12.06.2000

FUSSBALL-EMWer ist der Boss?

Die deutsche Nationalelf hat sich von der Wankelmütigkeit ihres Teamchefs emanzipiert. Zu Beginn der Europameisterschaft ist sie jedoch ohne innere Führungsstruktur. Den Kandidaten für eine Chefrolle auf dem Rasen fehlt entweder die Hausmacht oder die Gunst des Trainers.
Mit sonniger Miene nahm Deutschlands oberster Fußballlehrer im fränkischen Herzogenaurach sein Geschenk entgegen. Bernd Puschendorf, Geschäftsführer von Fujitsu Siemens Computers, verband die feierliche Überreichung eines Notebooks indes mit einer Bosheit. Das Gerät, erläuterte der Abgesandte vom neuen Partner des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), könne Teamchef Erich Ribbeck wenige Tage vor der Europameisterschaft sicher dienlich sein. Nicht nur "die Mannschaftsaufstellung" sei da nämlich bereits einprogrammiert, scherzte er, sondern auch "die möglichen Auswechselungen".
So endete die Ausrüsterpräsentation im Spott. Offenbar hat sich bis in die Chefetagen der Elektronikkonzerne herumgesprochen, dass Ribbeck bei der Entscheidungsfindung Hilfe braucht.
Aufstellung, Taktik oder Spielsystem waren in den 21 Monaten seit dessen Amtsantritt selten einer Strategie gefolgt. Als neulich sogar die Bekanntgabe des Spieler-Aufgebots für die EM live im Fernsehen übertragen wurde, witzelten Anwesende: So ungewöhnlich sei das nicht; schließlich werde "auch die Ziehung der Lottozahlen" im TV gezeigt.
Wenn nun kurz vor dem Turnierauftakt der Deutschen am Pfingstmontag gegen Rumänien "die Atmosphäre im Umfeld sich bessert", wie Ribbeck freudig registriert, hat das mit dem Wirken des Teamchefs am allerwenigsten zu tun. Von der Unberechenbarkeit Ribbecks, das zeigten die Tage im mallorquinischen Trainingslager, hat sich die Mannschaft rechtzeitig emanzipiert.
Erste Konturen einer Grundformation bildet das bis zuletzt amorphe Team - ähnlich wie beim Aufbau chemischer Verbindungen durch Einwirkung von Tageslicht - einfach aus sich heraus. Ribbeck-Assistent Horst Hrubesch kommentierte die ansehnliche Generalprobe beim 3:2 gegen Tschechien ähnlich überrascht wie zu Silvester die Resultate beim Bleigießen: "Langsam" sehe das Gebotene "nach Fußball aus".
Auch die taktische Ausrichtung des deutschen Ensembles versetzt das Übungsleitergespann immer wieder in Erstaunen. "Gestern war es ja mehr ein Drei-fünf-zwei", erkannte Ribbeck am Tag nach dem Testkick gegen Real Mallorca. Rücke jedoch die wegen Verletzung pausierende Offensivkraft Mehmet Scholl in Zukunft wieder ein, komme bestimmt "ein anderes Bild heraus". Dann trat die Elf mit Scholl gegen die Tschechen an, und das Bild war das gleiche - drei Abwehr-, fünf Mittelfeldspieler, zwei Stürmer. So wird jeder Trainer-Einfluss entbehrlich.
Größeren Anlass zur Sorge bietet indes der Umstand, dass wohl wie nie zuvor ein DFB-Team so führungslos in ein Großereignis starten wird. Denn anders als die erfolgreichen Turniermannschaften der Vergangenheit müssen die 22 Auserwählten ohne interne Rangordnung auskommen. Beobachter wie Ribbeck-Kritiker Udo Lattek orten da "ein grundlegendes Problem".
Der Teamchef glaubt in seiner Langmut, eine Führungsstruktur sei - einerseits - "etwas, das sich entwickelt". Andererseits bestreitet er, dass es in einer Landesauswahl so etwas wie eine Hackordnung überhaupt gibt: Im Nationalteam könne man "nicht erwarten, dass einer, der in seinem Verein eine wichtige Rolle spielt, einen anderen, der in seinem Verein auch eine wichtige Rolle spielt, zusammenscheißt".
Seine Vorgänger sahen das anders. Schon Sepp Herberger hatte 1954 in Fritz Walter seinen Generalbevollmächtigten auf dem Platz. Zu den mit Prokura ausgestatteten Spielern gesellten sich während eines Turniers dann oft Vorarbeiter, die in heiklen Spielsituationen das Kommando übernahmen. So schwang sich Matthias Sammer beim EM-Gewinn 1996 zum Steuermann auf und gelangte neben die Spielführer Jürgen Klinsmann und Thomas Helmer an die Spitze der Teamhierarchie.
Vier Jahre später hat Erich Ribbeck seinen Mannschaftskapitän Oliver Bierhoff zum Bittsteller degradiert. Flehentlich musste der Torjäger im Vier-Augen-Gespräch mit dem Coach an die Gepflogenheiten anderer Nationalteams wie England oder Italien erinnern, in welchen die Führungskräfte "immer gesetzt" seien.
Das half ihm ebenso wenig wie der beständige Hinweis auf seine Bilanz beim AC Mailand (31 Tore, "bei einem so großen Verein") oder die unlängst bestaunte familiäre Querverbindung: Bierhoffs Vater, Vorstandsmitglied bei RWE, hat nämlich jüngst mit Ribbecks Sohn Jörg, dem geschäftsführenden Gesellschafter einer Kölner Agentur, einen Trikot-Werbevertrag mit Bayer Leverkusen auf den Weg gebracht.
Zwar wuchtete sich Bierhoff als Einwechselspieler mit zwei Toren gegen die Tschechen ins Rampenlicht zurück. Seine Rolle als Kapitän bleibt jedoch auf die eines Erfüllungsgehilfen der Mannschaft beschränkt. Für Mitspieler wie Markus Babbel ist "der Olli" nurmehr derjenige, "der für uns alles managt".
So war es Bierhoff, der dem Teamchef vor Wochen die Nachricht überbringen musste, dass die Nationalspieler mit dem alten Trainergespann nicht mehr einverstanden seien. Den Assistenten Uli Stielike, der Ribbeck schon "vor einem Jahr" seinen Rücktritt angeboten haben will, konnte man sich "als alleinigen Chef" zwar vorstellen. Als besser wissender Adjutant jedoch war er nicht mehr erwünscht.
Die fehlende Harmonie im Übungsleiterstab, beschlossen die Spieler, sei "für eine Mannschaft tödlich". Dass der streitbare Stielike durch Hrubesch ersetzt wurde, dankt dem Hiob Bierhoff indes niemand.
Auch von Funktionärsseite ist keine Stärkung zu erwarten. In der Halbzeitpause des peinlichen Testkicks gegen die Niederlande ergriff der Kapitän im Februar noch die Initiative an der Taktiktafel. Als er jetzt erneut Defizite benannte, kanzelte ihn DFB-Vizepräsident Franz Beckenbauer ab: Bierhoff wisse "doch gar nicht, was Taktik ist".
Das Autoritätsproblem des smarten Mittelstürmers hat freilich noch einen anderen Namen: Lothar Matthäus. Der Mannschaftsdoyen, der sich bald nach seiner Rückkehr ins Nationalteam als taktischer Nachhilfelehrer des Teamchefs andiente ("Man muss ja immer denken wie ein Trainer"), hegt so was wie einen angeborenen Machtanspruch. Gönnerhaft versicherte er Bierhoff, "trotz meiner Anwesenheit der richtige Kapitän" zu sein.
Doch inzwischen umweht den Wahl-New-Yorker, nach absolviertem Abschiedsspiel, bereits der Weihrauch der Karriere. In den Augen der Kameraden, die ihn schon die Ehrenrunde ziehen sahen, ist er längst auf der Umlaufbahn in eine andere Fußballwelt. Ob es sich bei Matthäus um einen Führungsspieler handele, ist unter Kollegen umstritten: "Die einen sind pro, die anderen contra", sagt Babbel.
Vom Riss im Muskelbauch des Oberschenkels aus dem Tritt gebracht, fasst der ungeduldige Franke nur mühsam wieder Fuß. Dass er sich ausgerechnet bei seiner fröhlichen Ausstandsgala verletzt hat, halten einige Kollegen für ein bedenkliches Signal, seine Kurzvorstellung am vergangenen Mittwoch gegen Liechtenstein tat ein Übriges.
Sein Comeback weckt mehr Argwohn als Hoffnung. Schon einmal wirbelte Matthäus' verspäteter Einstieg die Rangordnung einer deutschen Nationalelf durcheinander. Das war bei der Weltmeisterschaft 1998, als Berti Vogts den ursprünglich nur als Notnagel vorgesehenen Altstar in der Halbzeitpause des zweiten Vorrundenspiels zum Abwehrchef beförderte. Dreieinhalb Partien später musste die Nationalequipe ihre Heimreise antreten.
Auf taktische Fingerzeige des bewährten Einflüsterers muss Ribbeck jetzt wohl verzichten. Weil Matthäus sich auf "seine Leistung konzentrieren" müsse, trat er vom Amt des Vizekapitäns zurück. Sah man ihn vergangenes Jahr in Belfast - nach seiner verletzungsbedingten Auswechslung - das Team vom Spielfeldrand aus coachen, half er nun in Nürnberg bloß Einwechselspielern aus der Trainingsjacke. Matthäus und den Teamchef trennten beim Spiel gegen Tschechien 20 Sitzplätze.
Noch hofft Ribbeck-Zuarbeiter Hrubesch, es werde "sicherlich Fixpunkte geben wie in jeder Mannschaft". Bloß wer das sein soll, weiß noch niemand.
Oliver Kahn, als Wortführer geschätzt, trug zwar schon die Kapitänsbinde im Tor, hatte auf ebendiese Bürde aber noch Tage zuvor "keinen Bock". Mit defätistischen Bemerkungen erwarb er sich nicht gerade Ribbecks Gunst. In jener Phase, da Nationalspieler einander zuraunten, in Fragen der Strategie müsse man sich bei der EM "selbst helfen", gab der Tormann resignierend bekannt: Manchmal sei er froh, "mit Taktik nichts zu tun" zu haben.
Auch Jens Jeremies hat mit seiner vernichtenden Zustandsbeschreibung des Nationalteams ("Jämmerlich") seine Anwartschaft auf eine leitende Funktion verwirkt. Was einem blüht, der sich ohne Genehmigung allzu forsch zu Wort meldet, bekam er schwarz auf weiß. Ribbecks Fürsprecher von "Bild" enttarnten Jeremies: "Er trinkt recht gerne Alkohol und raucht." Seither "traut sich keiner", beobachtet Markus Babbel, denn um andere anzuspornen, "braucht man Rückendeckung".
Die fehlt sogar Jens Nowotny. Beim deutschen Vizemeister Leverkusen anerkannter Chef der Defensivabteilung, soll er sich bei Ribbeck "am Gegenspieler orientieren". In dieser Rolle, als Geselle des Liberos, werde er jedoch "schläfrig", weiß der Leverkusener Manager Reiner Calmund. Dietmar Hamann könnte zum Spiritus rector im Mittelfeld werden, wenn Ribbeck ihn nicht noch im März hätte aussortieren wollen.
Und dass Thomas Häßler zum Schrittmacher der nationalen Elf erwachsen könnte, glaubt der kleine Münchner selbst nicht mehr. Beim TSV 1860 von seinem Clubtrainer zum Alleinherrscher auf dem Platz bestimmt, sieht er sich im DFB-Dress zur Teilzeitkraft herabgestuft. Der Teamchef erklärte den 34-jährigen Regisseur für untauglich, ein Programm von "90 Minuten Powerfußball" abzuspulen. Das ist insofern schade, als Hrubesch an Häßler eine besondere Begabung schätzt: "Der schießt, und es ist Tor."
Im konzeptfreien Raum soll sich nun alles irgendwie fügen - nicht unähnlich jener aus der Mode gekommenen Kunstform des Actionpainting: Malen im Affekt. Gefragt ist der Mut zur Improvisation, eine Tugend, die pedantischen Deutschen bislang eher exotisch vorkam. Zuständigkeitsbereiche im DFB-Trainerstab gibt es "so direkt an und für sich nicht", erläutert Hrubesch. "Wir reagieren von Fall zu Fall."
Das ist zuweilen auch auf den Trainingsplätzen zu beobachten. "Drei zu zwei", ruft der Chefcoach beim Übungsmatch - und dann, nach Rücksprache mit dem Sekundanten: "Wat? Zwei zu zwei immer noch."
Als zwei Wochen vor Turnierbeginn die DFB-Trainer ein so genanntes raumorientiertes Deckungssystem lehren wollten, verweigerten sich die sonst nicht so begriffsstutzigen Profis. Für solches Exerzitium reiche nun die Zeit nicht mehr, murrten die Verteidiger - und Ribbeck brach die Übung ab.
Die Trainer, berichtet Abwehrmann Babbel, "haben erkannt, dass es nichts bringt. Man muss schließlich von etwas überzeugt sein". Also wird wieder konventionell mit Libero und Manndeckern operiert, das traditionelle Brauchtum deutscher Mannschaften.
Ein deutscher Trainer mit Auslandserfahrung gelangt dennoch zu einer optimistischen Prognose: "Ein so systemloser Fußball macht es jedem Gegner schwer. Denn wo es keine Automatismen gibt, kann man keine Schwachpunkte aufspüren."
Vielleicht, sagt Ribbecks Kollege, werde dieses Ziel sogar bewusst verfolgt. "Dann ziehe ich vor dem Erich den Hut." JÖRG KRAMER
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 24/2000
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