24.07.2000

Das wahre Geschlecht

Forscherinnen in den USA begründen eine neue Frauenbewegung: Ihre Erkenntnisse über die Jägerinnen der Steinzeit, den weiblichen Körper oder den angeborenen Spaß am Seitensprung entlarven bisherige Lehren über das schwache Geschlecht als männliche Wunschbilder.
Annie Sprinkle hat es fünf Jahre lang getan, Abend für Abend: ihre Beine weit gespreizt vor Hunderten von Zuschauern; jeder durfte mal mit der Taschenlampe in sie reingucken.
Jetzt, wo sie das Internet entdeckt hat, ist ihre Mission noch einfacher zu verwirklichen: Unter www.heck.com/annie/ gallery/cervix.jpg können Websurfer im südseeischen Tonga, in Fargo, North Dakota oder im westfälischen Castrop-Rauxel kostenlos, stundenlang und ohne anstehen zu müssen, den Muttermund der Performance-Künstlerin betrachten.
Mit Porno hat Sprinkles Show nichts zu tun: "Ich will denen, die keine Ahnung von den weiblichen Genitalien haben, vor allem den Männern also, zeigen", sagt sie, "dass die Scheide keine Zähne hat. Die Vagina dentata ist ein Phantasma." Abgesehen davon, dass die öffentliche Präsentation ihrer Genitalien sie so wenig Überwindung koste wie ihre Nase zu zeigen, tue sie einfach ihr "Bestes, den Schleier der Unwissenheit zu lüften".
Einst von Feministinnen der Anti-Porno-Fraktion beschimpft, findet sich die Exhibitionistin mit ihrer Scheiden-Schau plötzlich im Zentrum einer neuen Frauenbewegung wieder, die nichts Geringeres zum Ziel hat, als das Weib an sich vom Mysterium zu befreien.
"Was ist eine Frau?", lautete bereits 1949 Simone de Beauvoirs zentrale Frage in ihrem Monumentalwerk "Das andere Geschlecht", das die französische Philosophin zur Ikone der Frauenbewegung machte. Was will das Weib? Wie funktioniert der Frauenkörper, was, außer Brüsten, Gebärmutter und Klitoris, ist anders als beim Mann? Und: Ist es politisch geschickt, diese Fragen zu stellen?
Die Protagonistinnen der neuen Bewegung haben die urmutteralten Fragen neu gestellt und provozierende Antworten gefunden. Fern vom feministischen Diskurs, unberührt von Theorie-Konstrukten und politischen Zielen, haben die Neofrontkämpferinnen sich daran gemacht, stereotype Vorstellungen vom weiblichen Wünschen, Wollen und Verhalten zu zertrümmern.
Ein für alle Mal wollen sie den schwülen Dunst von Mythos, Männerwunsch und Halbwahrheit von ihrem Geschlecht wegblasen. Am Ende soll, klar umrissen und leuchtend, die Frau dastehen, wie sie wirklich ist.
Anstatt wie ihre Vorkämpferinnen aus den Geisteswissenschaften mit der Macht der Theorie, arbeiten die Neofeministinnen jedoch eher mit dem Skalpell. Die Farbe Lila kennen sie als Kontrastmittel für Zellen unterm Mikroskop. Und anstatt die Faust in die Luft zu recken und mit der anderen Hand den Büstenhalter als Unterdrückungssymbol von der Brust zu reißen, blättern sie in Ergebnistabellen, Versuchsanordnungen und Studienberichten.
Es sind vor allem Forscherinnen und Wissenschaftsjournalistinnen, die mitzeichnen am neuen Frauenbild. Sie kommen, wie in den siebziger Jahren die Vorreiterinnen der Frauengesundheitsbewegung, aus den USA. Ihr Ziel: die angeblich objektiven Erkenntnisse der Naturwissenschaft über alles, was weiblich ist, zu durchlöchern.
Immer mehr Anthropologinnen und Archäologinnen, Affenforscherinnen und Ärztinnen sind seit den siebziger Jahren in die Universitäten geströmt. In den Laboren und draußen im Feld haben sie in den vergangenen Jahrzehnten das männliche Deutungsmonopol in den Naturwissenschaften exorziert. Ihr Blick auf die Bedeutung der Frau in Evolution, Biologie und Medizin ist radikal erweitert und erneuert.
Die biologische Betrachtung der Weiblichkeit spiegelt sich schon im Namen wider, den sich die Bewegung gegeben hat: "Femalismus", abgeleitet vom englischen Wort "female", das sich wahlweise mit dem menschlichen "Weib", dem tierischen "Weibchen" oder dem Adjektiv "weiblich" übersetzen lässt. Wichtig daran ist die feine Unterscheidung zum Wortstamm des Feminismus: "feminin", fraulich. Nicht, die Frau in der Gesellschaft zu befreien, ist das oberste Ziel, sondern das Wesen des Weiblichen zu erfassen.
Den gesamten Wissensschatz der Menschheit ordnen die Femalistinnen neu, von der Mythologie bis in die handfeste Wirklichkeit. Die Weigerung Liliths, der vorbiblischen Vorgängerin Evas, sich beim Sex in der Missionarsstellung unter Adam zu legen, gehört ebenso zu ihrem Repertoire wie anatomische Details der Geschlechtsorgane.
Sie besingen die Orgasmusfähigkeit, Komplexität und Spezialisierung der Klitoris ("8000 Nervenfasern, mehr als in einer Fingerspitze, doppelt so viele wie im Penis", heißt es frohlockend in einem der femalistischen Bücher), während sie kühl das männliche Glied in ein simples Multifunktions-Anhängsel zum Ablassen von Harn und Samen umdeuten ("Ein Schlauch ist ein Schlauch ist ein Schlauch").
In einer Hinsicht gleicht das Resultat ihrer Arbeiten dem der Frauenbewegung in den sechziger und siebziger Jahren: Alles ist anders, als die Herren der Schöpfung immer glauben machen wollten.
Und doch ist der Ansatz neu, denn er wagt sich in Bereiche, die im traditionellen Feminismus lange als tabu, weil kontraproduktiv, galten: Sie nehmen, wie die schlimmsten Chauvis, eine natürliche Bestimmung der Geschlechter an. Sie dampfen das Phänomen Frau mit der Mannigfaltigkeit seiner Deutungen ein zum genetisch gesteuerten Wesen, im Kern von der Natur geformt und bestimmt.
Frauen und Männer sind eben doch nicht gleich, sagen sie. Damit machen sie nach Ansicht vieler Gegner die Bemühungen ihrer Vorgängerinnen zunichte, die Jahre damit verbracht haben, genau die Gemeinsamkeiten der Geschlechter in die Köpfe zu brennen.
"Dieses ist immer eine Männerwelt gewesen", hat de Beauvoir einmal gesagt. "Und keiner der Gründe, die seitdem für diese Tatsache angeführt worden sind, erscheint angemessen." Trotz ihrer Distanz zu den traditionelleren Formen des Feminismus scheint es doch, als verneigten sich die Bio-Emanzen vor der Grande Dame, wenn sie die Frauen zu den geborenen Anführern des 21. Jahrhunderts erklären. Sie berufen sich dabei auf biologische Fakten: Die weibliche Hirnstruktur und im Laufe der Evolution erworbene Talente - etwa bessere soziale und sprachliche Kompetenz oder vernetzteres Denken - verliehen den Frauen einen Vorteil in der globalen Kommunikationswelt von morgen.
Als Vorreiterin und Sprachrohr der Femalistinnen gilt die amerikanische Wis-
senschaftsjournalistin und Pulitzerpreisträgerin Natalie Angier, deren jüngstes Buch Mitte August in Deutschland erscheint (siehe Auszüge Seite 82)*.
Sprachgewaltig und detailgetreu hat Angier eine wissenschaftliche Ode an ihr Geschlecht geschrieben, "eine Feier des weiblichen Körpers, seiner Anatomie, seiner Chemie, seiner Evolution und seines Lachens", wie die Autorin selbst ihr Werk bezeichnet. Amüsant beschreibt sie die Eizelle ("die wahre Sonne, das Lebenslicht") und die Wunder der Klitoris ("das göttliche Geheimnis"), ruft nach einer neuen "revolutionären Psychologie" und schreibt über die angeborene Aggressivität der Frau und ihre ebenfalls natürliche, nur durch männliche Verbote und Strafandrohung unterdrückte Lust am Fremdgehen.
Jahrhundertelang sei der Mann das Maß aller Dinge gewesen, findet auch die Journalistin Dianne Hales, Autorin des Buchs "Just like a Woman", das beinahe gleichzeitig mit Angiers Werk herauskam. Erst jetzt, endlich, ersetze die wissenschaftliche Revolution die Stereotypen durch ein tieferes Verständnis der Frau.
"Die Unterschiede zwischen Frauen und Männern sind genau das", formuliert Hales: "Unterschiede. Keine Zeichen für irgendwelche Defekte, Schäden oder Krankheit." Dies zu erkennen, erlaube den Frauen, "ihre Körper zurückzuerobern".
Auch Forscherinnen haben ihre Stimmen erhoben. So kam im November letzten Jahres "Lucy''s Legacy: Sex and Intelligence in Human Evolution" von Alison Jolly heraus, einer bekannten Primatologin von der Princeton University. Ihre These: Nicht Aggression und Konkurrenz - Männermythen - haben die Evolution vorangetrieben, sondern Kooperation und Intelligenz, Politik und Sex.
Die Wissenschaftlerinnen scheuen sich nicht, selbst weithin als unumstößlich akzeptierte Wahrheiten als Märchen zu entlarven. So hat die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy von der University of California in Davis in ihrem kürzlich erschienenen Monumentalwerk "Mutter Natur" das Bild von der Frau als Mutter völlig neu definiert*.
Die Natur habe dem Weib keineswegs die Rolle der liebenden, aufopferungsvollen Ammen-Mama zugewiesen, sagt Hrdy. Der "Mutterinstinkt" sei, so wissenschaftlich dieser Begriff auch anmute, weder instinktiv, noch sei er allen Müttern eigen.
"Engere Vorstellungen, die nahe legen, dass jede Mutter eine vollständig hingegebene ,liebende'' Mutter sei, waren nur jemandes Wunschdenken." Gelassen referiert die Anthropologin Schwangerschaftsabbruch, die Existenz von Empfängnisverhütung lange vor der Pille und auch kindsmordende Mütter als im Sinne der Evolution natürliche Varianten weiblichen Verhaltens.
"Wie ein Gletscher drehen die heutigen Frauen langsam auf der ganzen Welt Wirt-
schafts- und Gesellschaftspraktiken um",
sagt die New Yorker Anthropologin Helen Fisher. Ihren Beitrag zum Femalismus hat sie "The First Sex" genannt. Er liest sich wie Fazit und Fortsetzung der Erkenntnisse ihrer Kolleginnen. "Die Zukunft gehört den Frauen", sagt Fisher**.
Fisher, Jolly, Angier - der Tonfall der Femalistinnen klingt euphorisch nach Aufbruch. Und die intime Beziehung der Autorinnen zu ihrem Thema verhilft ihnen zu jener Glaubwürdigkeit, wie sie etwa eine Frauenärztin für viele Patientinnen im Gegensatz zu einem männlichen Gynäkologen besitzt, wenn sie die Frauen wegen Menstruationsschmerzen berät.
Vor allem beweisen die Autorinnen, wie subjektiv Wissenschaft sein kann, wie wenig sie das Versprechen totaler Vorurteilslosigkeit halten kann, für das sie seit der Aufklärung gefeiert wird. Virginia Woolf warnte 1938: "Wissenschaft, so scheint es, ist nicht geschlechtslos; sie ist ein Mann, ein Vater und auch infiziert." Angesteckt, meinte sie, von männlichen Vorurteilen.
"Wenn es um die Geschlechter geht, ist Wissenschaft nicht wertneutral", stimmt heute die Wissenschaftshistorikerin Londa Schiebinger zu, die bis Ende Juni Gastwissenschaftlerin am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte war***.
Natürlich würde es niemandem einfallen, dem Spin eines Elektrons Macho-Eigenschaften zuzuordnen oder die Knallgasreaktion im Sinne des Geschlechterkampfs zu deuten. Aber in den weicheren Wissenschaften, der Biologie etwa oder der Archäologie, die viel Raum bieten für Interpretationen, ist es ein Leichtes, mit verstelltem Blick jahrzehntelang auf falschen Pfaden zu wandeln.
Weit davon entfernt, männlichen Wissenschaftlern eine Verschwörung gegen das andere Geschlecht anzuhängen, gehen die Femalistinnen eher davon aus, dass die Kollegen die eigene Befangenheit gar nicht bemerkt haben.
So gibt es keinen Hinweis darauf, dass etwa der Systematiker Carl Linné sich seiner Voreingenommenheit bewusst war, als er den Säugetieren den wissenschaftlichen Namen "Mammalia" gab, benannt nach der "Mamma", der weiblichen, mit Milchdrüsen gespickten Brust - er hätte zum Beispiel auch die Haare als Besonderheit der Säuger herauspicken können, dann hießen sie heute "Pilosa", die Felltiere.
Aber der Busen war für Linné, bekannt für derbe Lüsternheit, auch politisches Programm: Er hing der Überzeugung an, Frauen seien zum Stillen und für die Mutterschaft geboren. Er kämpfte dafür, dass Frauen der oberen Stände auf Ammen verzichteten und selbst ihre Babys säugten.
Vorurteile in der Wissenschaft wehren sich oft mit überraschender Zähigkeit vor der Revision. So mussten sich der Schweizer Primatologe Christophe Boesch, heute am Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, und seine Kollegen von den Weibchen einer Schimpansengruppe heftig überraschen lassen: Obwohl Forscher die Truppe 14 Jahre lang intensiv beobachtet hatten, war keinem von ihnen aufgefallen, dass die Schimpansinnen auswärtige Liebhaber haben.
Es kam erst heraus, als die Primatologen mit genetischen Vaterschaftstests die Abstammung der Schimpansenjungen prüften. Über die Hälfte der Nachkommen war von Männchen gezeugt worden, die nicht der Gruppe des Weibchens angehörten.
Statt sich von den dominanten Mackern daheim so beeindruckt zu zeigen, wie die Forscher es erwartet hatten, stehlen sie sich davon. Die Eskapaden vollziehen sie so heimlich, dass es den Forschern und offenbar ihren eigenen Männchen nicht auffallen kann.
Boesch gibt heute zu: "Wir Männer haben immer eine Tendenz dazu gehabt, Leben hauptsächlich aus unserer eigenen Perspektive zu betrachten." Eine der Stärken des Buchs seiner Kollegin Jolly sei deshalb "ihre Präsentation der weiblichen Sicht".
Aus weiblicher Sicht ist es zum Beispiel unerklärlich, warum eine Primatengruppe mit einem Männchen und vielen Weibchen automatisch ein "Harem" sein soll. Unbewusst verbindet jeder Beobachter damit das Bild eines mächtigen Gebieters, der sich eine Reihe von Geishas, Callgirls, Konkubinen zulegt, die allesamt einzig seinem Vergnügen zu dienen haben.
Jolly schlägt vor, eine solche Menschenaffen-Clique "Gigolo"-Gruppe zu nennen. Ohne, dass sich an der beobachteten Realität etwas ändert, verschiebt sich die Sicht: Ein Gigolo ("Eintänzer") ist einer, der von den Weibchen geduldet, aktiv gewählt und benutzt wird.
Eindeutig wird inzwischen von Wissenschaftshistorikern bestätigt, dass dieser "weibliche Blick" keine Erfindung der Feministinnen ist, kein politisches Konstrukt. Er existiert und hat tatsächlich die Forschungsschwerpunkte in der Primato-
logie verlagert - nur kam das erst zu Tage, als sich durch die Frauenbewegung in den siebziger Jahren die Türen öffneten für Wissenschaftlerinnen wie Jane Goodall, Diane Fossey und deren Nachfolgerinnen.
Zuvor hatten die Forscher ihr Interesse vor allem den Pavianen zugewandt, deren Männchen auffallen durch brutales Macho-Gehabe. Der Ansatz der Forscher: "Das Männchen bestimmt, wo''s langgeht", erklärt Jolly. "Die Frage hieß: Wie viele Weibchen kann er begatten? Und muss er sie mit anderen Männchen teilen?"
Dabei sind die Bonobos dem Menschen viel näher, zumindest, was die Libido, die Kopulationsfrequenz oder zum Beispiel die Größe und Rolle des Penis als Konkurrenzobjekt der Männchen untereinander angeht. Die Bonobo-Herrchen tragen mit ihren Erektionen regelrechte Penisfechtereien aus. Ansonsten masturbieren Weibchen wie Männchen gern, und jede fummelt dauernd mit jedem und jeder; Hokahoka nennen die Einheimischen das Spiel der Lüste zwischen Weibchen.
Bei anderen großen Affen beobachteten die Primatologen den Zusammenschluss rein weiblicher Gruppen, weibliche Aggression, Konkurrenz und Chauvi-Gebaren - alles Merkmale, die den Forschern, die das schwache Geschlecht für unbedeutend, scheu und lustlos hielten, zuvor verborgen geblieben waren.
Auf die gleiche Weise erkannte der Paläoanthropologe Donald Johanson nicht, dass sein 1974 ausgegrabenes Vormenschenskelett "Lucy" in Wahrheit vielleicht eher Adam als Eva glich. "Eindeutig weiblich", fand er. Bis heute streitet die Wissenschaft über Lucys Geschlecht. Was die Forscherinnen aber interessant finden, ist, dass Johanson sich trotz mangelnder Beweise so sicher war. Jolly: "Lucy wurde als weiblich beurteilt, allein weil sie/er zierlich war."
Das gleiche Vorurteil vom niedlichen Weiblein offenbart sich bei der Deutung der Fußabdrücke von Laetoli, die zwei menschliche Vorfahren in der Vulkanasche hinterlassen haben: Selbstverständlich wuchs, für die Darstellung im New Yorker Museum of Natural History, aus diesen Stapfen eine Skulptur hervor, die einen starken Kerl zeigt, der seinen Arm schützend um die kleine, erschrocken die Augen aufreißende Gefährtin legt.
"Das ,andere Geschlecht''", beschwert sich die Anthropologin Adrienne Zihlmann, "wird weiterhin dargestellt als Dienstmagd der männlichen Akteure der Gesellschaft, die, wenn wir die gängigen Theorien akzeptieren, da draußen die Erfinder waren, die die Evolution des Menschen erst möglich gemacht haben."
In der Archäologie ist der Interpretationsspielraum ähnlich groß. Zum Beispiel: Warum werden Handelsgüter in einem Frauengrab als Teile ihres Haushalts gedeutet, gelten aber in einer Männergruft als Zeichen dafür, dass er den Handel kontrollierte? Warum ist ein Stößel in einem Frauengrab ein Beweis dafür, dass die Frau damit Korn zermörsert hat, in einem Männergrab aber ein Hinweis darauf, dass der Tote ihn hergestellt hat?
Erst seit kurzem kommen Archäologen auf die Idee - und finden prompt Beweise -, dass die Steinzeitfrau wohl nicht stumm und ergeben in der Höhle Häute schrubbte. Wahrscheinlich hat sie gejagt, und vielleicht war sie es, die als Pflanzenexpertin wichtige Werkzeuge erfand und damit den tief greifenden Umschwung zum Ackerbau vorantrieb.
Jahrtausende lang, von Aristoteles bis zu Charles Darwin, haben führende Köpfe versucht, die Unterlegenheit des Weibes mit wissenschaftlichen Theorien als naturgegeben darzustellen. Aristoteles etwa glaubte, Frauen seien zu "kalt" und zu "nass", um klug denken zu können. Spätere Akademiker machten die Schädelgröße für die Unterlegenheit des weiblichen Geistes verantwortlich, Hormone, eine Asymmetrie des Gehirns; irgendein unzureichender Körperteil fand sich immer.
In jedem Fall stand die Frau da als geringere, unfertige Version des Mannes. Nie würde sie die Perfektion des göttlich-männlichen Ideals erreichen können. Sie war eine "Abweichung vom Typ", eine "Monstrosität", ein "Irrtum der Natur". Darwin, der Begründer der Evolutionsbiologie, hatte einen besonders schmalen Tunnelblick aufs Weib: Ihre Evolution sei gleichsam aus naturgesetzlichen Gründen an irgendeinem Punkt stehen geblieben.
Der Nervenarzt Sigmund Freud hat den Frauen dann immerhin zuerkannt, etwas Gefährliches an sich zu haben - in der langen Historie der Verachtung beinahe ein Kompliment. Er empfand das Weib, die Mütter, Großmütter und Tanten, als klaustrophobisch enge Umgebung, aus der ein Mann besser herauskrabbele, wenn er sich zum Individuum entfalten will.
Zudem war Freud derjenige, der auf die Idee kam, Orgasmen in "vaginale" und "klitorale" einzuteilen, wobei letzterer eine "infantile" Variante, der vaginale hingegen, also derjenige, den eine Frau bei der schlichten Penetration bekommen soll, die "reife" Form des Höhepunkts sei. Erst in den siebziger Jahren kamen Sexualforscher zu dem Schluss: Keine Klimax ohne Klitoris - irgendwie ist sie immer beteiligt.
Der Effekt der Lehren von Geistesgrößen wie Darwin und Freud: Bis vor kurzem schienen auch ihre Erben und Brüder im Geiste überzeugt zu sein, dass nur ein Geschlecht es geschafft habe, und das sind eindeutig nicht die seidenbestrumpften Exemplare, an deren Handgelenken das Helmut-Lang-Täschchen im Takt des Stiletto-Stöckelns vor- und zurückpendelt.
Eine von Darwins wenigen Kolleginnen, Clemence Royer, seine Übersetzerin ins Französische, schrieb bitter: "Frauen sind diejenigen Tiere der Schöpfung, über die Männer am wenigsten wissen ... eine fremde Art."
Das sei bis heute so geblieben, sagen die Femalistinnen. Mit teilweise dramatischen Folgen für die Frauen, vor allem in der Medizin und der Sexualwissenschaft.
So ist die Klitoris bis heute eine Terra incognita. Erst vor zwei Jahren enthüllte die australische Chirurgin Helen O''Connell deren Anatomie: Bis zu neun Zentimeter reichen die Klitoris-Fortsätze in den Unterleib hinein. Die genaue Lage der Nerven und Blutgefäße, beim Penis bis ins letzte Vorhautläppchen beschrieben, wird jetzt erst untersucht.
Die Ärztin Trudy Van Houten analysiert derzeit in Boston, wo exakt die Lustnerven durch das Gewebe fächern, damit diese in Zukunft bei Operationen wie der Gebärmutterentfernung nicht einfach guillotiniert werden und der Frau damit für den Rest ihres Lebens die Orgasmen genommen werden. Wenn bei Männern hingegen die Prostata herausgenommen wird, achten die Chirurgen selbstverständlich seit langem darauf, die Erektionsfähigkeit möglichst nicht zu zerstören.
Die Lehrbücher, so fand O''Connell bei ihren Untersuchungen heraus, stecken voller falscher Beschreibungen, selbst das Standardwerk "Gray''s Anatomy" stellt das weibliche Lustorgan unkorrekt dar. In einem der Bücher heißt es gar, die Klitoris sei eine "ärmliche Homologie" des Penis.
Es ist nicht so, dass es in vergangenen Jahrhunderten an Lehrmaterial gefehlt hätte: Schon im 14. Jahrhundert wurden Obduktionen auch am weiblichen Körper vorgenommen. Ein halbes Jahrtausend ist vergangen, seit der Wormser Arzt Eucharius Rösslin mit dem Geburtshilfe-Leitfaden "Der swangern Frauwen und Hebammen Rosegarten" die Gynäkologie begründet hat.
Nicht nur die Fortpflanzungsorgane - die medizinische und pharmazeutische Forschung hat den Frauenkörper insgesamt sträflich vernachlässigt. "Gemessen daran, wie viele Studien gemacht worden sind, um zu zeigen, dass Frauen nicht an Männer heranreichen", findet Schiebinger, "ist es erstaunlich, wie wenig wir darüber wissen, wie man den weiblichen Körper gesund hält."
Große Bevölkerungsstudien zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, immerhin Todesursache Nummer eins in der westlichen Welt, liefen lange unter komplettem Ausschluss der Weiblichkeit ab. Beispiel: eine USA-weite Untersuchung des Zusammenhangs von Kaffeegenuss und Herzleiden; 45 589 Männer nahmen teil und 0 Frauen. Eine 1958 begonnene Alterungsstudie, die heute als die gründlichste Untersuchung über den Vorgang des Alterns gilt, enthält so gut wie keine Daten über Frauen - obwohl diese heute zwei Drittel der Bevölkerung über 65 ausmachen. Die Mediziner haben sogar die Rolle von Östrogen beim Verhindern von Herzkrankheiten zunächst einmal allein an Männern untersucht.
Viele Medikamente, darunter so weit verbreitete Mittel wie Valium, sind vor der Markteinführung nie an Frauen erprobt worden. Die verschriebene Dosis errechnen die Ärzte meist entsprechend dem Gewicht der männlichen Testpersonen. Da der weibliche Stoffwechsel jedoch wegen des völlig verschiedenen Hormonhaushalts anders funktioniert als der des Mannes, wirken manche Substanzen völlig anders. Im schlimmsten Fall hat die Ignoranz sogar tödliche Folgen: An einem einst beliebten, 1997 dann vom Markt genommenen Allergiemittel sind tatsächlich Frauen gestorben. Es hat bei ihnen im Zusammenhang mit anderen Medikamenten Herzrhythmusstörungen verursacht.
Ebenso erhöhen Standardmittel gegen zu hohen Blutdruck, die Männern gegen Herzattacken helfen, die Sterblichkeit bei Frauen. Fast 40 Antibiotika und Herzmittel hat der US-Pharmakologe Raymond Woosley gezählt, die bei Frauen eher zu Problemen mit dem Herzen führen als bei Männern. "Wir müssen die Biologie verstehen lernen", sagt der Forscher, als sei dies eine große Erkenntnis.
Frauengesundheit - das Wort hat sich für die Mediziner lange auf die Fortpflanzungsorgane bezogen, auf die Behandlung der so genannten Frauenleiden. Und da legen sie gleich einen ausgesprochenen Übereifer an den Tag, als wollten sie damit die Vernachlässigung in den anderen Bereichen ausgleichen.
So schneiden viele Ärzte ungefährliche Eierstockzysten heraus - oder gleich die ganze Gebärmutter; in Deutschland sind das jedes Jahr 150 000. 30 000 der Patientinnen legen sich wegen andauernder Blutungen unters Skalpell. Dabei ist die Total-OP bei der Hälfte jener Gruppe völlig unnötig, schätzen Experten: Es existieren bessere, weit weniger radikale Verfahren.
Vielerorts wachsen Mädchen auf in dem Bewusstsein, ihre zarte weibliche Konstitution mache sie besonders anfällig. Schon die Menstruation begreifen viele als Leiden, sie wird oft mit Schmerz und heftigen Stimmungsschwankungen in Verbindung gebracht.
Ein Kind auszutragen - auch das gilt heute als gefährlicher Körperzustand, der ständig gemessen und überprüft, protokolliert und analysiert werden muss wie das Fortschreiten einer bedrohlichen Krankheit. In Deutschland gelten 60 Prozent aller Schwangerschaften als "Risikoschwangerschaft".
Erst recht zählen die Wechseljahre als Gebrechen. Sie bedürfen der Einnahme von Medikamenten und Hormonen, um erträglich zu werden, längst sind sie umgedeutet in eine Mangelerscheinung wie etwa die Zuckerkrankheit, bei der dem Körper Insulin fehlt.
"Aus der Definition als Krankheit werden Therapiebedarf und Therapierbarkeit abgeleitet", schreiben die Gesundheitswissenschaftlerinnen Christine von Reibnitz und Sabine Maria List in einem Aufsatz über die "Medikalisierung weiblicher Umbruchphasen". In diesen Lebensphasen, so der Schluss der beiden Forscherinnen, werden Frauen deutlich "übertherapiert".
Diejenigen, die sich nicht automatisch als krank empfinden, wenn sie in die Wechseljahre kommen, würden mit Propaganda dazu getrieben, sich mit vorbeugenden Medikamenten vor dem anscheinend sonst unabwendbaren Unheil und Verfall zu schützen - 16 Millionen Frauen über 50 allein in Deutschland sind ein guter Markt.
Die Verkaufsstrategien machen sich bezahlt: 1987 verschrieben deutsche Ärzte noch rund 240 Millionen Tagesdosen an Östrogenpräparaten. Neun Jahre später waren es bereits fast eine Milliarde; hinzu kommen allerlei Mineralstoff- und Vitaminpräparate.
Interessanterweise kennen Naturvölker kaum klimakterische Beschwerden: Eine US-Studie etwa ergab, dass mexikanischen Indio-Frauen zwar die gleiche Menge Hormone durch den Körper geisterte, aber im Gegensatz zu weißen Amerikanerinnen desselben Alters wallte in ihnen weder die Hitze, noch litten sie unter Schlafstörungen.
Selbst brüchigere Knochen - Osteoporose, eine Folge der Hormonveränderungen in den Wechseljahren - machten ihnen keine Beschwerden. Andere Untersuchungen ergaben, dass sich nur 10 Prozent der Frauen in ostasiatischen Ländern über Hitzewallungen beklagten, aber 80 Prozent in den westlichen Ländern.
Dass andere Faktoren als nur die Hormone mit dem Befinden zu tun haben, hat die Forscherin Beate Schultz-Zehden von der Freien Universität Berlin herausgefunden: Frauen leiden heftiger unter der Menopause, wenn sie glauben, schön und jung aussehen zu müssen, und daran, dass sie freundlich sein, sich angepasst verhalten sollten. Aktive, streitbare Frauen empfinden das Klimakterium als weniger dramatisch.
In den westlichen Industriegesellschaften gelten die Wechseljahre eben als Schlussakkord. Männer dagegen geraten allenfalls in die Midlife-Crisis. Ansonsten werten Zeitschriften oft und gern deren Virilität auf, indem sie die alten Herren als Begleiter junger Schönheiten zeigen.
Das wiederum führen die Evolutionsbiologen als Beweis dafür an, dass das Weib, stets auf der Suche nach dem Beschützer mit dem starken Arm, dem Ernährer der Familie, weder auf Schönheit noch auf Jugend ihrer Liebhaber Wert lege. Vielmehr strebe es, immer schon, nach Macht und Reichtum - Diamonds are a girl''s best friend.
Die "Prostitutionsthese" nennen das die Femalistinnen und entlarven sie als Zirkelschluss. Wer das Verhalten moderner Frauen als Beweis für die angeborene Schamhaftigkeit und Treue der Frau deute, der könne genauso gut Giraffen im Zoo beobachten und dann behaupten, sie könnten nicht rennen.
Tatsächlich häufen sich die Hinweise, dass Frauen, sobald sie wirtschaftlich abgesichert sind und gesellschaftlich nicht dafür geächtet werden, das Risiko des Fremdgehens und den dadurch drohenden Verlust des "Ernährers" keineswegs scheuen.
Und bei der Damenwahl scheinen andere Merkmale als attraktiv zu gelten als fortgeschrittene Glatze und Altherrenbauch: Während ihrer fruchtbaren Tage, so ergab eine Studie, haben Frauen eher Lust auf eine Liebesnacht mit Dreitagebart-Machos, Kerlen mit kantigem Kinn, während sie den Rest des Monats sowie bei der Wahl eines Langzeitpartners auf Männer stehen, die mehr nach Weichei aussehen.
Außerdem, falls das Naturgesetz vom treuen Kuschelheimchen ohne große Libido tatsächlich Gültigkeit hätte, fragen Angier und ihre Mitstreiterinnen, warum versuchen dann Männer auf der ganzen Welt, Frauen mit eingeschnürten Füßchen (China), verschleierten Gesichtern und Körpern (islamische Kulturen) und abgetrennter Klitoris (in einigen Regionen Afrikas und in den USA als "Berichtigung" an Säuglingen mit größerer Klitoris) vom Fremdgehen abzuhalten? RAFAELA VON BREDOW
* Australische Damenfußball-Nationalmannschaft; Aufnahme für einen Kalender, der für die Olympischen Spiele und den Frauenfußball werben soll. * Natalie Angier: "Frau. Eine intime Geographie des weiblichen Körpers". C. Bertelsmann Verlag, München; 448 Seiten; 48 Mark. * Sarah Blaffer Hrdy: "Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution". Erscheint im August im Berlin Verlag, Berlin; 800 Seiten; 68 Mark. ** Helen Fisher: "Das starke Geschlecht". Wilhelm Heyne Verlag, München; 464 Seiten; 39,90 Mark. *** Londa Schiebinger: "Frauen forschen anders. Wie weiblich ist die Wissenschaft?" erscheint im September im C.H.Beck Verlag, München; 312 Seiten; 39,80 Mark. * Kupferstich von 1748.
Von Rafaela von Bredow

DER SPIEGEL 30/2000
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