07.08.2000

GROSSBRITANNIENLiebe zum T-Bone-Steak

In einem kleinen Ort starben vier Menschen an Rinderwahnsinn. Doch die Dörfler essen weiterhin Fleisch.
Mächtige Kastanien beschatten die verwitterten Grabsteine rund um die im 13. Jahrhundert erbaute St.-Mary's-Kirche in Queniborough. Mit reetgedeckten Häusern, schmucken Gärten und blitzsauberen Straßen erscheint das Dorf in Leicestershire wie der Inbegriff englischen Landlebens.
Doch seit Mitte Juli lastet ein Alptraum auf dem rund 170 Kilometer nördlich von London gelegenen Ort: Queniborough gilt als Englands Brutstätte der menschlichen Form des Rinderwahns, der "variant Creutzfeldt-Jakob Disease", abgekürzt: vCJD.
Gehirnspezialisten der Universität Edinburgh, die eine so genannte CJD-Überwachungseinheit bilden, haben die Häufung der Fälle gemeinsam mit Spezialisten aus London festgestellt. Danach scheint Queniborough ein Zentrum in der Übertragungskette des Leidens zu sein. Denn 4 von mittlerweile 69 Creutzfeldt-Jakob-Toten in Großbritannien lebten in dem Dorf mit 2297 Einwohnern - nur schwerlich ein Zufall, vermuten die Mediziner.
Im August 1998 starb die 19-jährige Stacey Robinson an der unheilbaren Krankheit. Sie raubt den Opfern zunächst das Erinnerungs- und Bewegungsvermögen, bis sie nur noch dem Ende entgegenvegetieren. Die Erkrankung zerfrisst förmlich das Gehirn.
Zwei Monate nach der jungen Mutter - sie hatte einen zwei Jahre alten Sohn - starb die Bankangestellte Pamela Beyless, 24, fast zeitgleich mit dem Lastwagenfahrer Glen Day, 35. Als dann im Mai dieses Jahres abermals ein junger Mann der unheimlichen Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung erlag, waren die Edinburgher Wissenschaftler endgültig alarmiert - nicht aber die Menschen von Queniborough.
"Wir haben nur gelacht", sagt etwa die Lehrerin Brenda Knight, 44, "als wir hörten, dass wir uns im Mittelpunkt der Epidemie befinden sollten." Ein Bekannter habe vorgeschlagen, das Pub "Britannia" umzubenennen - in "Zur verrückten Kuh". Außerdem, sagt sie, "liebe ich T-Bone-Steaks".
Bei "David Clarke and Sons", der einzigen Fleischerei am Platze, ist auf einer Tafel "English Rumpsteak" annonciert. Vater Clarke trägt den weißen Schlachterhut auf dem Kopf. Er sagt: "Unser Geschäft läuft weiterhin gut." Sein Fleisch werde gewissenhaft kontrolliert, betont er. "Außerdem liegen die Infektionen ja 20 Jahre zurück."
Das hat er von Experten der Überwachungseinheit gehört. Und denen wiederum bietet sich die Chance, am Beispiel des Dorfs mehr über vCJD herauszufinden und Ansteckungsquellen zu lokalisieren.
Um herauszufinden, wie die vier Opfer infiziert wurden, haben die Fahnder aus Edinburgh deren Eltern zu den Essgewohnheiten ihrer Familien und Metzger Clarke über die Herkunft seiner Ware befragt. Die Lehrer der Grundschule verteilten Fragebögen an rund 400 Schüler.
Seit das Gesundheitsministerium die Häufung von Creutzfeldt-Jakob-Fällen publik machte, ist ein Gespenst wieder auferstanden, das nicht nur die Dorfbewohner, sondern die meisten Briten ignorieren. Schließlich wird ihnen mit dem Slogan "Buy British Beef" von Politikern und Presse unermüdlich eingebläut, heimisches Rindfleisch sei absolut sicher und sowieso "the best in the world".
Dabei wäre Misstrauen angebracht. Nachdem im Dezember 1984 ein Tierarzt in West Sussex erstmals delirierende Rinder beobachtet hatte, wurde die Gefahr aus wirtschaftlichen Erwägungen heruntergespielt. Nur der massive Druck kontinentaleuropäischer Regierungen und der EU führte dazu, den Rinderwahnsinn ernst zu nehmen.
Unter Druck des Londoner Landwirtschaftsministeriums hatten Wissenschaftler lange jedes Risiko als "extrem abwegig" bezeichnet. Erst im März 1996 räumte das Ministerium ein, dass Rinderwahnsinn auf den Menschen übertragen werden könne; zu diesem Zeitpunkt waren bereits zehn Menschen gestorben.
Inzwischen sind 176 000 britische Rinder an der Seuche eingegangen, wurden 4,3 Millionen Tiere notgeschlachtet. Aber noch immer lässt sich nicht sicher voraussagen, ob auf der Insel die Zeitbombe einer Massenepidemie tickt oder ob sich nur wenige hundert oder Tausende Menschen angesteckt haben.
Im letzten Jahr starben 14 Briten an vCJD, in diesem Jahr wurde diese Anzahl nach sechseinhalb Monaten erreicht; mindestens fünf weitere Todesfälle sind zu erwarten. Der Oxforder Epidemiologe Roy Anderson rechnet im schlimmsten Fall mit bis zu 500 000 Toten in den nächsten 30 Jahren. "Im gegenwärtigen Stadium", räumt andererseits Robert Will ein, der die Überwachungseinheit in Edinburgh leitet, "gibt es zu viele Fragen, auf die wir keine Antwort wissen."
Die Dörfler von Queniborough nervt solche Ungewissheit schon. Ein Zuwanderer aus Afrika wertet die Rinderwahnsinn-Witze in der Ortschaft als das, was sie sind: eine Flucht aus der Wirklichkeit.
Mansur Abubakar stammt aus Mosambik und ist Besitzer des Tabak- und Zeitungsladens. "Natürlich haben die Mütter Angst um ihre Kinder", sagt er besorgt, "die Krankheit ist so rätselhaft, wir fühlen uns vollkommen hilflos." MICHAEL SONTHEIMER
Von Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 32/2000
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