29.05.2000

NACHRUFErich Mielke

Ihm war alles gegeben, was ein Machtmensch braucht: Muskelkraft, Gemütsarmut, Härte gegen sich und andere. Sein ganzes langes Leben waren Führen und Folgen, Befehlen und Gehorchen, Schnauze halten und Schnauze voll hauen die Richtschnur seiner Existenz. Noch als 90-Jähriger stocherte er mit seinem Krückstock nach ungebetenen Gästen.
Bis ins hohe Alter gab Erich Mielke seine Profession mit "Berufsrevolutionär" an. In Wahrheit diente der "bolschewistische Instinkt" dem Kampf um seinen eigenen Aufstieg in die höheren Klassen, der Diktatur und dem Totmachen.
Mielke lebte und arbeitete immer dort, wo "bekämpft", "liquidiert" oder "zersetzt" wurde. Er war, aus vollem Herzen und mehr als 70 Jahre lang, "Tschekist" - Geheimpolizist der Kommunistischen Partei. Seine Welt waren Festnahme, Verhör und Genickschuss. Als er, in den fünfziger Jahren, die nächtlichen Verhöre noch selbst leitete, drohte er einem alten Revolutionär: "Dir hack ich den Kopf ab!" 1982, da war Mielke schon 74 und kein bisschen weise, trieb er seinen Stasi-Offizieren die Sentimentalitäten aus, ein Tonband lief mit: "Das ganze Geschwafel, von wegen nicht hinrichten und nicht Todesurteil - alles Käse, Genossen. Hinrichten, wenn notwendig auch ohne Gerichtsurteil."
1907, zu Kaisers Zeiten, ist Erich Mielke im lichtlosen Hinterhaus einer Berliner Mietskaserne als ganz armer Leute Kind geboren worden. Früh verlor er die Mutter. Sein Vater war Stellmacher, was dem aufstiegsorientierten Sohn in der KPD später geschadet hat: Nach der reinen Lehre war das kein Arbeiter, sondern ein Handwerker. Erich Mielke tat, was er später bis zur Perfektion entwickelte, er fälschte die Eintragung in seiner Karteikarte, aus dem Stellmacher wurde ein Holzarbeiter.
Mielke, der mit 16 Jahren "nicht in allen Fächern den hohen Anforderungen der Schule genügte", wie der Gymnasiumsdirektor notierte, lernte Transportkaufmann, wurde arbeitslos und Ende der zwanziger Jahre hauptberuflich Kommunist, Mitglied im konspirativen "Parteiselbstschutz". Nach einem Doppelmord an zwei Polizeioffizieren im August 1931 floh er nach Moskau. Hier wurde ihm das tschekistische Know-how beigebracht.
Im Spanischen Bürgerkrieg, 1936 bis 1939, säuberte Mielke als Tscheka-Mann die eigenen Reihen. Den Weltkrieg überlebte er, getarnt als Lette, in Westeuropa; wahrscheinlich hat er in der Organisation Todt Bunker für die Wehrmacht gebaut.
Seine Karriere im besetzten Berlin entwickelte sich nach 1945 unter russischem Schutz steil und erfolgreich. 1957 war er der alleinige Herr des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Sein Schattenreich war ein komfortables Parallel-Universum, mit eigenen Schlössern, West-Autos, Atombunkern, einer Bank, jeder Sorte Akademiker, Soldaten, Sportlern und Spionen. Zuletzt, als die DDR starb, kommandierte Armeegeneral Mielke 91 000 hauptberufliche und doppelt so viele Inoffizielle Mitarbeiter ("IM").
"Wir müssen alles wissen!" war Mielkes Credo, "An uns darf nichts vorbeigehen!" Doch das engmaschige Spitzelnetz, die "Zersetzung" der Gegner, offene und verdeckte Repression - im Herbst 1989 half nichts mehr. Ein paar Wende-Monate lang zitterte Mielke: "Man wird uns und unsere Kinder aufhängen." Später wurde er wieder kesser: "Niemand weiß etwas über mich. Niemand erfährt etwas über mich. Alle wissen nichts."
Im neunten Lebensjahrzehnt saß der gefürchtete Mann sechs Jahre wegen der Polizistenmorde ab, ganz locker, bei guter Gesundheit. Mielke war Deutschlands ältester Häftling.
Am Sonntag vorletzter Woche ist er, 92 Jahre alt, friedlich gestorben, im Bett eines Heims, an Altersschwäche.

DER SPIEGEL 22/2000
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