17.07.2000

GROSSBRITANNIENEiserne Großmutter der Nation

Seit den Bombennächten von London ist die Königinmutter bei ihren Untertanen besonders beliebt. Doch den Ansehensverfall der Windsors kann auch die bald Hundertjährige nicht aufhalten.
London feiert: Eskortiert von Reitern wird die Jubilarin am Mittwoch dieser Woche auf dem Pracht- und Paradeplatz unweit des Buckingham-Palasts vorfahren. Dort führt ihr Enkel, der bereits vom Vorruhestand bedrohte ewige Thronpretendent Charles, dann rund 40 Angehörige der Windsor-Familie mit einem Geburtstagsständchen an. Ein wenig später wird sich der Himmel öffnen, und auf "Königin Elizabeth, die Königinmutter", regnen eine Million Rosenblätter herab, die zu ihrem pastellfarbenen Outfit passen sollen.
Mit der Hauptstadt feiert die ganze Nation. Denn "Queen Mum", die tatsächlich erst am 4. August 100 wird, genießt etwas, wovon die anderen Generationen der Windsors nur träumen können: Ansehen bei ihren Landsleuten. Während sich ihre älteste Tochter den stetigen Vorwurf anhören muss, sie habe in fast 50-jähriger Regentschaft das Herrscherhaus in teutonischer Grabeskälte erstarren lassen, während die Generation ihrer Enkel die Blätter mit Liebesleid und Scheidungsschmutz gefüllt hat, gilt die Matriarchin als sakrosankt - eine unangreifbare Großmutter der Nation, die nicht mehr ganz von dieser Welt zu sein scheint.
Ihr, der letzten "Kaiserin von Indien", haftet noch immer ein wenig Glanz des untergegangenen britischen Empire an. Ihr unbeugsamer Patriotismus, der sie in den Augen ihres Kriegsgegners Hitler zur "gefährlichsten Frau Europas" machte, mahnt ihre Untertanen an jene guten Zeiten, in denen Kontinentaleuropäer keine EU-Partner, sondern "bloody foreigners" waren. Gleichzeitig hat sie es meisterhaft verstanden, bei allen Auftritten als Liebenswürdigkeit in Person zu erscheinen. Schaut ihre Tochter mit
zunehmendem Alter immer verbiesterter drein, neigt Queen Mum stets das königliche Haupt leicht zur Seite und lächelt huldvoll.
Kein Wunder, dass die angeschlagenen Windsors ihr bestes Stück immer wieder ausrollen. Es stimmt ja, dass sie - wie jede Hundertjährige - ihre Macken hat, bei familiären Dinners in Toasts auf Margaret Thatcher oder das Apartheidsystem der Buren ausbricht. Doch trotz beidseitiger Implantation künstlicher Hüftgelenke wird sie wohl bis an ihr Lebensende an jenem Band knüpfen, das, nach Ansicht selbst stocksolider Staatsrechtler, auf magische Weise Monarchie und Volk vereint.
Es ist eine Ironie der britischen Geschichte, dass die Königlichste der Windsors die Erste war, die selber nicht aus einem königlichen Haus stammt. Elizabeth Bowes-Lyon wurde am 4. August 1900 als neuntes Kind eines Lords von Strathmore geboren, des Abkömmlings eines alten schottischen Clans.
Als ihre Eltern sie nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in die feine Londoner Gesellschaft einführten, reihte sich in die Schlange ihrer Verehrer auch Prinz Albert ein, der zweitälteste Sohn von König Georg V. Liebe auf den ersten Blick war es offenbar nicht. Zweimal gab sie dem rachitischen, stotternden Kettenraucher einen Korb - bevor sie ihn schließlich doch erhörte.
Über die offenkundig schwächliche Physis ihres Gatten Albert wird bis heute spekuliert. Die amerikanische Autorin Kitty Kelley zitiert in ihrem Buch "Die Royals" Zeugen dafür, dass die Ärzte mangels königlicher Potenz auf künstliche Befruchtung zurückgreifen mussten. Die spätere Thronfolgerin Elizabeth II. wurde jedenfalls erst 1926, drei Jahre nach der Hochzeit, geboren, vier Jahre später Margaret.
Dass sie unerwartet Königin wurde, war der größte Schock ihres Lebens. Nach dem Tod Königs Georg V. im Januar 1936 hatte ihr Schwager als Eduard VIII. den Thron bestiegen. Doch der hatte sich hoffnungslos in die bereits zweimal geschiedene bürgerliche Amerikanerin Wallis Simpson verliebt. Statt sie aufzugeben und sich eine standesgemäße, jungfräuliche Britin zuführen zu lassen, dankte er ab und stürzte die Monarchie in die tiefste Krise des 20. Jahrhunderts.
Nicht zuletzt der schottischen Elizabeth, die im Familienkreis stets "Cookie", Keks, genannt wurde, haben die Windsors den Thronerhalt zu verdanken. Als Queen machte sie eine blendende Figur. "Sie ist in Wahrheit", schwärmte selbst ein Labour-Abgeordneter, "eine der erstaunlichsten Königinnen seit Kleopatra."
Dabei wird gern übersehen, dass Albert (der als Georg VI. den Thron bestieg) und seine energische Ehefrau zunächst die Appeasement-Politik Neville Chamberlains favorisiert hatten und sich sogar eine Besetzung der Insel durch deutsche Truppen vorstellen konnten - solange sie nur selbst auf dem Thron blieben.
Als aber die deutsche Wehrmacht auf dem Kontinent ein Land nach dem anderen überrollte, bekam die Queen von Kriegspremier Winston Churchill einen Revolver geschenkt und nahm Schießunterricht. "Ich werde nicht wie die anderen untergehen", erklärte sie angesichts der königlichen Kollegen jenseits des Kanals, die vor den Deutschen geflüchtet waren.
Sie dagegen flüchtete nicht einmal vor den deutschen Luftangriffen. Als das Hafen- und Arbeiterviertel East End schon in Schutt und Asche lag, wurde auch der Buckingham-Palast von mehreren Bomben getroffen. "Ich bin froh, dass wir bombardiert wurden", erklärte Elizabeth einem Polizisten. "Ich habe das Gefühl, dem East End ins Gesicht sehen zu können."
Nachdem der König 1952 an Lungenkrebs gestorben war, folgte - wie es einer ihrer Hagiografen formuliert - eine "außerordentlich lange und sonnige Witwenschaft". Einer ihrer wenigen Kritiker, Simon Hoggart vom "Guardian", schreibt drastisch, was damit gemeint ist: Die "alte, überprivilegierte Fledermaus" habe in den letzten fünf Jahrzehnten "nicht viel getan, außer für Britannien zu bechern und zu wetten".
Die Tatsache, dass die lustige Witwe Gin-Tonic trinkt - von Alkoholismus wie bei ihrer jüngeren Tochter, die Whisky bevorzugt, wagt niemand auch nur zu flüs-tern -, gibt allerdings nur einen Teilbereich ihrer Vorlieben wieder: Mindestens ebenso sehr schätzt Queen Mum süße Aperitifs und Jahrgangschampagner der Marke Krug.
Der königliche Aufwand addiert sich: Seit der Krönung ihrer Tochter residiert Queen Mum im mit Gemälden und wertvollen Antiquitäten voll gepackten Londoner Clarence House und beschäftigt derzeit ein Dutzend Domestiken. Alle anderen Royals - deren Vermögen auf insgesamt rund 13 Milliarden Mark geschätzt wird - nehmen nur noch einen Teil der ihnen vom Unterhaus bewilligten Subventionen in Anspruch. Nicht so die Queen Mother, die vom britischen Steuerzahler mit jährlich etwa zwei Millionen Mark alimentiert wird. Und auch das reicht keineswegs.
Wenn sie nicht gerade Kriegsdenkmäler einweiht, Brücken eröffnet oder Armee-Einheiten inspiziert, denen sie ehrenhalber vorsteht, besucht sie mit ungebrochener Wettleidenschaft Pferderennen. Ihr eigenes Gestüt, für das sie das Deck-Geschäft bereits bis ins Jahr 2003 festgelegt hat, kann inzwischen fast 440 Siege aufweisen - und hat sie eine Menge Geld gekostet.
Laut "Times" kommt es durchaus vor, dass Queen Mum den Überziehungskredit ihrer Hausbank von gut zwölf Millionen Mark bis zur Neige ausschöpft. Und wenn es ganz eng wurde, erhielt sie schon mal den freundlichen Rat, doch einfach ein Bild von der Wand zu nehmen und es zu Sotheby''s zu tragen. Zur Not sprang immer wieder mal ihre Tochter Elizabeth II. ein, die zu den reichsten Frauen der Welt gehört.
Doch auch die Ikone des Merry Old England kann den Ansehensverfall der Windsors nicht aufhalten. Laut Umfragen erscheint besonders jungen Briten die Monarchie zunehmend überflüssig. Nur weniger als ein Viertel der Befragten im Alter zwischen 18 und 24 gab an, dass Britannien ohne das Königshaus schlechter dran wäre. Denn seit Dianas Tod die Nation erschütterte, ist längst nicht mehr die "stiff upper lip" der Windsors angesagt, sondern die Glitzerwelt des Showbusiness. "Die neuen Royals sind die Beckhams", stellt selbst das königstreue Boulevardblatt "Sun" fest.
Und jüngst beleidigte ein kleines Häuflein Anarchisten die alte Dame, als es auf Transparenten die wenig feine Aufforderung erhob: "Queen Mum, beeil dich und stirb." Das Undenkbare, die Vorstellung nämlich, sie könne eines Tages nicht mehr da sein, ist allerdings nirgendwo intensiver bedacht worden als am Hof selbst. Unter dem Codenamen "Operation Lion" ist ihr prunkvolles Staatsbegräbnis längst bis in die kleinsten Details geplant.
So weit ist es einstweilen noch nicht. Einen kleinen Beitrag zum weiteren Wohlergehen der eisernen Witwe leistete eine Agentur für ökologische Produkte. Zum Hundertsten schenkte sie der tapferen Trinkerin eine Kiste Bio-Gin.
MICHAEL SONTHEIMER
* Vor der Londoner St.-Pauls-Kathedrale am vorigen Dienstag. * Nach einem Angriff der deutschen Luftwaffe auf den Buckingham-Palast.
Von Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 29/2000
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