03.07.2000

SEXUALITÄTDie Tyrannei der Lust

Ob Kino, Fernsehen oder Werbung - noch nie wurden wir derart mit Sex bombardiert wie heute. Doch während auf der Love-Parade Nacktheit gefeiert wird und Sexologen gerade das globale Triebleben analysierten, geht es in den Betten deutlich ruhiger zu. Von Reinhard Mohr
Ruf!mich!an!", stöhnt es allabendlich lustvoll in Millionen deutscher Wohnzimmer, während es in den Schlafgemächern auffallend ruhig bleibt. Kein Wunder, denn meist steht der Fernsehapparat immer noch in der guten Stube, und so treffen die schier endlosen Werbebotschaften der Telefonsex-Hotlines zuverlässig ins Zentrum des Alltagslebens - genau zwischen Schrankwand und Couchtisch.
Dort hat man es sich schon längst gemütlich gemacht, wenn auf RTL 2, Sat 1, Pro Sieben oder Vox die "Bedtime Stories" laufen, "Justine - Verführte Unschuld", "Doktor Sex" oder die 28. Wiederholung von "Black Emanuelle". Doch auch die strikt investigativen TV-Magazine wie "exklusiv - die reportage" ("Stripper, Schampus, scharfes Spielzeug. Was Frauen heiß macht") oder "Die Redaktion spezial" ("Sex vor der Kamera - Pornotrends 2000") sorgen für anhaltende Triebspannung im deutschen Heim.
Besondere Aufmerksamkeit erringen die wöchentlichen Aufklärungssendungen wie "Wa(h)re Liebe", "peep!" und "Liebe Sünde", in denen kein einziger Aspekt im erotischen Verhältnis von Herrchen und Frauchen unterschlagen wird: vom schwulen Schamhaarfriseur in Hamburg-Eimsbüttel über Turbo-Masturbation beim Nackt-Fallschirmspringen für Fortgeschrittene (diesmal ohne Möllemann) bis zum restlos zugetackerten Body eines polymorph-perversen Eisenwarenliebhabers, von der Vagina-Massage in Kalifornien bis zu chirurgischen Problemen bei der Penisverlängerung auf Mallorca - nichts bleibt ungesagt, nichts bleibt ungezeigt. Da ist Liebemachen auf dem Baugerüst oder ein Lack-und-Leder-Club auf der Schwäbischen Alb schon wieder sturzbraver Kuschelsex, grundehrliche Arbeit am Trieb.
Deutschland - ein Hexensabbat der Lüste, eine einzige Sadomaso-Messe der Erotik? Ist jetzt irgendwie alles geil in der Berliner Republik, späte Frucht der sexuellen Revolution in den sechziger Jahren wie die Berliner Love-Parade, die am Wochenende zum zwölften Mal stattfindet?
Doch wie sieht es in der harten Wirklichkeit des Geschlechteralltags aus? Korrespondiert die rasante Sexualisierung der Öffentlichkeit mit einem Rückgang des Sex im Privatleben, wie diverse Studien nahe legen? Erschlägt die übermächtige Hochglanz-Erotik die kleine Lust im Federbett?
Auf dem Kongress der Sexologen in Berlin berieten vergangene Woche über 300 Triebexperten über die aktuelle Lage - und diskutierten unter anderem über die bisher gründlichste Kartografie der globalen Lust (siehe Seite 144): Wie häufig, wie lange und mit wie vielen Partnern haben Amerikaner Sex, wie oft und wie lange die Isländer - und die Deutschen?
Für Letztere jedenfalls scheint der Frankfurter Sexualforscher Martin Dannecker zu fürchten, sie seien die Opfer einer visuellen "Tyrannei der Lust" geworden. "Zu Hause", meint Dannecker, "hat sich nichts verändert. Es gibt nicht mehr Sex, auch nicht mit wechselnden Partnern."
Sicher ist, dass noch nie zuvor eine derartige Flut an sexuell konnotierten Bildern und Botschaften auf die Menschen eingestürzt ist wie in diesen Tagen - und niemand kann sich einfach am Mast festbinden lassen wie einst Odysseus beim Klang der lockenden Sirenen.
Wer die Zeitungen und Zeitschriften aufschlägt, ins Kino oder Theater geht, im Internet surft, Fitness-Studios frequentiert, Modenschauen besucht oder einfach nur durch die Straßen spaziert, wird geradezu bombardiert mit Bildern der Verführung und Ekstase, perfekter Schönheit und Appellen des Verlangens. Die großformatige, das Straßenbild beherrschende Dessous-Reklame von Palmers oder H&M mit traumhaft schönen, makellosen Models ist derart suggestiv, dass sie Faszination und Einschüchterung zugleich bewirkt. Es sind verführerische Demonstrationen einer unfassbaren, fast göttlichen Stärke. So sieht kein Mensch aus.
"Kauf mich!", fordert derzeit bundesweit eine junge Frau mit weit gespreizten Beinen die Passanten auf. Am unteren Ende des aufreizenden Plakats steht: "Die Jugend geht an die Börse. Viva Media AG."
Da soll der Dax zum Tiger werden.
Die Fachzeitschrift "Werben und Verkaufen" stellt trocken fest: "Unter zunehmendem Werbedruck brechen die letzten Tabus. Die Sexmotive sind schärfer denn je." Der Konkurrenzkampf erzwinge geradezu eine immer realistischere Form der Darstellung sexueller Szenen. Die Bildsprache werde "voyeuristischer und pornografischer". Auch das Branchenblatt "Horizont" sieht die "Moral im Wandel, die Schamgrenze im Sinkflug" - Folge einer flagranten Wechselwirkung zwischen Medien, Werbung und Gesellschaft: "Wollüstig geöffnete Lippen, lasziv sich räkelnde Leiber, Paare mitten im Geschlechtsakt oder noch beim Vorspiel - in immer mehr Commercials steht ganz unverhüllt Graf Porno Pate."
Dass Levi''s seinen Catwalk in der berüchtigten Herbertstraße auf St. Pauli installierte, war nur eine weitere Markierung auf dem Weg vom guten alten Schlüsselreiz zur Rundum-Kommunikation mit den vielfältig einsetzbaren Botschaften des Sexus. Der Trendforscher Matthias Horx spricht gar von einer "Pornografisierung der Gesellschaft", andere von der "Sex-Society". "Porn Goes Mainstream" titelte das amerikanische "Time"-Magazin. Schon schmücken sich Popbands mit frisch gestylten Pornostars, die den Musikvideos einen neuen schrägen Kick verpassen sollen. Hier zu Lande ist die Ex-Pornodarstellerin und Produzentin Dolly Buster schon längst gesellschafts-, gar parodiefähig, und auch der alljährlich in Cannes vergebene "Hot d''Or", eine Art Porno-Oscar, ist aus der Schmuddelecke raus.
Auf den Mode-Laufstegen der Welt paradieren derweil die Models tendenziell ganz ohne alles - Po und Brüste schwingen frei. Haute Couture goes Nackedei. Das prägt. Anlässlich der ungezählten Film-Galas und Premierenpartys zwischen Berlin-Mitte und Monte Carlo ist unter den Damen des Jet-Set längst ein inoffizieller Liz-Hurley-Wettbewerb um die goldene Sicherheitsnadel ausgebrochen: Welcher fragilen Schönheit wird es wohl am besten gelingen, in Sachen Glamour-Robe bis hart an die Grenze zur völligen Nacktheit vorzustoßen? Wann platzt der letzte Knopf, wann reißt das erste Fadenträgerchen?
Selbst eben noch dem Kinderzimmer entwachsene Girlies wie die 18-jährige Popsängerin Britney Spears beteiligen sich, freilich erst nach erfolgreicher Brustvergrößerung, an den textilminimalistischen Rekordversuchen.
Im Schlagschatten der Mega-VIPs versuchen auch deutsche Pop- und Partysternchen wie Sabrina Setlur, Jenny Elvers und Ariane Sommer, das rein stoffliche Nichts zu radikalisieren. Unentwirrbar verschlingen sich dabei Exhibitionismus, Narzissmus und eine neue Body-Communication des gesellschaftlichen Erfolgs, enge Verwandte des Fitness-Wahns im Zeitalter des Waschbrettbauchs und der "Bauch-Beine-Po"-Kurse. Und: Noch nie haben sich derart viele Film- und TV-Stars für den "Playboy" ausgezogen.
"The body is the message", variiert die Hamburger Soziologin Gabriele Klein die berühmte Medienthese von Marshall McLuhan. Der Körper werde zum artifiziellen Objekt, zum "Kunstkörper".
Einerseits wird das Outfit immer aufreizender, andererseits werden die Versprechen nicht eingelöst. Stattdessen formt man in fast religiös anmutendem Eifer am eigenen Erscheinungsbild - und, ganz nebenbei, am großen Paradigmenwechsel.
Im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit fürchten die meisten nicht mehr ein wie auch immer begründetes moralisches Ungenügen, sondern ästhetisches Versagen. "Cool und sexy sein" heißt die Parole. "Fit for Fun" ist das Gebot der Stunde - auch bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises oder auf einer jener Aids-Galas, wo die hoch geschlitzten Kleider und tief geschnittenen Dekolletés als Memento Mamma die glücklich Überlebenden immerhin daran erinnern, was auf dem Spiel steht.
Suchte Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, einst die Äußerungen des dunklen Triebes in ganz und gar nichtsexuellen, sublimen Alltagsverrichtungen, so lautet der Rechercheauftrag in den Zei-
ten des gepiercten Bauchnabels: Was alles lässt sich über Sex kommunizieren (und führt womöglich zugleich von ihm weg)?
Sex, so scheint es, ist zur Ressource geworden, Kapital und Spielmaterial der eigenen Existenz voller Vexierbilder des Sexuellen, ein gigantisches Kommunikationsmittel, Mittel zum Zweck - nicht mehr Zweck, Erfüllung, "heiliger Eros" (Bataille). Längst hat das eher harmlose, kieksende Partygirl die Femme fatale verdrängt, die Männer noch reihenweise ins Unglück stürzen konnte und sich dazu.
Auch auf diesem Feld triumphieren die Inszenierungen der Spaßgesellschaft.
"Desire desires" - das Verlangen nach der Sehnsucht, die Sehnsucht nach Verlangen, die permanente Erregung, der Hype, der nicht unbedingt auf sofortige Erfüllung zielt, sei zum dominierenden Topos geworden, sagt der Hamburger Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt.
Man begehrt die Begierde. "Desire is a fuzzy matrix." Soll heißen: Verlangen ist eine fusselige Substanz. An ihr bleibt vieles hängen. Schmidts Frage, so paradox sie klingt, lautet: "Was ist das Nichtsexuelle an der Sexualität?"
Seine ebenso paradoxe Antwort: Es gibt eine gewisse Entsexualisierung der Sexualität, eine tendenzielle Abkoppelung vom kruden Trieb, eine Entzauberung und Versachlichung, Entdramatisierung und Trivialisierung, hier und da auch Ironisierung.
Volkmar Sigusch, Leiter des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft, sagt es noch deutlicher: "Die Bedeutung des Sexuellen ist auf fast allen Ebenen reduziert worden." Die "neue Sexualität" ziele eher auf den seelischen Gewinn der Bewunderung, auf die Bestätigung der Selbstliebe als auf die klassische Finalität des Koitus - das "Rumkriegen" und "Flachlegen" ehernen Angedenkens, die Chauvi-Utopie der Strichliste, die gute alte Fünf-Minuten-Terrine. "Ein Mann fühlt sich erst dann als Mann, wenn er es dir besorgen kann", sangen noch 1998 höhnisch Die Ärzte in ihrem Super-Hit "Männer sind Schweine".
Inzwischen aber, so meinen viele Experten, sind Vorstellungen und Bilder weithin wichtiger geworden als die profane Realisierung, scheint das Gefühl von Rausch und Ekstase reizvoller als der eigentliche Beischlaf, der oft genug die hoch gespannten Erwartungen enttäuscht und jede Menge unerwünschte Verwicklungen mit sich bringen kann.
Die Love-Parade nennt Sigusch folgerichtig eine "Siegesfeier der Selbstliebe": eine "Self-Love-Parade". Da ist alles drin, was den erotischen Zeitgeist ausmacht: "die Inszenierung, die modernisierte, flexibilisierte Liebe und die Selbstbezüglichkeit", kurz: die Selbststilisierung des Sexuellen.
Sex ist eine Art Gesamtkunstwerk geworden, ein "Flanieren in sexuellen und symbolischen Welten" (Schmidt) - Entertainment, Erotik light. Auf paradoxe Weise relativiert so die öffentliche Allgegenwart des Sexuellen den guten alten Sex zwischen Mensch und Mensch - gerade weil sich die Möglichkeiten und Freiheiten erweitert haben, bis in die virtuellen Welten des Cyberspace hinein.
Die dramatische, zerstörerische wie befreiende Wucht, die dem Sexualtrieb etwa noch bei Wilhelm Reich und den 68ern zugeschrieben wurde - "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!" -, hat sich in den Zerstreuungen der modernen Spaß- und Erlebnisgesellschaft aufgelöst. Hier sind inzwischen ganz neue Verbindungen von Aktivität und Passivität, Eroberung und Voyeurismus entstanden. Wie in anderen Bereichen der Gesellschaft auch hat sich alte Radikalität in neue, pragmatisch-zivile Lebensformen verwandelt: Die "sexuelle Revolution" ist in den grellbunten Medienwelten angekommen, wo Bizarres neben Gewöhnlichem haust, Idiotie neben neuer Freiheit.
Nachdem die letzten großen Verbote, Tabus und Barrieren der Triebverdrängung beiseite geräumt worden sind, ist die Sünde der Fleischeslust historisch genauso erledigt wie die Utopie vom alles wegschwemmenden Orgasmus. Dialektik der Aufklärung.
Auf die Frage des Forschungsinstituts Emnid, was für sie das Wichtigste im Leben sei, antworteten 1999 62 Prozent der rund tausend befragten jungen Deutschen beiderlei Geschlechts: die "Familie". Dann kamen "Freundschaft", "Gesundheit", "Liebe", "Karriere". Mit sechs Prozent der Nennungen lag "Sex" abgeschlagen auf dem letzten Platz.
Sex ist heute, welche Entlastung, welcher Verlust, profanisiert, ja trivialisiert. Er hat seine transzendenten, umwälzenden Kräfte verloren.
Doch ist die neue optionale Gelassenheit gegenüber dem Sex nur die eine Seite. Auf der anderen erhebt die multimediale Tyrannei der Lust, der Weichzeichner-Terror von Bauch, Beine, Po sein triumphierendes "Ich bin so geil"-Geschrei - ein neuer Mythos von ewiger Jugend, Perfektion und Selbstvergötterung: ich und mein Magnum in der Badewanne. Geiler geht es nicht. Narziss schlägt Odysseus. Boxenluder statt Penelope. Peep. Zurück zur Werbung.
* Herbert Knaup, Natalia Wörner in David Hares "The Blue Room" in den Hamburger Kammerspielen.
Von Reinhard Mohr

DER SPIEGEL 27/2000
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