26.06.2000

SS-VERBRECHENAus Langeweile getötet

Über 55 Jahre konnte sich ein mutmaßlicher SS-Verbrecher der Justiz entziehen. Nun sitzt Anton Malloth doch in Untersuchungshaft. Ein Prozess ist ungewiss - der Mann ist 88 und fast blind.
Die Todgeweihten hatten ihren Peinigern Tarnnamen gegeben. Ein Scherge hieß "Fischauge", ein anderer "Zauberer", "schwarzer Hans" oder "grüner Bogenschütze".
Und "schöner Toni". Der pflegte sein dunkles Haar mit Hingabe, puderte sich das Gesicht und trug im Dienst oft Handschuhe. Dabei war Anton Malloth, SS-Oberscharführer und Aufseher im Polizeigefängnis "Kleine Festung Theresienstadt", ein brutaler und eiskalter Folterknecht.
55 Jahre nach Kriegsende sitzt Malloth nun in München selbst im Gefängnis - wegen Mordverdachts.
Dass er erst so spät richtig ins Fadenkreuz der Justiz gerät, hat nicht nur mit dem Chaos der Nachkriegszeit zu tun, sondern auch mit Ermittlerpech, trüber Quellenlage - und offenkundigem Desinteresse. Dreimal eröffneten deutsche Staatsanwälte ein Ermittlungsverfahren, dreimal stellten sie es ein. Mal galt Malloth als tot, mal galten Belastungszeugen als unglaubwürdig. Bei einer früheren Vernehmung räumte er zwar ein, Aufseher in Theresienstadt gewesen zu sein. Ansonsten verweigerte er jedes weitere Wort - und kam damit lange Zeit durch.
Hitler-Deutschland, 1939. Österreich war einverleibt, die Tschechoslowakei zerschlagen und als Protektorat Böhmen und Mähren Bestandteil des Deutschen Reiches. Die neuen Herren regierten mit harter Hand. Wer sich "reichsfeindlich" betätigte, dessen Schicksal war oftmals besiegelt: "Sonderbehandlung", also Liquidierung. Theresienstadt gehörte zu den Todesstätten.
Malloth, 1912 in Innsbruck geboren und gelernter Fleischhauer, kam 1940 als Aufseher in das berüchtigte Gefängnis nahe dem Städtchen Leitmeritz (Litomerice). Mit ihm dienten etwa 60 andere SS-Leute und über 20 Kapos. Der Mann, sagt Vera Zahourková, die in Theresienstadt einsaß, sei "eine Bestie" gewesen. Richard Loewy aus Wien, Jahrgang 1928, erinnert sich an Schläge "bis zur Ohnmacht".
Fast täglich starben Häftlinge, und als schließlich von Osten her die Rote Armee nahte und von Westen die US-Armee, mussten die SS-Gefangenen Panzergräben ausheben - mit bloßen Händen. Weil der Grundwasserspiegel sehr hoch lag, arbeiteten sie in tiefem Wasser. Manche fielen vor Erschöpfung hin und ertranken.
Ein Häftling kniete nieder und betete. Auf Weisung musste ein Dolmetscher übersetzen. "Er bittet Gott, ihn zu sich zu nehmen." Daraufhin spaltete der "schwarze Hans" dem Betenden mit einem Spaten den Schädel.
Wie viele Gefangene bis Ende April 1945 ermordet wurden, ist nicht genau bekannt. Wahrscheinlich waren es mehr als 750. Später stellten Ermittler nüchtern fest, dass die Wächter nicht nur aus "Rassenhass getötet" hatten - sondern auch "wahllos aus Langeweile".
Als im Sommer 1948 das "Außerordentliche Volksgericht" in Litomerice zusammentrat, um wegen Mordes sowie "unmenschlicher Bestrafungen und Quälereien" zu verhandeln, hatten sich alle Beschuldigten längst abgesetzt. Das Urteil - Tod durch den Strang - erging in Abwesenheit.
Malloths Chef, SS-Obersturmbannführer Ernst Gerke, nahm einen falschen Namen an und unterrichtete in Hamburg als Privatlehrer Latein. Malloth selbst dachte gar nicht daran, in die Illegalität zu gehen - offenbar plagte ihn kein schlechtes Gewissen.
Nach seiner Flucht saß er 1949 zwar in österreichischer Auslieferungshaft. Aber die aus Prag angeforderten Prozessakten kamen nicht, und Malloth musste auf freien Fuß gesetzt werden. Als sie eintrafen, wurde Haftbefehl erlassen. Zu spät. Malloth hatte sich nach Südtirol abgesetzt.
Im März 1952 nahm er - so ist es dokumentiert - die italienische Staatsangehörigkeit an. Doch die verwaltungspusseligen Deutschen akzeptierten das nicht: Ein "einseitiger Verzicht" führe nicht automatisch "zum Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit", vermerkten Spezialisten des Auswärtigen Amtes.
Ergo stellte ihm das zuständige deutsche Generalkonsulat in Mailand einen Pass aus und verlängerte ihn immer wieder. Längst stand Malloth auf der Kriegsverbrecherliste der Vereinten Nationen, und in der Bundesrepublik lief ein groß angelegtes Ermittlungsverfahren gegen die Theresienstädter Schergen - seit 1964 in Köln und dann, ab 1970, in Dortmund.
Eine tschechische Regierungskommission hatte dorthin umfangreiches Belastungsmaterial übersandt. Dies reichte aus, um "zunächst wegen 764 Fällen der Tötung von (wahrscheinlich mehreren tausend) Häftlingen zu ermitteln", so ein Bericht des nordrhein-westfälischen Justizministeriums. Die Zahl der Beschuldigten: "mehr als hundert".
Malloth war nicht darunter. Der galt als tot, weil das Wiener Innenministerium deutschen Behörden irrtümlich mitgeteilt hatte, er sei nach dem Schuldspruch von Litomerice "hingerichtet" worden.
Niemand fasste so richtig nach. Erst ein Bericht des Mailänder Generalkonsulats über den Malloth-Pass enthüllte, dass der SS-Mann noch lebte - und ein Haus an der Petrarca-Straße zu Meran besaß, das Mitte der siebziger Jahre zwölf Millionen Lire wert war (damals rund 45 000 Mark).
Von nun an sei, so ein Ankläger, gegen Malloth "gezielt" ermittelt worden. Zunächst jedoch ergebnislos. Ein Dortmunder Begehren, ihn durch ein Meraner Gericht vernehmen zu lassen, schlug fehl. Die Italiener teilten lapidar mit, Malloth sei "im Jahr 1972 aus Italien ausgewiesen" worden, sein Aufenthalt "unbekannt".
Eine sonderbare Nachricht. Nur wenige Monate nachdem Dortmund um Amtshilfe gebeten hatte, saß Malloth im Südtiroler Schlanders vor einem Notar. Unter dem Aktenzeichen 1583/76 hielt der Jurist fest, dass der Klient Malloth seiner Tochter Anneliese das Haus an der Petrarca-Straße schenkte. Für sich und seine Frau ließ er notariell ein "lebenslängliches und gesamtes Fruchtgenussrecht" beglaubigen.
Im März 1979 stellte die Dortmunder Staatsanwaltschaft ihr Verfahren wegen der blutigen Vorgänge in der "Kleinen Festung Theresienstadt" zum ersten Mal ein. Malloths "Schicksal" habe nicht ermittelt werden können.
Am 5. August 1988 erreichte den zuständigen Dortmunder Oberstaatsanwalt Klaus Schacht der Anruf eines Kollegen von der Bozener Anklagebehörde. Der teilte mit, der Gesuchte sei "bei seiner Familie aufgegriffen" worden. Er halte sich "illegal in Italien" auf, und da er "einen abgelaufenen Pass der Bundesrepublik Deutschland" besitze, sei seine Abschiebung "beabsichtigt".
Schacht sprang nicht sofort drauf an. Er bat, Malloth erst einmal bei seiner Familie zu belassen, um ihn später vernehmen zu können. Die Italiener aber wollten ihn so schnell wie möglich loswerden. Fünf Tage nach dem Telefonat setzten sie ihn ins Flugzeug und expedierten Malloth nach München.
Im Februar 1989 kam Druck ins Verfahren - von ganz anderer Seite. Der Kölner Schriftsteller Peter Finkelgruen, der in Prag das Schicksal seiner Familie recherchierte, traf zufälligerweise auf eine alte Dame, die seinen Großvater gekannt hatte. Sie schilderte ihm, dass Martin Finkelgruen in Theresienstadt erschlagen worden sei - "von Malloth".
Finkelgruen, der den Fall detailliert in seinem Buch "Haus Deutschland" schildert, erstattete Anzeige. Schacht vernahm die Frau und einen weiteren Zeugen, kam aber zu der Erkenntnis, deren "widersprüchliche Angaben" könnten keinen "hinreichend sicheren Tatnachweis" begründen. Folge: Das Verfahren wurde eingestellt, zum zweiten Mal.
Derweil kümmerte sich eine prominente Frau der Rechtsaußen-Szene um Malloth - Gudrun Burwitz, Tochter des einstigen SS-Chefs Heinrich Himmler. Sie gehört der "Stillen Hilfe" an, einer "Art amnesty national für NS-Mörder", urteilt der Informationsdienst "blick nach rechts". Die "Stille Hilfe" war bis vor wenigen Jahren sogar als gemeinnützig anerkannt.
Die Himmler-Tochter besorgte Malloth, der nach seiner Abschiebung in einer Münchner Männerpension "unter menschenunwürdigen Umständen" gelebt habe, ein hübsches Zimmer in einem gediegenen Pullacher Altersheim. Malloths Frau und seine Tochter gaben Gudrun Burwitz schriftlich, dass ihr "bei seinem Ableben" alle "persönlichen Dinge zur Verfügung gestellt werden".
Das juristische Spiel ging weiter. Im April 1993 nahm Schacht die Ermittlungen wieder auf - weil Mitarbeiter der Gauck-Behörde einen interessanten Fund gemacht hatten. 1968 war vom Stadtgericht Groß-Berlin ein Kamerad Malloths aus der "Kleinen Festung Theresienstadt" zum Tode verurteilt worden; die Staatssicherheit hatte während der Hauptverhandlung ein Tonband mitlaufen lassen, 80 Stunden lang.
Wieder wurden Zeugen gehört, Archive durchstöbert, Tausende Seiten Akten kopiert. Schließlich umfasste der Vorgang Malloth 60 Leitz-Ordner. Schacht, heute pensioniert, vor zwei Jahren: "Wir reißen uns die Beine aus."
Im Juni 1999 jedoch beerdigte er das Malloth-Verfahren zum dritten Mal - eine Entscheidung, die auch vom NRW-Justizministerium gutgeheißen wurde. Mordtaten hätten nicht nachgewiesen werden können, die "generelle Feststellung", Malloth habe sich "in brutaler Weise an Leib und Leben von Gefangenen vergangen", reiche für eine Anklageerhebung nicht aus.
So schien der Fall gut 35 Jahre nach seinem Beginn in Deutschland endgültig beendet. Da meldete sich im November 1999 bei der Prager Staatsanwaltschaft ein über 70-jähriger Mann, dessen Name aus "ermittlungstaktischen Gründen" geheim gehalten wird. Er könne bezeugen, dass Malloth im September 1943 bei der Feldarbeit einen jüdischen Gefangenen erschossen habe - weil der offenbar hungrige Mann einen Kohlkopf unter seiner Jacke versteckt hatte.
Als die Post aus Prag eintraf, fühlten sich die Dortmunder Juristen nicht mehr zuständig. Sie gaben den Vorgang an die Staatsanwaltschaft München I weiter, in deren Kompetenzbereich der Vorort Pullach fällt. Am 25. Mai erwirkte sie beim Amtsgericht einen Haftbefehl. Der Untersuchungshäftling bestreitet den neuerlichen Tatvorwurf "nachdrücklich", ließ er mitteilen.
Ob Malloth je der Prozess gemacht wird, ist ungewiss. Der Mann ist 88, fast blind und kann kaum noch laufen.
GEORG BÖNISCH
Von Georg Bönisch

DER SPIEGEL 26/2000
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