24.04.2000

NS-KUNSTMief aus dem Giftschrank

Eine Braunschweiger Ausstellung beleuchtet die heimische Kunstproduktion im Dritten Reich - und geht verblüffend nachsichtig mit den Nazi-Schinken um.
Sein Studium an der Kunsthochschule wollte der Nachwuchsmaler Paul Hähndel 1940 mit einem bombastischen Polit-Projekt abschließen: Er würde, so nahm es sich der Meisterschüler und Unteroffizier vor, ein großformatiges Soldatenszenario komponieren - Grund genug für die Wehrmacht, das straff überzeugte NSDAP-Mitglied von seiner Besatzertätigkeit in Polen zu beurlauben.
"Fertigmachen", wie den Befehl zum Aufbruch, nannte der 26 Jahre alte Hähndel das trübfarbige Ergebnis seiner staatstragenden Phantasien. Es zeigt fünf junge Wehrmachtssoldaten, darunter den Maler selbst, die auf einer bräunlich verbrannten Wiese und vor schwefelgelbem Himmel ihre Waffen und Rucksäcke anlegen.
Hähndels kriegstreiberische Strategie: Statt anonymer Massen präsentierte er, und zwar dem Nazi-Dogma gemäß altbacken realistisch ausgeführt, eine ansehnliche Boy-Group und lieferte so Idolmaterial für die Fangemeinde daheim.
Dass einer der akkurat gekämmten Bilderbuch-Soldaten einem Kollegen hilfsbereit den Rucksack anschnallt, ist eine kleine, menschelnde Geste - und ein cleverer Einfall: Die Mannen sollten nicht als barbarische Todesmaschinen auftreten, sondern als besonnenes, pflichtergebenes Kämpferteam. "Es ist", schwärmte damals ein Kunstprofessor, "die Kameradschaft des Krieges, die hier dargestellt ist."
Ein solch ambitionierter Aufputsch-Versuch wurde belohnt: Das "Haus der Deutschen Kunst" in München stellte das Propagandastück 1941 aus. Um diese Auszeichnung zu toppen, kaufte der Reichsschatzmeister das Wehrmachtswerk. Hähndel hatte nicht viel von den Huldigungen, er starb im August 1941 an der russischen Front - was seinen Ruhm noch mehrte. "Fertigmachen" ging auf Museumstournee und wurde als Kunstdruckkarte unterm Reichsvolk verbreitet.
Jetzt ist das NS-konforme Bild, neben etwa 500 anderen kunsttümelnden Objekten aus der Hitler-Zeit, wieder zu besichtigen: Zwei Braunschweiger Museen zeigen in einer provokanten Schau "Deutsche Kunst 1933 bis 1945 in Braunschweig"*.
Auf insgesamt 1800 Quadratmetern, nicht gerade kleinlich, stellen sie niedersächsische Künstler aus der NS-Zeit vor, deren Ideologie im Reichs-Sinn war: darunter den Maler Adolf Wissel mit dem Bescheidenheitsidyll "Bauerngruppe" von 1935 oder Paul Egon Schiffers mit seiner Bronzestudie für einen idealmuskulösen "Schleuderer", den er 1939 im Auftrag der Wehrmacht entwarf.
Schon vor der Machtergreifung war die niedersächsische Provinzstadt eine devote
NS-Hochburg, sie hatte Hitler 1932 zum Regierungsrat ernannt und damit seine Einbürgerung erleichtert - wofür sich der Führer später bedankte, indem er den mittelalterlichen Dom zur neugermanischen Weihestätte verschandeln ließ.
Sich dieser unrühmlichen Vergangenheit zu stellen scheint mutig. Es ist aber nicht der erste Versuch der Braunschweiger: Die aktuelle Schau soll vielmehr, was ihre Macher nicht verschweigen, einen Ausrutscher wieder gutmachen - bei dem Hähndels Soldatenstück die zentrale Rolle spielte.
Der Eklat: 1994 ließ sich das Städtische Museum unbekümmert von der damals 87 Jahre alten Witwe Hähndels dessen Nachlass und dazu 130 000 Mark spendieren. Als Gegenleistung wurde eine "Kunststiftung Paul Hähndel" gegründet und zwei Jahre später, im Juni 1996, eine Hähndel-Ausstellung eröffnet - auf erhellende Kommentare oder einen Katalog, der sich kritisch mit Karriere und Kunst des NS-Malers befasst hätte, wurde großzügig verzichtet.
Solche Kooperation war der Witwe nur genehm, bei der Vernissage stellte sie denn auch zufrieden Blumen unters "Fertigmachen"-Werk: ein Ritual aus nationalsozialistischen Tagen. Der nächste Fauxpas folgte, als eine Gedenkfeier für die Opfer einer SA-Terroraktion anberaumt wurde - vor dem Werk des SA-Mitglieds Hähndel.
Erst die Proteste von Braunschweiger Bürgern machten auch den Oberstadtdirektor Jürgen Bräcklein skeptisch: 15 Tage nach dem Start hat er die Ausstellung gestoppt, das Geld zurücküberweisen lassen und eine solide Nachfolgeschau gelobt.
Für die jetzige Verzeiht-uns-Ausstellung, immerhin 500 000 Mark teuer, engagierte Bräcklein vorsorglich, und angeblich zum Missmut der Museumsleitung, auch externe Wissenschaftler.
Ein Mangel an begleitender Information, 1996 beklagt, kann ihnen zumindest niemand vorwerfen: Sie erinnern in der Schau an die polizeiliche Schließung einer Avantgardeausstellung 1933, an Furcht erregende SA-Aufmärsche und gemahnen an polnische Kinder, die als Zwangsarbeiter nach Niedersachsen verschleppt worden waren.
Außerdem entlarven sie Wendehälse wie den Maler Kurt Mohr, der 1928 das ansatzweise moderne Porträt "Frl. Yellow" auf die Leinwand gebracht hatte und dann zur Heimatverehrung konvertiert war: 1937 malte er zwei blond-blauäugige "Niedersächsische Mädchen", die eine in Tracht, die andere mit BDM-Halstuch - ein Accessoire, das nach 1945 übermalt wurde.
Auch ein wissenschaftlich ergiebiger Katalog wurde veröffentlicht und dazu eine Internet-Seite eingerichtet - auf der sich zum Ausstellungsbeginn jeder die Reproduktion eines Holzschnitts von Fritz Röhrs herunterladen konnte; das Bild zeigt Hitlers schnurrbärtiges Konterfei.
Überhaupt gehen die Braunschweiger, trotz des Hähndel-Fehltritts, auffällig forsch mit der Reiz-Thematik um: Zwar betten sie das Abdriften der Kunst via Katalog akribisch in den historischen Kontext ein, sie betonen, dass sie die NS-Kunst auf keinen Fall rehabilitieren oder gar den damaligen Polit-Horror banalisieren wollen. Aber sie peilen etwas an, was gerade die Museumsszene nicht viel weniger irritieren dürfte.
Die Schau, sagt der Kunsthistoriker Heino Möller von der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste, der die Ausstellung mit konzipierte, verstehe sich nicht nur als Plädoyer für eine "differenzierte Aufarbeitung der NS-Kunst". Die Kunstproduktion aus Nazi-Zeiten, verlangen Möller und seine Kollegen zudem, solle "wie jede andere Kunst auch" in Museen zugänglich gemacht werden.
Eine Forderung, die bei weiten Teilen der Kunsthistorikergemeinde auf Unmut stoßen wird. Bisher galt: Am besten bleibt
das schwierige und meist miefige Erbe im Giftschrank.
Wenn überhaupt, wird es in Häusern wie dem Deutschen Historischen Museum in Berlin gezeigt oder in Ausstellungen, die das Vermächtnis als geschichtliches Dokument einer unsäglichen Zeit verstanden wissen wollen und es mit einem didaktischen Igittigitt-Kommentar versehen.
Die Kritik der Braunschweiger: Die Kunstgeschichte, so mahnen sie, dürfe ihr dunkles Kapitel nicht weitgehend den fachfremden Historikerkollegen überlassen. So weit, so nachvollziehbar.
Und die völkisch kompatiblen Kunst-Produkte weiterhin einzumotten, könnte tatsächlich eine fehlgeleitete Faszination an der mysteriösen Ware nähren. Sie stattdessen - wie jetzt in Braunschweig versucht - zu enttabuisieren ist also ein überfälliger Schritt.
Allerdings: Dass die NS-nahen Objekte in Kunstmuseen präsentiert werden, und zwar ohne "Häme" oder "politisch-didaktischen Zeigefinger", ist eher unwahrscheinlich. Wer hängt sich, abgesehen von moralischen Bedenken, freiwillig Hedwig Hornburgs graue Aquarellhymne "Reichsautobahn im Bau" ins Haus?
Aber auch bei der Bewertung der Kunstware aus NS-Zeiten predigen die Braunschweiger Differenzierung und preschen munter vor in Richtung Konfrontation. Kunst im Nationalsozialismus, so wird via Faltblatt und Katalog beschworen, sei eben "nicht Kitsch, Unkunst oder Diktat aus dem peinlichen Geschmack Adolf Hitlers".
Der Bilderproduktion aus dem Dritten Reich müsse, so Möller, ein Kunstwert zugestanden werden. Viele der jetzt vertretenen Künstler, lobt er, seien "hervorragend" ausgebildet gewesen. Einige, gerade Hähndel, hätten "sehr hohe Qualität" abgeliefert. Eine These, die gerade die Braunschweiger Bildauswahl nicht untermauert.
Hitlers Kunstsippe gilt in der Regel als plump, reichsergeben und peinlich unmodern, was die Ausstellung, wenn auch ungewollterweise, nur bestätigt. Sogar die spießige Biedermeiermalerei des 19. Jahrhunderts wirkt hip im Vergleich zu Käthe Bewigs vaterlosem "Familienbild" in zuversichtlich heller Sommerwiese von 1942, Heinrich Königsdorfs "Stillleben bunte Beute" oder Walther Hoecks erdverbundenem Ehrenmal für die Gefallenen einer Zuckerraffinerie.
Und: Selbst vermeintlich unpolitische Landschafts-Langeweiler wie Gerhard Schraders "Blick auf Seesen" von 1938 haben eben doch genau das Heimatidyll illustriert, das vor allem dem Führer gefiel.
Aber auch den nach 1933 vorherrschenden, einfallslosen Anachronismus in der Kunst interpretieren die Braunschweiger Ausstellungsmanager allzu nachsichtig. Die Künstler, so referierten sie vor der Eröffnung ihrer Schau, seien "bereit gewesen, sich den kulturpolitischen Vorstellungen des Systems anzupassen". Sie hätten "Traditionen erneuert", "Kontinuität wiederhergestellt" - eine reichlich verharmlosende Sicht.
Konservative Kunst, so die Verkürzung, hätte es auch vor 1933 gegeben, nur habe sich niemand getraut, sie gutzuheißen. Wegen ihres ästhetischen Werts habe sie ja gerade das Bildungsbürgertum verführen können. Das aber gelang auch seichten Ufa-Filmen, weshalb sie nicht gleich hohe Kunst waren.
Das schwächste Argument für die vermeintliche "Könnerschaft": Viele Künstler hätten auch nach 1945 reüssiert. Nur ist dieses Durchhaltevermögen, auch in der Politiker-Szene üblich, weniger ein Hinweis auf Qualität als auf den hinterwäldlerischen Geschmack des durchschnittlichen Nachkriegspublikums.
Die Braunschweiger Ausstellung ist, das geben auch ihre Macher zu, ein Wagnis. Aber sie sei, darauf bestehen sie ebenso, ein Novum: gedacht weder als Geschichts- noch als herablassende Veranstaltung, sondern als reine Kunstschau.
Und "weil die Kunst auch als Kunst wirken soll", wurden die Begleitkommentare in den Sälen selbst doch wieder vergleichsweise knapp gehalten.
Manchmal sind sie trotzdem missglückt. "Der Holzschnitt", prangt es da unvermittelt auf einer Informationstafel, "wird in der Zeit des Nationalsozialismus zu einem Synonym für Klarheit und Wahrheit, Sauberkeit und Ehrlichkeit." "Er ist", so raunt es altvertraut, "bodenständig" und entspreche damit der "deutschen Seele". ULRIKE KNÖFEL
* Städtisches Museum und Braunschweigisches Landesmuseum. Bis 2. Juli. Katalog im Georg Olms Verlag; 308 Seiten; 39 (im Buchhandel 58) Mark. * Reproduktion des zerstörten Originals.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 17/2000
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