19.06.2000

JUGOSLAWIENKonjunktur für Auftragskiller

Nach dem erneuten Anschlag auf Oppositionsführer Vuk Draskovic bangen die Gegner des Belgrader Regimes um ihr Leben.
Noch vor kurzem hatte der Chef der Serbischen Erneuerungsbewegung (SPO) Draskovic seinen mehrwöchigen Aufenthalt in Montenegro mit "wichtigen politischen Verhandlungen" begründet. Doch Eingeweihte wussten: Oppositionsführer Vuk Draskovic versteckte sich vor Slobodan Milosevics Todesschwadronen.
Fünfmal, behauptet er, habe ihm das Belgrader Regime bereits nach dem Leben getrachtet. Am 3. Oktober 1999 starben bei
einem fingierten Verkehrsunfall nahe der Hauptstadt drei seiner engsten Mitarbeiter und sein Schwager; nur Draskovic selbst überlebte. Seit vergangener Woche ist der serbische Demagoge um eine Illusion ärmer - selbst die jugoslawische Teilrepublik Montenegro vermochte ihm, trotz ausdrücklicher Schutzgarantie, keinen sicheren Unterschlupf bieten.
In der Nacht zum vorigen Freitag feuerten Attentäter mit Maschinenpistolen durch die Terrassentür von Draskovics Domizil in Budva. Der SPO-Führer, allein zu Haus, erlitt leichte Kopfverletzungen. Heerscharen von Milizen durchkämmten sofort den umliegenden Wald und filzten auf den Straßen jedes Fahrzeug, am Freitagabend wurden die mutmaßlichen Attentäter verhaftet. Sie seien Draskovic aus Serbien nachgereist, sagte Montenegros Vize-Innenminister Vuk Boskovic. "Wir haben auch ihre Waffen gefunden und ihre Helfer festgenommen. Und wir wissen, wer das Verbrechen angeordnet hat."
Ein solcher Fahndungserfolg ist höchst ungewöhnlich. Denn nicht erst seit dem Mord am Freischärlerboss Zeljko ("Arkan") Raznatovic im Januar ist das staatliche serbische Desinteresse an der Aufklärung von Attentaten offensichtlich. Wo sich blutige Vergeltungsschläge nicht dem allgemeinen kriminellen Milieu zuordnen lassen, werden der Einfachheit halber "westliche Spionageringe, die Jugoslawien destabilisieren wollen", als Urheber geortet.
So beschuldigte Belgrads Informationsminister Goran Matic unlängst die CIA des Mordes am montenegrinischen Sicherheitsberater Goran Zugic, der am 31. Mai in Podgorica mit sechs Schüssen niedergestreckt wurde: Zugic habe Montenegros Präsidenten Milo Djukanovic kontrolliert und sei damit zum Störfaktor amerikanischer Politik geworden.
Die Wahrheit ist komplexer. Hinter den Anschlägen stecken Mafiosi und von Politikern gedungene Auftragskiller, es geht um die Beseitigung etwaiger Zeugen vor dem Haager Kriegsverbrecher-Tribunal oder um Milosevics persönlichen Machterhalt. Der serbische Geheimdienst scheint als Koordinator mysteriöser Zwischenfälle ebenso am Werk zu sein wie die um ihre Pfründen kämpfenden Paten der Unterwelt. Zuweilen werden auch private Fehden blutig ausgetragen. Sicherheitsberater Zugic kontrollierte wohl weniger seinen Präsidenten als vielmehr den gesamten Zigarettenschmuggel Montenegros.
Während des Wirtschaftsembargos gegen Jugoslawien arbeiteten Spitzenfunktionäre und Kriminelle Hand in Hand. Die korrupten Staatsdiener sorgten für die nötigen Importpapiere und beseitigten Zollbarrieren; die Unterwelt beschaffte die Konterbande. Aus Zuchthäuslern, Taschendieben und Hehlern wurden über Nacht nicht nur Millionäre, sondern Finanziers der regierenden Parteien und einflussreiche Direktoren. Nun werden viele von ihnen zu Opfern von Verteilungskämpfen. Auch Mitwisser um Kriegsgräuel und politische Manipulationen des herrschenden Regimes werden zum Schweigen gebracht.
Der am 25. April vor seinem Haus in Belgrad erschossene Generaldirektor der jugoslawischen Fluggesellschaft JAT, Zika Petrovic, soll während des Krieges und des Embargos maßgeblich am Transfer von Staatsgeldern auf geheime Auslandskonten beteiligt gewesen sein. Außerdem wusste er im Detail von nächtlichen Waffenlieferungen aus Russland und der Ukraine.
Der am 7. Februar ermordete Bundesverteidigungsminister Pavle Bulatovic kannte als ehemaliger Innenminister auch die Dossiers zahlreicher Politiker. Schon im Oktober 1992 hatte die serbische Polizei im Gebäude der Bundespolizei kompromittierende Akten vernichtet.
Selbst Freunde der Milosevics blieben nicht verschont. Vlada Kovacevic-Tref, Besitzer eines Autorennstalls und Intimus des Milosevic-Sohns Marko, wurde im Februar 1997 ermordet, vermutlich wegen seiner dunklen Geschäftspraktiken. Im selben Jahr erschossen "unbekannte Attentäter" den durch illegale Ölimporte reich gewordenen Generalsekretär der Jugoslawischen Linken, Zoran ("Kundak") Todorovic, einen Vertrauten der Milosevic-Ehefrau Mirjana. Vergangenen Mittwoch lehnte Belgrad die Registrierung des Studentenbündnisses "Otpor" (Widerstand) als politische Organisation ab. Die Begründung ist ein weiterer Beleg dafür, wie aufgeheizt das politische Klima inzwischen ist: Otpor, heißt es, habe "terroristische und staatsfeindliche Ziele". Ein in dieser Woche erwartetes neues "Terrorismusgesetz" soll der Regierung einen Freibrief ausstellen, ihre Gegner künftig ohne Verfahren zu inhaftieren.
Für Vuk Draskovic, dem zuletzt ein heimlicher Flirt mit Milosevics Regime nachgesagt wurde, ist das jüngste Attentat der eindeutige Beweis, dass der Diktator in ihm eine Hauptgefahr für seine politische Zukunft sieht. Führer anderer Oppositionsparteien haben vorsorglich ihren Begleitschutz verstärkt und die Wohnungen gewechselt. Jeder fürchtet, er könne das nächste Opfer der Säuberungswelle sein.
In seinem Fall seien die Drahtzieher leicht zu finden, meint Vuk Draskovic: "Das hat definitiv die serbische Staatssicherheit organisiert." RENATE FLOTTAU
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Kurzer Prozess
Attentate seit dem Kosovo-Krieg
15. Januar: Zeljko Raznatovic, genannt Arkan, Milizenführer, durch Kopfschüsse in Belgrad liquidiert.
7. Februar: Pavle Bulatovic, Verteidigungsminister, in Belgrad ermordet.
25. April: Zika Petrovic, Chef der Fluggesellschaft JAT, in Belgrad erschossen.
13. Mai: Bosko Perosevic, sozialistischer Parteifunktionär, in Novi Sad ermordet.
* Am 31. Mai in Podgorica.
Von Renate Flottau

DER SPIEGEL 25/2000
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