01.05.2000

LUFTFAHRTRiskante Chefsache

Kleinstaaterei in der Mitte der Republik: Hessen will Millionen in einen Provinzflugplatz bei Kassel pumpen. Ein Airport nebenan in NRW soll ebenfalls wachsen.
Auf dem Rollfeld im nordhessischen Calden hat der Staub Zeit, sich zu setzen. Gerade viermal pro Woche fegt eine Chartermaschine über die rissige Piste Richtung Mallorca oder Tunis. Ansonsten ist der Flugplatz vor allem bei Fallschirmspringern beliebt. "Aber mit denen", klagt der Caldener Flughafenchef Joachim Wilken, "ist ja kein Geld zu machen."
Doch bald soll alles anders werden. Hessens Ministerpräsident Roland Koch hat den Ausbau Caldens zur "Chefsache" erklärt - der Provinzflugplatz bei Kassel soll sich in ein regionales Drehkreuz mit internationalen Verbindungen verwandeln, das Geschäftsreisende und Touristen zuhauf anlockt.
Koch will den Nordhessen zu einem modernen Terminal und einer neuen, 2500 Meter langen Piste verhelfen, geschätzte Kosten: 185 Millionen Mark, das Raumordnungsverfahren läuft bereits. Der aufgemotzte Airport, schwärmt der christdemokratische Landesherr, werde zu einem "Anknüpfungspunkt für neue Arbeitsplätze" in der strukturschwachen Region.
Der Plan könnte sich rasch als Flop entpuppen - die Mitte der Republik ist mit Flughäfen allzu gut bestückt. Etwa 60 Kilometer von Calden entfernt, aber hinter der Landesgrenze zu Nordrhein-Westfalen, liegt der florierende Flugplatz Paderborn-Lippstadt, der weiter wachsen soll. Und rund 130 Kilometer östlich starten und landen im thüringischen Erfurt schon jetzt jedes Jahr 400 000 Passagiere. Auch die Regionalflughäfen Dortmund und Münster-Osnabrück konkurrieren um Marktanteile. Und dank ICE-Anbindung sind die größeren Plätze Frankfurt und Hannover von Kassel aus in weniger als eineinhalb Stunden zu erreichen.
Damit die Überflieger von Calden nicht abstürzen, müssten sie ihren etablierten Kollegen zehntausende von Passagieren abjagen. Doch für einen solchen - ökologisch und volkswirtschaftlich ohnehin fragwürdigen - Erfolg spricht kaum etwas. Während Calden drei Jahrzehnte lang vor sich hin schlummerte und jährlich mehrere hunderttausend Mark Verlust machte, hat sich der fast gleich alte Flughafen Paderborn-Lippstadt zum rentablen Drehkreuz gemausert: Zuletzt freute sich Airport-Geschäftsführer Fritz Henze über zweistellige Zuwachsraten und 1,2 Millionen Passagiere pro Jahr. Zwei Millionen sollen es bis zum Jahr 2010 werden.
Der Paderborn-Boss baut möglicher Konkurrenz aus Hessen schon vor: 86 Millionen Mark will er in den kommenden Jahren in ein erweitertes Terminal und eine auf 2400 Meter verlängerte Startbahn investieren. "Wenn die Caldener mit dem Ausbau anfangen", spottet Henze, "dann sind wir längst fertig."
Auch Erfurt hat sich herausgeputzt. Seit Anfang der neunziger Jahre sind in den dortigen Airport 150 Millionen Mark geflossen. Nun ist er mit einem neuen Tower, einer Piste für große Flugzeuge und einem funkelnden Terminal ausgestattet. Bis zum Jahr 2003 sollen weitere 100 Millionen Mark fließen.
Koch lässt sich in seinem Ehrgeiz, der vor allem auf nordhessische Wählerstimmen zielt, davon nicht beirren. Wie gut für den Regierungschef, dass er ein passendes Gutachten der Frankfurter Flughafen AG (FAG) parat hat - da ist Koch Vorsitzender des Aufsichtsrats.
Laut FAG darf Calden nach einem Ausbau auf 800 000 Passagiere im Jahr 2005 hoffen. 1350 neue Arbeitsplätze, sekundierte die Kasseler Industrie- und Handelskammer, könnten so entstehen. So viel Optimismus versetzt Fachleute in Erstaunen - die Anzahl der Fluggäste in Calden müsste nach der FAG-Rechnung von heute jährlich etwa 18 500 unmittelbar nach dem Ausbau auf das 43fache steigen.
Werner Toepel, vereidigter Sachverständiger für Flughafenplanung und Honorarprofessor für Luftverkehrsanlagen an der Bundeswehr-Universität München, hält das hessische Zahlenspiel für "absolut unrealistisch". Maximal eine halbe Million Gäste, sagt Toepel, seien drin, "und auch die erst fünf bis zehn Jahre nach dem Ausbau".
Ihren eigenen Vorhersagen traut die FAG offenbar selbst kaum: Am finanziellen Risiko eines Ausbaus, lässt ein Sprecher der Profis aus Frankfurt wissen, "wollen wir uns nicht beteiligen".
Auch andere mögliche Investoren halten sich zurück: Die private Burg Calenberg GmbH, eine Beteiligungsgesellschaft, die 50 Prozent am Flughafen Calden hält, will ihren Anteil sogar loswerden. Bislang vergebens suchen die übrigen Gesellschafter - der Landkreis, die Stadt Kassel und die Gemeinde Calden - nach neuen Partnern. Treuhänder sollen deshalb vorerst den Calenberg-Anteil verwalten.
Schon im Oktober vergangenen Jahres warnte der Vorsitzende des Bundes der Steuerzahler in Hessen vor dem waghalsigen Flughafenprojekt. Das Land, fand Ulrich Fried, solle nur dann zubuttern, wenn sich private Investoren finden: "Und daran glaube ich eigentlich nicht."
DOMINIK CZIESCHE, DIETMAR PIEPER
Von Dominik Cziesche und Dietmar Pieper

DER SPIEGEL 18/2000
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