15.05.2000

„Einmal Gott sein“

Jahrelang polierte die Hackerszene das eigene Robin-Hood-Image. Seit dem „I love you“-Virus ist klar: Der neuen Generation geht es vor allem um Zerstörung. Die einst verschworene PC-Gemeinde ist zersplittert und eitel, geldgierig und machtversessen.
Das Leben von Andy Zauner, 22, begann mit einem Amiga. Er erinnert sich noch genau. Damals war er zehn, und das Plastik-Ungetüm aus der Computer-Urzeit wurde sein Schlüssel zu einer neuen Welt. Nur welche?
Später bekam er einen 386 SX 16, dann einen 486 DX 50, irgendwann das erste Modem. Da war er 13, und das Modem wurde sein Tor zu allen Datennetzen dieses Planeten. Nur, was sollte er dort?
Mit 16 mietete sich Andy in seinem Heimatnest Ingolstadt ein Kellerloch an, in dem irgendwann 50 PC rumstanden - mit 30 ISDN- und 42 Analog-Leitungen. Telefongebühren fielen nicht an, wenn man sich mit "Blueboxing" auskannte, einem akustischen Trick, die Gebührenimpulse auszuschalten. Obendrein konnte sich der Gymnasiast rühmen, die größte Raubkopier-Mailbox Europas zu betreiben.
Doch eines Tages klingelten ein paar Polizeibeamte bei ihm zu Hause. Da war den Zauners endgültig klar, dass ihr Sohn Karriere machen würde. Aber als was?
Als Vorstandsvorsitzender einer Internet-AG oder als Knast-Stammkunde?
Andys Eltern waren besorgt - durchaus zu Recht, denn ihr Sohn war zum Hacker mutiert. Und Hacker, das wussten sie aus der Zeitung, sind vereinsamte, picklige bis psychopathische Kriminelle, die schon mal aus Versehen einen Atomkrieg auslösen könnten wie in dem Film "War Games". Seither sind sechs Jahre vergangen, und in der Szene hat sich nicht nur der Kinokult verändert.
Heute taugt der Krieg spielende Zauberlehrling dem Nachwuchs weit weniger zum Vorbild als die Hackerprofis in "Sneakers", die für Abschirmdienste, Konzerne und viel Geld gegnerische Rechner knacken. Cyber-Söldner statt Schulbank-Chuzpe.
Wo einst ein paar dutzend elitäre Programmiergenies von ihren virtuellen Beutezügen schwärmten, tummeln sich heute tausende "script kiddies", die sich auf Internet-Seiten wie www.hacktools.de Viren-Partikel zusammensuchen wie mörderische Legosteine: Hauptsache, dass sie in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Schaden anrichten.
"Das geht jetzt erst richtig los", orakelt der gelernte Konditor Reinhold Pretscher, 28, der im bayerischen Fürth vor sechs Jahren das angeblich erste deutsche Internet-Café eröffnete. Noch heute rühmt er sich, dass seine fränkische Hackerszene hinter Berlin und Hamburg die drittrührigste ist. Man sieht sie nur nicht mehr.
Von Pretschers damaligen Stammkunden seien nur zwei übrig: "Der Rest sitzt in Haft, ist ausgewandert oder arbeitet für Unternehmen."
"Ach, früher ...", gerät er ins Schwärmen. Da haben sie die Fenster seiner Gaststätten-Gruft "Falkens Maze" noch mit Silberfolie abgeschottet wie einen Vorstadt-Puff, damit kein Sonnenstrahl die Programmier-Olme vor den Bildschirmen störte. Und wenn ein Hacker mal von außen "ohne tools" Pretschers eigenen Rechner derart raffiniert zum Absturz brachte, dass man den Einbruch erst Wochen später bemerkte, war das zwar ärgerlich, aber auch Respekt gebietend.
Früher, sagt auch Andy, war alles irgendwie besser. Da gehörte der Chaos Computer Club noch nicht zum langweiligen Establishment. Die Szene traf sich regelmäßig, um zum Beispiel nächtens die Kanzleischilder eines Münchner Anwalts abzumontieren, der sich als Raubkopier-Jäger einen Namen gemacht hatte. Und für Freunde zog man lässig die Uni-Prüfungsaufgaben von der Festplatte des Professors. All so was eben und noch eine Menge mehr - weit jenseits der Legalität.
"Ich habe in einer anderen Welt gelebt", sagt Andy. "Das war dieses Allmachts-Feeling, einmal Gott zu sein. Plötzlich kontrollierst du das Unkontrollierbare." Er selbst hatte das auch nicht ganz im Griff, denn dann kam Andys Prozess wegen Telefon-Missbrauchs, Computersabotage, Betrugs und anderer Kleinigkeiten dazwischen, auch wenn das schon eine Weile her ist.
Heute muss Pretscher die letzten Aufrechten zum Basteln in sein kühl-feuchtes Séparée schicken, während oben zwischen Sperrmüll-Mobiliar und Graffiti an ausgeweideten PC der jugendliche Mob tanzt.
Einmal haben Beamte in "Falkens Maze" vom Computer weg einen Typen verhaftet, der als Versicherungsbetrüger im Internet marodierte. Ein andermal flog auf, dass von hier aus eine anonyme Bombendrohung an Arabella Kiesbauer gemailt wurde. Und dann gibt es noch diesen 18-Jährigen: "Der kann schon jetzt mehr Zugriffe auf fremde Rechner vorweisen, als ich im ganzen Leben hatte."
Pretscher sagt es fast ein bisschen stolz, denn das ist wenigstens noch ein Hacker alter Schule, von denen es aber auch immer zwei Varianten gab. Auf der einen Seite standen die Guten, die an ihrem Robin-Hood-Image mit ähnlicher Akribie werkelten wie an ihren Programmen: Verschlurchte Typen, die nächtelang Sicherheitslücken suchten, um sie anschließend den Firmen oder Geheimdiensten zu präsentieren. Auf der anderen Seite standen die Bösen, die solche Lücken missbrauchten, um ganz simpel Kohle zu machen.
Doch selbst die sind noch eine Liga besser als die "Cracker", die, von Geldgier getrieben, die simplen Codes von Porno-Seiten oder Programmen knacken, um die Software dann online zu verhökern.
"Klimpong 2000" nennt sich im Netz ein 18-Jähriger aus Ostdeutschland, der das zwei Jahre lang gemacht hat: "Der Spaß steht im Vordergrund", sagt er zwischen den Postern von Metallica und Michael Jordan in seinem Jugendzimmer, "ein bisschen Rebellentum und so." Als ihm vor zwei Jahren die ersten Klagen drohten, hörte er auf. Das wollte er seiner Mutter nicht antun. "Mit der Entdeckung einer Sicherheitslücke kannst du berühmt werden, aber dann hat man ja gar keine Ruhe mehr."
Er wollte nicht so enden wie sein Cyber-Bekannter "Mixter", hinter dem sich Kemal A. verbarg. Vor einem halben Jahr erfand der Hannoveraner ein Programm namens "Tribe Flood Network", das im Februar zum Totalabsturz virtueller Firmen wie eBay und Yahoo führte.
Bösartige Software, made in Germany, auch wenn Mixter immer beteuerte, mit den Angriffen selbst nichts zu tun zu haben, und dem FBI seine Hilfe anbot. Wegen einer anderen Attacke wurde er dennoch zu einer Jugendstrafe von sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.
Mixters Mutter ist nun schwer genervt, weil seit dem "I love you"-Virus wieder alle Welt irgendwas von ihrem Sohn will. "Kemal ist im Ausland. Seine Mail-Adresse darf ich nicht rausgeben." Angeblich, so kolportiert der Chaos Computer Club, treibt sich der Hacker in Israel rum, was wunderbar nach Militär und Konspiration klingt.
So genau weiß es zwar niemand, aber diffizile Verschwörungen und düstere Hintermänner gehören zur Hackerromantik wie der Bildschirm zum PC.
Bei Andy Zauners Betrugsprozess war am Rande auch von Israel und FBI die Rede. Doch er kam mit "ein bisschen Sozialarbeit" davon, weil "die Ingolstädter Dorfpolizei damals noch gar nicht überrissen hat, um was es eigentlich geht".
Mittlerweile hat die Gegenseite aufgerüstet: Die Fahnder beim BKA oder im Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik sind schlauer geworden, und die neue, flächendeckende Digitaltechnik erschwert es Hackern, ihre eigenen Spuren im Datentreibsand zu verwischen.
Prompt schlägt der Nachwuchs der Generation @ mit purer Zerstörungslust zurück. Die junge Virenszene ist dabei weitaus spezialisierter und kleiner als das Feld der alten Wald-und-Wiesen-Hacker. Sie nennen sich "Dark Angel" oder "Dead Man", "Poltergeist", "Serial Killer" oder "Spyder". Eine ganz eigene Form der Folklore, die von einer kindlichen Comicwelt voller Superhelden erzählt, von Größenwahn zwischen Stimmbruch, Spielkonsolen und Aknecreme. Viren sind pubertäre Phantasiearbeit, in karge Codezeilen gegossen.
Auch die einschlägigen Web-Seiten werden meist mit Totenköpfen, Blut und kruden Warnungen garniert. Das eigentliche Gemeinschaftsleben tobt in Newsgroups, Chaträumen und so genannten IRC-Channels, wo Lob und Beschimpfungen, Gerüchte und Virenrezepte ausgetauscht werden.
Vor der Polizei braucht sich die Szene nicht zu fürchten. In Deutschland und den USA ist das Programmieren und Tauschen von Viren kein Vergehen - nur die Verbreitung "in the wild", wie die freie Wildbahn Internet im Fachjargon heißt.
Die Virenszene ist international und streng hierarchisch gegliedert. Im Zentrum stehen leidlich begabte Programmierer, die sich zu losen Cliquen zusammenschließen.
"Ich programmiere Viren heute nur noch als Hobby am Wochenende", sagt "Mr. Sandman", der mit Mitte 20 und fünf Jahren Virenerfahrung fast als Fossil gilt. Sandman, ein spanischer Student, der nebenher als Übersetzer jobbt, ist Mitbegründer der Virengang "A29". Vor zwei Jahren zog er sich zurück, um mehr Zeit für das Familienleben zu haben.
"Als richtiger Programmierer könnte ich wahrscheinlich gar nicht arbeiten", sagt Sandman, "weil mich das langweilt und ich die höheren Programmiersprachen nicht besonders gut beherrsche." Dennoch blickt er stolz auf seine Karriere als "VX-Coder" zurück, Szene-Slang für die Doktor Frankensteins der Online-Ära.
Unter den 20 von ihm veröffentlichten Netzkillern sind Klassiker wie "Esperanto", das erste plattformübergreifende Virus, das sowohl auf Macintosh, Windows und Dos-Geräten läuft; "Hong Kong", mit nur 58 Bytes eines der kleinsten Viren der Welt; und "Girigat", ein Chamäleon, das am befallenen Rechner 52 verschiedene Krankheitssymptome auslösen kann, wie etwa ein unkontrollierbares Zucken des Mauspfeils. Hackerhumor eben.
Sandman selbst bezeichnet sich dabei als "White Hat"-Programmierer, eine Art Online-Dandy mit weißer Weste, der seine neuesten Züchtungen immer gleich der Gegenseite enthüllt - anders als die "Black Hat"-Kids, die es darauf anlegen, möglichst viel kaputtzumachen.
Ein schändliches Verhalten, findet Sandman, der sich selbst als Virenkünstler versteht: "Auch Goethe oder Picasso hätten das nicht toll gefunden, wenn jemand mit Hilfe ihrer Werke Verbrechen begeht und jemanden mit einem Buch oder Gemälde totschlägt."
Viele sind ähnlich eitel wie Münchner Star-Friseure und lieben es, wenigstens unter Pseudonym von ihren Heldentaten zu erzählen. Der 15-jährige Kanadier "Mafiaboy" konnte es nicht lassen, im Internet lauthals zu prahlen, wie er den Online-Händler Amazon lahm gelegt hatte. Im April wurde der Junge festgenommen.
"Den meisten Virusprogrammierern geht es um männliche Machtphantasien und Anerkennung innerhalb ihrer Gruppe", sagt Mikko Hypponen, Chef der finnischen Antivirenfirma F-Secure. "Die sind fast alle zwischen 12 und 30 Jahre alt. Und alle sind sie männlich."
Andy Zauner hat mittlerweile Abitur gemacht und ist auf dem Sprung in die Seriosität: "Ich will nicht dauernd mit einem Fuß im Bau stehen." Demnächst will er als Vorstandsvorsitzender der Pricehome AG an Handelsplattformen und Börsengang basteln. Sein Traum: "Ein bisschen Manager, ein bisschen Ideen haben."
Vielleicht nicht ganz so wie der Ex-Hacker Kim Schmitz alias "Kimble", der mit einer eigenen Security-Firma in München und Dieter-Bohlen-Lifestyle heute das prollige Hassobjekt der ganzen Szene mimt. "Kimbles Mercedes ist nur geleast", glaubt Andy. "Und wahrscheinlich kann der nicht mal Windows richtig installieren. Aber er ist ein guter Verkäufer." Darauf kommt es an.
Also hat sich auch Andy für Investoren schon einen Anzug zugelegt. So was beruhigt auch seine Mutter, wenn vor dem Haus wieder einmal eine Polizeistreife vorbeifährt und sie einen Rückfall ihres Sohnes befürchtet.
Gerade erst besuchte Andy einen alten Kumpel in der Slowakei. "Ein wunderbar analoges Land", sagt er. Dort hätte es ihn "schon wieder in den Fingern gejuckt".
HILMAR SCHMUNDT, THOMAS TUMA
Von Hilmar Schmundt und Thomas Tuma

DER SPIEGEL 20/2000
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