31.07.2000

VERBRECHEN„Man muss ein Schwein sein“

In Bremen wird vier PKK-Aktivisten der Prozess gemacht: Sie sollen ein junges Kurden-Paar bestialisch ermordet haben, weil dessen Liebe ein Verstoß gegen die Parteidisziplin war.
Die Zeit, in der Ayse Dizim und Serif Alpsozman sich ineinander verliebten, war schlecht gewählt. Es war eine Zeit des Hasses. Im italienischen Ostia nahe Rom stand Parteichef Abdullah Öcalan unter Hausarrest, in Istanbul rüstete der türkische Staat zum entscheidenden Schlag gegen den großen Feind, die Kurdische Arbeiterpartei PKK.
In jenen Wochen Ende 1998 marschierten Tausende von Kurden unter dem Banner der PKK durch europäische Großstädte und schworen Blutrache für ihren in Italien festgehaltenen Führer. Fanatisiert, aufgepeitscht - ein straff organisierter Kreuzzug gegen den türkischen Halbmond.
Am 13. Dezember abends gab es in Hamburg eine große Protestkundgebung, Ayse und Serif erstmals zusammen mittendrin. Transparente, aggressive Sprechchöre, Hoffnungslosigkeit - wirklich ein schlechter Tag, sich zu verlieben.
Ayse Dizim ist damals 17 Jahre alt. Eine hübsche, selbstbewusste Kurdin mit großen, braunen Augen, die schon viel Elend gesehen haben. Als Ayse 15 war, hat die türkische Armee ihr Dorf niedergebrannt. Seitdem wohnt sie mit ihrer Familie in einer Flüchtlingsbaracke mit weißem Blechdach am Stadtrand von Bremen.
Serif Alpsozman ist fünf Jahre älter als Ayse. Als Kind hat er in Kurdistan die Schafe seines Vaters gehütet, dann ging er in die Berge und kämpfte für die PKK - bis ihm eine türkische Artilleriegranate die Füße zerfetzte, auch sein Rückgrat wurde verletzt. Die Partei brachte den Gelähmten nach Deutschland, er bekam einen Rollstuhl und wurde zum "Gazi", zum Kriegshelden, der zu Propagandazwecken von Demonstration zu Demonstration gereicht wurde.
Kurz nachdem Ayse und Serif sich zum ersten Mal in Hamburg sehen, wissen sie, dass sie zusammengehören. Bis in den Tod.
Am 24. August vergangenen Jahres werden die beiden ermordet - auf eine derart bestialische Weise, dass es selbst gestandene Polizisten graust. "Ich habe schon viel Brutalität gesehen, aber noch nie eine so sinnlose Quälerei", sagt Kriminalkommissar Jürgen Kok von der Bremer Mordkommission.
Am Mittwoch dieser Woche beginnt vor dem Bremer Landgericht der Prozess gegen vier der mutmaßlichen Mörder. Alle sitzen derzeit in Untersuchungshaft und gelten der Staatsanwaltschaft als Sympathisanten oder Akteure der seit 1993 in Deutschland verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK. Nach einem fünften Täter, dem vermuteten Auftraggeber, wird weltweit gefahndet.
Der Prozess, der bis weit ins nächste Jahr hinein dauern dürfte, ist nicht nur die juristische Aufarbeitung des Endes einer dramatischen Liebesgeschichte, sondern auch von hoher politischer Brisanz. Denn hinter der Tat vermutet die Staatsanwaltschaft höchste Kommandoebenen der PKK. "Das war ein Auftrag von ganz oben", sagt ein Ermittler, "eine regelrechte Hinrichtung." Das Beweismaterial, mehr als 70 laufende Aktenmeter mit über 100 Zeugenvernehmungen, Dutzenden von Abhörprotokollen und Observationsfotos, biete einen detaillierten "Einblick in das Nervenzentrum der PKK" - und in deren Überlebenskampf.
Denn nach der Verhaftung von Parteichef Öcalan und dem daraufhin eingeleiteten Friedenskurs der PKK versuchten die Auslandskader mit allen Mitteln, ihre zunehmend unzufriedenen Anhänger zur Disziplin zu rufen. Die beiden Liebenden, so sehen es die Ermittler, mussten sterben, weil sie es wagten, ihr Privatleben über das Wohl der Partei zu stellen.
Nach Zeugenaussagen wurde die Beziehung des Kriegshelden Serif zu der jungen Sympathisantin Ayse als Affront gegen eine archaische Parteidoktrin gewertet, die besagt, dass ein Kämpfer sich "mit Blut und Leben" der PKK verschreiben muss - ein Doppelmord als Disziplinarstrafe für ein wenig nicht genehmigtes Glück.
Der alte Bremer U-Boot-Bunker "Valentin" ist nachts ein gespenstischer Ort. Eine Festung aus schwarzgrauem Stahlbeton, die in die Dunkelheit zwischen Weser und Watt ragt. Draußen gluckst der Schlick im brackigen Marschland, gelegentlich wirft das Leuchtfeuer von Kötersand vom anderen Weserufer seinen schwachen roten Schein herüber. Das Bremer Stadttheater hat hier mal ein Stück von Karl Kraus aufgeführt: "Die letzten Tage der Menschheit".
Als der Platzwart des Camping-Idylls "Kap Horn" am Morgen des 24. August 1999 zum Brötchen holen fährt, sind die Scheiben seines Wagens beschlagen. Gegen 6.30 Uhr passiert er den gepflasterten Feldweg an der Rückseite des Bunkers. Durch das trübe Glas erkennt der Frühaufsteher die Gestalt eines blutüberströmten Mannes. Hinter dem steht ein leerer Rollstuhl, ein billiges Modell aus Stahlrohr. Das Gras entlang der Deichkante ist rot. Als der Verletzte das Auto bemerkt, richtet er sich noch zwei Mal kurz auf. Dann bricht er tot zusammen. Auf seinem Gesicht - einer einzigen, offenen Wunde - sitzen bereits Fliegen.
Kriminalkommissar Kok tritt seinen Dienst an diesem Morgen um 8.10 Uhr an. Im Fahrstuhl trifft er seinen Chef. Der weist ihn an, sofort "zehn Mann, egal woher", zu nehmen und zum Bunker zu fahren.
Was Kok und seine Kollegen am Tatort vorfinden, schockt sie. Kok sichert blutige Reifenspuren. Er stellt fest, dass Serif mehrfach von einem Auto überrollt worden ist. Die Obduktion ergibt, dass seine Mörder ihm anschließend noch mit einem schweren Gegenstand den Schädel eingeschlagen haben. Er ist langsam verblutet.
Hinter dem Deich führt eine Schleifspur ins Watt, 73 Meter lang, beginnend an der Uferkante. Daneben Fußabdrücke, Kampfspuren. Ayse liegt zusammengekrümmt, halb auf dem Bauch, im knietiefen Weserschlick. Ihr Körper ist fast komplett mit Schlamm bedeckt. Neben der Leiche liegt ein weißer OP-Handschuh. In Ayses Bronchien finden sich Spuren von Schlick, an ihrem Hals Würgemale. Sie ist erstickt.
"Das Ganze sah nach einer gewaltigen Abreibung aus, die aus dem Ruder gelaufen ist", sagt Kok. "Vielleicht sollten sie anfangs nicht umgebracht werden. Das muss sich irgendwann verselbständigt haben, die Opfer müssen stundenlang zwischen Leben und Tod geschwebt haben."
Die Ermittlungen führen die Fahnder bald auf politisches Terrain. In ihr Blickfeld gerät der kurdische Kulturverein "Mesopotamisches Volkshaus" in der Bremer Neustadt, ein Club, der im Verdacht steht, damals der PKK als Operationsbasis zu dienen. Der Verein wurde seit Ende 1998 vom Staatsschutz beobachtet. Mittlerweile hat er sich umbenannt in "Med Kulturzentrum", mit der PKK will er nie zu tun gehabt haben.
"Es war, als würde man gegen eine Wand aus Watte anrennen", beschreibt ein Beamter die ersten Ermittlungen im Kurdenmilieu. Fast alle haben Angst. "Selbst ganz normale Zeugen gaben nur zu, was wir ihnen sowieso beweisen konnten."
In einer groß angelegten Aktion zapfen die Fahnder Dutzende von Telefonen an, installieren Kameras. Sie verteilen Flugblätter und setzen auf so genannte Press-Observationen, bei denen die Zielpersonen ihre Verfolger bemerken müssen - die Szene soll unter Druck geraten.
Anhand von Handy-Daten und anonymen Tipps können die Polizisten schon drei Tage nach dem Mord Sehmut Mazot, 34, als mutmaßlichen Täter ermitteln und festnehmen. 48 Stunden später werden dessen 30-jähriger Cousin Iskender Torba sowie Ahmet Tasli, 27, verhaftet.
Die Verdächtigen, nach Erkenntnissen des Staatsschutzes allesamt Aktivisten aus dem Dunstkreis der PKK, schweigen zunächst eisern. Während die Cousins Mazot und Torba hartnäckig leugnen, sich auch nur zu kennen, knickt Tasli - nach knapp drei Wochen Untersuchungshaft - ein. Als Ermittler ihm sagen, der am Tatort gefundene OP-Handschuh trage Spuren seiner DNS, packt er im Gefängnis Bremen-Oslebshausen aus. Fünf Stunden lang redet Tasli in der Nacht zum 18. September 1999, immer wieder bricht er in Tränen aus. Der Vorhalt mit dem Handschuh stellt sich Monate später als falsch heraus.
"Es war, als hätte er nur darauf gewartet, überführt zu werden, um die Mauer des Schweigens durchbrechen zu können", erinnert sich Ermittler Kok, der die Aussage mit einem Schreibblock auf den Knien protokollierte. Als es um den Mord an Ayse Dizim geht, sagt Tasli: "Man muss ein Schwein sein, wenn man so was macht."
Taslis Geständnis bringt den Durchbruch bei der Aufklärung des Falles und erhellt die Rolle der PKK: Im Frühjahr 1999, das Liebespaar hatte sich schon heimlich verlobt, ist die Partei in einer schwierigen Lage. Parteichef Öcalan droht die Todesstrafe, seine Statthalter im Untergrund haben nach 15 Jahren bewaffnetem Kampf gegen den türkischen Staat unvermittelt die Parole vom "demokratischen, friedlichen Widerstand" ausgegeben.
Die PKK in Bremen, einer nach Erkenntnissen des Landesamts für Verfassungsschutz (LfV) ohnehin "eher unterentwickelten PKK-Provinz", ist in einem verheerenden Zustand. Die Zahlungsmoral der rund 7000 Kurden im Stadtgebiet sinkt, ebenso ihre Bereitschaft, sich an Protestaktionen zu beteiligen. "Früher konnte die Organisation noch 600 Menschen für Demonstrationen mobilisieren", so Lothar Jachmann, Abteilungsleiter Extremismus beim LfV, "plötzlich mussten Ersatzgenossen aus Hamburg herangekarrt werden."
Jachmanns Abteilung registriert nach der Öcalan-Verhaftung zunehmende Schwierigkeiten der in Bremen eingesetzten Funktionäre, die von der PKK geforderte jährliche Spendensumme von etwa 800 000 Mark aufzubringen. Die Parteigouverneure bleiben regelmäßig 200 000 bis 300 000 Mark hinter dem Soll zurück.
In diesen Frühlingswochen verbringen Ayse und Serif die wohl glücklichste Zeit ihrer kurzen Beziehung. Serif ist oft zu Besuch bei Ayses Familie, die inzwischen eine Zweizimmerwohnung in der Bremer Westerstraße zugewiesen bekommen hat. Die Atmosphäre ist gelöst, fast familiär. "Ich schnitt ihm oft die Haare, er duschte bei uns, und wir wuschen seine Kleider", erinnert sich Nezir Dizim, der Vater von Ayse. "Er war für mich wie ein Sohn."
Das Glück wird zum Horrortrip, als Ayse und Sefir die Heimlichtuerei nicht mehr aushalten. Mitte April nimmt Serif all seinen Mut zusammen und bittet Ayses Vater um die Hand seiner Tochter. Der Vater weist den Antrag entsetzt zurück. Ein Mann im Rollstuhl als Schwiegersohn? Jemand, der nicht für die Tochter sorgen, vielleicht nie Kinder zeugen kann? Völlig ausgeschlossen. Nach kurdischem Verständnis wäre das gegen jeden Anstand.
Nicht nur die Familie ist gegen die Heirat. Auch die Partei. "Mindestens 20 Jungs sind für Ayse zu uns gekommen, die sie heiraten wollten", sagt ihre Mutter später in einem Telefonat, das die Polizei abhört. "Wir konnten sie nicht heiraten lassen, weil sie in der Hand der Partei war."
Dass dies so ist, legt auch der Vater mit seinem Verhalten nahe. Kurz nach dem Heiratsantrag Serifs spricht er, so die Ermittlungen, bei der PKK vor. Der so genannte Gebietsverantwortliche für Bremen ist damals Abidin Karakoc, Deckname "Servet". Er gilt als einer der Drahtzieher des Doppelmords und wird mit internationalem Haftbefehl gesucht.
"Servet" und ein weiterer Funktionär, der mitangeklagte Mehmet Ercan ("Xebat"), erscheinen in der Wohnung von Ayses Eltern. "Servet" sei der Wortführer gewesen, erzählt Ayses Vater später. Nicht einmal ein weiteres Treffen seiner Tochter mit Serif habe "Servet" noch erlaubt.
Stattdessen ordnet der PKK-Funktionär an, Ayse mit einem anderen Kurden zusammenzubringen. Aber bevor es zur Verlobung mit dem von der Partei ausgewählten Mann kommt, heiraten Serif und Ayse am 19. Mai heimlich in einer Moschee in Bremen-Gröpelingen. Noch am selben Tag zieht Ayse bei ihren Eltern aus. Er habe seine Tochter "aus dem Gedächtnis gestrichen", sagt der Vater zu Ayses Schwester. Ayse zieht mit Serif in eine Zweizimmerwohnung am Niedersachsendamm. 56 Quadratmeter, mit blauem Linoleumboden, im Erdgeschoss, damit Serif sie mit dem Rollstuhl problemlos erreichen kann.
Irgendwoher besorgen sie sich ein Bett, eine Couch, zwei Sessel und einen Couchtisch. Außer zwei kitschigen Rüschenkissen gibt es keinen Schmuck in der Wohnung.
"Sie waren wie hingerissen voneinander. In all ihren Gesten, Blicken sah man eine Zärtlichkeit, die besonders war", sagt eine Schulfreundin. Aber da war wohl noch ein anderes starkes Gefühl: Angst. Als Ayse einzieht, dichtet sie alle Fenster mit blicksicheren Vorhängen ab. Die Tür bleibt immer doppelt abgeschlossen. Nachbarn sagen, dass die jungen Leute so gut wie nie ihre Wohnung verließen. Besuchern öffnen sie nur, wenn sich diese telefonisch angemeldet haben.
Spätere Ermittlungen ergeben, dass die PKK telefonisch massiven Druck auf das Paar ausübt. "Servet" kommt sogar persönlich in die Wohnung: Ayse und Serif sollen nach Holland. Dort sitzen hochrangige Mitglieder des parteieigenen Disziplinarausschusses. Die beiden weigern sich - aber sie dürften geahnt haben, dass die Sache für die Partei damit nicht erledigt ist.
Am 23. August, einen Tag vor der Bluttat, sitzt "Servet" stundenlang mit seinen getreuen Untergebenen "Xebat" und Torba sowie anderen PKK-Sympathisanten im "Mesopotanischen Volkshaus" zusammen. Später kommt auch Tasli dazu. Eine Videokamera der Polizei zeichnet Bilder auf, als sie um 16.36 Uhr das Gebäude verlassen.
Was sie am Nachmittag vor der Tat besprechen, ist bis heute unklar. Dass es eine "Gerichtsverhandlung" gewesen sei, bestreitet Tasli. Aber nur vier Stunden später klingeln er, Torba und Mazot den Ermittlungen zufolge an der Wohnungstür von Serif und Ayse. Sie bleiben bis Mitternacht und versuchen, Serif zu überreden, mit ihnen zu kommen, um das Problem aus der
Welt zu schaffen. Mehrfach fallen die Worte "Gerichtsverhandlung" und "Ali" - der Deckname von "Servets" Vorgesetztem, dem neuen Verantwortlichen für die gesamte Region "Nord/West" der Bundesrepublik, der nach dem Öcalan-Fiasko eingesetzt worden ist.
Serif zögert. Ayse sagt ihm, dass er auf keinen Fall gehen soll. Aber schließlich willigt er ein und macht sich zum Aufbruch bereit. Zu seiner Frau sagt er, sie solle sich keine Sorgen machen. Ihm werde schon nichts passieren. Ayse weint. Dann sagt sie zu den drei Männern: "Ich komme mit." Und droht: "Wenn ihr Serif auch nur ein Haar krümmt, könnt ihr es am nächsten Tag in der Zeitung lesen!"
Die Fahrt um Mitternacht geht ins benachbarte Osterholz-Scharmbeck. Das Paar wird in eine Wohnung in der Mozartstraße gebracht. Wieder fällt dort der Name "Ali", und es wird hektisch, auch mit ihm, telefoniert - offenbar eine letzte Abstimmung darüber, was zu geschehen hat. Dann müssen Ayse und Serif mit Tasli, Torba und Mazot in einen roten VW Golf steigen. Der Rollstuhl wird im Kofferraum verstaut. Um 2.50 Uhr fährt der Wagen los.
Die 22 Kilometer zum U-Boot-Bunker führen vorbei an verlassenen Gehöften, an einer Tankstelle und endlosen, dunklen Wiesen. Um 3.15 Uhr etwa sind sie, wie die Polizei später ermittelt, da.
Erst wird Ayse aus dem Pkw gezerrt. Serif muss mit anhören, wie seine Frau auf der anderen Seite des Deiches im Schlick erstickt wird. Er weint, schreit.
Nachdem die Täter schlammverdreckt zurückgekommen sind, wird Serif vor das Auto gestoßen und überfahren, mehrfach. "Er stirbt nicht, er stirbt nicht", soll Tasli, so Torba, verzweifelt gerufen haben. Dann nimmt einer von ihnen einen Schraubenschlüssel und schlägt Serif den Schädel ein.
Wer die beiden letztlich getötet hat, ist unklar: Tasli behauptet, Torba habe ihn und Mazot mit vorgehaltener Pistole gezwungen, bei der Liquidation mitzumachen. Torba habe Ayse im Schlamm erstickt. Dann habe Torba Mazot aufgefordert, mit dem Auto einige Male über Serif hinwegzufahren. Danach habe Torba dem Schwerverletzten den Kopf zertrümmert.
Torba bestreitet das: "Ich habe weder Serif noch Ayse getötet." Vielmehr habe sich Tasli "wie ein Löwe" gebärdet und gerufen: "Ich mache es, ich bringe sie um." Das habe Tasli dann auch getan. Er, Torba, sei gegen die Exekution gewesen.
Angeblich soll "Servet" Torba gezwungen haben, bei dem bestialischen Mord mitzumachen. Der Staatsanwaltschaft liegt eine Aussage vor, der zufolge "Servet" zu Torba gesagt habe: "Die Sache ist klar, die beiden werden getötet." Torba soll sich gegen diesen "Parteibeschluss" gewehrt haben: "Ich will das nicht, ich habe auch Kinder." Da habe "Servet" angeordnet: "Es ist so bestimmt - ihr gebt keinen Ton von euch." Für Torba, der die PKK nach Einschätzung eines Gutachters "mythologisiert" und ihr geradezu "übernatürliche Kräfte" zugeschrieben hat, war dieser Befehl demnach Gesetz.
Im Prozess gegen Torba, Tasli, Mazot und "Xebat" dürften die unterschiedlichen Angaben darüber, was in der Nacht am U-Boot-Bunker geschah, nicht das einzige Problem werden. Die Öcalan-Partei, in Sorge um ihr Image, nutzt alle Tricks, um sich von der Bluttat zu distanzieren.
Gleich nach den Morden streute die PKK in Bremen, sie habe mit der Sache nichts zu tun. Bei Staatsanwalt Uwe Picard erscheint am 23. November vergangenen Jahres ein hochrangiger PKK-Funktionär, der sich "Celal" nennt und sich als neuer Regionsverantwortlicher "Nord/West" und damit als "Alis" Nachfolger vorstellt. Er sei, behauptet "Celal", in die Hansestadt gekommen, um den Fall zu klären. "Servet", inzwischen abgetaucht, habe aus persönlichen Motiven "unter Missachtung der hierarchischen Struktur unserer Organisation" gehandelt. Ein anderer PKK-Sprecher tönt: "Wir sind hinter dem Mann ebenso her wie die Polizei."
Da sind Zweifel angebracht. Deutsche Verfassungsschützer glauben zu wissen, wo "Servet" steckt: in der Schweiz - als neuer Statthalter der PKK.
Ayse und Serif liegen in den Gräbern Nummer 332 und 333 am äußersten Rand des Friedhofs von Bremen-Osterholz. An Ayses Grabstein hat jemand eine gelbe Tulpe gesteckt.
CAROLIN EMCKE, WOLFGANG KRACH,
GEORG MASCOLO, SVEN RÖBEL
* Im Februar 1999 in Berlin.
Von Carolin Emcke, Wolfgang Krach, Georg Mascolo und Sven Röbel

DER SPIEGEL 31/2000
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