07.08.2000

GEWERKSCHAFTENStiller Abschied

Zwanzig Jahre nach ihrer Gründung steckt die legendäre Gewerkschaft Solidarnosc in der Krise: Scharfmacher und Karrieristen bestimmen den Ton, viele Mitglieder laufen davon.
Die Brust würde nicht ausreichen. Auf keinen Fall. "Wenn ich alle meine Orden anlegen wollte", sagt Lech Walesa, "dann müsste ich mir sogar den Rücken behängen." Die drei Leibwächter grinsen. Guter Witz. Doch der Chef setzt noch einen drauf: "Ich habe zehnmal mehr Orden und Medaillen als Breschnew."
Und da soll einer wie er sich noch daran erinnern, ob er Ehrenvorsitzender der Solidarnosc ist? "Keine Ahnung", sagt Walesa, der die legendäre polnische Gewerkschaft Ende August 1980 in Danzig mit gegründet hat, "ich weiß es nicht. Ehrungen haben mich noch nie interessiert." Nur eines weiß er: "Ich bin kein Mitglied mehr."
Damit ist der vermutlich bekannteste Elektriker der Welt der bisher auffälligste Abgang, den Solidarnosc zu verzeichnen hat. Die meisten der prominenten Gefährten Walesas aus den achtziger Jahren sind bereits lange vor ihm ausgetreten - und mit ihnen Millionen anderer Mitglieder.
Solidarnosc ist Opfer des eigenen Erfolgs: In den achtziger Jahren hatte die Gewerkschaft entscheidend dazu beigetragen, das kommunistische Regime zu entmachten. Die politischen Reformen, die Walesa und seine Mitstreiter 1989 durchsetzen konnten, schufen ein Klima, in dem dann später der Mauerfall möglich war. Doch damit hatte Solidarnosc ihre wichtigste Mission erfüllt. Heute, 20 Jahre nach ihrer Gründung und 10 Jahre nach dem Ende des Kommunismus, verliert die Organisation immer mehr an Bedeutung.
1981 hatte die Oppositionsbewegung 10 Millionen Mitglieder, 1990, als Walesa den Gewerkschaftsvorsitz abgab, um Staatspräsident zu werden, waren es etwa 2,3 Millionen, inzwischen sind es noch 1,2 Millionen, von denen aber nach internen Schätzungen nur 700 000 Mitglieder Beiträge zahlen. Der Rest gilt als Karteileiche.
"Für die Wirtschaft ist es nur gesund, wenn der Einfluss der Gewerkschaften schwindet", sagt Leszek Balcerowicz nicht ohne Genugtuung. Der frühere Solidarnosc-Berater und spätere Finanzminister hat 1990 mit seiner Schocktherapie einen in Osteuropa beispiellosen Reformprozess in Gang gesetzt und gilt seitdem als Vater des polnischen Wirtschaftswunders.
Heute sitzt der Schocktherapeut auf einem Biedermeiersessel in seinem großen Parlamentsbüro voller Antiquitäten, nippt an einer feinen Porzellantasse und freut sich, dass damals niemand auf den Gedanken gekommen ist, in Polen das deutsche System gewerkschaftlicher Mitbestimmung einzuführen. "Außer mir kannte das glücklicherweise kaum jemand", sagt der Parteivorsitzende der liberalen Freiheitsunion und lässt keinen Zweifel daran, dass er es für antiquiert hält: "Ein Modell der fünfziger Jahre - völlig ungeeignet für eine Wachstumswirtschaft wie die polnische."
Balcerowicz kann beruhigt sein: Anders als bei den früheren Staatsbetrieben ist es Solidarnosc kaum gelungen, in den zahllosen neu gegründeten Unternehmen eigene Strukturen aufzubauen, obwohl inzwischen etwa 70 Prozent der polnischen Beschäftigten im privaten Sektor arbeiten.
Die neue Unternehmerklasse reagiert meist allergisch auf die Arbeitnehmervertreter. Sie gelten den neuen Bossen oft genug als lästige Schmarotzer. Gewerkschaftsfunktionäre sind nach polnischem Recht unkündbar, wenn es ihnen gelingt, in ihrem Betrieb eine Organisation mit mindestens zehn Mitgliedern aufzubauen.
"Als ich hörte, dass bei mir eine Solidarnosc-Gruppe gegründet werden sollte, habe ich nicht lange gezögert", sagt ein deutscher Mittelständler in Warschau. Die drei Organisatoren wurden noch am gleichen Tag gefeuert.
Für Andrzej Maruszeczko ist Solidarnosc ein hoffnungsloser Fall. "Die leben nur noch von ihrem Mythos", meint der Warschauer Jungunternehmer, der in seiner Werbeagentur 24 Mitarbeiter beschäftigt. Undenkbar, dass bei ihm ein Betriebsrat gegründet werden könnte. "Wer bei uns gut ist, wird angemessen bezahlt", sagt er, "und wer angemessen bezahlt wird, braucht nicht die Rückendeckung der Gewerkschaft." So einfach ist das.
Als 18-jähriger Student lieferte sich Maruszeczko noch auf der Seite von Solidarnosc Straßenschlachten mit der kommunistischen Miliz, doch inzwischen ist die Gewerkschaft für ihn allenfalls Geschichte: "Wir reden nicht mehr über die Vergangenheit, wir wollen Karriere machen."
Ein Mann wie Zygmunt Wrzodak muss dem Kreativdirektor im schwarzen Netz-T-Shirt wie ein Übriggebliebener aus vergangenen Zeiten vorkommen. Der blonde Demagoge mit dem blassen Gesicht sorgt als Gewerkschaftsvorsitzender der Traktorenfabrik Ursus oft für Schlagzeilen.
"Früher hat uns Moskau alles diktiert, jetzt ist es Brüssel", sagt Wrzodak, der die Wand seines Büros mit Papst- und Heiligenbildern gepflastert hat. "Johannes Paul II. hat mit seinen heiligen Worten gesagt, dass Europa seine Herzen für Jesus Christus öffnen soll", meint er dann, "und dieser Weg ist der richtige."
Brüssel und die EU hingegen verkörpern für ihn das Böse schlechthin: "Bürokratie, Betrug, Korruption und sexuelle Perversion." Die Regierung, die zurzeit vom politischen Arm der Solidarnosc gestellt wird, habe Polen für Waren aus der EU geöffnet und damit drei Millionen Arbeitsplätze vernichtet. Da sei es kein Wunder, dass so viele Gewerkschafter austreten würden.
Ausländische Investoren machen bisher einen großen Bogen um die marode Traktorenfabrik, die nach wie vor dem Staat gehört - nicht zuletzt wegen Wrzodak und seiner starken Solidarnosc-Organisation. Voller Stolz wandert der Gewerkschaftsboss durch die - menschenleeren - Fabrikhallen. Es ist nachmittags um drei, und die einzige Schicht hat längst Feierabend. "Was könnte man nur für einen Profit machen, wenn man zwei Schichten hätte", murmelt er. Und warum gibt es keine zwei Schichten? "Tja", sagt er, "weil keiner die Traktoren kaufen will."
Längst sei Solidarnosc von Leuten gekapert worden, die nur auf dem Rücken der Mitglieder Karriere machen wollten, meint Wrzodak und äußert damit eine Ansicht, die von Lech Walesa und vielen Veteranen der Bewegung geteilt wird. Gemeint sind Leute wie Marian Krzaklewski, der als Gewerkschaftsvorsitzender gleichzeitig der starke Mann im Hintergrund der jetzigen Regierung ist.
Der schöne Marian, wie er in Polen oft wegen seiner tadellosen Anzüge genannt wird, empfängt in einem der teureren Warschauer Restaurants, lässt sich viel Zeit, bis er den richtigen Cabernet Sauvignon - einen australischen - ausgesucht hat, und legt dann wortreich seine Strategie dar ("Wir müssen über das Internet neue Mitglieder werben"). Doch auch er muss schließlich zugeben, dass Solidarnosc schrumpft.
Aber Krzaklewski arbeitet unverdrossen an seiner Karriere. Im Herbst will er Präsident werden, obwohl er in Umfragen gerade einmal auf zehn Prozent kommt. Der Solidarnosc-Chef wird gegen den Amtsinhaber und haushohen Favoriten Aleksander Kwasniewski antreten - und gegen seinen Vorgänger Lech Walesa. Der sieht seine eigenen Chancen sehr viel realistischer: "Ich trete an, um zu verlieren."
KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN
Von Konstantin von Hammerstein

DER SPIEGEL 32/2000
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