10.07.2000

VERKEHRKult und Kamikaze

Mikroroller sind ein Verkaufshit - trotz fahrdynamischer Mängel. Techniker arbeiten bereits an neuen Modellen mit Luftreifen, Elektromotor oder Windsegel.
Wenn einer eine gute Idee klaut, begeht er geistigen Diebstahl. Tun es viele, spricht man hingegen vom Trend.
Die Alpengipfel bei Altstätten (Schweiz) leuchten im Mondlicht. Marc Burn, 20, steht auf einem kleinen Tretroller. Wie eine silberne Schlange zieht sich die Pass-Straße ins Tal. "20 Prozent Gefälle", sagt der junge Mann. Dann nimmt er Schwung.
Bei 60 km/h knirschen die Polyurethan-Rädchen wie Glasmurmeln auf dem As-
phalt. Drei Freunde, auch sie vermummt mit Lederpanzern, folgen. An ihren Sturzhelmen sind Stirnlampen befestigt. 70 km/h, hoppla, eine Linkskurve, 80 km/h, die Truppe überholt ein Wohnmobil.
Die Fahrzeuge der vier Raser wiegen knapp drei Kilogramm, sie haben weder Federung noch Felgenbremsen. Fast jede Nacht zwischen 23 und 2 Uhr trifft sich die Truppe zu heimlichen Extremfahrten.
Den Temporekord hält derzeit der Frisör Jörg Zachmann aus Neuburg/Donau. Auf der Alpenhochstraße am Großglockner erreichte er Ende Mai - auf einem 2,7 Kilogramm schweren Alufloh - eine Geschwindigkeit von 110 km/h. Es ist, als fahre Schumi mit dem Rasenmäher bei der Formel 1.
Doch auch in den Großstädten geht es zur Sache. Hausfrauen karjuckeln auf Minirädern zum Einkaufen, Krawattenträger sausen über U-Bahnsteige. Beim Parteitag der Grünen in Münster fuhr der Vorstand mit Mikrorollern auf die Bühne.
Ein Gefährt, das die Vierjährigen früher gelangweilt in die Ecke stellten, gilt plötzlich als "total trendy", wie die "Süddeutsche Zeitung" weiß. Nach dem Handy hat die Internet-Gesellschaft das "Füßy" entdeckt, den Gehsteig-Goggo für die Wurstbuden-Distanz.
Schon im letzten Jahr schwelte der infantile Hype - in Fernost. Mehr als 200 000 Vehikel der Marke "Micro" wurden in Japan abgesetzt. Nun hat die Lawine Europa erfasst. In Holland heißen die Roller "Autopeds", in Frankreich "Trottinettes". Die USA, sonst Trendsetter beim Funsport, hinken hinterher.
"Der Verkauf brennt", sagt ein Karstadt-Verkäufer. Supermärkte verhökern "Cityblitze", andere Versionen heißen "Swingdrive" oder "Citytramp Presti". Viele der Käufer sind über 30 Jahre alt. Doch auch die 6- bis 12-Jährigen, bislang vom Pokémon-Fieber erfasst, haben das Spaßmobil entdeckt.
Dabei fing alles so ruhig an. Es war ein beschaulicher Adventsabend im Jahre 1993, als der Berliner Sieghard Straka in der Kneipe saß und einen Bleistift durch einen Bierdeckel bohrte: "Das war die zündende Idee."
Tags darauf besorgte sich der Bastler ein Skateboard und dübelte eine Stange aufs Trittbrett. Der Prototyp war geboren. Besonders stolz ist Straka, 46, auf die "Achsschenkellenkung" des Geräts. Die beiden Vorderräder des von ihm hergestellten "Ciro" (für Cityroller) sitzen an den kurzen Seiten eines rechteckigen Gestänges.
Voller Wehmut erinnert sich der Ingenieur an die schweren Jahre der Gründerzeit. 1996 habe er 25 Roller eigenhändig in der Wohnung verschraubt. "Verkauft wurden nur zehn."
Bei seinen Demonstrationsfahrten erlitt der Pionier weitere Rückschläge. Mehrfach kam er zu Fall. Der schlimmste Sturz ereignete sich bei Dunkelheit in Kreuzberg. "Da fehlte eine Gehwegplatte im Bürgersteig", erzählt er. Der Roller blieb im Sand stecken, der Fahrer flog weiter. Inzwischen hat sich Straka gesundgestoßen, der Phönix macht jetzt Asche. In Schwarzenberg im Erzgebirge sitzen in einer Fabrik zehn Mitarbeiter und bauen pro Woche 200 Ciros zusammen.
Auch Wim Ouboter, 40, gilt als ein Mann der ersten Stunde. Ende 1998 kaufte der "Micro-Hayek vom Zürichsee" ("Weltwoche") seinem Berliner Kontrahenten die Achsschenkellenkung ab und reichte die Lizenz an den Sportartikelgiganten K2 weiter. Der baute daraufhin das (dreirädrige) "Kickboard" - und schob die Idee mit einer großen Werbekampagne an.
Vor allem Ouboters neuste Version, der Micro, ist unter Yuppies zum Verkaufsschlager geworden. Dieser Tretroller besitzt nur zwei Räder und ist ganz aus Aluminium gefertigt. Das Trittbrett ist kaum 40 Zentimeter lang. Gestoppt wird mit einer Art Klotzbremse. Vertriebspartner Fritz Fischer: "Die Leute reißen uns das Ding aus der Hand. Wir verkaufen jede Woche 20 000 Stück."
Um den Massenansturm zu bewältigen, hat Ouboter seine Produktionsanlagen aufgerüstet. Die glänzenden Mini-Geräte stammen allesamt aus Shenzhen in China. 3000 Billigarbeiter verschweißen dort in drei Fabriken die Alu-Rohre. Auch in den USA wird der Micro seit einigen Wochen vertrieben. Dort heißt er "Razor" (Rasiermesser).
Der Name macht durchaus Sinn. "Noch nie wurde ein so schlechtes Fahrzeug entwickelt", schimpft der Aachener Maschinenbauprofessor Ernst von der Osten-Sacken. Schon bei kleinsten Hindernissen, hoch stehenden Gehwegplatten oder Steinfugen etwa, blockieren die Räder. Auf Radwegen stellt sich ein fulminantes Waschbrettgefühl ein. Kommentar des Fachmanns: "Das ist kein Kult, sondern Kamikaze."
Vor allem die Lenkung der Knirps-Vehikel, kabbelig und nervös, stellt hohe Anforderungen an die Psychomotorik des Fahrers. Ein Prüfer vom "Stern" befand: "Manchmal hatte ich das Gefühl, nicht ich fahre mit dem Roller, sondern er mit mir."
Solche Nörgeleien lassen die Hersteller nicht gelten. "Sie brauchen kaum üben", meint Straka, "einfach Schwung holen und losfahren." Verbogene Rahmen lässt das Werk in Schwarzenberg auf Kulanzbasis wieder richten.
Mehr Kopfzerbrechen bereitet den Herstellern der Ideenklau. "Auf der großen Fahrradmesse in Taipeh wurden fast 50 neue Raubkopien gezeigt", jammert Ouboter. Die meisten dieser Plagiate werden von chinesischen Kleinfirmen zusammengeschraubt.
Vier Schwarzbetrieben konnte der Rollerpapst aus Küsnacht per Gerichtsbeschluss das Handwerk legen. Doch der Kampf ist aussichtslos. Die Originale "Kickboard", "Ciro" und "Micro" besitzen kaum patentwürdige Teile. Nur ihr Design ist durch so genannte Geschmacksmuster geschützt.
Um ihr Terrain zu verteidigen, setzen die Pioniere aus Mitteleuropa deshalb auf Erfindergeist und neue Techniken. Straka experimentiert mit vergrößerten Rädern. Ouboter hat einen eigroßen Elektromotor entwickelt. Eine andere Version ist mit einem zwei Meter hohen Segel bestückt. Am 6. August, bei der nächsten Ispo-Sportartikelmesse, heißt es, werde ein Feuerwerk von neuen Geräten präsentiert.
Auch das Modell für den Wald- und Wieseneinsatz steht bereits fertig in Ouboters Tüftellabor. Es ist mit Gummireifen ausgerüstet, Luftdruck: 5,8 bar.
Extremfahrer Burn hat den pneumatisierten Erlkönig bereits mit 40 km/h über abschüssige Waldwege gesteuert. Sein Testurteil: "Hoher Spaßfaktor, da spritzen die Kiesel." MATTHIAS SCHULZ
* Bei MVG im sächsischen Schwarzenberg.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 28/2000
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