17.07.2000

„Von Gespenstern lernen“

US-Schauspieler Nick Nolte über weibliche Dämonen, die Dreharbeiten zu „Investigating Sex“ in Deutschland und die Macht des Geldes in Hollywood
SPIEGEL: Mr. Nolte, Sie sind dafür berüchtigt, dass Sie manchmal Geschichten über sich erzählen, deren Wahrheitsgehalt sehr umstritten ist. Mit welcher hatten Sie bisher am meisten Erfolg?
Nolte: Als mich der Moderator Bryant Gumble im Frühstücksfernsehen gefragt hat, ob ich jemals eine der typischen Hollywood-Schönheitsoperationen habe machen lassen.
SPIEGEL: Und - haben Sie?
Nolte: Nein, keine der üblichen, aber dafür eine ganz neue Operation: Hoden-Lifting.
SPIEGEL: Bitte?
Nolte: Nun, wenn man älter wird, werden die Hoden schlaff. Warum sollte man das nicht operieren lassen? Aber als ich das Gumble erzählt habe, hat er mir das Wort abgeschnitten. Anschließend haben doch tatsächlich einige Leute geglaubt, ich hätte da unten an mir rumschneiden lassen.
SPIEGEL: Dann gibt es noch das Gerücht, Sie hätten ein halbes Jahr in einem mexikanischen Bordell gewohnt.
Nolte: Das ist der sicherste Platz der Welt für einen Schauspieler.
SPIEGEL: Wissen Sie das aus eigener Erfahrung?
Nolte: Na ja, ein halbes Jahr am Stück habe ich dort noch nicht verbracht. Aber ein Schauspieler, der einen gewissen Ruhm erlangt hat, kann sich einfach nicht mehr frei bewegen. Bloß in einem Bordell ist er einfach nur ein Kunde. Man sitzt herum ...
SPIEGEL: Jetzt untertreiben Sie.
Nolte: ... und niemand fragt einen was - jeder weiß, warum man da ist.
SPIEGEL: Sie haben gerade unter der Regie von Alan Rudolph "Investigating Sex" abgedreht; das Drehbuch basiert auf den Erlebnissen einer Gruppe französischer Surrealisten, die nächtelang mit wissenschaftlicher Neugier über Sex diskutiert haben. Haben Sie dabei irgendetwas über Sex erfahren, was Sie vorher noch nicht wussten?
Nolte: Darüber möchte ich mich auf diesem Wege wirklich mal beschweren: Nein, gar nichts! Aber wir haben im Team sehr offen über das Thema gesprochen: über den Orgasmus etwa und wie lange er dauert - oder eben nicht dauert.
SPIEGEL: Sie spielen den Gastgeber, auf dessen Anwesen die Gespräche stattfinden, der aber natürlich auch selbst heftig mitdiskutiert. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?
Nolte: Theoretisch, meinen Sie? Indem ich mich mit Psychologen unterhalten und viel gelesen habe, vor allem über den Sukkubus.
SPIEGEL: Sukkuben sind weibliche Dämonen, die mit Männern in sexueller Beziehung stehen. An solche Buhlteufel glaubten die Menschen im Mittelalter. Hat sich seitdem nichts geändert im Verhältnis der Geschlechter?
Nolte: Nicht, wenn es um die psychische Energie geht, die Frauen auf Männer ausüben. Heute wie damals überkommen einen Mann im Schlaf Erscheinungen und sorgen für feuchte Träume. Das Besondere an einem Sukkubus ist, das er am Anfang aussieht wie eine schöne Frau, die nachts den Mann besucht, um ihm seine wertvollen Körperflüssigkeiten zu rauben. Aber dann verändert das Gespenst allmählich seine Gestalt. Am Ende hat es sich in eine sehr düstere Kreatur verwandelt.
SPIEGEL: Glauben Sie an solchen Hokuspokus?
Nolte: Es gibt Psychologen, die behaupten, dass es zu psychischen Störungen führen kann, wenn die Energie eines Sukkubus mit Gewalt unterdrückt wird. Einige vermuten sogar, dass darin das Motiv einiger Serienmörder zu finden ist. Für einen Schauspieler kann es jedenfalls sehr hilfreich sein, auch von solchen Dämonen zu lernen.
SPIEGEL: Sonst arbeiten Sie eher nach den Methoden des Schauspiellehrers Stanislawski: Es heißt, dass Sie sich während der Dreharbeiten zu "Zoff in Beverly Hills", als Sie einen Penner spielten, wochenlang nicht gewaschen haben.
Nolte: Es war nur das, was ich bei diesen Typen beobachtet hatte: Sie putzen sich nicht die Zähne, baden nicht und essen Hundefutter.
SPIEGEL: Vermutlich erzählen Sie jetzt gleich, dass Sie tatsächlich Hundefutter gegessen haben.
Nolte: Ja, sicher.
SPIEGEL: Welche Sorte können Sie empfehlen?
Nolte: Zunächst einmal müssen Sie natürlich nach Beverly Hills fahren, wo Hunde sehr verehrt werden. Dort bekommt man Hundefutter, dessen Zutaten mit Sicherheit besser sind als bei den gewöhnlichen Dosen.
SPIEGEL: Wir werden diesen Einkaufstipp weitergeben.
Nolte: Seien Sie vorsichtig! Meine damalige Frau hatte einige Dosen gekauft; ich habe erst mal nur daran gerochen. Die meisten haben schrecklich gestunken. Aber schließlich habe ich das Gourmet-Pup-Dosen-Hundefutter entdeckt, das wirklich vorzüglich schmeckt.
SPIEGEL: Das hat man gesehen: Es gibt eine Szene in "Zoff in Beverly Hills", in der Sie mit einem Hund aus dessen Napf fressen.
Nolte: Das war schwieriger, als es aussieht - denn der Hund war in Wirklichkeit Vegetarier und hat nur Mais und Bohnen gefressen. Also wurde der Napf geteilt: auf seiner Seite Bohnen und Mais, auf meiner das Hundefutter.
SPIEGEL: Sie haben Penner gespielt, Reporter, Soldaten und Anwälte. Welche Rolle kommt Ihrem wahren Charakter am nächsten?
Nolte: Weiß ich nicht, und es interessiert mich auch nicht. Die Schauspielerei ist etwas für Leute, denen das wirkliche Leben ein bisschen zu schwierig ist - vielleicht, weil sie nicht genug eigene Identität besitzen. Außerdem sind sie privat oft sehr schüchtern und bekommen nicht so recht mit, was in der Welt los ist. Das hat ernste Folgen. Ich habe mal etwas gelesen über ein Experiment mit Mäusen: Eine Maus wurde in einen Käfig gesperrt und bekam alles, was sie zum Leben brauchte - Futter, Wasser, alles. Sie musste nichts dafür tun. Eine andere Maus bekam nur dann etwas zu fressen, wenn sie sich in ihrem Laufrad bewegte. Später wurde untersucht, wie sich die Mäuse verändert hatten. Das Gehirn der Maus, die alles hatte, war überhaupt nicht gewachsen - im Gegensatz zu dem der Maus im Laufrad.
SPIEGEL: Schauspieler, denen alles in den Schoß fällt - Rollen, Geld, Frauen -, sind also nicht unbedingt die hellsten?
Nolte: Ja, ich glaube, dieser Schluss ist zulässig. Diejenigen Schauspieler, die wirklich kämpfen müssen, erweitern ständig ihre Möglichkeiten. Ich war immer ein Rebell, aber wenn dir für irgendwelchen Mist 10 oder 15 Millionen Dollar geboten werden, fällt es wirklich schwer, Nein zu sagen. Die meisten nehmen das Geld, weil sie diese Toiletten-Träume haben.
SPIEGEL: Was bitte ist ein Toiletten-Traum?
Nolte: Kennen Sie das nicht? Jeder hat doch seinen Toiletten-Traum. Man sitzt auf dem Klo, blättert in einem Magazin, guckt und sagt sich: Das hätte ich gern, und das und das auch. Und wenn man es sich leisten kann, kauft man es eben.
SPIEGEL: Von was für Magazinen reden Sie jetzt? Dem "Playboy"? Autozeitschriften? Oder "House & Garden"?
Nolte: Es kann alles Mögliche sein - selbst Kataloge bringen oft viel Spaß. Mal angenommen, Sie interessieren sich für Sägen. Dann gibt es nichts Schöneres, als einen Katalog voller Sägen durchzublättern und auszusuchen: diese Handsäge, jene Tischsäge und so weiter. Der materialistische Aspekt ist sehr wichtig, wenn man nicht so eine tolle Kindheit hatte. Das Problem ist nur, dass man das Geld nicht bekommt, um irgendein schauspielerisches Risiko einzugehen - sondern nur, damit man wiederholt, womit man schon einmal Erfolg hatte. Einige Schauspieler merken schnell, was von ihnen erwartet wird, und dann können sie sich eben jede verdammte Säge kaufen, die es gibt.
SPIEGEL: Mal konkret: Sie haben 1982 mit Eddie Murphy den Krimi "Nur 48 Stunden" gedreht. Der Film hat in den USA gut 30 Millionen Dollar eingespielt - das reicht für ein paar sehr schöne Sägen.
Nolte: Eddie war damals Anfang 20 und hatte nicht mal einen Manager; es gab nur einen Typen, der sich als solcher aufspielte. Eddie kam zu mir und fragte mich: Wie werde ich diesen Kerl los? Weil der nicht gehen wollte, musste ich ihn rausschmeißen.
SPIEGEL: Das hat offenbar nichts genützt.
Nolte: Nein, kurze Zeit später hat Eddie bei Paramount unterschrieben: 15 Millionen Dollar für fünf Filme wie "Beverly Hills Cop" Teil 1 bis 3 und so weiter. Ich konnte schlecht einem jungen Mann sagen: Lass es - schließlich kann er sich seitdem bestimmt jedes dämliche Spielzeug kaufen, das Sie sich denken können.
SPIEGEL: Was haben Sie sich von Ihren ersten Gagen gekauft?
Nolte: O Gott, ein paar Autos, glaube ich, und ich bin überall hingeflogen. Am Anfang findet man das toll. Aber irgendwann kommt die nächste Phase: Frauen.
SPIEGEL: Phase ist gut: Sie waren dreimal verheiratet.
Nolte: Das Eheversprechen "Bis dass der Tod uns scheidet" ist heute nur sehr schwer zu halten. Früher war das einfacher: 1776 wurde eine Frau im Durchschnitt 23 Jahre alt, ein Mann vielleicht 40. Eine Durchschnittsehe dauerte sieben Jahre, weil die Frauen so früh starben, meistens an Kindbettfieber. Deshalb mussten Männer oft drei- oder viermal heiraten.
SPIEGEL: Verzeihung, aber das klingt wie das Lamento eines alternden Machos.
Nolte: Ich beklage mich nicht. Ich war mein ganzes Leben lang verheiratet und deshalb gewissen Beschränkungen unterworfen. Aber es gibt ja genug Beispiele aus der Branche. Der Regisseur Howard Hughes etwa war berüchtigt für seine - wie soll man sagen - Jagd nach Frauen. Doch irgendwann ist man erschöpft und verbraucht, und das Einzige, was bleibt, sind Drogen und der Suff.
SPIEGEL: Als der erste Erfolg beim
Film kam, sollen Sie Kneipentouren per Flugzeug unternommen haben - einfach irgendwohin und in die nächste Bar, bis Sie nicht mehr wussten, wo Sie waren.
Nolte: Da wird es dann unheimlich. Zumal einem kein Geld der Welt aus so einer Situation wieder heraushilft. Vielmehr sollte man sich fragen: Liebe ich meinen Beruf wirklich? Wenn ja, ist es nämlich egal, ob ich mit einem Film eine Million Dollar verdiene, 20 Millionen oder gar nichts - wie jetzt bei "Investigating Sex". Im Gegenteil, in den Film habe ich sogar eigenes Geld investiert.
SPIEGEL: Auch der deutsche Steuerzahler hat die 18-Millionen-Mark-Produktion gefördert; deshalb wurde in Deutschland gefilmt. Was ist der Unterschied zwischen einem Dreh in Hollywood und einem in Deutschland?
Nolte: Der größte Unterschied ist, dass in Hollywood kaum noch Filme gedreht werden. Es gibt dort nur noch ein paar Büro-Heinis und einige Fernsehshows, aber selbst die werden selten.
SPIEGEL: Bleibt immerhin noch die Oscar-Verleihung.
Nolte: Eine furchtbar verlogene Veranstaltung. "Der beste Film"? Ich bitte Sie, was soll das sein?
SPIEGEL: Wie steht es mit dem "besten Schauspieler"? Sie waren zweimal nominiert, 1999 für "Der Gejagte".
Nolte: Ja, lächerlich. Wenn bei einem großen Studio 50 Academy-Mitglieder arbeiten - wofür werden die wohl stimmen? Für den kleinen Independent-Film? Für das Meisterwerk aus Portugal? Nein, sie stimmen natürlich für ihren eigenen Film.
SPIEGEL: Dass die Branche korrupt ist, gilt nicht gerade als neue Erkenntnis.
Nolte: Aber es wird immer schlimmer, es gibt immer weniger unabhängige Regisseure, und es geht nur noch um Geld. Auch deshalb werden die meisten so genannten Hollywood-Filme heute in Kanada ge-
dreht - der kanadische Dollar steht nämlich zurzeit sehr günstig. 1996 war ich mit Alan Rudolph in der Nähe von Montreal auf Drehortsuche für "Afterglow". Auf einmal kamen wir an ein Film-Set: riesige Trucks für die Ausrüstung und viele schwarze Busse. Wir haben gefragt, was die Busse hier sollen. Man hat uns erklärt: Also, der erste Bus ist für die Kindermädchen. Der zweite ist das Fitness-Studio. Und im dritten Bus saßen ein paar Schauspieler. Alan hat gefragt: Was macht ihr, wenn plötzlich die Busse im Bild sind? Das darf nicht passieren, hieß es - weil es vier Tage dauern würde, um die ganzen Ausrüstung an eine andere Stelle zu bringen.
SPIEGEL: Welcher Film war das?
Nolte: Das darf ich natürlich nicht sagen. Nur so viel: Bruce Willis und Richard Gere haben mitgespielt, und der einzige gemeinsame Film der beiden heißt "Der Schakal". Ein Riesenflop.
SPIEGEL: Dieses Schicksal teilt "Der Schakal" mit den Filmen, die Sie mit Alan Rudolph gedreht haben.
Nolte: Na und? Immerhin waren das Filme für ein Publikum, das heute von den Studios ansonsten fast komplett ignoriert wird: Leute über 25 Jahre. Stattdessen dominieren diese Shows für Kids, bei denen jede Szene vor dem Start in irgendeinem Einkaufszentrum getestet wird - und die Zuschauer auf Skateboards kommen.
SPIEGEL: Mit solchen Sprüchen werden Sie die Studiobosse kaum beeindrucken.
Nolte: Ich kenne den Dreamworks-Mitbegründer Jeffrey Katzenberg ganz gut; ich kannte ihn schon, als er noch Assistent war und den Leuten Kaffee geholt hat. Einmal haben wir uns unterhalten, ob man nicht gemeinsam einen Film machen sollte. Er hat mir eine Liste gezeigt mit den Filmen, die er produziert hatte. Ich habe ihm meine Liste gezeigt, und da hat er gesagt: Das sind für mich alles Ameisenfresserfilme. Katzenberg bezeichnet jeden Film, der nicht wahnsinnig viel Geld verspricht, als Ameisenfresserfilm - weil Ameisenfresser sich nun mal sehr mühsam ernähren müssen, von sehr kleinen Portionen. Katzenberg ist mehr der Elefantenrüssel-Typ. "Investigating Sex" wird bestimmt ein Ameisenfresserfilm.
SPIEGEL: Eigentlich wollten wir auch über Ihren neuen Film "Simpatico" reden, der soeben in Deutschland angelaufen ist. Was sollten die Zuschauer über diesen Film wissen?
Nolte: Dass es natürlich der beste ist, in dem ich je mitgespielt habe.
SPIEGEL: Mit Verlaub, aber da wüssten wir ein paar andere.
Nolte: Vermutlich haben Sie Recht. Manchmal rede ich wirklich ziemlichen Unsinn.
SPIEGEL: Mr. Nolte, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Mit Redakteur Martin Wolf in Berlin.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 29/2000
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