29.05.2000

HOCHSCHULENVerrückte Welt

Green Card für Ausländer? Inländische Studenten haben es schwer, Informatik zu studieren - die Unis führen den Numerus clausus ein.
Das Computerlabor der Universität Rostock hat geöffnet - 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die Studenten können, wann immer sie wollen, programmieren, im Internet surfen oder ihre Seminararbeit vorantreiben.
Nur noch im Betrieb rund um die Uhr kann die Uni Rostock den Andrang der Lernwilligen bewältigen. Sie bietet 130 Studienplätze, aber 650 Studenten konkurrieren darum. "Die Lage ist ziemlich katastrophal", meint Informatik-Professor Karl Hantzschmann.
Während Rostock alle Türen Tag und Nacht öffnet, reagieren andere Unis ganz anders auf den Ansturm aufs Fach Informatik - sie machen dicht. Im Wintersemester werden alle drei Berliner Universitäten einen Numerus clausus für Informatik einführen. In Hannover, Mannheim, Stuttgart und anderen Uni-Städten wurden schon Studenten abgewiesen.
"Wir können es einfach nicht verantworten, Bewerber zuzulassen, die wir nicht mehr betreuen können", argumentiert Günter Hommel, Prodekan des Fachbereichs Informatik an der TU Berlin. Im vergangenen Wintersemester drängelten sich dort über 500 Studienanfänger auf 200 Studienplätzen.
Verrückte Welt: Während Gerhard Schröder mit der Green Card ausländische Computerexperten ins Land locken will, um Lücken in der prosperierenden IT-Branche zu füllen, zeigen die heimischen Unis den Studenten die rote Karte. Die Jugend macht sich, wie von Wirtschaft und Politik gefordert, auf ins Internet-Zeitalter, aber die bürokratisch organisierten, unflexiblen Hochschulen können nicht mithalten.
Die Erklärung für die verkehrten Verhältnisse ist ganz einfach: Die Unis stehen auf dem Stand der neunziger Jahre, als Informatik ein Non-Fach war. Jobs für Informatiker gab es damals kaum, die Arbeitsmarktexperten verkündeten den Niedergang der Programmierzunft, es hieß, Standard-Software werde in Zukunft die Arbeitskraft ersetzen. Die Zahl der Interessierten für Informatik an Universitäten sank folgerichtig von 8000 im Semester 1989/90 auf 4600 im Sommer 1995.
Die Politik tat, was sie in solchen Fällen immer tut: Sie kürzte Mittel und strich Stellen. So verlor etwa die Informatik an der Universität Karlsruhe zwischen 1995 und heute ein Viertel aller Stellen. In Hildesheim wurde der Studiengang, da er zeitweise sehr schlecht ausgelastet war, unter dem Ministerpräsidenten Gerhard Schröder ganz geschlossen.
Heute sucht die Wirtschaft, ausgelöst durch den Internet-Boom, händeringend Computerexperten: 75 000 neue Mitarbeiter braucht die IT-Branche in diesem Jahr, aber nur 45 000 Experten kommen auf den Arbeitsmarkt. Die übrige Industrie, klagt BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel, benötige noch einmal genauso viele Spezialisten. Und die jungen Leute reagieren wieder: Immer mehr wollen Informatik studieren, Jobs rund um das Internet gelten als trendy und versprechen eine rosige Zukunft.
Allein die Unis hinken hinterher. Studienanfänger werden nicht angemessen betreut, 30 Studenten in Tutorien gelten als Kleingruppe, die Vorlesungen sind hoffnungslos überfüllt.
Jetzt sollen Sonderprogramme richten, was der Normalbetrieb nicht bewältigt. Bayerns Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU) will für die Informatik-Studiengänge im Freistaat 30 Millionen Mark zusätzlich bereitstellen, in Hessen sollen 25 Millionen Mark mehr als geplant in die IT-Ausbildung fließen. Bundeskanzler Schröder hat eine 100-Millionen-Mark-Initiative in Aussicht gestellt.
Dass die milden Gaben kurzfristig Entlastung bringen, ist allerdings so gut wie ausgeschlossen. Die von Schröder avisierten 100 Millionen Mark, je zur Hälfte vom Bund und von den Ländern aufzubringen, werden auf fünf Jahre verteilt werden. "Wenn man das dann noch auf die Hochschulen herunterrechnet, können wir von unserem Anteil ein Jahr eine studentische Hilfskraft bezahlen", meint Hans-Jürgen Kottmann, Rektor der Fachhochschule Dortmund. "Um wirklich etwas zu bewegen, müsste es fünf Jahre lang jährlich mindestens 100 Millionen geben", sagt Klaus Landfried, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.
Die Unis haben ein zusätzliches Problem: Ihnen läuft der Nachwuchs davon. Bei Einstiegsgehältern in der freien Wirtschaft von oft über 100 000 Mark im Jahr zeigen die Absolventen geringes Interesse an einer erheblich schlechter dotierten Uni-Laufbahn. "Bei uns gehen jährlich rund 5000 Stellenangebote ein, wir haben aber nur 150 bis 200 Absolventen", sagt Detlef Schmid, Informatik-Dekan in Karlsruhe. René Klingenberg, Informatik-Dekan der Fachhochschule in Hannover, sieht die Sache realistisch: "In Unternehmen verdienen unsere Absolventen bis zum Doppelten dessen, was sie bei uns an der Hochschule bekommen."
So können viele Unis und FH schon heute die Stellen für Nachwuchskräfte oft nicht besetzen. Und der Mangel dürfte noch zunehmen: Zwischen 2005 und 2010 steht eine Pensionierungswelle bevor, zwei Drittel der Informatik-Professoren scheiden aus dem Berufsleben aus. JOACHIM MOHR
Von Joachim Mohr

DER SPIEGEL 22/2000
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