07.08.2000

ZEITGESCHICHTEAus dem Bild gedrängt

Die Schriftstellerin Sibylle Knauss verarbeitet in ihrem neuen Roman „Evas Cousine“ die Berichte einer Zeitzeugin über Hitlers Geliebte Eva Braun.
Eine junge Frau, Anfang 20, wird von ihrer zwölf Jahre älteren Cousine angerufen, ob sie ihr nicht ein wenig Gesellschaft leisten könne. Es ist Sommer 1944. Gern will Marlene für ein paar Tage nach München kommen, auch wenn ihr regimekritischer Vater den Kontakt zur Cousine nicht besonders schätzt.
Die heißt Eva Braun und ist die Geliebte Adolf Hitlers. Da aber Marlene noch andere Verwandte in München hat, darf die Studentin schließlich fahren.
Schon am Bahnhof gibt es eine Überraschung: Zwei SS-Männer warten dort auf sie. Sie haben den Auftrag, die junge Frau in einem schwarzen Mercedes zum Obersalzberg zu fahren, dorthin, wo die Lebensgefährtin des mächtigen Mannes allein zurückgeblieben ist - und sich langweilt. Hitler ist wenige Tage zuvor abgereist. Er wird nicht mehr in seine "Alpenfestung" zurückkehren.
Vom Besuch der Cousine auf seinem Berghof, einem Besuch, der sich schließlich über Monate hinstrecken wird, von Ausflügen in die Gegend und gemeinsamen Fahrten nach München handelt der neue Roman "Evas Cousine" von Sibylle Knauss: das Doppelporträt zweier Frauen, die sich mitten im Krieg, ganz nah am Zentrum der Macht und doch völlig auf sich gestellt, in schönster Alpenkulisse auf gespenstische Weise die Zeit vertreiben - in Abwesenheit des Diktators und Hausherrn**.
Der Roman, der in dieser Woche erscheint, beruht weitgehend auf Tatsachen, und seine Entstehung hat eine ganz eigene Geschichte. Vor zwei Jahren sprach die Autorin Knauss in einem SPIEGEL-Gespräch (30/1998) davon, dass es Erzählstoffe gebe, vor denen sie zurückzucke. Zum Beispiel "die Figur der Eva Braun ... eine Frau, die diesen Mann Hitler möglicherweise wirklich geliebt hat".
Kurz darauf rief eine Dame an und fragte: "Haben Sie Interesse, meine Geschichte zu hören? Viel Zeit habe ich nicht mehr, ich bin schon 75." Gertraud Weisker (so heißt Marlene in Wirklichkeit) stellte sich als Cousine Eva Brauns vor, als letzte lebende Verwandte, die die sagenumwobene Frau noch gekannt und erlebt hat. Sie wolle endlich sprechen, nachdem sie ein halbes Jahrhundert habe schweigen müssen - ihr Mann, der 1986 gestorben ist, hatte sie darum gebeten, nicht einmal den Kindern gegenüber von der Verwandtschaft mit Eva Braun zu erzählen.
Die Berichte und Aufzeichnungen der alten Dame erwiesen sich als Fundgrube. "Ich habe gespürt", erzählt die Autorin, "dass Frau Weisker selbst die Ich-Figur des Romans werden musste, dass das aus ihrer Perspektive erzählt werden sollte: Sie kommt da als junge Frau auf den Obersalzberg,
sehr jung, zu jung, um ganz zu begreifen, was sie da erlebt, aber alt genug, um vieles mitzubekommen und zu verstehen." Für Sibylle Knauss heute der einzige Zugang zu diesem Stoff: "Eva Braun selbst ist nach allem, was man weiß, als Protagonistin eines Romans ungeeignet: Sie ist kein starker Charakter gewesen, keine Frau, die ihr Leben selbst in die Hand genommen hat, sondern der Typus Frau, der sich einem Mann unterordnet - und das war nun ausgerechnet Hitler."
Die versierte Erzählerin Sibylle Knauss, 56, zeigt sich schon gleich beim Auftakt des Romans "Evas Cousine": In einem Prolog nähert sich die Ich-Erzählerin behutsam wieder dem Obersalzberg, nun als alte Frau: "Ich nehme die Ausfahrt Bad Reichenhall. Wer erinnert sich noch daran, welch verführerische Macht solche Ortsnamen einst über uns hatten? Bad Reichenhall ... Berchtesgaden ..."
Die Autorin folgt dem Blick ihrer Protagonistin nicht überstreng. Bisweilen erlaubt sie ihrer Figur Einsichten, die sich vielleicht doch eher dem geschulten Auge der Dozentin an einer Filmakademie verdanken (Sibylle Knauss unterrichtet in Ludwigsburg), etwa wenn sie den Berghof als Urzelle all jener abenteuerlichen Berg- und Unterwasserfestungen deutet, die später in James-Bond-Filmen von Bösewichtern bevorzugt werden.
Dass die Cousine der Eva Braun auf dem Obersalzberg selbst überhaupt nicht auf den Massenmörder Hitler trifft, mag für ihren Wert als Zeitzeugin ein Mangel sein - für den Roman selbst ist es ein Gewinn. Literatur lebt immer auch vom Abwesenden, vom Verschwiegenen.
Und tatsächlich kommt die Erzählung immer da aus der Balance, wo von Hitler die Rede ist. Behauptungen wie die, er sei "als Macho eher Durchschnitt", befremden.
Gertraud/Marlene erlebt den Berghof wie einen Urlaubsort: "Ein Gästezimmer wie in einem alpenländischen Mittelklassehotel. Geranien vor dem Fenster. Der berühmte Watzmannblick." Später zieht sie auf eigenen Wunsch ins so genannte Teehaus, das Hitler bei seinen Aufenthalten regelmäßig aufsuchte, nicht weit vom Berghof entfernt und nun leer stehend. Dort hört die junge Frau, die das von ihrem Vater kennt, heimlich BBC und andere Sender - Eva Braun weiß davon und lässt sich informieren.
Und wie sieht Sibylle Knauss heute die Figur der Eva Braun, von der Albert Speer geschrieben hat, sie werde "für alle Geschichtsschreiber eine Enttäuschung bedeuten"? "Ja, natürlich war sie das. Aber was hätte man von ihr erwarten können? Sie hätte Hitler durchschauen und sich im selben Augenblick aus der Beziehung lösen müssen." VOLKER HAGE
* Mit Inga Ley, Frau des Leiters der "Deutschen Arbeitsfront", Robert Ley. ** Sibylle Knauss: "Evas Cousine". Claassen Verlag, München; 366 Seiten; 39,90 Mark.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 32/2000
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