03.07.2000

FERNSEHEN„Faxen dicke“

Viva-Chef Dieter Gorny, 46, über deutsches Musik-TV und den Börsengang seiner Gruppe
SPIEGEL: Ihr Erzrivale MTV glaubt, das Unternehmen Viva sei bei Jugendlichen nicht mehr cool. Was wollen Sie in einem solchen Zustand an der Börse?
Gorny: Wir sind schneller, besser, profitabler - was hat das mit cool zu tun? Im Übrigen belegen unsere Umfragen, dass MTV als eintönig und karg empfunden wird, wir aber als warm und glaubwürdig. Und vor allem: Die TV-Quoten zeigen, dass wir vor der Konkurrenz liegen.
SPIEGEL: MTV hält sich neuerdings wieder für den Marktführer. Das soll die jüngste AWA-Studie, eine Umfrage in der Werbeindustrie, belegen.
Gorny: Danach haben auch bei uns Hunderttausende mehr eingeschaltet. Die Umfrage gibt letztlich nur wieder, dass MTV in knapp 30 Millionen Haushalten zu sehen ist, wir aber in nur 20 Millionen, da uns noch ein Platz auf den reichweitenstarken Astra-Satelliten fehlt. Mit den über 100 Millionen Mark, die uns der Verkauf von 26 Prozent unserer Aktien beim Börsengang am 19. Juli voraussichtlich bringt, werden wir das schnell ändern. Ich habe die Faxen dicke und werde dem Wettbewerb damit endgültig das Maul stopfen. Auch mit unseren Investitionen in ein neuartiges Online-Angebot werden wir MTV überrunden: Damit können wir sogar erstmals Spots im Internet zeigen.
SPIEGEL: Ihre Redaktion weigert sich hartnäckig, erfolgreiche Musiktitel der "Big Brother"-Teilnehmer zu senden, die an der Spitze der Hitparade stehen. Warum?
Gorny: Die Redakteure glauben wirklich, die Musik sei zu schlecht für das Programm. Wir haben aber beispielsweise Alex interviewt und seine Single vorgestellt. Doch in das Standardangebot, die Rotation, nehmen wir solche Titel nicht auf, weil wir nicht in den Ruf eines Ballermann-Ibiza-Senders kommen wollen. Das würde die ambitionierte Jugendmarke Viva verwässern.
SPIEGEL: Lieber kooperieren Sie mit dem ZDF und dem SFB. Ist Viva eine Art Viagra für Öffentlich-Rechtliche?
Gorny: Die bekommen junges Programm, wir neue Zuschauer - eine prima Sache für beide. Derzeit reden wir zum Beispiel über eine Kooperation mit dem WDR rund um dessen alte Erfolgsmarke "Rockpalast". Wir würden dann gemeinsam produzieren und die Konzerte auf unseren Kanälen je nach Gusto getrennt ausstrahlen. Damit würden wir zusammen das Lebenswerk des verantwortlichen WDR-Redakteurs Peter Rüchel retten - und das ist es wert.

DER SPIEGEL 27/2000
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