29.05.2000

FUSSBALLDer Star und sein treuester Fan

Einen solchen Fan hat kein anderer Fußballprofi in Deutschland: Seit Jahren reist ein westfälischer Postbote mit dem Transparent „Air Bäron“ von Stadion zu Stadion. Sein großes Vorbild, Karsten Bäron vom Hamburger SV, reagiert gerührt und irritiert.
Die beiden Männer sind fast gleichaltrig. Der eine ist 27, der andere 26 Jahre. Beide sind dünn und lang aufgeschossen, der eine misst 1,96 Meter, der andere 1,88 Meter. Beide haben die gleiche Bildung: Realschulabschluss. Beide haben den gleichen Lebensinhalt: Fußball.
Zwischen den jungen Männern besteht jedoch ein entscheidender Unterschied. Der eine ist ein bekannter Profikicker vom Hamburger Sportverein (HSV). Sein Name: Karsten Bäron. Der andere ist ein Briefträger aus Westbevern bei Münster. Sein Name: Frank Niemann.
Verrückt: Dass der Fußballer so prominent ist, dass Millionen Menschen seinen Namen kennen, verdankt er auch dem westfälischen Postboten - Ergebnis einer ungewöhnlichen Beziehung.
Frank Niemann ist Karsten Bärons größter Fan, und noch viel, viel mehr. Er hat ihm einen Teil seines Lebens geweiht.
Mit einem Transparent, fast sechs Meter breit und über einen Meter hoch, zieht der Zusteller Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr durch die Fußballstadien der Republik. Auf das schwarze Tuch hat er mit Stofffarbe riesige weiße Buchstaben gemalt: "Air Bäron".
Warum "Air"? Weil der Karsten Bäron fast genauso groß und sprungstark sei wie der legendäre amerikanische Basketballspieler Michael Jordan, erklärt Frank Niemann. Jordan wird, weil er die Bälle in elegantem Flug in die Körbe legt, von seinen Anhängern "Air Jordan" genannt.
Ursprünglich träumte auch Frank Niemann von einer Karriere als Fußballstar. Schon als Sechsjähriger beginnt er beim SV Ems Westbevern, zwölf Jahre lang spielt er in allen Jugendmannschaften, mal im Sturm, mal im Tor, mal als Libero.
Fast jeden Tag tobt er auf dem Sportplatz, übt verbissen, vernachlässigt die Schule. Doch trotz allem Trainingseifer, trotz größtem Ehrgeiz wird er nie in eine Auswahl berufen, fällt er nie einem Talentsucher auf.
Als er 18 wird, weiß er: In die erste Mannschaft von Westbevern, die in der Kreisliga B spielt, wird er es schaffen. Vielleicht später sogar mal in die Kreisliga A, mehr nicht. Das ist ihm viel zu wenig.
"Da habe ich mich für ein Dasein als Fan entschieden", erinnert er sich. Selbst tritt er zwar nie mehr gegen einen Ball. Aber auf seinen Traum, sich in den großen Fußballarenen zu bewegen, jedes Wochenende das Kribbeln und die Spannung in einem Stadion zu spüren, will er nicht verzichten - zumal der Alltag bei der Post in Münster wenig Abwechslung bietet.
Jeden Tag der gleiche Trott: Aufstehen um 4.30 Uhr. Um 6 Uhr die Sendungen sortieren, um 8 Uhr aufs Fahrrad und im Stadtteil Mauritz Briefe und Drucksachen verteilen, fünf Werktage hintereinander. Danach gibt es einen Tag frei.
Auch auf Karsten Bäron, der in Berlin aufwächst, wartet ein Leben mit festen Dienstzeiten und tariflich geregeltem Urlaubsanspruch. Nach der Schule lernt er Sozialversicherungsfachangestellter bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte, kurz BfA.
Der krisenfeste Arbeitsplatz kommt ihm gelegen. Er scheut Risiken, sucht Sicherheit, hat früh Ziele. Kaum volljährig, heiratet er eine Kollegin, schon mit Anfang 20 wird er Vater.
Dass er nicht jahrzehntelang Renten ausrechnen muss, verdankt er seinem Talent auf dem Fußballplatz. Karsten Bäron hat, was Frank Niemann fehlt: Er ist jene Zehntelsekunde schneller, jene Spur am Ball versierter, die ihn vom noch so fleißigen Durchschnittsspieler unterscheidet.
In seiner ersten Saison beim Berliner Oberligaverein Hertha Zehlendorf schießt Bäron 27 Tore - Grund genug für den HSV, ihn 1992 als Bundesligaprofi anzuheuern. Von Beginn an kriegt er mehr Geld, als er bei der BfA je verdienen könnte.
Um diese Zeit nimmt ein Bekannter den damals 18-jährigen Frank Niemann erstmals zu einem Spiel des HSV nach Hamburg mit - ein Trip mit Folgen. Seit diesem Tag hat der Postbote kein Pflichtspiel des HSV versäumt, egal ob auswärts oder zu Hause, ob werktags oder am Wochenende, ob bei Hitze oder bei zehn Grad Kälte.
Allein über 150-mal fährt er mit seinem Opel Corsa die Strecke nach Hamburg: Bei Greven auf die A1, vorbei an Osnabrück und Bremen, am Buchholzer Dreieck Richtung A7, dann durch den Elbtunnel bis zur Abfahrt Bahrenfeld - macht hin und zurück 520 Kilometer, unterbrochen höchstens von einem kurzen Halt bei McDonald's in Bockel.
Von Hamburg kennt Frank Niemann so gut wie nichts. Das Leben, das ihn packt, findet nur im Volksparkstadion statt.
Von Anfang an fasziniert ihn nicht nur der Verein, sondern auch ein Spieler: Bäron. Der ist so ein Schlaks wie er, mit großer Übersetzung und weit ausholenden Bewegungen. So wie er möchte auch Frank Niemann kicken, wenn er es nur besser könnte: mit viel Übersicht, technisch perfekt, kopfballstark.
Als Frank Niemann erstmals mit seinem Transparent im Stadion auftaucht, wird er noch belächelt. "Was hast du bloß mit deinem Bäron?", frotzelt ein anderer HSV- Fan, "der spielt doch sowieso kaum." "Abwarten."
Auf die Skepsis folgt schnell Respekt. Sturmspitze Bäron schießt immer öfter Tore, und Frank Niemann wird in der Fankurve zur großen Nummer. Wenn er erscheint, winken ihm alle Leute zu. "Smiley" rufen sie ihn, weil er immer lächelt, oder einfach nur "Air Bäron".
Der Postbote genießt die Beachtung. "Die Fahne, das bin ich", erklärt er. Ein paar Kumpel, die ihn manchmal begleiten, verbreiten die Kunde von seiner Popularität in seinem Heimatdorf. Vater, Mutter und Schwester sind stolz auf ihn.
Das Dasein als Fan lässt wenig Raum zum Erwachsenwerden. Anders als sein Vorbild wohnt Frank Niemann noch im Elternhaus, in zwei Dachzimmern mit vielen Plüschtieren und mehreren Stereoanlagen.
Auf dem Boden liegen Platten des Schlagersängers Wolfgang Petry und "Bravo-Hits", neben dem PC wartet das Computerspiel "Bundesliga 2000", mit dem der Erfolg oder Misserfolg aller Vereine simuliert werden kann. Ein Schuhkarton ist vollgestopft mit Hunderten von Eintrittskarten, daneben stapeln sich die HSV-Programmhefte der letzten Jahre.
Eine feste Freundin hat Frank Niemann nicht. Das einzige Mädchen, mit dem er kurzfristig eine Beziehung eingeht, ist ebenfalls Fan. Er verliebt sich in sie auf der Busfahrt zu einem HSV-Spiel in Glasgow. Eine Zeitlang treffen sie sich jeweils nach dem Match. Dem Mädchen imponiert, dass sich "Smiley" von vielen unterscheidet, die wie er auf der Tribüne hinter dem Tor hocken. Zu seinem Stammplatz im Block 25 B kommt er nie getorkelt, denn er trinkt keinen Alkohol. Er grölt auch nicht mit, wenn die Fanatiker einen Spieler, der den Verein verlassen will, in Sprechchören "Judas" schmähen oder, schlimmer noch, "Jude". Er bemalt sich auch nicht das Gesicht mit Vereinsfarben und zieht sich zum Zuschauen kein Trikot an.
Zu seinem Idol hat er zunächst keinerlei Kontakt. Er ist viel zu schüchtern, um sich nach dem Spiel zu den Profis vorzudrängeln, traut sich nicht, ihnen am Bus aufzulauern oder ihnen über die Absperrung hinweg zuzurufen.
Karsten Bäron wiederum gehört ausgerechnet zu jenen Bundesligafußballern, die Rummel und Personenkult lästig finden, Distanz suchen. Der junge Familienvater vermeidet öffentliche Auftritte, wo er kann, igelt sich mit Ehefrau und den beiden Töchtern in seinem Haus im Hamburger Vorort Norderstedt ein.
Vor einem Heimspiel gegen Bayern München kommt es zur ersten Begegnung. HSV-Funktionäre holen Frank Niemann durch die Absperrung in den Innenraum, winken den Fußballer dazu.
"Sind Sie das mit dem Transparent?", fragt der Spieler. Der Fan nickt, kriegt vor Aufregung kein Wort heraus. "Find ich richtig toll", sagt Karsten Bäron, klopft ihm auf die Schulter. Das war's.
Und das wär's womöglich auch geblieben, wenn die Karriere des Stars normal verlaufen wäre. Das heißt: Berufung in die Nationalmannschaft, weitere Tore, vielleicht auch ein Millionen-Transfer zu einem anderen Verein. Stattdessen bekommt Karsten Bäron eine verheerende Diagnose gestellt: schwerer Knorpelschaden im linken Knie. Der Fußballer, gerade noch gefeiert, wird zum Invaliden.
Fünfmal muss er in den folgenden Jahren operiert werden, fünfmal die gleiche Prozedur: Krankenhaus, Reha-Klinik, Kraftraum. Alles wird probiert: Elektrotherapie, Laserbehandlung, Massage, Lymphdrainage, Krankengymnastik, Bestrahlung.
Kaum kann der Stürmer wieder ein paar Mal spielen, folgt der Rückschlag: Statt Erfolgs wieder nur Enttäuschung, statt Torjubels nur Schmerzen, statt Trainings nur Arztbesuche. Die Spielpausen werden länger, die bisher letzte dauert fast drei Jahre.
Wenn Bundesligaspiele übertragen, wenn Tore in Zeitlupe gezeigt werden, schaltet der verletzte Profi den Fernseher aus; kann nicht mehr hingucken. Argwöhnisch achtet er auf jedes Zwicken im Knie, zweifelt, ob er je wieder fit wird.
Jetzt kommt die Stunde des Briefträgers aus Westbevern.
Nicht nur, dass der Fan weiterhin bei jedem Spiel des HSV die Fahne an den Zaun hängt. Er reist auch zu den Spielen der Nationalmannschaft, sogar ins Ausland, opfert dafür seinen gesamten Urlaub, fast seinen gesamten Verdienst, monatlich 2300 Mark netto.
Kaum im Stadion, stets mindestens zwei Stunden vor dem Anpfiff, checkt er, wo die Fernsehkameras stehen, rollt gut sichtbar sein Transparent auf: "Air Bäron".
Der Name des Fußballers, der verletzt zu Hause sitzt, leuchtet von überall her. Deutschland spielt in Moldawien. Was fällt den Fernsehzuschauern auf? Das Tuch "Air Bäron". Deutschland spielt in Südafrika: "Air Bäron". Deutschland spielt in den USA: "Air Bäron".
"Warum engagierst du dich bloß so?", fragt ein Freund. "Ich will nicht, dass der Karsten vergessen wird", antwortet Frank Niemann - nur die halbe Wahrheit. Er möchte sich auch unentbehrlich machen.
Zwangsläufig bringt ihn seine Treue dem lädierten Star näher. Karsten Bäron reagiert dankbar, dass einer unverdrossen zu ihm hält, ist gerührt und gleichzeitig irritiert. Als nüchterner Mensch findet er das Ausmaß der Verehrung unheimlich. "So ganz kann ich mich da nicht hereinversetzen", gesteht er.
Immerhin: Der Fußballer bietet seinem Fan das "Du" an, gibt ihm seine Geheimnummer, lässt ihn dichter an sich heran als jeden anderen HSV-Anhänger. Er besorgt ihm Freikarten für Auswärtsspiele, schenkt ihm Trikots, ruft ihn öfter mal an.
Über Privates, etwa über die Familie, wird jedoch nicht gesprochen, Themen sind Fußball oder die Verletzung. Um den Kontakt nicht zu gefährden, wahrt Frank Niemann von sich aus Abstand. "Ich würde ihn nie fragen, wie viel er beim HSV verdient", sagt er, "das wäre ihm bestimmt zu persönlich."
Er ist jedoch stolz, als einer der ersten eine verblüffende Neuigkeit zu erfahren: Entgegen dem Urteil vieler Experten, entgegen den Prognosen vieler Mediziner kann Karsten Bäron wieder spielen. Spezialisten haben es geschafft, sein Knie wieder belastbar zu machen. Nach 32 Monaten Pause wird er erstmals in der Bundesliga eingesetzt.
Als der Spieler mit der Nummer 29 auf den Rasen läuft, als Tausende im Stadion aufspringen und "Bäron, Bäron" schreien, bleibt der Mann, der "Smiley" genannt wird, lächelnd auf seinem Platz. Dieses Comeback empfindet er auch als persönlichen Triumph.
Was macht es da schon, dass der Stürmer in den nächsten Monaten noch keine Tore schießt, oft auf der Ersatzbank warten muss, meist erst kurz vor Schluss eingewechselt wird? "Nächste Saison wird alles wie früher", glaubt der Fan.
Bärons Auferstehung macht ihm sogar eines Tages Mut, die unsichtbare Barriere, die Star und Fan trennt, endlich einzureißen. Nach einem Heimspiel des HSV fährt er kurzentschlossen nach Norderstedt, fragt sich zum Haus seines Helden durch, klingelt.
Die Ehefrau des Fußballers teilt ihm mit, dass ihr Mann leider nicht daheim sei. Karsten Bäron hat, wie so oft, einen dringenden Arzttermin. BRUNO SCHREP
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 22/2000
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