch, "Black Notice", beschreibe, so die Zeitung, derart magenstrapazierend eine Autopsie, dass sich die Autorin damit eine Auszeichnung für das gelungenste "Lose your Lunch"-Buch ("Werd dein Mittagessen wieder los") verdient habe. Sie selbst kassierte 24 Millionen Dollar für drei Titel, ein Honorar, das Cornwell in die Oberliga der Bestseller-Kollegen Stephen King, John Grisham oder Michael Crichton katapultiert.
Mo Hayder hat Cornwells Lektionen gelernt, und sie hat auch wohl bei Thomas Harris ("Das Schweigen der Lämmer") und seinem kannibalischen Monstrum Hannibal Lecter interessiert nachgeschlagen.
Frauen, das sieht auch Andrea Best, Hayders deutsche Lektorin vom Goldmann Verlag, haben im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen inzwischen "noch einen draufgesetzt". Vorbei die Zeiten, in denen Frauen brave Blümchen-Krimis häkelten, in denen Atmosphäre und einfühlsame Psychologie Gewalt und Chaos ersetzten. Auch Autorinnen, so Best, unterliegen heute dem Zwang, einen "immer neuen Kitzel" zu produzieren.
Die Damen hätten sich wohl überlegt, dass es nicht so effektiv sei, "statt einer Leiche zehn" zu erfinden, sondern viel dankbarer, "statt einer Leiche lieber eine besonders übel zugerichtete". Manche Autorinnen gehen lieber ganz auf Nummer sicher und bieten ihren Lesern gleich zehn schrecklich zugerichtete Kadaver.
Auch deutsche Autorinnen folgen nun dem Zug der Zeit zu mehr Blut und Gewalt. Führend auf dem Sektions-Sektor ist die Berlinerin Thea Dorn, 29, die von sich - nicht zu Unrecht - behauptet: "Ich bin Deutschlands brutalste Autorin."
Ihr Debüt vor sechs Jahren war ein fieser, allerdings satirisch unterfütterter Mord in Akademiker-Kreisen. Er hieß "Berliner Aufklärung". Dorn, die unter ihrem bürgerlichen Namen Christiane Scherer bis vor kurzem an der Berliner FU Philosophie lehrte, erzählt darin, wie ein Mörder die säuberlich zerlegten Überreste eines verhassten Professors auf die 54 Postfächer des Philosophischen Instituts verteilt.
In ihrem aktuellen, dem dritten, Roman "Die Hirnkönigin" gibt sich die Autorin weitaus mordlustiger*. Sie präsentiert den
äußerst seltenen Fall eines weiblichen
Serienkillers. Diese mörderische Dame, sprachlich und mit ihrem enzyklopädischen Wissen im klassischen Altertum zu Hause, rezitiert nicht nur die Verse Homers fehlerfrei im Original, sie hat sich auch auf vollbärtige, ältere Herren mit schütterem Haar spezialisiert.
Über diese Gentlemen fällt sie her, trennt ihnen mit spitzem Messer das Haupt vom Rumpf und verschönert sich anschließend das Schlafzimmer mit penibel aufgereihten Einmachgläsern, in denen die Gehirne der Opfer ruhen.
Dorn, die auch fürs Theater schreibt ("Marleni"), lässt bisweilen sanfte Ironie zwischen ihren Gewaltorgien walten. Zwar sind ihre Krimis nicht so ausgeklügelt und auf Tempo geschrieben wie Hayders "Vogelmann", dafür bieten sie bizarre, verschrobene Plots mit humoristischem Distanzierungspotenzial.
Ihre "Hirnkönigin" bringt den Leser - manchmal - zum Lachen. Da findet etwa die verhärmte Gattin eines Chefredakteurs die kopflose Leiche ihres nunmehrigen Ex im Wohnzimmer, verdächtigt die Punker-Tochter der Tat und beginnt mit einer wahren Putzorgie. Mit Ata gegen die Angst.
Putzig ist auch eine Szene im Berliner Pergamonmuseum. Zwischen den bildhauerischen Meisterleistungen der Antike ereignet sich einer der aberwitzigsten Ritualmorde des Buches.
Zuvor darf noch ein Wachmann seine nächtlichen Gelüste mit einer Athene-Statue befriedigen. Die wohlproportionierten Formen der Marmor-Antiquität machen den Einsamen so an, dass er erst den Sockel und dann die steinerne Göttin besteigt. Leider bleibt er mit seinem Begattungsorgan im Faltenwurf stecken. Und bevor der Schmerz die Lust verdrängt, löscht die Täterin, auf dem Weg zum eigentlichen Opfermord, gnädig und wie nebenbei auch dieses Lebenslicht.
Eine Frau als Serienkillerin - das war für Thea Dorn auch ein Versuch, "etwas zu schaffen, das es in der Literatur und in der Wirklichkeit nur sehr vereinzelt gibt". Und es war der Versuch, andere Szenarien zu entwickeln als ihre ideologisch gefestigten deutschen Kolleginnen.
Die Frau als ewiges Opferlamm einer männerdominierten Welt - das war Dorn zu wenig: "Ich wollte nicht schon wieder zeigen, dass weibliche Gewalt nur ein Reflex auf männliche Gewalt ist."
Solch unbekümmerter Umgang mit emanzipatorischen Dogmen hat der Autorin ein großes männliches Leserpublikum und Verkaufszahlen eingebracht, mit denen sie "sehr, sehr zufrieden" ist. Ein weiterer Schocker ist momentan jedoch nicht in Arbeit.
Mo Hayder hingegen hat sich wieder ans tödliche Werk gemacht. Sie schreibt an einem Buch "mit einer zwar geringeren Quote von Morden", aber eigentlich werde die Sache "noch brutaler" als der "Vogelmann". Denn diesmal geht es um "psychische Gewalt und Folter".
Und wieder wird sie an ihrem Laptop sitzen und "ziemlich leiden". Aber warum soll es der Autorin anders ergehen als ihren Lesern? JOACHIM KRONSBEIN
* Mo Hayder: "Der Vogelmann". Aus dem Englischen von Angelika Felenda. Goldmann Verlag, München; 416 Seiten; 42,90 Mark. * Thea Dorn: "Die Hirnkönigin". Rotbuch Verlag, Hamburg; 300 Seiten; 36 Mark.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 17/2000
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