07.08.2000

INDIENBerserker in Bangalore

Ein Dschungel-Bandit legt mit der Entführung eines Filmhelden Indiens Software-Kapitale lahm.
Bangalore, das Software-Zentrum Indiens, befand sich vergangene Woche im Belagerungszustand. Ein Mob plünderte Läden und zündete Omnibusse an. Schulen, die Universität und die meisten Banken mussten wegen der Unruhen geschlossen werden.
"Die Stadt ist jetzt völlig verwaist, Probleme gibt es auch beim Telefonieren. Man hat uns aufgetragen, das Hotel nicht zu verlassen", wunderte sich Hartmut Schwesinger, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Frankfurt GmbH, der in Bangalore Anwärter für die deutsche Green Card werben wollte.
Den Bossen von Bangalore erging es nicht besser. Zwei Tage konnte bei der Software-Firma Svantech keine Zeile programmiert werden - wie bei den meisten der 4500 Unternehmen, die in der Hauptstadt des Bundesstaats Karnataka auf das Geschäft der Zukunft setzen. "Ausgerechnet eine Figur aus dem Dschungel bringt alles durcheinander, die ganze Software bis in die USA", schimpfte Ramakrishna, Svantechs Chef.
Urheber der Krise war der meistgesuchte Kriminelle Indiens - ein Bandenführer namens Veerappan, 57, für den die Regierung in Neu-Delhi eine Belohnung in Höhe
von 70 000 Mark aussetzte. Seine Blutspur verläuft durch die südindischen Staaten Karnataka, Tamil Nadu und Kerala - mit insgesamt 138 Mordopfern, unter ihnen 32 Polizisten, 10 Forstbeamte und 2 Fotografen, die Veerappan zu nahe kamen.
Vorletzten Sonntag schlug der mutmaßliche Mörder erneut zu, als er den Granden des südindischen Films, Rajkumar, dessen Schwiegersohn und zwei weitere Verwandte entführte. Rajkumar, 72, gebrauchte als Kultfigur in bisher 205 Filmen Kannada, die Sprache von 60 Millionen Menschen im Süden Indiens.
Bei den Berserkern von Bangalore handelte es sich um fanatisierte Anhänger des Schauspielers. Sie gingen gegen Tamilen vor - von denen wiederum viele den Tamilen Veerappan für einen Robin Hood halten.
Der asketische Kidnapper und seine Bande von zwölf Mann sind zwar als Wilderer berüchtigt. Sie haben gut 2000 Elefanten abgeschlachtet und das Elfenbein im Wert von 2,6 Millionen Dollar an Schmuggler verschachert.
Populär aber machte Veerappan das Schlagen von Sandelholz, das in Indien zu Seifen, Räucherstäbchen und religiösen Kultobjekten verarbeitet wird. Er verstieß damit gegen ein staatliches Monopol, das zum Ärger der Bevölkerung selbst Sandelholzbäume umfasst, die sich auf privatem Grund befinden. Der Handel mit dem wohlriechenden Holz machte Veerappan noch reicher - um 22 Millionen Dollar, schätzt die Polizei.
Worauf der Bandit mit seiner jüngsten Geiselnahme abzielt, ist den Verfolgern rätselhaft. Angehörige sollen versichert haben, er leide an Asthma und habe genug vom Leben im Dschungel. Womöglich, mutmaßt man in Bangalore, habe er sich mit Rajkumar einen wertvollen Preis genommen, um im Austausch Straffreiheit für sich und seine Männer zu erwirken.
Der Polizeigeneral Balachandran rechnet nicht mit einem Aufgeben des Schwerverbrechers. "Das ganze Drama dient dazu, Zeit zu gewinnen. Je tiefer er die Geiseln in den Dschungel führt, umso mehr Lösegeld wird er verlangen." Auf einem Tonband durfte Rajkumar inzwischen darum bitten, nicht gewaltsam befreit zu werden. PADMA RAO
* Mit der indischen Kollegin Jayaprada.
Von Padma Rao

DER SPIEGEL 32/2000
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