05.06.2000

KRIMINALITÄTEigene Dusche

Komfortabel sitzt der mutmaßliche Reemtsma-Entführer Thomas Drach in Auslieferungshaft. Ungewiss ist, ob der Kidnapper abgeschoben wird.
Die Nacht zum 28. März 1998 ist ihm in schmerzlicher Erinnerung. Um 1.30 Uhr stürmten acht argentinische Polizeibeamte sein Zimmer im Hotel Caesar Park in Buenos Aires und rissen Thomas Drach, 39, aus den Armen seiner Gefährtin Cristina. Wenig später fand sich der Luxus gewohnte mutmaßliche Reemtsma-Entführer, nach einer 22 Monate währenden Flucht vor der Polizei, im Gefängnis wieder.
Passé war Drachs Playboy-Leben mit schwerem Motorrad, Mercedes-Cabriolet und Strandvilla im uruguayischen Badeort Punta del Este, perdu waren die Nächte in Nobelbars und die tägliche Entspannung mit Taucherbrille oder Jet-Ski. Der mutmaßliche Entführer, der den Angehörigen des entführten Zigarettenerben Jan Philipp Reemtsma im April 1996 das Rekordlösegeld von 30 Millionen Mark abgepresst haben soll, schien seiner gerechten Bestrafung nahe.
Doch Drach erwies sich einmal mehr als Überlebenskünstler. Hatte die gegen ihn ermittelnde Hamburger Staatsanwaltschaft nach seiner Verhaftung in Buenos Aires noch gehofft, ihm binnen weniger Monate den Prozess machen zu können, so ist der Tag der Abrechnung heute ungewisser denn je. Möglich scheint sogar, dass Drach den deutschen Strafverfolgern ganz entgeht.
Sein Leben in der Hauptstadt-Haftanstalt Caseros hat sich der Mann mit dem ausgeprägten Hang zum Luxus bestens eingerichtet: keine Spur von den Entbehrungen und Härten, die südamerikanischen
Gefängnissen nachgesagt werden. Eher gleicht Drachs Caseros-Aufenthalt einem Club-Urlaub.
Hat ein deutscher Sozialhilfeempfänger, der mit seiner Familie lebt, gerade mal Anspruch auf 20 Quadratmeter Wohnraum, so verfügt der Knacki im Exil über 33 Quadratmeter. Sein Zellen-Apartment, verrät ein Caseros-Beamter, liege im abgesonderten Klinikbereich der Haftanstalt und sei "recht komfortabel gestaltet".
Im separaten Schlafzimmer stehen Schreibtisch und Bett. Ein zum Flur hin offener Essraum wartet mit einer Kochgelegenheit auf. Doch meist bleiben die Platten kalt, denn Drach, der sich wie andere Häftlinge auch Lebensmittel kaufen darf, bevorzugt eine Obstdiät.
Fenster zum Innenbereich gewähren dem Fitness-Fan reichlich Licht und Luft. Gemeinsames Duschen mit einem Dutzend anderer Knackis bleibt dem eitlen Thomas erspart: Drach hat ein Bad mit eigener Dusche. Nur ein Telefonanschluss geht ihm ab. Immerhin aber steht ihm zur Kontaktpflege von 8 bis 20 Uhr im Kliniktrakt ein Kartentelefon zur Verfügung.
Trübsinn dürfte den Bewohner im Caseros kaum befallen. Drach bekommt häufig Besuch. Cristina, seine Liebe aus freieren Tagen, schaut etwa zweimal wöchentlich vorbei. Drach empfängt die Frau im eigenen Apartment, Beaufsichtigung durch Wärter ist bei den Treffen nicht vorgesehen.
Drei Stunden lang, so die Anstaltsregeln, darf ein Besucher bleiben. Von diesem Recht machen auch Drachs Bruder Lutz und ein enger Freund regelmäßig Gebrauch. Beide leben in der Nähe von Rio de Janeiro und fliegen per Linie ein.
Auch mit ihnen kann Drach unbeaufsichtigt plaudern. Die Konsultationen mit seinen Besuchern sind für Drach womöglich von großer Bedeutung - falls er, worüber Ermittler spekulieren, mit ihnen über den Verbleib des Lösegelds sprechen sollte.
Ungewiss ist, wo der größte Batzen der 30 Millionen Mark Lösegeld abgeblieben ist, der ihm zu gleichen Teilen in Mark und Schweizer Franken ausgezahlt wurde. Ermittler der für Reemtsma tätigen Wiesbadener Sicherheitsfirma Espo schätzen, dass Drach noch über eine Barschaft im Wert von etwa zehn Millionen Mark verfügt. Weil der Mark-Anteil des Lösegelds als komplett gewaschen gilt, dürfte er irgendwo Dollar oder Schweizer Franken gebunkert haben.
So kann Drach wohl mit gewissem Optimismus in eine finanziell abgesicherte Zukunft blicken. In Argentinien hat sich der Deutsche nur eines Passvergehens schuldig gemacht, als er mit britischen Papieren unter dem Namen Anthony Lawlor einreiste. Die Buße für dieses Delikt hat Drach womöglich bald abgesessen.
Eine drastische Haftstrafe von bis zu 15 Jahren für die Reemtsma-Entführung droht ihm nur, wenn er an die deutschen Behörden ausgeliefert wird. Um das zu verhindern, haben seine Anwälte, die ihn bislang schon vor der Abschiebung bewahrten, einen neuen Dreh gefunden.
Drachs Rechtsbeistand hat gegen die Abschiebung Verfassungsklage eingereicht. Die Klageschrift muss nun von neun Richtern geprüft werden. Das kann dauern - seit Wochen schon liegt die Schrift bei Richter Nummer eins. Hat Drach Glück mit dem Vorstoß seiner Anwälte, könnte er am Ende der Abschiebung nach Deutschland entgehen. In jedem Fall gewönne er Zeit, auch andere Optionen zu sondieren.
Im Herbst sollen die Caseros-Häftlinge in eine neu gebaute Haftanstalt verlegt werden. Wer weiß - vielleicht geht beim Umzug was schief. ULRICH JAEGER
* Nach seiner Festnahme 1998 vor der Haftanstalt Caseros in Buenos Aires.
Von Ulrich Jaeger

DER SPIEGEL 23/2000
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