05.06.2000

* 2. Bevölkerungswachstum und knappe Ressourcen * 2.4. Auswege aus dem EnergienotstandHITZE AUS DEM HÖLLENSCHLUND

Als erstes Volk machen sich die Isländer unabhängig vom Erdöl. Von der Natur ausgestattet mit Vulkanhitze und Wasserkraft, stellen die Inselbewohner auf Wasserstoffwirtschaft um - technisches Vorbild auch für die übrige Industriewelt.
Früher, da haben sie mich alle ausgelacht", erinnert sich Hjálmar Árnason, Parlamentsabgeordneter in Reykjavík. Es ist erst zehn Jahre her, dass Árnason, damals Lehrer für isländische Sagas, seinen Landsleuten riet, sich nicht um Arbeitslosigkeit und Fischbestände zu grämen, sondern auf die heimischen Energie-Ressourcen zu setzen. Unverständnis war die Antwort.
Ähnliches erlebte auch der alte Pállsson, dessen Hof zwei Autostunden von der Hauptstadt in einer Landschaft von frühzeitlich-mythischer Dramatik liegt. Dort wo das Flüsschen Svadbælisá die Abflüsse des Gletschers Eyjafjallajökull ins Meer trägt, war Altbauer Pállsson einem Rätsel auf der Spur. Das Wasser, das gleich neben dem Eisbach aus dem Felsen quillt, so berichtete er, fühlte sich auch im Winter manchmal warm an. Doch die Geologen aus Reykjavík ignorierten das wirr klingende Zeug des Alten und schauten nicht einmal nach.
Vor fünf Jahren ging Pállssons Enkel, Ólafur Eggertsson, der Sache schließlich auf den Grund und ließ an der genannten Stelle bohren. Tatsächlich wurde er in 1000 Meter Tiefe fündig. Seither sprudelt auf Eggertssons Gehöft zwischen Gletscherkante und Meeresstrand eine heiße Quelle.
Sie liefert alle Wärme, die der mittlerweile hochmoderne Betrieb zum Leben braucht - zum Heizen von Haus, Stall und Treibhaus, zum Waschen der Kinder, zum Trocknen des Getreides. Und da der Gletscherbach eine kleine Turbine mit Generator treibt, zahlt Ólafur Eggertsson auch keine Stromrechnung für seine prozessorgesteuerte Hof-Elektrik.
Die Isländer lebten in ihren Torfhütten nichts ahnend auf "Schätzen aus Gold", predigte der Nationaldichter Einar Benediktsson, offenbar ein Visionär, seinen Landsleuten schon in den dreißiger Jahren. Bauer Eggertsson kann das bestätigen. Er hat den Schatz einfach gehoben. Jetzt lässt er auch tagsüber die Hofbeleuchtung brennen, denn einen Lichtschalter dafür hat er gar nicht - rund ums Jahr liefert das Flüsschen eine Leistung von 20 Kilowatt, doppelt so viel, wie der Bauer verwerten kann.
Eggertsson, der Energie-Macher, ist ein Vorkämpfer, aber er ist nicht allein. In Island haben sich schon rund 200 teils hoch technisierte Bauernhöfe eine eigene Versorgung fernab aller Stromleitungen und Wasserzähler geschaffen. Der Staat fördert die Selbständigkeit "unserer innovativen Electrical Farmers", wie Hjálmar Árnason, Vorsitzender des Energie-Ausschusses im Landesparlament Althing, die Energie-Dissidenten feiert.
"Niemand lacht mehr über sie", freut er sich. Schließlich sind die Selbstversorger die Vorboten der neuen Zeit - das ganze Land will es ihnen nachtun: Die Insel, auf der Vulkanismus und Wasserkraft aus Gletscherflüssen einen Hitzefleck mitten im Eismeer schufen, will binnen weniger Jahrzehnte ohne fossile Brennstoffe auskommen. 1998 hat die Regierung in Reykjavík feierlich proklamiert, sie werde "den Lebensstandard und die Prosperität der Zukunft" vollständig mit Hilfe heimischer Energiequellen sichern. Damit wäre Island, wie Parlamentarier Árnason frohlockt, "allen anderen erheblich voraus" - wieder mal.
Ähnlich einem kleinen gallischen Dorf hat das urige Inselland mit seinen 270 000 Einwohnern sich stets abseits von der übrigen Welt verschanzt. Sein eigensinniger Kulturstolz wird weltweit gewürdigt - vom Literaturnobelpreis für Halldór Laxness bis zur steilen Karriere der skurrilen Diva Björk, deren Songs Pop, Techno und Jazz miteinander verschmelzen. Selbst fremdsprachenunkundige Emissäre aus dem coolen Großbritannien wie der Londoner Rockmanager Alex Knight verspüren, "wie sich einem das Haar am Nacken aufstellt", wenn Sänger Jonsi von "Sigur Rós" auf Isländisch über das Leben ("Fisch und Schafe") singt.
Für ihre Eigenständigkeit fechten die Inselbewohner, deren Urskandinavisch wie gesprochene Runen klingt, mit Nachdruck. Auseinandersetzungen um den Nato-Beitritt wurden vor 50 Jahren teils noch traditionsbewusst mit Steinen und Keulen geführt, später verdrängten die Insulaner sogar die englischen Fish-and-Ships-Trawler aus ihren Fanggründen und kreierten die 200-Meilen-Zone (die erste der Welt).
Natürlich hat das Inselvolk das jenseits des Meeres verbreitete Torfrocker- und Wikinger-Image ("Sie essen faules Haifischfleisch und riechen aus dem Mund") schon lange abgestreift. Es ist eine Bildungsgesellschaft mit mehr Pro-Kopf-Einkommen als Schweden oder Deutschland, ohne Arbeitslosigkeit.
Für ihren neuesten Alleingang wissen die nordischen Eigenbrötler sich gut gerüstet. Bei voller Erschließung hätten sie 50 Terawatt (50 Billionen Watt) an regenerierbarer Energie verfügbar, doppelt so viel wie der entsprechende Output der 300-mal größeren Bundesrepublik Deutschland. Dieses Potenzial wird bislang erst zu 13,5 Prozent ausgeschöpft.
Das kleine Energieparadies im Nordmeer, das sich luxuriösen Umgang mit der Ressource gönnen kann und sogar Straßen und Parkplätze beheizt, hat seine besonderen, zum Beispiel geologischen Bedingungen. Dennoch könnten die europäischen Industriestaaten, denen das Umschalten auf erneuerbare Energien so schwer fällt, von Islands radikalen Ansätzen lernen.
Längst nutzt das Land seine Erdwärme. Neun von zehn Häusern des Landes sind über Fernwärmeleitungen und örtliche Brunnen ans geothermische Heizsystem angeschlossen. "Perlan", Reykjavíks Heißwasserspeicher aus glänzenden Metallzylindern auf einer Hügelkuppe, ist Wahrzeichen der Hauptstadt.
Nur noch ein Drittel beträgt der Anteil des Öls am inländischen Energiebedarf, wofür Island 1999 rund 10 Milliarden Kronen (rund 250 Millionen Mark) aufwenden musste. Seit letztem Jahr läuft ein Pilotprojekt, das diese Kosten auf null bringen soll. Icelandic New Energy, eine Gemeinschaftsfirma der Konzerne DaimlerChrysler, Shell und Norsk Hydro mit isländischer Beteiligung, wird als Erstes die Stadtbusflotte der Hauptstadt umrüsten: Drei Busse, deren Brennstoffzellen mit Wasserstoff gespeist werden, sollen übernächstes Jahr in Betrieb gehen. Im Laufe weniger Jahrzehnte könnten sämtliche Automobile auf der Insel folgen, 2030 die letzten Benzintankstellen verschwinden.
Der Übergang zur Wasserstoffgesellschaft wird Islands Wohlstandsbürgern viel abverlangen. Naturschützer kämpfen gegen neue Staudämme wie den von Fljótsdalur, einem Hochtal im Osten des Landes; das Tal müsste teils geflutet werden, um Strom für ein derzeit geplantes Aluminiumwerk zu gewinnen.
Ohne solche neuen Standorte wird es aber nicht abgehen. Denn noch wird die Wasserkraft vorwiegend im Umfeld des Feuerbergs Hekla genutzt. Das ist riskant: Statistisch gibt es auf Island alle fünf Jahre einen größeren Vulkanausbruch, und einen der nächsten erwarten Seismologen ausgerechnet am "Schlund der Hölle", wie die Altvordern den seit Jahrhunderten gefürchteten Hekla nannten.
Umweltbesorgte wird es aber trösten, dass die Wasserstoffwirtschaft als Erstes der kleinen isländischen Autolawine (drei von vier Bürgern haben einen Wagen) zu Leibe rückt. Die Wagenflotte wird auf den praktisch abgasfreien Brennstoffzellen-Betrieb umgerüstet.
Von der Umstellung werden auch Benzinfresser mit hohem Symbolwert betroffen sein: Islands Freizeitgesellschaft knattert in Kavalkaden von Snowmobilen durchs vereiste Hinterland und liebt es, mit großvolumigen Geländewagen auf hoch gelegten Bigfoot-Chassis die Schotterpisten und Bäche zu durchpflügen.
Doch die Abrüstung der Freizeit muss nicht den Spaß kosten: Es gibt auch große Brennstoffzellen. "Isländer hängen an ihren Spritschluckern", sagt der Manager Jón Björn Skúlason, "aber wenn die neue Technik Busse fahren lässt, wird sie allemal für schwere Allradwagen reichen."
Gleichmütig richtet sich auch Berufsfischer Eirikur Tomasson, 47, auf die große Wende ein. Tomasson leitet die väterliche Trawlerflotte, eine der zehn größten des Landes. Er weiß, dass in Japan ein 1500-Tonnen-Schiff mit Wasserstoffantrieb konzipiert wird. Das wäre exakt die Größe, die er für die Jagd auf Kabeljau und Rotbarsch braucht.
Fischerei ist immer noch ein Schwerpunkt der Landeswirtschaft und ein hohes Gut im Bewusstsein der Isländer. Aber die Umstellung der Fangschiff-Flotte auf Brennstoffzellen könnte sich rasch realisieren lassen, schließlich ist die ständige Modernisierung der Fangflotte ein Hauptgrund dafür, dass die Isländer beim Fisch echten Profit machen.
Zudem entsteht in diesen Breiten der Bedarf nach Schiffsneubauten immer wieder ganz unverhofft. Das Polarmeer ist brutal und hat schon dutzende von Trawlern aus Grindavik behalten. Eirikur Tomasson, der wie vorher sein Vater in der Freiwilligen-Crew des Rettungskreuzers von Grindavik fährt, hat selbst ein Schiff verloren.
Die Trümmer rosten auf den Felsen neben der Mole; ein ganz normaler Wintersturm hatte den Trawler beim Einlaufen auf die Klippen geschmettert und die Hälften 500 Meter voneinander entfernt an Land geworfen.
Tomasson, der gern kühn investiert - kürzlich kaufte er mit ein paar Landsleuten den englischen Fußballclub Stoke City -, hat nichts gegen eine schnelle Wende zum Wasserstoff auch im Fischfang, dem Stammgeschäft der Vorfahren: "Je eher wir mit der Zeit gehen, desto besser fürs Business."
Die Einsicht könnte von Ólafur Eggertsson sein, der sich gerade mal wieder neue Ziele setzt: Sein schwerer Allrad-Ford, der mit 20 Liter Spritverbrauch die Ökobilanz des Hofes erheblich durcheinander bringt, wird in naher Zukunft wohl durch ein Auto ersetzt, das auch mit hausgemachtem Antrieb fahren kann.
Eggertsson will mit überschüssigem Strom aus dem Gletscherbach den Dung seiner 60 Milchkühe erhitzen und das Abgas dann mittels Kompressor verflüssigen. Gasflaschen mit dem komprimierten Stallgeruch werden dann als Zusatztanks dienen.
Darauf freut sich Eggertsson, als begnadeter Tüftler wie als Öko-Philosoph, der das große Ganze im Auge hat: "Wenn man will, schaltet man einfach um." CHRISTIAN HABBE
IM NÄCHSTEN HEFT: * 3. Das Informationszeitalter * 3.1. Werden Computer denken lernen? Künstliche Intelligenz: Der Traum vom elektronischen Superhirn Kontroverse: Können Computer denken? Neuroinformatik: Roboter nach dem Vorbild von Tieren Spracherkennung: Der Rechner als persönlicher Assistent DIE KAPITEL IN DER ÜBERSICHT: 1. Medizin von morgen 2. Bevölkerungswachstum und knappe Ressourcen 3. Das Informationszeitalter 4. Planet Erde - gefährdeter Reichtum 5. Zukunft der Wirtschaft 6. Technik: Werkstätten der Zukunft 7. Globale Politik 8. Die Zukunft der Kultur 9. Künftige Lebenswelten 10. Die Grenzen der Erkenntnis
Von Christian Habbe

DER SPIEGEL 23/2000
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