24.07.2000

„Ich rede auch mit Malern“

Documenta-Leiter Okwui Enwezor über seine Pläne für Kassel 2002
Enwezor, 36, wurde in Nigeria geboren und hat in New York Politische Wissenschaft studiert. Als Kritiker und Ausstellungsmacher ist er auf globale Wechselbeziehungen zwischen politischer Gegenwart und zeitgenössischer Kunst spezialisiert. Enwezor organisierte 1997 die Biennale von Johannesburg und wurde 1998 zum künstlerischen Leiter der Documenta 11 berufen. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Enwezor, Sie sollen die elfte Documenta für das Jahr 2002 vorbereiten. Warum wohl ausgerechnet Sie?
Enwezor: Ich kann nicht wissen, was die Berufungskommission sich gedacht hat.
SPIEGEL: Wir haben da immerhin eine Vermutung: Bei ihrem Start 1955 bot die Documenta einen Rückblick auf die Geschichte der modernen Westkunst, danach wurde sie überwiegend zu einem Panorama der jeweiligen Avantgarde in Westeuropa und Nordamerika. Ansätze, aus diesem Zirkel auszubrechen, sind immer recht halbherzig geblieben. Nun wird von Ihnen als geborenem Afrikaner ein neuer Blickwinkel erwartet. Bringen Sie den mit?
Enwezor: Jedenfalls sehe ich die Geschichte der Documenta von außen. Noch immer kann diese Ausstellung globale Wirkungen haben. Ihre möglichen Versäumnisse in der Vergangenheit sind vielleicht auch ein Pluspunkt, falls die Documenta zu einer kritischen Sicht auf ihre Geschichte bereit ist.
SPIEGEL: Wie viele der bisherigen Ausstellungen in Kassel haben Sie miterlebt?
Enwezor: Nur eine, die letzte, und mir scheint, das kann ein Vorteil sein. Ich komme zwar mit Respekt, aber ohne besondere Verehrung für die Institution Documenta hierher. Sie hat wichtige Veränderungen der zeitgenössischen Kunst vorgeführt, aber sie hat sich nicht genügend mit den Entwicklungen auf anderen Gebieten, wie dem sozialen und dem politischen, befasst. Es gilt, den Einfluss des Marktes zu sehen und die politischen Bedingungen zu analysieren, unter denen die Documenta begründet worden ist.
SPIEGEL: Wie stellen Sie sich das vor?
Enwezor: Ich will keine bloße Kunstausstellung machen, sondern Kunst in einem Feld anderer kultureller Aktivitäten und Formen zeigen und eine Plattform bieten, auf der das vermittelt werden kann.
SPIEGEL: O Schreck. Schon bei der Documenta X mit ihren 100 Gastrednern wusste man oft nicht recht, ob nun der Vortragszyklus die Hauptsache war oder die Kunstschau. Geht das schon wieder los?
Enwezor: "Schau" höre ich gar nicht gern, das klingt mir zu sehr nach einer Spielwiese für Unterhaltung. Künstlerische Objekte und visuelle Strategien schätze ich hoch ein, aber wir dürfen nicht so tun, als bedeuteten die Objekte unter allen kulturellen Bedingungen dasselbe. Es ist ein Rahmen nötig, in dem Unterschiede diskutiert werden können - nicht unbedingt ein Zyklus von 100 Vortragsabenden.
SPIEGEL: Können nicht auch Schrifttafeln dem Publikum auf die Sprünge helfen?
Enwezor: Bloß nicht. Die Besucher haben das Recht auf ihr eigenes Urteil über Kunstwerke oder künstlerische Gesten. Schrifttafeln haben die Tendenz, vielschichtige Ideen in wenigen Sätzen zu erklären. Sie
bringen den Betrachter um das Vergnügen, sich selbst mit einem schwierigen Werk auseinander zu setzen. Trotzdem müssen wir auch Informationen rüberbringen, die sich nicht gleich erschließen, aber man darf nicht zu viel des Guten tun. Manchmal ist auch ein bisschen Verwirrung wichtig.
SPIEGEL: Und was wird man zu sehen bekommen?
Enwezor: Darüber kann ich noch nichts sagen, es sind ja noch zwei Jahre bis zur Documenta 11. Augenblicklich spreche ich sehr ernsthaft mit ungefähr 20 Künstlern. Ich habe den Ehrgeiz, eine Documenta mit viel weniger Künstlern als bisher zu machen.
SPIEGEL: Wer ist dabei?
Enwezor: Tut mir Leid, Namen nenne ich nicht. Schließlich kann sich noch vieles ändern.
SPIEGEL: Gibt es die Chance, Malerei auf der Documenta 11 vorzufinden?
Enwezor: Ich hoffe doch. Ich rede auch mit Malern.
SPIEGEL: Bevorzugen Sie bestimmte Medien?
Enwezor: Entschieden nein. Es gibt eine aufregende Fülle neuer Medien in der aktuellen Kunst, aber ich will das nicht überbewerten. Ich bin für alle Formen offen, nur müssen sie einen Inhalt tragen. Es geht nicht um Malerei oder Video, sondern um die Klarheit des einzelnen Werks.
SPIEGEL: Angeblich laden Sie nur Künstler Ihrer eigenen Generation ein. Sind die Heroen der siebziger und achtziger Jahre passé?
Enwezor: Für mich gibt es in der Kunst keine Heroen, aber ich ziehe auch keine Altersgrenze. Zwei oder drei Künstler auf meiner Liste sind sogar schon tot. Andererseits sind junge Menschen dabei, die noch keine lange Karriere hinter sich haben. Ich suche einfach nach Leuten mit Engagement und künstlerischer Praxis, die reflektieren, was in der Welt vorgeht.
SPIEGEL: Wenn Sie sich schon weigern, Documenta-Kandidaten zu nennen: Geben Sie uns ein anderes Beispiel, wie für Sie eine so engagierte Kunst aussehen kann?
Enwezor: Hans Haackes Projekt für das Berliner Reichstagsgebäude ...
SPIEGEL: ... das der Widmung "Dem deutschen Volke" die Variante "Der Bevölkerung" entgegensetzt ...
Enwezor: ... zeigt eine Möglichkeit, wie Kunst sich konkret und produktiv in Politik einmischen kann, ohne die Tatsache herunterzuspielen, dass Kultur und Politik immer auch Gegensätze sind. Haacke schlägt ein großes Thema an, das des Postkolonialismus. Er zeigt, dass diese Frage sich nicht nur für irgendwelche weit entfernten Regionen stellt, sondern dass Berlin genauso postkolonial ist wie Jakarta. Es gibt keine Rückkehr zu den nationalistischen Ideen der Vergangenheit: Die Situation hat sich verändert, viele Leute klopfen an die Tür.
SPIEGEL: Kann man Haackes Botschaft zustimmen und doch seinen Entwurf künstlerisch schwach finden?
Enwezor: Unbedingt. Aber diese so genannte Botschaft, die Kritik an den Grundlagen des deutschen Nationalstaats im 19. Jahrhundert, verdient es, gehört zu werden. Was einen bei Haackes Vorschlag bedenklich stimmen kann, ist die öffentliche Diskussion darüber. Seine Anhänger sind möglicherweise nur dafür, weil das Werk die Werte einer fortschrittlichen Politik bekräftigt, und sie übersehen die Feinheiten seiner Idee. Aber hauptsächlich stellt das Werk die Grundfrage nach dem Verhältnis von öffentlicher Skulptur und Debatte.
SPIEGEL: In einem Katalogtext für die Kölner Ausstellung "Kunstwelten im Dialog" haben Sie kürzlich kritisiert, der Anteil von Nichteuropäern an der Entstehung der modernen Kunst werde ignoriert. Aber der Einfluss exotischer Kunstwerke auf westliche Künstler ist doch schon oft untersucht worden. Was missfällt Ihnen daran?
Enwezor: Ein wirklich abschreckendes Beispiel war für mich die große Ausstellung "Primitivismus" 1984 im New Yorker Museum of Modern Art. Die afrikanischen und ozeanischen Masken waren aus dem sakrosankten inneren Kreis der Werke ausgeschlossen - unglaublich gönnerhaft.
SPIEGEL: Kritisieren Sie nicht mehr den Titel als die Ausstellung selbst?
Enwezor: Auch die Ausstellung. Die Parallelen waren fragwürdig, die so genannten primitiven Objekte blieben stumm.
SPIEGEL: Wir haben diese Ausstellung vielmehr als imposant und aufschlussreich in Erinnerung. Zugegeben: Sie kümmerte sich wenig um den Hintergrund der außereuropäischen Objekte. Sie zeigte vor allem, wie etwa Picasso oder Giacometti auf solche Werke reagiert haben - auch wenn das vielleicht oberflächlich und verständnislos war. Was ist falsch an der Fragestellung?
Enwezor: Ich glaube, Picasso verstand sehr gut, was er da sah. Falsch ist, nur nach seinem Blick auf fremde Kulturen zu fragen, und nicht danach, wie die zurückblickten. Ja, es gibt eine besondere europäische Phantasie - aber bitte nennen Sie das nicht moderne Kunst und den Rest primitiv.
SPIEGEL: Das gehört zweifellos zum Thema der Ausstellung "Das kurze Jahrhundert", die Sie 2001 in der Münchner Villa Stuck planen. Ein Probelauf zur Documenta?
Enwezor: Keineswegs, das wird eine historische Ausstellung, die vom afrikanischen Standpunkt auf die Moderne sieht - nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in Literatur, Theater, Film, Fotografie, Politik und Philosophie. "Das kurze Jahrhundert" wird die Epoche der Dekolonisation seit 1945 behandeln und untersuchen, welche kulturellen Ausdrucksformen die Idee der Befreiung hervorgebracht hat. Mit der Documenta hat das nichts zu tun.
SPIEGEL: Gut, in Kassel geht es um die Gegenwart und deren multikulturelle Netzwerke. Als Beispiel für einen "postnationalen Ansatz" haben Sie bei den "Kunstwelten" die Arbeit von Yinka Shonibare vorgestellt, der schwarze Modelle in historischen europäischen Kostümen vor seiner Kamera posieren lässt. Ist Shonibare ein möglicher Documenta-Teilnehmer?
Enwezor: Mich interessiert eine ganze Reihe von Künstlern; er ist einer davon. Übrigens sehe ich ihn als Briten - in England geboren, zwar in Nigeria aufgewachsen, aber nach London zurückgekehrt.
SPIEGEL: Können Sie auf einen allgemeinen Begriff bringen, weshalb er für Sie wichtig ist?
Enwezor: Bitte keine Verallgemeinerungen. Wir müssen nach Besonderheiten suchen. Allgemein ist höchstens zu sagen: Zeitgenössische Kunst entsteht in Metropolen.
SPIEGEL: Sie bekräftigen die Vorherrschaft der Westzentren New York und London?
Enwezor: Die sehe ich nicht als westliche Zentren. Innerhalb der so genannten Young British Art gibt es sehr viele asiatische und schwarze Künstler. London und New York sind Orte mit einer großen Öffentlichkeit. Dort entsteht, was ich offizielle Kunst nenne. Das heißt nicht, sie wäre schlecht oder verdiente nicht, auf der Documenta gezeigt zu werden. Aber wir müssen über diesen Rahmen hinausgelangen und auch sehen, was in Dakar oder Neu-Delhi geschieht.
SPIEGEL: Dazu sind Sie besonders qualifiziert. Welche Rolle spielt die Bindung an Ihr Heimatland Nigeria für Sie?
Enwezor: Ich bin in die Euphorie einer jungen, gerade unabhängig gewordenen Nation hineingeboren und mit dem Gefühl aufgewachsen, dass wir eine Rolle in der Welt zu spielen zu haben. Aber auch mit der Erfahrung eines verheerenden Bürgerkriegs, der von 1967 bis 1970 mehr als eine Million Menschen das Leben kostete.
SPIEGEL: Damals waren Sie ein Kind. Haben Sie Erinnerungen an den Krieg?
Enwezor: Mehr an die Folgen, an die Wirkung auf die Leute, das Klima wechselseitiger Beschuldigungen. Ich spreche nicht gern über den Krieg, aber wenn man gezwungen war, in drei Jahren mehr als 50mal den Ort zu wechseln, oft nicht länger als drei Tage an einem Platz zu bleiben und Aberhunderte von Meilen zu laufen, dann denkt man ernsthafter über Zusammenhang und Unterschied zwischen einem politischen Programm und der kulturellen Haltung nach, die vielleicht daraus folgt. Wir Nigerianer müssen die angemessene Sprache für die Verluste aus diesem tragischen Krieg erst noch finden. Darum bin ich empfänglich für die Fragen im Zusammenhang mit Hans Haackes Reichstagsprojekt. Das gehört zum Hintergrund meines Lebens, nicht direkt zu meiner Arbeit.
SPIEGEL: Ihre Familie war wohlhabend?
Enwezor: Ja, aber nicht reich. In einem nicht nur materiellen Sinn standen mir alle Möglichkeiten offen. Ich habe ein britisches Internat in Nigeria besucht, und von 1982 an konnte ich in den USA studieren.
SPIEGEL: Wie war Ihre Kultur daheim?
Enwezor: Völlig international. Weil es in Nigeria 100 Sprachen gibt, war es von Anfang an selbstverständlich, neben unserem Igbo auch Englisch zu lernen. Das Nigeria, in dem ich aufgewachsen bin, war außerordentlich multikulturell und musste mit krassen Unterschieden fertig werden, aber es war auch anglozentrisch - und ohne jeden ideologischen Skrupel afrozentrisch. Paradoxerweise ist Nigeria von der Vorstellung ethnischer Identität besessen.
SPIEGEL: Dachten Sie nicht daran, nach dem Studium zurückzukehren?
Enwezor: Anfangs natürlich. Aber ich hatte sehr bald das Gefühl, in New York meinen Platz gefunden zu haben. In afrikanischen Ländern gibt es kaum ein Publikum für Intellektuelle. Sie werden, wörtlich oder metaphorisch, ins Exil gedrängt. Mittlerweile habe ich außer dem nigerianischen auch einen amerikanischen Pass - viel praktischer auf Reisen.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich als Exilant?
Enwezor: Nein, das wäre zu romantisch ausgedrückt. Mir geht es gut.
SPIEGEL: Herr Enwezor, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Grebo-Maske aus Picassos Besitz, Picasso-"Gitarre". Das Gespräch führten die Redakteure Jürgen Hohmeyer und Susanne Weingarten.
Von Jürgen Hohmeyer und Susanne Weingarten

DER SPIEGEL 30/2000
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