07.08.2000

RENTENREFORMHeute leben, morgen zahlen

Die rot-grüne Reform entlastet künftige Generationen um mehr als eine Billion Mark. Die Kosten für die heute Beschäftigten aber sind höher, als die Regierung behauptet.
Für Arbeitsminister Walter Riester ist die Rentenreform eine Frage der Ehrlichkeit. Man dürfe "die Wirklichkeit nicht auf die Seite schieben", kontert der Ressortchef Kritik an seinem pünktlich zur Sommerpause vorgelegten Konzept, das die maroden Rentenkassen dauerhaft stabilisieren soll. Die Zeit für "Trickserei und Willkür" sei endgültig vorbei.
Wie es in Wahrheit um sein Projekt bestellt ist, zeigen zwei neue Expertisen, in denen die Folgen der rot-grünen Rentenreform erstmals auf Mark und Pfennig nachgerechnet werden. Danach entlasten die geplanten Abstriche beim Rentenniveau und der vorgesehene Aufbau einer privaten Altersvorsorge wie versprochen künftige Generationen. Die Kosten der Umbauaktion tragen aber vor allem die heute Erwerbstätigen, und dies in weit höherem Maße, als die Regierung angibt. Die Reform, so der Bonner Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel, basiere zu erheblichen Teilen auf "reiner Augenwischerei".
Wie sehr Selbstlob und Wirklichkeit auseinander klaffen, zeigen vor allem neue Berechnungen des Verbands Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR). Riesters Behauptung, das Rentenniveau werde "nur geringfügig sinken", lässt sich danach nicht mehr halten.
Zwar fällt das Altersgeld derjenigen, die heute Beiträge zahlen, bis zum Jahr 2030 rein rechnerisch nicht unter 64 Prozent des Nettolohns. Was Riester dabei aber unterschlägt: Seine Reform führt dazu, dass die erworbenen Ansprüche im Jahr 2030 viel weniger wert sind als heute.
Dass diese schleichende Entwertung bislang kaum ein Thema war, verdankt Riester einem Trick. Zwischen dem Jahr 2001 und dem Jahr 2008 will der Minister nämlich die Beiträge zur privaten Vorsorge vom Bruttolohn abziehen, womit sich der Nettolohn reduziert und damit die Bemessungsgrundlage für die Rente. Dadurch erscheint das Altersgeld höher, als es tatsächlich ist. Nach den VDR-Berechnungen sinkt das Rentenniveau, würde es nach heutigen Methoden berechnet, für einen jetzt 35-Jährigen auf knapp 61 Prozent.
Das hat Folgen: Bezogen auf die derzeitigen Einkommensverhältnisse kann ein Versicherter, der im Jahr 2010 in Rente geht, nur noch mit einer Standardrente von 1874 Mark rechnen (heute: 2020 Mark). Der heute 35-Jährige muss sich sogar mit 1751 Mark begnügen.
An den Einbußen ändert auch die geplante Zusatzvorsorge wenig. Wer künftig vier Prozent seines Bruttolohns privat fürs Alter zurücklegt, wie vorgesehen, kann damit seinen Lebensstandard im Alter zwar in etwa halten. Verglichen mit einem heutigen Senior muss er dafür freilich knapp 30 Prozent mehr an privaten und gesetzlichen Beiträgen aufwenden (siehe Grafik).
Selbst diese Zahlen verraten noch nicht das ganze Ausmaß der Kürzungen. Denn allen Berechnungen liegt die Annahme zu Grunde, dass die Rentner jeweils 45 Jahre gearbeitet und eingezahlt haben. Die Beschäftigungsstatistik zeigt jedoch, dass die durchschnittliche Lebensarbeitszeit heute eher bei 38 Jahren liegt. Entsprechend niedriger fällt die Rente aus.
Immerhin: Der Plan von Rot-Grün, künftige Generationen zu entlasten, wird Wirklichkeit. In welchem Umfang das gelingt, geht aus einer noch unveröffentlichten Studie des Freiburger Finanzwissenschaftlers Bernd Raffelhüschen hervor, der erstmals sämtliche finanziellen Folgen der Riester-Reform für heutige wie künftige Generationen, für Alte wie Junge durchgerechnet hat. Dazu erstellte der Wissenschaftler eine so genannte Generationenbilanz, eine hochabstrakte Modellrechnung, mit der Ökonomen die langfristigen Folgen politischer Entscheidungen untersuchen.
Dafür addieren die Generationen-Buchhalter zunächst alle Zahlungen, die der Angehörige eines Altersjahrgangs im Lauf seines restlichen Lebens an den Staat leistet: Steuern zum Beispiel, Sozialabgaben oder Kommunalgebühren. Davon abgezogen werden alle staatlichen Leistungen, die der Betreffende während seines Daseins noch erhalten wird: die Schulausbildung und das Bafög, der Arztbesuch oder die Frühpension. Unter dem Strich zeigt die Bilanz nicht nur, ob eine heute geborene Generation mehr Staatsleistungen erhält, als sie selbst bezahlt, sondern auch, wie viel Lasten eine Gesellschaft in die Zukunft verschiebt.
Deutschland schreibt bei dieser besonderen Form der Buchhaltung seit langem tiefrote Zahlen. Insgesamt, so hat Raffelhüschen berechnet, drücken die Bundesbürger ihren Kindern und Enkeln nach dem Motto "Heute leben, morgen zahlen" eine Schuldenlast von rund 5,2 Billionen Mark in die Bilanz, mehr als das gesamte Volkseinkommen eines Jahres.
Diese Zeitbombe, so zeigen Raffelhüschens Rechnungen, kann die Riester-Reform tatsächlich um einiges entschärfen. Der Bundesarbeitsminister lässt die Beitragssätze in den nächsten Jahrzehnten nämlich deutlich langsamer wachsen als bislang geplant, dadurch sinkt die Bürde künftiger Generationen. Entlastungseffekt insgesamt: rund eine Billion Mark (siehe Grafik).
Dass die Bundesbürger die "Generationenbrücke" (Riester) mit dem Verzicht auf eigene Rentenansprüche bezahlen müssen, hält Raffelhüschen für "letztendlich unvermeidlich". Würde die Regierung auf die Reform verzichten, müsste die nächste Erwerbstätigen-Generation nämlich fast zwei Drittel ihres Einkommens an Steuern und Sozialabgaben aufbringen. Daran, sagt der Professor, glaubten derzeit "doch nicht mal mehr Gewerkschafter".
Sosehr der Wissenschaftler deshalb die Einschnitte ins Rentensystem gutheißt, so wenig gefällt ihm, wie die Regierung die Kürzungen verteilt. Sein Haupteinwand: Für die Entlastung künftiger Generationen müssen vor allem die heute Erwerbstätigen aufkommen, die Senioren bleiben weitgehend ungeschoren. Während ein 35-Jähriger die Zukunftssicherung des Systems mit rund 11 000 Mark mitfinanziert, ist ein 65-Jähriger lediglich mit 2000 Mark dabei. MICHAEL SAUGA
Von Michael Sauga

DER SPIEGEL 32/2000
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