07.08.2000

SPANIENTerror ist kein Stimmungstöter

Sieben Eta-Morde in sieben Monaten - doch die Spanier lassen sich die Lust am Aufschwung nicht verderben. Auch die Touristen ignorieren die Bedrohung.
An einem Ohr trägt Arnaldo Otegi den Nachweis, dass er ein fortschrittlicher Mensch ist: Wenn sein schmales, kurz geschorenes Intellektuellenhaupt sich im Scheinwerferlicht dreht, blitzt linker Hand, am durchlöcherten Läppchen, dezenter Silberschmuck auf. Und an der Stelle, wo beim Berufspolitiker sonst die Krawatte hängt, lässt Otegi salopp sein weißes T-Shirt hervorlugen.
Jedoch, dazu aufgefordert, nach dem jüngsten politischen Mord in seiner Nachbarschaft ein Minimum an Betroffenheit zu artikulieren, hat der flotte Mittdreißiger die seltsamsten Hemmungen. "Ich bin nicht hier, um Benzin ins Feuer zu schütten", stottert Otegi am vergangenen Mittwoch im verregneten Seebad San Sebastián erst einmal. Schließlich aber schmettert er das Ansinnen, seine Partei solle die neue Mordwelle im Baskenland und ganz Spanien verurteilen, als Zumutung ab: "Damit können wir nicht dienen. Wir betreiben keine koffeinfreie Politik."
Politik ohne Blutvergießen - denn das ist mit der zynischen Umschreibung "koffeinfrei" gemeint - kann ein Mann wie Arnaldo Otegi sich nicht mehr vorstellen. Er ist das Sprachrohr von Herri Batasuna ("Vereinigtes Volk"): jener Partei im Land der Basken, die sich nahezu unverblümt als politischer Arm und legale Fassade der baskischen Terrororganisation Eta (Euskadi ta askatasuna - "Baskenland und Freiheit") bekennt.
Nur ein paar Tage vor dem Auftritt Otegis, am Samstag vorvergangener Woche, hatten die Eta-Killer wieder zugeschlagen und den angesehenen Sozialisten Juan María Jáuregui, 49, in Tolosa ermordet. In dem düsteren baskischen Bergstädtchen - keine 30 Kilometer von San Sebastián entfernt - verübten die Etarras damit ihr siebtes Kapitalverbrechen in sieben Monaten. Er ist laut Statistik das 829. Mordopfer der baskischen Terrororganisation seit ihrer Gründung vor 41 Jahren.
Juan María Jáuregui, 1994 unter Spaniens sozialistischem Ministerpräsidenten Felipe González zum Zivilgouverneur der Baskenprovinz Guipúzcoa aufgestiegen, war praktisch seit damals eine lebende Zielscheibe der Killerbande. Schon vor Jahren wurde ein Bombenanschlag gegen ihn durch einen Glücksfall vereitelt. Dabei hatte Jáuregui als Student während der Franco-Diktatur sogar hinter Gittern gesessen, weil er für mehrere zum Tode verurteilte Eta-Gefangene demonstriert hatte. Und auch als Politiker setzte der Sozialist sich mehrmals, zum Ärger seiner damals in Madrid regierenden Parteifreunde, für die Achtung rechtsstaatlicher Normen beim Kampf gegen den Terror ein. Trotzdem bereitete ihm Eta eine "Hinrichtung" wie im Bilderbuch:
Zwei junge Männer, mit Sonnenbrillen nicht nennenswert getarnt, hielten sich am vorletzten Samstag um elf Uhr morgens eine halbe Stunde am Tresen des Restaurants "El Frontón" in Tolosa auf. Sie plauderten, nahmen ein paar Drinks und zahlten dann. Vor dem Verlassen des Lokals holten sie ihre Pistolen hervor, stellten sich hinter Juan María Jáuregui und versetzten ihm zwei Schüsse ins Genick.
Darauf verließen die beiden unbehindert das Restaurant. Ihr gestohlenes Fluchtauto explodierte hinterher im Nachbardorf Billabona und brannte aus; mit einem Kilogramm Dynamit hatten die Täter dafür gesorgt, dass ihre Spuren gelöscht wurden.
Bei der Trauerfeier am Tag danach hat Xabier Iraola, ein baskischer Nationalist und Bürgermeister von Jáureguis Heimatdorf Legorreta, fast ohne Unterbrechung geschluchzt. "Wir waren schon als Jungen befreundet, obwohl Juan Marí der einzige Sozialist im Dorf war", erzählt der hoch emotionale Iraola, immer noch nach einer rationalen Erklärung für die Mordtat suchend: "Mag sein, dass die Terroristen durch diesen Schock jede Annäherung zwischen unserer Nationalisten-Partei und den Sozialisten verhindern wollten."
Die Mordpolitik der Etarras als Instrument der Koalitions-Verhinderung? Durchaus plausibel, denn das hat es schon gegeben im Baskenland: Die Eta-Separatisten versuchen aus dem Untergrund, den Graben zwischen den regierenden Parteien der baskischen Nationalisten - die der Utopie eines unabhängigen Baskenlandes immerhin Lippendienste leisten - und den beiden großen gesamtspanischen Parteien zu vertiefen. In ihrem abgeschmackten Antifa-Vokabular ist den Etarras nichts so verhasst wie die "Kollaboration" baskischer Nationalisten mit den Parteien der "Franco-faschistischen Okkupationsmacht".
"Das ausgeprägte Unterdrückungsgefühl bei unseren Radikalen beruht auf keiner auch nur irgendwie greifbaren Realität", versichert Alberto Surio, politischer Kommentator von "El Diario Vasco" in Bilbao. "Franco ist seit einem Vierteljahrhundert tot, das Baskenland genießt einzigartige politische Autonomie, und Spanien ist ein unbestritten demokratisches Land." Doch leider existiere die baskische Paranoia: "Die einzige Unterdrückung, die bei uns ausgeübt wird, stammt von unseren vorgeblichen Befreiern, den Terroristen, und ihren politischen Freunden."
Immer noch zitternd vor Erregung, untröstlich nach der Ermordung seines sozialistischen Freundes Jáuregui, stimmt der Dorfbürgermeister und baskische Nationalist Xabier Iraola diesem Urteil zu. "Haben wir nicht wirklich alles getan, um den Terrorismus überflüssig zu machen?", stößt er hervor. "Haben wir nicht für Eta den roten Teppich ausgerollt, damit die Untergrundkämpfer ihre Mordwerkzeuge abliefern und der Gewalt abschwören?"
Im September 1998 schien es schon fast so weit zu sein: als die Eta-Führung erstmals einen einseitigen, bedingungslosen und unbefristeten Waffenstillstand ausrief und zu Verhandlungen aller Basken-Parteien mit der Regierung der konservativen Volkspartei José María Aznars aufforderte.
"Nun stürzt der Wein des Friedens unaufhaltsam aus der Flasche", jubelte damals der Schriftsteller und frühere Eta-Kämpfer Kepa Aulestia, und eine Mehrheit der Basken durfte vom Ende der Gewalt wenigstens träumen. Doch Ministerpräsident Aznar, der die Eta-Terroristen wie kein Regierungschef vor ihm in die Enge getrieben und isoliert hatte, blieb skeptisch. "Es besteht keine Verpflichtung, sich Mördern gegenüber erkenntlich zu zeigen, bloß weil sie das Morden unterlassen", ließ er seinen Sprecher (und jetzigen Außenminister) Josep Piqué erklären.
Die Vorsicht war begründet. Die Eta-Führer haben die 14 Monate lange Feuerpause vor allem dazu benutzt, ihre ausgezehrte Organisation hochzupäppeln. Wie in Paris beschlagnahmte Dokumente zeigen, haben Emissäre der baskischen Terroristen noch im vergangenen Jahr von deutschen Waffenhändlern heiße Ware aus Osteuropa bezogen: 1500 Kilogramm Plastiksprengstoff, 1000 Zünder, zehn Kisten Handgranaten, 15 Gewehre mit Zielfernrohr und 70 Pistolen.
Also wurde es nötig, zur Geldbeschaffung die üblichen Erpresserbriefe zu verschicken: Sogar Tourismusunternehmer auf den Balearen - wie die Familie Matutes auf Ibiza - sollten angezapft werden; wer die "Revolutionssteuer" an die Terroristen tatsächlich entrichtet hat, blieb freilich geheim.
Nach Informationen der Guardia Civil hat Eta sich mit Hilfe seiner legalen Parteigänger während der friedlichen Monate auch ein neues Netz von Zuträgern und stillen Helfern aufgebaut. Wie effizient es arbeitet, soll sich jetzt im Mordfall Jáuregui gezeigt haben: Der gefährdete Sozialist, dem die Regierung Aznar einen Job im fernen Chile verschafft hatte und der nur noch gelegentlich seine Heimat aufsuchte, muss von Eingeweihten im Dorf verraten worden sein. "In der nächsten Sitzung des Gemeinderats werde ich die Vertreter der Herri Batasuna mit ganz anderen Augen sehen", sagt Bürgermeister Xabier Iraola.
Gleichwohl: Seitdem fünf Vermummte im vergangenen November das Ende der Feuerpause und die Wiederaufnahme des "bewaffneten Kampfes" verkündeten, haben Basken und Spanier die Nerven bewahrt. Zwar gingen nach jedem der seither sieben Eta-Morde - nicht nur im Baskenland, sondern auch in Málaga und Madrid - viele Menschen protestierend auf die Straße. Doch die emotionalen Massendemonstrationen in ganz Spanien, die dem Waffenstillstand vorausgegangen waren, gehören wohl der Vergangenheit an.
Alarmierende Schlagzeilen macht nur das Ergebnis der Meinungsumfrage "Euskobarómetro", wonach 15 Prozent der Basken - vor allem junge Menschen mit Universitätsabschluss - ihre Heimat verlassen möchten. Nicht in die Schlagzeilen kam freilich der Zusatz "falls sie anderswo gleich gute Bedingungen vorfinden".
Denn der wirtschaftliche Boom mit Wachstumsraten von vier Prozent, der Ministerpräsident Aznar und seiner Volkspartei im vergangenen März eine triumphale Wiederwahl bescherte, ist im Baskenland besonders zu spüren. Die Arbeitslosigkeit ist geringer als im spanischen Durchschnitt, und trotz des regnerischen Wetters in der Biscaya macht selbst der Fremdenverkehr Fortschritte: "Der Eta-Terror hatte nur geringen Einfluss auf den Tourismus", lässt die baskische Regierung wissen. Vor allem dank der Beliebtheit des spektakulären Guggenheim-Museums in Bilbao und des restaurierten Kursaals von San Sebastián habe besonders der "Qualitätstourismus" zugenommen. Das Baskenland sei nun einmal "eine der sichersten Gegenden Europas". Und trotz der Erpresserbriefe an die Hoteliers scheint dies auch für die Costa del Sol und die Balearen zu gelten.
In der malerischen Altstadt von San Sebastián werfen Eta-Anhänger zwar wieder Molotowcocktails gegen Geldautomaten, doch die Gassen sind überfüllt mit frohen Zechern. Nächste Woche, wenn die Stadt ihre alljährliche große Fiesta feiert, wird die Sperrstunde in die Morgenröte verlegt: Ausgeschenkt wird bis 5.30 Uhr früh, die Lokale schließen eine halbe Stunde später. CARLOS WIDMANN
* Oben: bei der Beerdigung eines Terroropfers am 16. Juli; links: am 30. Juli in San Sebastián; Autobombe in Durango am 26. Juli.
Von Carlos Widmann

DER SPIEGEL 32/2000
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