26.06.2000

FDPTurnvater Klaus

Ex-Minister Kinkel hat eine neue Aufgabe gefunden: Der passionierte Jogger will der schlaffen Jugend aufhelfen.
Für einen, der bald die Rente durchhat, ist Klaus Kinkel in blendender Verfassung. Jeden Morgen schnürt der einstige Außenminister und Vizekanzler seine Joggingschuhe, hetzt am Wochenende beim TC Hechingen über den Tennisplatz und jagt winters auf Skiern über die Pisten von Reit im Winkl. Haarausfall, Hängebauch, Herzinfarkt - kein Thema für den 63-Jährigen. Kinkels halbstarke Stirntolle glänzt wie zur Studienzeit. Kaum fünf Kilo trennen nach eigenen Angaben seine Körpermitte vom Waschbrettbauch.
Neuerdings furchen indes Sorgenfalten des Ex-Ministers kantiges Gesicht. Ausgerechnet im Sportausschuss des Bundestages, sonst als Stammtisch jubelstarker Spesenurlauber verspottet, ist er auf ein schlimmes Problem gestoßen, auf eine, so Kinkel, "laut tickende Zeitbombe" für den Standort Deutschland: Muffelei im Schulsport.
"Mit Entsetzen" habe er von Fachleuten erfahren, dass schon Zwölfjährige häufig unter Kreislaufschwäche, Haltungsfehlern und Überfettung litten, weil an den Schulen jede dritte Sportstunde ausfalle. "Dramatisch" seien bei einer Anhörung im Ausschuss die Ausführungen des einstigen Hürdenläufers Harald Schmid zur Bewegungs- und Orientierungsunfähigkeit deutscher Schüler gewesen. Auch das Urteil ausländischer Experten habe ihn niedergeschmettert. "Die belächeln uns", klagt Kinkel, "als Schulsportentwicklungsland."
Das soll sich nun ändern. Zusätzlich alarmiert vom Abstieg seines Lieblingsclubs Karlsruher SC aus der Zweiten Bundesliga und dem kläglichen Auftreten deutscher Fußballer bei der Europameisterschaft, will Kinkel nach der Sommerpause alle Kultusminister und Senatoren der Bundesländer nach Berlin zitieren, um ein Signal zu setzen gegen die schleichende Zersetzung der Muskelkraft an deutschen Schulen. Turnvater Klaus bringt die Jugend auf Trab.
Da kann er gleich in seiner Heimatregion anfangen. Mit einiger Bitterkeit musste Kinkel bei den jüngsten Endrunden von
"Jugend trainiert für Olympia" feststellen, wie die Mannschaften aus Stuttgart, Heidelberg oder Schelklingen zumeist das Nachsehen hatten. Am Ende schaffte Baden-Württemberg in 47 ausgelobten Wettbewerben nur zweimal Gold und belegte in der Länderwertung einen kläglichen elften Rang. Ganz vorn im Medaillenspiegel landeten hingegen die ostdeutschen Bundesländer, deren Sportkaderschulen offenbar nahtlos an glanzvolle DDR-Zeiten anknüpfen konnten.
Vom Osten lernen heißt für Kinkel nun siegen lernen. 21 sportbetonte Schulen und Internate gebe es in den neuen Ländern, im bevölkerungsreichen Westen hingegen werde die Jugend an lediglich zehn Schulen auf sportliche Höchstleistung getrimmt, rechnet Kinkel vor: viel zu wenig, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können.
Der Staat soll es richten. "Schulsport ist eine politische Aufgabe erster Güte", doziert FDP-Mann Kinkel und drängt liberales Gedankengut, wonach selbst Gefängnisse privatisiert werden sollten, kurzerhand ins Seitenaus. So fordert er die Ministerpräsidenten der Länder auf, den "Schulsport zur Chefsache" zu erklären und einen "runden Tisch aus Kultusministern, Sportministern und dem Sportausschuss des Bundestages" zu etablieren.
Die Bundesregierung wiederum solle schleunigst Druck machen auf die EU-Kommission in Brüssel, um das Problem auch europaweit in den Griff zu kriegen. "Man muss", dämpft Deutschlands einstiger Chefdiplomat sich selbst, "ja nicht gleich einen eigenen Schulsportkommissar etablieren."
Mögliche Einwände der Kultusminister, Schulsport sei Ländersache und Kinkel nicht zuständig, wischt der passionierte Dauerläufer vom Tisch. "Ohne Schulsport kein Breitensport", sagt er, "und ohne Breitensport kein Leistungssport." Für Letzteren wiederum sei der Bund in Berlin verantwortlich.
Dort schmiedet er bereits an strategischen Allianzen. Als sportpolitischer Sprecher der FDP verbündete sich Kinkel mit seinem Kollegen aus der PDS-Fraktion, Ostdeutschlands putziger Radsport-Legende Gustav-Adolf ("Täve") Schur. Gemeinsam setzten sie sich im Bundestag für zumindest drei Sportstunden pro Unterrichtswoche ein und nutzten Hintergrundkreise, um Journalisten auf das Problem mit der Jugend aufmerksam zu machen.
Zudem verabredeten die beiden Veteranen, der Jugend als leuchtendes Vorbild voranzujoggen. Seite an Seite rannten Kinkel und Schur bei einem Parlamentarierlauf Anfang Mai durch den Berliner Tiergarten. Kurz bevor sie die Ziellinie querten, reichten sie sich sogar traulich die Hände.
17 Minuten und 56 Sekunden für 3,6 Kilometer: Kein schlechter Schnitt, stellte Kinkel zufrieden fest. Wollte er heute die Aufnahmeprüfung an der Deutschen Sporthochschule in Köln bestehen, müsste er pro Kilometer noch 38,9 Sekunden schneller sein. ALEXANDER NEUBACHER
* Beim ersten Berliner Bundestagslauf am 10. Mai.
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 26/2000
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