19.06.2000

FRANKREICHPrototyp ohne Seele

Als Kollektiv wurde die Equipe Tricolore Weltmeister. Jetzt stürmt Nicolas Anelka mit - ein skandalerprobter Jungstar, der jeden Teamgeist verachtet.
Er könne sie nicht mehr hören, "ständig die gleichen provokanten Fragen", bis auf weiteres, so ließ Frankreichs neuer Star Nicolas Anelka, 21, vorige Woche vom Sprecher seines nationalen Fußballverbands ausrichten, stünde er der Presse nicht mehr zur Verfügung.
Für sein Schweigegelübde bei der Europameisterschaft nahm Anelka sogar kleine Umwege in Kauf. Als der Kicker letzten Dienstag nach dem Training im belgischen Wavre eine Gruppe zufällig postierter Reporter von Pariser Tageszeitungen vor dem Stadion sah, blieb er in sicherer Entfernung stehen, stülpte sich den Kopfhörer seines Walkman über die Ohren, setzte die Sonnenbrille auf - und entschwand durch einen Hinterausgang.
Warum sollte sich Anelka, da er jetzt einen Platz in der Stammformation der Nationalelf sicher hat, auch weniger kapriziös benehmen als bei Paris-St.-Germain, bei Arsenal London oder Real Madrid - seinen bisherigen Arbeitgebern in einer noch jungen, doch gleichfalls schon skandalreichen Karriere?
Wie kein anderer in seinem Alter hat der hoch begabte Jungstar sein gesamtes Umfeld mit Stimmungsschwankungen und Unberechenbarkeit tyrannisiert und gegen sich aufgebracht: Präsidenten, Trainer, Mitspieler, Fans und Journalisten. Der Fußballlehrer Luis Fernandez, der den Sonderling einst in Paris entdeckte, stöhnte schon nach kurzer Zeit: "Ich weiß nicht, ob ich elf Anelkas um mich herum ertragen könnte."
Dass Frankreichs Coach Roger Lemerre das Enfant terrible dennoch in die Elf zu integrieren versucht, ist purer Pragmatismus. Dank Anelka spielt die Mannschaft in einer neuen Dimension, qualifizierte sich vergangenen Freitag durch einen 2:1-Sieg über Tschechien vorzeitig fürs Viertelfinale.
Spottete der argentinische Fußballkritiker Jorge Valdano vor kurzem noch, Frankreich sei "die erste Mannschaft, die ohne Stürmer spielte und eine WM gewann", so glänzt das ehedem so rational unterkühlt wirkende Ensemble jetzt mit Kreativität in vorderster Front. Schon nach dem 3:0 über Dänemark im ersten EM-Spiel befand Zinédine Zidane, der kritische Wortführer des Teams, dass "wir jetzt da vorn deutlich mehr Variationsmöglichkeiten haben".
Dennoch ist die Aufnahme Anelkas ein mittelschweres Wagnis - der ausgewiesene Egozentriker hat bisher das innere Gleichgewicht jeder Mannschaft, in der er spielte, mit seinen Allüren ausgehebelt.
Der Einwanderersohn aus Martinique ist schließlich Prototyp einer neuen Generation von Profis. Anelka verkörpert das Prinzip des seelenlosen Fußballs. Er fühlt sich nichts und niemandem verpflichtet: weder dem Verein, für den er gerade spielt, noch dessen Geschichte, noch dessen Anhängern, noch seinen Mitspielern, noch seinen Vorgesetzten.
Anelka hat nur sich im Blick. Er trainiert, er spielt, und dann geht er wieder. Mehr glaubt der Stürmer, derzeit noch bei Real Madrid unter Vertrag, niemandem schuldig zu sein - auch wenn er 64 Millionen Mark Ablöse gekostet hat und 7 Millionen netto im Jahr kassiert.
Und deshalb schließt er sich nach getaner Arbeit in seine Villa im Madrider Prominentenvorort La Moraleja ein, um Rap zu hören oder mit Videospielen die Abende totzuschlagen. Den Club, bei dem er unter Vertrag steht, sieht er als seine persönliche Gelddruckmaschine - und zurzeit ist das eben Real.
Nicht einmal das Museum, in dem der Champions-League-Sieger all seine Trophäen und Pokale hütet, als seien sie archäologische Kostbarkeiten, hat Anelka bisher besucht. "Die Vergangenheit", sagt er ohne Rührung, "ist mir egal."
Bei Arsenal London trieb der Franzose seinen
Egotrip besonders weit. Obwohl der Stürmer den Verein mit seinen Toren zu Meisterschaft und Pokalsieg geführt hatte, fühlten sich die Anhänger durch seine unbeteiligte Art des Spiels verhöhnt. Schließlich verwünschten sie ihn gar aus ihrem Fußballtempel. Denn Anelka verbuchte seine zahlreichen Tore in Highbury nur für sich. Er jubelte nicht.
Genau so hat es der Sohn eines Grundschullehrers und einer Schulsekretärin von Kind auf gelernt: seine Überlegenheit im Umgang mit dem Ball für sich einzusetzen, ohne dabei jemals Regungen auszudrücken. Es sind die Gesetze der Straße, die dem Fußballer heute als Kompass seiner Karriere dienen - ganz so, als taste er sich noch immer durch Trappes, einen der berüchtigtsten Vororte Frankreichs in der Nähe von Versailles, wo der Kicker aufgewachsen ist.
Loyalität, Respekt, Gemeinschaftssinn: Demonstrativ verachtet der Emporkömmling die Werte, die die Mannschaftssportart Fußball seit mehr als einem Jahrhundert für sich beansprucht. Ist Anelka Vorbote einer neuen Zeit? Nationalmannschaftskollege Thierry Henry, 22, dessen Eltern ebenfalls aus der Karibik zugewandert sind und der im tristen Pariser Vorort Les Ulis aufwuchs, sagt anerkennend: "Im Fußball erzählen sie dir pausenlos, dass du ohne die anderen nichts bist. Aber Tatsache ist: Du bist völlig auf dich alleine gestellt. Nico hat das kapiert."
Weil Anelka nur sich und dem Urteil seines Clans vertraut, verweigert er jeglichen Kompromiss - und lebt deshalb, wie seit einem Jahr in Madrid, mit seiner Umgebung im Dauerkonflikt.
Mal attackierte er öffentlich seinen Mitspieler Morientes, der statt seiner in der Anfangsformation stand: "Der macht Tore, für die ich mich schämen würde"; mal meldete er sich, weil er auf der Reservebank Platz nehmen sollte, mit einer Knieverletzung krank, zu der dem behandelnden Arzt nur die Diagnose "subjektives Schmerzempfinden" einfiel; mal führte er dem Trainer Vicente Del Bosque die Videokassette von einem Spiel Reals gegen einen saudi-arabischen Club zu, um zu demonstrieren, wie das Spielsystem Reals künftig auf ihn zugeschnitten werden müsse.
Der Höhepunkt der Auseinandersetzungen war erreicht, als Anelka Mitte März wiederholt nicht zum Einsatz kam. Angewidert schwänzte er drei Tage das Training und flüchtete im Kofferraum eines Autos, das sein Bruder steuerte, zum Madrider Flughafen Barajas, Ziel Paris. Er wollte heim nach Trappes, dem einzigen Ort auf der Welt, wo er sich nicht missverstanden fühlt, wenn er seinen roten Ferrari vor der Kneipe parkt und eine Pizza Margherita bestellt.
Die indignierten Vereinsbosse suspendierten Anelka für anderthalb Monate vom Training und verdonnerten ihn zu der Rekordstrafe von 875 000 Mark. "Bei Real", jammerte er, "behandeln sie mich wie einen Hund."
Anelka selbst tat, was er konnte, um sich bloßzustellen. Denn seine Selbstüberschätzung führte auch außerhalb des Stadions zu grotesken Momenten. So lud der spanische Ministerpräsident José María Aznar den Kicker zu einem Galadiner zu Ehren des französischen Staatschefs Jacques Chirac in den Präsidentenpalast Moncloa ein. Die Antwort war zunächst ein beleidigtes Nein. Denn Anelkas Bruder und Manager Didier stand nicht auf der Gästeliste. Süffisant verbreitete daraufhin Chirac, es stehe ihm fern, sich "in die Familienangelegenheiten des Monsieur Anelka einzumischen".
Im Frühjahr gelang Anelka so etwas wie ein gesellschaftliches Comeback. Und es scheint kein Zufall, dass der Geächtete in der Champions League, dem Synonym für die Kommerzialisierung des modernen Fußballs, wieder ins Spiel fand. Anelka war in den Halbfinal-Begegnungen gegen Bayern München in zwei entscheidenden Sekunden zur Stelle, schoss zwei Tore, verschaffte dem Club den Einzug ins Finale - und hatte sich dank der Schnelllebigkeit und Verdrängungskraft des Wettbewerbs rehabilitiert.
Das traf sich gut. Denn nur so konnte der Sportartikelhersteller Puma, gerade noch rechtzeitig zur EM, eine internationale Kampagne starten. In dem Werbefeldzug wird Anelka zum Heros für aufmüpfige Großstadt-Kids stilisiert - als einer, der nur seine eigenen Regeln befolgt.
Das tut er inzwischen auch in der Nationalmannschaft. Lange Zeit gab sich der Querulant erstaunlich scheu, sobald er in die Landesauswahl berufen wurde. Brav ordnete sich Anelka in der Hackordnung der Weltmeister-Elf unter und lauschte in den vergangenen zwei Jahren andächtig den Anekdoten der Helden von Paris. Er liebe es, schmeichelte der Novize, "wenn Laurent Blanc, Didier Deschamps oder Marcel Desailly ihre alten Geschichten erzählen".
Anelka wäre indes kein Sportstar des 21. Jahrhunderts, wenn er nicht allmählich seine Marotten auch in die Equipe tragen würde. Mit den dunkelhäutigen Kollegen Henry, Sylvain Wiltord und Patrick Viera bildet er eine Gang: Sie wärmen sich, wie vor dem Tschechien-Spiel, gemeinsam auf; sie sind eine Gruppe in der Gruppe.
Die älteren Spieler, allen voran Zidane, akzeptieren Anelka, weil sie wissen, dass die Siegchance sich mit dem außergewöhnlich flinken Stürmer erhöht. Zidane forderte den Kollegen gar auf, künftig mit ihm bei Juventus Turin zu spielen.
Beim italienischen Rekordmeister hält man das jedoch für keine gute Idee. Auffällig herablassend betonte Vizepräsident Roberto Bettega, Juve verfüge über "genügend gute Stürmer - wir sind an Anelka nicht interessiert".
Erstmals scheint sich zu rächen, wie Anelka das Fußballgeschäft für seinen Vorteil zu nutzen versteht. Sein Bruder hatte bereits im letzten Jahr mit den Italienern verhandelt - allerdings nur zum Schein, um die Gage bei Real Madrid in die Höhe zu treiben. MICHAEL WULZINGER
* Beim Abspielen der Nationalhymne vor dem Match gegen Tschechien (2:1) am vorigen Freitag in Brügge.
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 25/2000
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