07.08.2000

URLAUBDas geht zu weit

Ausgerechnet auf Mallorca wollten die Schröders „ganz privat“ Ferien machen. Natürlich wurde es doch wieder ein Staatsbesuch.
Gerhard Schröder, 56, sitzt im blauen Polo-Hemd unter einem Bougainvillea-Strauch im Garten seiner gemieteten Ferienfinca Món Salvat. Gattin Doris, 37, liest im Schatten der Veranda ein Buch: "Ein Winter auf Mallorca" von George Sand. Am Pool gibt es eine Rutsche und aufblasbare Gummitiere. Auf denen reitet der Kanzler mit Stieftochter Klara, 9, durch die Fluten, wenn sie nicht gerade "Hundequartett" spielen.
Die Schröders, eine ganz normale Familie im Urlaub. Nur lesen, Tennis spielen und sich erholen wollte der Kanzler, an einem verschwiegenen Ort, "ganz privat". Das ist schwierig auf Mallorca, dem Zentrum des deutschen Massentourismus,
wo sich im vergangenen Jahr 3,5 Millionen Landsleute tummelten, mehr als irgendwo sonst auf der Welt.
Die Unterkunft ist eine einfache Familien-Apartmentanlage, umgeben von Mandelbäumen, roter Erde und Steinmauern. Mit den Schröders wohnt hier noch ein Ehepaar aus Bremen, Stammgäste. Die Botschaft ist klar: "Wir sind ganz normale Leute", sagt der Kanzler.
Natürlich ist hier nichts normal und nichts besonders privat. Acht deutsche Sicherheitsbeamte, leger in Shorts oder Jeans, bewachen den Garten, sechs Uniformierte der noch aus Franco-Zeiten gefürchteten Guardia Civil stehen auf der Straße Posten, weitere sechs Männer der nationalen Polizei in Zivil umschleichen mit Hunden das Gelände.
"Maximale Privatheit" hatte der Kanzler vorab für seine drei Wochen Inselaufenthalt bei der spanischen Regierung erbeten: keine unerwünschten Besucher, vor allem keine Fotos.
"Warum fährt er dann nicht nach Tibet?", lästert ein Vertrauter der spanischen Regierungsvertreterin im Zentrum von Palma. Nur mit ungewöhnlich großem Aufwand können die Beamten sicherstellen, dass sich der Kanzler als Privatmann auf der Insel unbehelligt entspannen kann.
Reporter und Neugierige, die nur auf einige hundert Meter in die Nähe des Gebäudes kommen, werden ohne Erklärung festgehalten, ihre Taschen und Fahrzeuge durchsucht und ihre Personalien überprüft. "Das ist ein Land, in dem es aktiven Terrorismus gibt, da machen die das eben so", zeigt sich Doris Schröder-Köpf verständnisvoll.
Schon bei der Ankunft der Kanzlerfamilie vorvergangene Woche hatte die Polizei mit ungewohnter Härte versucht, wartende Fotografen abzudrängen. "Wir tun das hier schon 20 Jahre lang, das ist das erste Mal, dass das nicht erlaubt sein soll", ärgerte sich Gesellschaftsreporter Piedro Pieto von der mallorquinischen Tageszeitung "Ultima Hora".
Es folgte ein Angriff aus der Luft; Der britische Helikopter-Pilot Tom Saunderson, 39, flog vergangene Woche - ganz legal und in erlaubter Mindesthöhe - eine Fotoreporterin über das Grundstück der Schröders.
Nach diesem Vorfall - offenkundig eine Panne der Sicherheitskräfte - ließ die spanische Regierung sofort den Luftraum über der Kanzler-Finca sperren, wie sonst nur über dem Palast des Königs.
Der Inselbesuch des deutschen Regierungschefs wird von der deutschspanischen Öffentlichkeit mit beinahe ebenso großer Aufmerksamkeit verfolgt wie die Anwesenheit des geliebten Monarchen Juan Carlos. Doch fehlt es dem Deutschen, anders als dem volksnahen König, noch ein wenig an Geschick, wie er sich am Urlaubsort offen und zugleich auf Abgrenzung bedacht präsentiert.
Ohnehin sind die Beziehungen zwischen deutschen Mallorca-Fans und den Spaniern derzeit nicht die besten. Die Einheimischen können immer weniger leiden, dass sich die Deutschen wie die eigentlichen Herren der Insel aufspielen. Mallorcas deutscher Konsul Peter-Christian Haucke, 54, erhoffte sich durch Schröders Besuch eigentlich ein "positives Signal", um den Konflikt zu entschärfen.
Auf der VIP-Insel pflegen Prominente bestimmte Rituale im Umgang mit den Medien und leben deshalb zumeist in friedlicher Koexistenz. Der König und seine Familie begrüßen die Mallorquiner alljährlich zum Urlaubsantritt beim offiziellen Termin am Flughafen. Nach kurzer Ansprache und Pressekonferenz können die Prominenten unbehelligt von Fotoreportern und Kamerateams urlauben.
Doch Doris Schröder-Köpf, früher selbst Journalistin, mag nicht glauben, dass sich die Reporter mit offiziellen Terminen abspeisen ließen: "Wo ist bei denen eigentlich mal Schluss? Der Kanzler in der Badehose, beim Kaffee, an der Bar? Dann wollen sie noch sehen, wie wir wohnen, das geht einfach zu weit."
Nur privat ist der Urlaub ohnehin nicht. Demnächst wollen sich Spaniens Ministerpräsident José María Aznar, Sozialistenchef José Luis Rodríguez Zapatero und König Juan Carlos mit Schröder treffen. Vergangenen Dienstag redete der Kanzler mit dem sozialistischen Ministerpräsidenten der Balearen, Francesc Antich, 41, zwei Stunden bei Fisch und Wein unter einer alten Zypresse bei Valldemossa.
Der Kanzler bleibt eben auch im Urlaub der Kanzler. So hat Frau Doris die Illusion vom ganz normalen Urlaub schon aufgegeben. In fast jedem Restaurant der Welt, in dem sie mit ihrem Mann zu Abend esse, bitte der Koch oder der Besitzer irgendwann um ein gemeinsames Foto - "vielleicht sogar in Tibet". SUSANNE KOELBL
* Im Garten ihrer Ferienfinca auf Mallorca.
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 32/2000
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