22.05.2000

JOURNALISTENAbsturz eines Märchenerzählers

Jahrelang machte der Schweizer Reporter Tom Kummer mit Star-Interviews Furore. Viele waren erfunden - und seine Abnehmer nahmen den Schwindel ohne Nachfragen in Kauf.
Courtney Love sinnierte über ihre Bühnenauftritte: "Ich spiele mit meinen Brüsten, um so eine Art Ekel zu demonstrieren, nicht um zu protzen."
Demi Moore riet: "Die Leute sollten sich öfters mal für eine Abreibung mit Meersalz entscheiden."
Johnny Depp klagte über "die tragische Seite von Hollywood". Dort werde "sehr viel Talent plötzlich von sehr wenigen Leuten in sehr kurzer Zeit zerstört".
Solche Dinge erzählten die Großen der amerikanischen Showbranche in den Interviews von Tom Kummer, 37, einem Schweizer Reporter in Los Angeles. Seine oft lustigen Gespräche wurden abgedruckt im "SZ-Magazin", im "Magazin" des Züricher "Tages-Anzeigers" und im "Zeit-Magazin".
Doch nun sieht es so aus, als habe sich Kummer viele der Star-Interviews einfach ausgedacht. Die Schweizer "Wochenzeitung" und der Münchner "Focus" schrieben auf, was sich in der Branche viele erzählten - spätestens, seit "SZ-Magazin" und "Magazin" sich im Frühjahr vergangenen Jahres von Kummer trennten.
Peinlich ist die nun öffentlich gemachte Kummer-Luftnummer vor allem fürs "SZ-Magazin" und deren Mutterblatt, die "Süddeutsche Zeitung".
Beim "SZ-Magazin", das gerade sein zehnjähriges Bestehen feierte, pflegt man - vielfach preisgekrönt - eine bunte Mischung aus Unterhaltung, Reportage und Interview, die nicht selten die Grenzen zwischen Satire und Journalismus, Fiktion und Realität entschlossen verwischt. Zum "Borderline-Journalismus" bekennt sich denn auch der Co-Chefredakteur des "SZ-Magazins", Ulf Poschardt, 33, heiter - etwa wenn, wie erst vor wenigen Wochen, die weitgehend erfundene Geschichte über eine per Ferndiagnose ermittelte mögliche Erbkrankheit des Hannover-Prinzen Ernst August auch von den Kollegen der "Bild"-Zeitung nicht sofort als Münchhausiade erkannt worden war (SPIEGEL 17/2000).
Eine "SZ-Magazin"-Ausgabe aus dem Jahr 1997 bestand fast komplett aus dreisten Lügenmärchen und zeigte etwa den afrikanischen Ex-Despoten Idi Amin beim Wasserskifahren am Gardasee. Solche Schwindeleien, die aber meist auf den zweiten Blick als solche zu erkennen sind, gehören nach dem Verständnis der Magazin-Macher zum humoristischen Stil ihres Blattes.
Ungleich weniger Spaß versteht man bei der "Süddeutschen", deren Redakteure sich traditionell gern als Hüter des ethisch suprasauberen Journalismus aufspielen. Zumal auf der Medienseite des Blattes geißelt gern ein Häuflein tapferer Aufrechter jeden echten oder vermeintlichen Verstoß gegen die Regeln journalistischer Moral.
Am Donnerstag vergangener Woche, als es über den Fall Kummer in quasi eigener Sache zu berichten galt, machten sich die Aufrechten sichtlich krummbeinig ans Werk. Da war die Rede davon, für die Zukunft "neue Sicherheitsstandards zu diskutieren", und "Süddeutsche"-Chefredakteur Hans Werner Kilz, 56, ließ sich mit dem Satz zitieren: "Ich bedaure sehr, dass im 'SZ-Magazin' Texte von Kummer erschienen sind." Daneben aber führte die "SZ"-Medienredaktion auch allerhand qualmige Rechtfertigungen für den Abdruck der Kummerschen Fantasy-Interviews an. So würden im Mediensystem Hollywoods kleine Schummeleien "gerne toleriert". Schlussfolgerung: "Hier sind Grenzen in Bewegung geraten. Kummer aber hat Grenzen klar überschritten." Da ächzt der Ethik-Grenzschützer.
Wahr ist, dass Kummers Dauererfolg mit dem komplizierten PR-System von Hollywood zu tun hat: Dort hält sich jeder Star einen eigenen Pressesprecher, einen so genannten Publicist. Der handelt mit den Filmverleih-Firmen Termine für Einzel- und Gruppeninterviews aus - und erlässt oft genug Sprechverbote über Unangenehmes wie private und künstlerische Pleiten. Die Folge ist häufig: vorhersehbare Fragen, routinierte Antworten. Kummers offenbar häufig fiktive Interviews gehörten zu den glitzernden Ausnahmen.
Deutsche Redaktionen melden ihre Interviewwünsche meist bei Agenturen an, die von den deutschen Filmverleihern beschäftigt werden, die leiten sie nach Amerika weiter und handeln Zeiten und Bedingungen aus. Und weil nur wenige Redaktionen wie der SPIEGEL den zum Abdruck bestimmten Interviewtext vom Gesprächspartner oder dessen Mediengehilfen noch einmal autorisieren lassen, verlieren auch die superprofessionellen Hollywood-Publicists im transatlantischen Hin und Her leicht den Überblick, wer nun wen interviewt hat. Belegexemplare werden oft ungelesen abgeheftet. Einige Journalisten sind zudem schon so lange in Hollywood, dass sie direkten Kontakt zu den Stars haben und den Publicist nicht erst anrufen. Kummer hat behauptet, einer von ihnen zu sein.
Aufgeflogen war der Journalist durch ein Interview mit der 20-jährigen Hollywood-Schauspielerin Christina Ricci. Die gilt als besonders schwieriger Star; Kummer aber bot dem "SZ-Magazin" anlässlich des Films "The Opposite of Sex" im Februar 1999 ein wunderbar offenherziges Ricci-Gespräch an. Doch der Fotograf, mit dessen Aufnahmen das Interview illustriert werden sollte, zog seine Bilder zurück. Christian Kämmerling, 46, einer der beiden Chefredakteure des "SZ-Magazins", verlangte vergeblich von Kummer, ihm die Tonbänder des Interviews zu schicken.
Kämmerling alarmierte Roger Köppel, den Chef des gleichfalls regelmäßig von Kummer belieferten Schweizer "Magazins". Beide Magazine beendeten ihre Zusammenarbeit mit Kummer.
Das Ricci-Interview erschien trotzdem noch: im April 1999 in der Schweizer Frauenzeitschrift "Annabelle" und, leicht gekürzt, im August in "Amica". Ausgerechnet Riccis Filmverleih, der nie einen Termin für Kummer vereinbart hat, habe ihn erst auf das Interview aufmerksam gemacht und einen Nachdruck angeregt, erinnert sich der "Amica"-Chefredakteur Nikolas Marten.
Nun bestreiten auch die PR-Agenten der angeblichen Kummer-Interviewpartner Sharon Stone, Courtney Love, Kim Basinger, Brad Pitt und Pam Grier, dass der Schweizer mit ihren Klienten exklusive Interviews geführt habe.
Star-Gespräche begründeten Kummers Ruhm. Was im "SZ-Magazin" auffiel, brachte Kummer bald rund zwei Dutzend Abnehmer unter deutschsprachigen Medien. Darunter "Stern", "Woche", "FAZ" und auch der SPIEGEL. Für SPIEGEL und "SPIEGEL special" hat Kummer zwischen 1993 und 1997 insgesamt vier Berichte verfasst - der Fotograf Axel Koester bestätigt jedoch, dass Kummer etwa für die "special"-Reportage über das Gefängnis San Quentin mit den zitierten Personen wirklich gesprochen hat.
Doch wie konnte jemand jahrelang mit spektakulären Interviews Furore machen, die er möglicherweise komplett erfunden hat? Die einfachste Antwort lautet: Dank seiner Chuzpe. Viele im oft harten Interview-Zweikampf erprobte Kollegen mussten sich wie Trottel vorkommen, wenn ihre Chefredakteure - wie offenbar in mehreren Redaktionen geschehen - fragten: Wenn man mit den Stars auch so reden kann, warum zum Teufel gelingt das unseren Leuten nicht?
"SZ-Magazin"-Chef Kämmerling befürchtet nun, dass Kummer das Markenzeichen seines Blattes schwer beschädigt habe - und musste gerade erst einen anderen Schlag für den Borderline-Journalismus des "SZ-Magazins" verkraften. Im Heft zum Zehn-Jahre-Jubiläum hatten die Münchner Grenzgänger auf
vielen Seiten eine Jubelfeier der Redaktion abgebildet - mit allerlei
ins Partyvolk einmontierten Köpfen fiktiver Gast-Prominenter von Madonna bis Bill Clinton.
Zumindest eines der Fake-Bilder fand die Chefredaktion aber dann doch unpassend - und tauschte das Bild im letzten Moment gegen eine Saunaszene mit Lothar Matthäus aus. Die französische Druckerei beließ es aber bei der alten Bildunterschrift. Alle Hefte wurden eingestampft. Die verspätete Auslieferung wurde - kleiner Schwindel - mit dem Druckerstreik in Deutschland begründet. WOLFGANG HÖBEL, MEIKE SCHNITZLER
Von Wolfgang Höbel und Meike Schnitzler

DER SPIEGEL 21/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 21/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

JOURNALISTEN:
Absturz eines Märchenerzählers

Video 00:54

Johnson bei Macron Einfach mal die Füße hochlegen?

  • Video "Flaschenpost aus Russland: Nach 50 Jahren in Alaska gefunden" Video 01:16
    Flaschenpost aus Russland: Nach 50 Jahren in Alaska gefunden
  • Video "Doku über DNA-Reproduktion: Missy, die Mammut-Leihmutter" Video 45:10
    Doku über DNA-Reproduktion: Missy, die Mammut-Leihmutter
  • Video "Jagdtricks von Delfinen: Die Hau-drauf-hau-rein-Technik" Video 01:07
    Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik
  • Video "Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet" Video 00:40
    Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet
  • Video "Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung" Video 01:28
    Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung
  • Video "Video zeigt Autodiebstahl: 30 Sekunden für einen 98.000-Euro-Tesla" Video 01:00
    Video zeigt Autodiebstahl: 30 Sekunden für einen 98.000-Euro-Tesla
  • Video "Tiefseetauchgang: Wrack der Titanic in schlechtem Zustand" Video 01:42
    Tiefseetauchgang: Wrack der Titanic in schlechtem Zustand
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht
  • Video "Trump über Grönland-Absage: So redet man nicht mit den USA" Video 01:33
    Trump über Grönland-Absage: "So redet man nicht mit den USA"
  • Video "Grönlander über Trumps Kaufangebot: Sie können es nicht kaufen, sorry" Video 02:13
    Grönlander über Trumps Kaufangebot: "Sie können es nicht kaufen, sorry"
  • Video "Johnson bei Merkel: Wir schaffen das und andere Kleinigkeiten" Video 01:45
    Johnson bei Merkel: "Wir schaffen das" und andere "Kleinigkeiten"
  • Video "Bienenschwarm im Haus: Honig aus der Decke" Video 02:06
    Bienenschwarm im Haus: Honig aus der Decke
  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Boris Johnsons Berlin-Besuch: Das Goldammer-Szenario im Nacken" Video 02:49
    Boris Johnsons Berlin-Besuch: Das "Goldammer"-Szenario im Nacken
  • Video "Johnson bei Macron: Einfach mal die Füße hochlegen?" Video 00:54
    Johnson bei Macron: Einfach mal die Füße hochlegen?