15.05.2000

DOMINIKANISCHE REPUBLIKDer machtlüsterne Methusalem

Karibisches Ferienparadies im Wahlfieber: Der 93-jährige Joaquín Balaguer, ein Altmeister des Intrigenspiels, will zum achten Mal ins Präsidentenpalais einziehen. Die frühere Marionette des Tyrannen Trujillo hat sogar Chancen.
Hinter der Rednertribüne, verborgen in einem Wellblechverschlag, steht diskret der Gabelstapler bereit. Auch er wartet auf das "Menschenwesen ohnegleichen", das "Leuchtfeuer der Weisheit", den "Staatsmann von Weltstatur".
Dessen Erscheinen wird den Massen schon seit drei Stunden als unmittelbar bevorstehend angekündigt - von erregten Einpeitschern, deren Stimmen oftmals in ein verzücktes Falsett überkippen.
Der Gabelstapler hat in La Vega, diesem Provinzstädtchen nördlich von Santo Domingo, einen Geheimauftrag zu erfüllen. Er soll den Staatsmann von Weltstatur - einen blinden, lahmen und stark geschrumpften Winzling - hinterrücks aufs hohe Rednerpodium heben. Nur zuschauen darf dabei niemand, besonders keine Fernsehleute und Fotografen. Denen zerschmettern Leibwächter auch schon mal die Kameras, wenn sie dem Kandidaten allzu nahe kommen.
Als endlich der schwarze Mercedes eintrifft, die Massen mit ihrem roten Fahnenwald frenetisch herandrängen und die Stimmen der Anheizer sich im Unisono überschlagen, herrscht hinter der Tribüne routinierte Regie. Mächtige Strandschirme werden senkrecht aufgespannt rings um den Gabelstapler und die Limousine, und Gorillas schließen die Lücken dazwischen. So gut wie niemand kann erspähen, auf welche Weise der Präsidentschaftskandidat Dr. Joaquín Vidella Balaguer y Ricardo, Jahrgang 1907, die letzte Großkundgebung seines Wahlkampfs schließlich erreicht - im Rollstuhl oder auf der Tragbahre?
Als ob es darauf noch ankäme. Am Dienstag dieser Woche wird gewählt in der Dominikanischen Republik - unter den acht Millionen Einwohnern der östlichen zwei Drittel der Karibikinsel Hispaniola -, und am 30. Juni dürfte die übliche Stichwahl zwischen den beiden Spitzenreitern nötig sein. Doch selbst wenn der "diabolische Greis", wie seine Feinde ihn nennen, diesmal ausnahmsweise nicht in die Endrunde gelangen sollte, müsste im Guinnessbuch der Rekorde für ihn eine eigene Rubrik geschaffen werden. Stichwort: Gerontokrat.
Joaquín Balaguer kommt aus der Tiefe der Zeiten. 1924, noch minderjährig, errang der schüchterne Poet für seine "Heidnischen Psalmen" einen ersten Literaturpreis. Vom politisch ehrgeizigen General Rafael Trujillo als Redenschreiber und öffentlicher Lobhudler engagiert, gelangte er mit diesem 1930 an die Macht - damals, als in Berlin gerade der Zentrumspolitiker Heinrich Brüning an die Regierung kam und Adolf Hitler vom Amt des deutschen Reichskanzlers allenfalls träumen konnte.
Gehorsam und bescheiden und ohne blutige Fingerabdrücke zu hinterlassen, diente Balaguer in hohen und höchsten Ämtern drei Jahrzehnte lang Seiner Exzellenz, dem Generalissimus, dem Friedensbringer, dem Beschützer der Arbeiter und Wohltäter des Vaterlands, Prof. Dr. h. c. Rafael Leónidas Trujillo Molina. Als dieser 1961 umgebracht wurde, fungierte Balaguer gerade als Marionetten-Präsident.
So konnte der zarte Lyriker zum Erben - und Beerdiger - der monströsesten Diktatur avancieren, die Lateinamerika im 20. Jahrhundert erlebt hat. Und während der vergangenen vier Jahrzehnte ist Joaquín Balaguer insgesamt siebenmal Präsident der Dominikanischen Republik gewesen - nicht immer als unangefochten legitim gewählter Staatschef. Doch die (zusammengerechnet) fast 24 Jahre auf dem Präsidentensessel von Santo Domingo haben Balaguer nicht genügt.
Er will es nun noch ein achtes Mal schaffen und dann den begehrten Palast allenfalls im Sarg verlassen. Denn nur einem im Amt verstorbenen Präsidenten der Republik - so wird heute seine Machtlüsternheit erklärt - könnte der anspruchsvolle letzte Wunsch erfüllt werden: Balaguer besteht darauf, dass seine Gebeine einmal im enormen gelbgrauen, geschmacklosen Kolumbus-Denkmal untergebracht werden, das - auf seinen Befehl hin - zum 500. Jubiläum der Entdeckung Amerikas im Jahr 1992 errichtet wurde.
Vielleicht hofft der frühere Höfling Trujillos dadurch, auf ewig aus dem Schatten des Tyrannen zu treten: Während der grausame Generalissimus ein fernes Mausoleum im Pariser Friedhof Père-Lachaise erhielt, würden die Knochen Joaquín Balaguers im Lande bleiben und neben den (allerdings zweifelhaften) Überresten des großen Entdeckers ihre letzte Ruhestätte finden.
Aber noch ist es nicht so weit. Wie von einem Magier hingezaubert, sitzt der alte Winzling plötzlich vor der losjubelnden Menge in La Vega. Auf dem Kopf trägt er sein Markenzeichen: einen schwarzen Filzhut, der diesen weißhäutigen Abkömmling katalanischer Einwanderer in der Tropenhitze fast wie einen Voodoo-Schamanen erscheinen lässt.
Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch die reglose, nahezu mumienhafte Haltung, die Balaguer während der meisten Zeit einnimmt: als wolle der Kandidat ohne Not keinen einzigen Muskel bewegen und auch noch die geringste Energie aufsparen für seine bevorstehende Tagesleistung.
Die erbringt er dann auch, erstaunlich genug, zur allgemeinen Zufriedenheit: Immerhin zwölf Minuten redet Joaquín Balaguer im Provinzstädtchen La Vega vor einigen zehntausenden. Es ist bei weitem seine längste Ansprache im Wahlkampf 2000, und die Balagueristas in den roten Hemden seiner Christlich-Sozialen Reformpartei sind hingerissen. Zwar muss dem alten Mann das Mikrofon von fremder Hand beinahe gegen die Lippen gepresst werden, doch die Stimme vibriert lebensvoll.
Hart und scharf - und reichlich links - klingen Balaguers Angriffe auf die in Santo Domingo regierende Befreiungspartei, die sich dem Diktat des Weltwährungsfonds und des ausländischen Kapitals unterwerfe. Verheißungsvoll zieht er uralte Ladenhüter wie "Agrarreform" hervor oder ruft mit leicht zittrigem Pathos: "Jede dominikanische Familie soll in einem eigenen Haus leben und sterben dürfen."
Einen gewissen Bodensatz von Glaubwürdigkeit haben diese Parolen für jene, die vom Paternalismus der Balaguer-Jahre (oder gar der Ära Trujillo) profitierten. Während der blutrünstige Diktator an die Armen immerhin Geld verschenkte und bei Kinderreichen die Patenschaft übernahm, spendierte Balaguer in seiner Zeit wesentlich systematischer: Zehntausende dominikanischer Familien verdanken ihm eine Nähmaschine, ein Fahrrad, ein Radio, ein Fernsehgerät.
Der Methusalem unter den Kandidaten kann es sich leisten, mit nationalistischer Demagogie sparsam umzugehen, weil seine Zuhörer ohnehin verstehen, wie es gemeint ist. Wenn Balaguer die Parole ausgibt: "Mit wachem Sinn für die Unantastbarkeit unseres Hoheitsgebietes eintreten!", kommt diese Phrase immer gut an, denn sie bedeutet im Klartext: die Grenze zu Haiti dichtmachen und keine armen Schlucker von allzu dunkler Hautfarbe mehr hereinlassen.
In Wahrheit werden die Haitianer aber gebraucht - auf den Zuckerrohrfeldern und besonders in der Bauindustrie, die vom Tourismus und vom Drogenschmuggel mächtige Impulse bekommt. Weit über eine halbe Million deutscher Touristen werden dieses Jahr an den Stränden des karibischen Mallorca erwartet.
Balaguer ist schon seit annähernd 30 Jahren vollkommen blind. Die Gefahr, dass er dadurch von Hintermännern und Einflüsterern leicht manipuliert werden könnte, gilt in der Dominikanischen Republik indessen gleichwohl als gering: Der Altmeister des Intrigenspiels hat in seinen vielen Präsidentschaftsjahren eine Kunst darin entwickelt, sich Dokumente und Gesetze von verschiedenen rivalisierenden Mitarbeitern vortragen und erklären zu lassen. Zwei Eigenschaften seines Herrn und Meisters Trujillo sind ihm in Fleisch und Blut übergegangen: krankhaftes Misstrauen, gepaart mit einem Elefantengedächtnis.
Blindheit ist auch der Grund dafür, weshalb Balaguer ohne Rücksicht auf potenzielle Ohrenbläser alle seine Reden aus dem Stegreif hält. In La Vega klappt das gut, der Alte wirkt konzentriert und energisch. "Sehen Sie, sein Leib mag gebrechlich sein, aber das Gehirn ist völlig intakt", ruft der junge Stalin hinterher triumphierend.
Stalin Lebrón führt die Jugendverbände der Christlich-Sozialen Reformpartei Joaquín Balaguers an und plädiert für eine Koalition mit der regierenden Befreiungspartei - natürlich unter Balaguers Führung. Den anrüchigen Vornamen hat Stalin von seinen Eltern in einer linken Phase nach dem Untergang der Ära Trujillo verpasst bekommen. Das weltgeschichtliche Bewusstsein in Santo Domingo ist aber nicht übermäßig entwickelt, der Name scheint niemanden zu stören.
Seit jeher lebt der greise Hagestolz Balaguer in seinem großen alten Haus auf der Avenida Máximo Gómez. Das ist derzeit so üppig mit roten Parteifahnen dekoriert, dass Fremde kaum einen Blick hineinwerfen können. Aber bisweilen ist doch eine der beiden Zwerginnen zu erspähen, denen der überaus kleinwüchsige Kauz Balaguer seinen Haushalt anvertraut hat. (Der wurde früher von einigen seiner sieben Schwestern besorgt, die er freilich im Lauf der Jahrzehnte alle überlebt hat.)
Gemessen an früheren Zeiten, besonders an der Ära Trujillo, gab es so gut wie keine Morde in diesem Wahlkampf. Nur zwei wurden Ende April registriert: Leibwächter des Spitzenreiters aller Meinungsumfragen, des Kandidaten Hipólito Mejía von der Revolutionspartei, haben nach Angaben der Polizei zwei Anhänger des Kandidaten der regierenden Befreiungspartei, Danilo Medina, kaltblütig erschossen. Theoretisch müsste dies dem Spitzenreiter Mejía schaden, dessen Revolutionspartei die älteste im Lande ist: Sie wurde 1939 in Havanna von exilierten Trujillo-Gegnern gegründet.
Wenn der farblose Mejía trotzdem an diesem Dienstag mehr als die Hälfte der gültigen Stimmen gewinnen könnte, wäre er automatisch der nächste Präsident. Aber damit rechnet niemand. Spannend macht diesen Wahlkampf doch nur die Frage, ob der Methusalem Balaguer - wie in früheren Zeiten - beim ersten Wahlgang den zweiten Platz erringen kann: Das würde ihm bei der Stichwahl genügen, um mit den Stimmen des Dritten, des präsumtiven Verlierers Danilo Medina, zum achten Mal die Erbschaft des "Wohltäters", des Tyrannen Rafael Trujillo, anzutreten.
Schafft Joaquín Balaguer indessen keinen zweiten Platz, dann geht die Ära Trujillo nach 70 Jahren wohl endgültig zu Ende. Der alte Machtliebhaber könnte kaum noch auf den Präsidentensessel von Santo Domingo gehoben werden - nicht einmal mit einem Gabelstapler. CARLOS WIDMANN
Von Carlos Widmann

DER SPIEGEL 20/2000
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