07.08.2000

HAUPTSTADTKirche ohne Fenster

Als „Architektur pur“ ist das Jüdische Museum in Berlin ein Hit. Über 200 000 Menschen haben den leeren Bau seit seiner Fertigstellung Anfang 1999 besucht. Doch die Eröffnung musste verschoben werden - die Fachleute streiten, wie der Bau genutzt werden soll. Von Henryk M. Broder
Es war eine Party wie sie auch im neuen Berlin nicht alle Tage vorkommt. Glanzvoller als die Eröffnung der Berlinale, exklusiver als das Sommerfest des Bundespräsidenten, eleganter als jede Unicef-Gala.
500 geladene Gäste nahmen an einem "festlichen Dinner anlässlich der Fertigstellung des Gebäudes" teil, jeder Gast wurde vom Hausherrn Michael Blumenthal am Eingang mit Handschlag begrüßt. Bis auf Udo Walz und Romy Haag war die Berliner Gesellschaft komplett angetreten. Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen überbrachte die Glückwünsche der Stadt ("Ich fordere Sie auf, Optimisten zu sein!"), Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach ein Grußwort ("Ich bin gerne hierher gekommen!"), dann wurde getafelt.
Nach dem Dinner konnten die Gäste, sofern dazu noch in der Lage, an "Führungen durch das Gebäude" teilnehmen, wobei es außer dem leeren Haus nichts zu besichtigen gab. Architektur pur, sozusagen, ein Rahmen ohne Inhalt.
Doch gerade dieser Umstand verzückte die Besucher. Denn es war nicht ein Profanbau, eine Schule, eine Messehalle oder eine Sportarena, die da feierlich eingeweiht wurde, sondern das Jüdische Museum Berlin, das "neue Wahrzeichen" ("Der Tagesspiegel") der Stadt.
Freilich: Wer im Lauf des Abends mal auf den Ort wollte, wohin auch Promis zu Fuß gehen, musste lange suchen und noch länger warten. 120 Millionen Mark hatte der Bau gekostet, ausgerechnet an den Toiletten hatten die Bauherren offenbar gespart.
Ein paar Tage nach dem Grand Opening wurde das Jüdische Museum zur allgemeinen Besichtigung freigegeben. In den anderthalb Jahren von Februar 1999 bis Juli 2ooo kamen über 2oo ooo Besucher. "Wir schätzen, dass 2o bis 25 Prozent der Besucher nicht wussten, dass es sich um ein lee-
res Haus handelt", sagt die Pressesprecherin des Museums, Eva Söderman, "wir sind die zweite große touristische Attraktion Berlins, gleich nach der Reichstagskuppel."
Und damit hatte das Jüdische Museum Berlin seine wichtigste Aufgabe fast schon erfüllt. Zehn Jahre waren seit der Ausschreibung bis zur Fertigstellung vergangen, es war das übliche Berliner Hindernisrennen mit den dazugehörigen Affären, Intrigen und Querelen.
Der von der Stadt berufene Gründungsdirektor Amnon Barzel, ein israelischer Kunsthistoriker, wurde nach drei Jahren gefeuert, nachdem er sich mit allen städtischen Funktionsträgern verkracht hatte, Ende 1997 wurde als Retter in der Not Michael Blumenthal aus den USA nach Berlin geholt. "Er hat das Projekt erlöst", erinnert sich Andreas Nachama, Historiker, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde und Mitglied im Stiftungsrat des Museums: "Als Blumenthal kam, gab es kein Budget, keine Leute, kein Konzept. Er hat praktisch bei null angefangen."
Für einen solchen Job schien Blumenthal die Idealbesetzung. 1926 in Oranienburg geboren und in Berlin aufgewachsen, machte der Sohn einer deutsch-jüdischen Familie in den USA Karriere: als Wirtschaftsprofessor in Princeton, Spitzenmanager großer Unternehmen und Finanzminister unter Jimmy Carter. Blumenthal spricht fließend Deutsch, kennt auf beiden Seiten des Atlantiks alle Leute, auf die es ankommt, und hat "die Größe, mit der Vergangenheit unverkrampft umzugehen" ("Die Welt"), eine Tugend, die Deutsche an Juden besonders schätzen.
Dass er weder Historiker ist noch jemals ein Museum geführt hat, fiel dagegen kaum ins Gewicht, denn für solche Routineaufgaben gibt es auf dem Markt ausreichend Personal.
Tatsächlich kam unter Blumenthals Führung das Projekt Jüdisches Museum Berlin endlich in Fahrt. Mit Autorität, Charme und Härte machte er den Berliner Lokalgrößen klar: Sie brauchen ihn, er dagegen kann auch gut ohne sie leben. "Ich bekomme kein Gehalt, nur die Spesen werden erstattet." Einmal im Monat fliegt er aus den USA nach Berlin ein, bleibt etwa eine Woche, trifft Entscheidungen und fliegt wieder heim. Statt in einem Hotel zu wohnen, hat er sich in der Nähe des Gendarmenmarkts eine Wohnung gemietet, unweit des Hauses, in dem Rahel Varnhagen ihren berühmten Salon hatte. "Würde sie noch leben, würden wir uns auf der Straße begegnen."
Im Jahre 1999 hatte das Museum zum ersten Mal ein eigenes Budget zur Verfügung, 1o Millionen Mark, im Jahr 2ooo waren es schon 18 Millionen - 12 aus dem Bundeshaushalt und 6 aus der Landeskasse. Anfang 1999 wurden 12 Mitarbeiter beschäftigt, im August 2ooo bereits 85, etwa die Hälfte von ihnen Rechercheure, Historiker, Archivare und Akquisiteure.
Die Pressestelle des Museums meldete laufend "neue Besucherrekorde", wobei "Prominente aus Politik und Kultur" wie Otto Graf Lambsdorff, Antje Vollmer, Elie Wiesel, Iris Berben, Marcel Reich-Ranicki und Donna Karan besonders hervorgehoben wurden. Es wurde auch keine Gelegenheit versäumt, darauf hinzuweisen, dass "der mit Zinkblech verkleidete Bau", der "zinkverkleidete Zickzackbau", der "spektakuläre Zickzackbau", der "silbrige Zickzackbau", der "spektakuläre silberne Blitz" schon "im leeren Zustand ein Publikumsmagnet" der Superklasse sei. Zur Begrüßung des 2oo ooo. Besuchers wurde die Berliner Presse eingeladen. Die Grundschullehrerin Hellen Hooge Hansen aus Kopenhagen war, hieß es anschließend in einer Mitteilung an die Medien, "vom ersten Eindruck überwältigt: ,So groß hatte ich mir das Museum nicht vorgestellt!''"
Bei so viel Begeisterung für die schiere Größe des Objekts und den Zulauf der Besucher kam nur eine Überlegung ein wenig zu kurz: Was "das größte jüdische Museum Europas" eines Tages zeigen würde, welche Objekte gegen die karge Schönheit der leeren Räume und kahlen Wände eingesetzt würden. Diese Frage wurde zwar gelegentlich gestellt, aber immer ausweichend und allgemein-konkret beantwortet. Man plane eine "Entdeckungsreise durch die deutsch-jüdische Geschichte und Kultur von den frühesten Zeugnissen durch das Mittelalter bis in die Gegenwart", man wolle "lebendig machen, was zerstört wurde".
Am 12. Oktober 1999 gab die Pressestelle bekannt, Michel Friedman sei ebenfalls schon da gewesen, der "silberne Blitz" habe sich "als Sehenswürdigkeit in Berlin etabliert", die "Vorbereitungsarbeiten für die Museumseröffnung im Oktober 2ooo" liefen "auf Hochtouren".
Nur zwei Monate später, am 14. Dezember 1999, sagte Direktor Blumenthal auf einer Pressekonferenz, die geplante Eröffnung müsse wegen einer "technischen Aufrüstung" um ein Jahr verschoben werden. Das enorme Besucherinteresse habe die ursprünglichen Erwartungen bei weitem übertroffen, die Lüftungs- und Sanitärtechnik sei für solche Massen nicht ausgelegt.
Offenbar hatte beim Bau niemand daran gedacht, dass ein Museum nicht nur seine Angestellten mit Frischluft und Toiletten versorgen muss, sondern auch die Besucher. Und wie in Berlin üblich, gab es für dieses Versäumnis keinen Verantwortlichen, sondern nur eine Schadensrechnung: rund 1o Millionen Mark zu Lasten des Steuerzahlers. Womit sich die Kosten für den Bau des Jüdischen Museums von 12o auf 13o Millionen Mark erhöhten.
"Die Sache mit der Klimaanlage war Flucht nach vorn, die haben einfach gemerkt, dass sie den Termin der Eröffnung nicht halten können und bei der Gelegenheit zwei Fliegen mit einer Klappe erwischt", sagt Michael Cullen, Forscher, Sammler und Experte für die Geschichte des Reichstags. "Es war das erste Objekt, das Libeskind gebaut hat, und keiner hat ihm gesagt, wie ein Museum funktioniert. Es gab keinen Bauherrn, der etwas von der Sache verstand."
So sei "ein Stück Architektur" entstanden, das auf die Besucher wie "ein Heiliger Gral" wirkt, "wie die ausgestreckte Hand aus der Gruft, ein Schrei der Anklage", der Raum fördere "eine Gefühlssimulation der Ergriffenheit".
Cullens Überlegung kommt einer Erklärung für den unglaublichen Erfolg des Museums recht nahe. Es geht nicht um Architektur, es geht um eine kathartische Erfahrung. Anders als im Holocaust-Museum in Washington geht es in Berlin nicht nur um den Völkermord. Dennoch betreten die Besucher das Gebäude durch einen unterirdischen Gang und werden über die "Achse der Vernichtung" in den "Holocaust-Turm" geführt, der als "entäußerte Leere" 24 Meter hoch aufsteigt.
Der Turm ist "unbeheizt und unklimatisiert", erklären die Fremdenführer vom museumspädagogischen Dienst, bevor die Tür zugeht. Man sieht die Turmbesucher anschließend, betroffen und ergriffen, vor einem vertikalen Transparent stehen ("Between the Lines"), auf dem ein Statement des Architekten Daniel Libeskind zu lesen ist, in dem es unter anderem heißt, "schon immer" habe ihn "die Musik Arnold Schönbergs interessiert", vor allem "die Oper ''Moses und Aron'', die Fragment bleiben musste". Deswegen habe er, Libeskind, versucht, "diese Oper architektonisch zu vollenden".
Der "Libeskindbau", wie das Jüdische Museum auch genannt wird, ist also eine Art atonaler Klangkörper aus Beton mit einer Titanzinkverkleidung. Doch es gilt als ausgemacht, dass es ein großartiges Stück moderner Architektur ist, wenn auch "schwer zu bespielen". Auf diese salomonische Formel haben sich alle, die mit dem Bau von Amts wegen zu tun haben, geeinigt.
"Schwer zu bespielen", sagt Staatsminister Michael Naumann, räumt allerdings ein, dass die "Berliner Planungsgroteske" um dieses "schöne Haus" wirke, als wäre es "das Heimatmuseum von Kötschenbroda".
"Schwer zu bespielen", sagt auch der Berliner Anwalt und Kunstsammler Peter Raue und spricht von einem "work in progress", bei dem man ausprobieren muss, was geht und was nicht geht.
"Schwer zu bespielen", sagt der Historiker Andreas Nachama, der wie Raue und Naumann im Stiftungsrat sitzt, "das ist eben Berlin, die bauen das Haus und überlegen nicht vorher, wie sie es bewirtschaften sollen."
"Eine begehbare Skulptur, die sich der Benutzung für eine unterhaltsame Inszenierung verweigert", formuliert Berlins neuer Kultursenator Christoph Stölzl, auch er Mitglied des Stiftungsrats, mit der ihm eigenen Eleganz, "aber vielleicht gelingt denen die Quadratur des Kreises, da sind wir alle sehr gespannt."
Wer weiter geht, läuft Gefahr, sich als Banause lächerlich zu machen.
"Expressionistische Architektur, die an das Kabinett des Doktor Caligari erinnert; Betroffenheitsarchitektur, die in 10 bis 20 Jahren unangenehm auffallenen wird." So nennt es Alan Posener, Berliner Kulturjournalist und Sohn des renommierten Architekturhistorikers Julius Posener.
"Weltanschauungsarchitektur, Scharlatanerie eines Architekten, der sich selbst verwirklichen wollte, ein Alptraum für kommende Generationen", schimpft der Historiker Julius Schoeps.
"Grauenhaft!", ruft die Historikerin und Judaistin Marianne Awerbuch, die mit ihren 83 Jahren "nichts mehr zu verlieren" hat. Sie fühlt sich an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern erinnert. "Ich laufe durch Berlin und suche den kleinen Jungen, der laut sagt: Der Kaiser ist nackt." Aber niemand sagt es.
So bleiben die Kritiker des Museums, die den Kern des Problems in der architektonischen Anlage sehen, erst einmal unter sich. Was zählt, ist die Tatsache, dass Berlin eine touristische Attraktion mehr hat. Statt eines Museums könnte es auch eine Kirche ohne Fenster sein, in die das Licht in Tüten hineingetragen werden muss. Die Frage ist nur, ob die Attraktion ihren mystischen Zauber behalten wird, wenn die Räume eines Tages mit allerlei Exponaten gefüllt sein werden.
Eine 2o-köpfige Truppe, das so genannte Dauerausstellungsteam, mit dem Kurator Thomas Friedrich an der Spitze, versucht, mit der Herausforderung fertig zu werden. "Wir arbeiten an der dramaturgischen Umsetzung, wir sind zum Experimentieren gezwungen. Und wir wissen, dass es ein Vabanquespiel mit hohem Risiko ist. Am Ende könnte es sich herausstellen, dass es unmöglich ist, gegen diese Architektur eine Ausstellung hinzustellen."
Während Friedrich und seine Mitarbeiter das Unmögliche angehen, reagiert Direktor Blumenthal auf die Frage nach einem "Konzept" ziemlich ungehalten: "Es gibt eines, aber ich werde es nicht vorzeitig enthüllen. Bei jeder Ausstellung wird bis zum letzten Moment gearbeitet und ausprobiert."
Doch zur Sitzung des Stiftungsrats am 13. Juni musste Blumenthal eine "Tischvorlage" erarbeiten, ein 4o-seitiges Papier mit einer "konzeptionellen Skizze" und vielen operativen Details: Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Museum würde 9o Minuten betragen, die "Zufriedenheitsquote" bei 85 Prozent liegen, 25 Prozent der Besucher im ersten Jahr würden aus dem Ausland kommen.
Dagegen waren die inhaltlichen Überlegungen weniger präzis und von jener Schwammigkeit geprägt, wie man sie in den Reden zur Woche der Brüderlichkeit findet. Es solle "deutlich werden, dass Juden ... einen erheblichen Beitrag zur deutschen Kultur, zur Entwicklung der Ökonomie, zur Politik, Kunst und Formierung der allgemeinen Gesellschaft geleistet haben"; auch die Frage, an wen sich das Museum richtet, wurde mit gleicher Bravour beantwortet: "An das gesamte Spektrum der in Deutschand lebenden Menschen ... an Juden und Nichtjuden, an Personen aller Altersstufen, jeglicher kultureller Herkunft und jedweden religiösen Bekenntnisses, insbesondere aber an junge Menschen".
Und so weiter, über viele Seiten, eine Tour des guten Willens gespickt mit Allgemeinplätzen und "interaktivem" Hokuspokus. Computer-Freaks bekommen "die Chance auszuprobieren", ob sie als ein "U-Boot" im Untergrund während des Kriegs hätten überleben können oder in der Lage gewesen wären, "die Schweizer Grenze zu erreichen". Ja, so aufregend kann Geschichte sein.
Der Stiftungsrat nahm das Papier kommentarlos zur Kenntnis und überwies es an den wissenschaftlichen Beirat zur weiteren Behandlung. Doch inoffiziell wurde bekannt, dass einige der Stiftungsratsmitglieder am Ende der Sitzung etwas ratlos ausgesehen haben. Und es dauerte nicht lange, bis Teile des als vertraulich klassifizierten Papiers im Internet zu lesen waren.
Pressesprecherin Eva Söderman versuchte, weitere Kollateralschäden zu vermeiden, indem sie das grade vier Wochen alte Exposé für "völlig überholt" erklärte und die Bitte nach einer aktualisierten Fassung eisern lächelnd abwehrte: "Die wäre morgen auch schon überholt."
Diese Art von Wichtig- und Geheimtuerei sorgt in Berlin für Unmut, der sich langsam aufbaut. "Es ist ein Grummeln und ein Raunen um dieses Projekt in der Stadt, und niemand spricht es offen aus: Da läuft was schief", sagt Alice Ströver, kulturpolitische Sprecherin der Bündnisgrünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Sie habe sich immer für das Museum stark gemacht, denn "wir brauchen dieses Museum, um das Verhältnis zwischen den Deutschen und den Juden zu entkrampfen".
Alle wären ganz stolz gewesen und hätten sich "gegenseitig auf die Schultern geklopft", als Blumenthal nach Berlin geholt wurde, vor allem der damalige Kultursenator Radunski und sein Staatssekretär Pufendorf. "Da hatten sie einen großen Mann für unsere kleine Politik, und dann haben sie ihn allein gelassen. Was hat man ihm zugemutet? Mit den ganzen Irren hier umgehen zu müssen?" So sei er eben, der Berliner Sumpf, Sumpf, Sumpf.
Die inhaltliche Debatte sei "erst spät in die Gänge gekommen". Seit der letzten Wahl bemühe sie sich darum, "das Thema auf die Tagesordnung zu bugsieren".
Am 19. Juni war es so weit, der Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses informierte sich über den Stand der Vorbereitungen. Direktor Blumenthal stellte das Konzept vor und beantwortete Fragen. Die Abgeordneten erlebten einen sehr selbstbewussten, beinah arroganten Blumenthal, der sie vor die Wahl stellte, Ja oder Nein zu seinen Vorschlägen zu sagen. "Wenn Sie diesen Plan nicht akzeptieren, dann kann ich Ihnen versichern, dass wir am 9./10. September 2001 nicht eröffnen können. Die Verantwortung dafür müssen Sie übernehmen." Es wäre "fatal", wenn man das Konzept in allen Einzelheiten öffentlich diskutieren würde. "Ebenso wie Sie Sir Simon Rattle wahrscheinlich nicht dazu bringen werden, dass er sich von Ihnen genau sagen lässt, wie er seine Musik zu machen hat, so müssen Sie mir auch vertrauen, wie ich mein Museum mache, denn das ist eine Frage der Kunst."
Die Abgeordneten nahmen die Belehrung hin, ohne Blumenthal darauf hinzuweisen, dass es nicht sein Museum sei und dass er, im Gegensatz zu Simon Rattle, zum ersten Mal am Dirigentenpult stehe.
"Er war so, wie er immer ist", erinnert sich Alice Ströver, "ich habe Verständnis dafür, dass Herr Blumenthal dem Berliner Parlament gegenüber etwas unwillig ist. Doch wer, wenn nicht wir, soll die Diskussion führen?"
Blumenthal seinerseits hat die Befragung längst abgehakt. "Die entscheidenden Leute stehen hinter mir." Er baue ein "Nationalmuseum der deutsch-jüdischen Geschichte", "nicht für die Intellektuellen, die Historiker oder journalistische Snobs", sondern "für die breite Masse, die sonst nicht ins Museum geht", so der Direktor letzte Woche zum SPIEGEL. Er sei auch schon dabei, "das Festkonzert zur Eröffnung" zu planen, die Chicagoer Philharmoniker würden Mahlers Siebte spielen (eine Idee, die Minister Naumann als die seine reklamiert), Ende Juli/Anfang August war Blumenthal wieder eine Woche in Berlin.
"Man kann einen solchen Job nicht als Viertelstelle machen, auch wenn man ihn ehrenamtlich macht", sagt jemand aus der Umgebung Blumenthals, "wenn der Boss nicht da ist, entstehen Informationslücken, und alles dauert länger."
"Die kommen nächstes Jahr unter Bundesaufsicht, und dann werden wir ihnen helfen, ein wenig professioneller zu werden", verspricht Staatsminister Naumann.
"Es könnte sein, dass Blumenthal den Karren aus dem Dreck gezogen hat, um ihn jetzt gegen die Wand zu fahren", warnt Michael Cullen.
"Irgendwie liegt kein Segen auf diesem Projekt, es scheint verhext", resigniert Andreas Nachama.
"Sie können bis zum September 2oo1 nicht fertig werden, aber sie werden aufmachen, es wird irgendeine Ausstellung geben", prophezeit Hermann Simon, Direktor des Centrum Judaicum und Autor eines Buchs über das erste Jüdische Museum in Berlin, das am 24. Januar 1933 aufgemacht und nach der Pogromnacht im November 1938 geschlossen wurde.
In einem Jahr soll es wieder ein Jüdisches Museum in Berlin geben, das größte Europas. Und schon in diesem September soll ein Buch von Thomas Lackmann, Feuilletonredakteur beim "Tagesspiegel", über das neue Wahrzeichen der Hauptstadt erscheinen. Der Titel bringt das Projekt auf den Punkt: "Jewrassic Park".
Berlins Jüdisches Museum
165 Architekten beteiligten sich 1988/89 am Wettbewerb für den "Erweiterungsbau des Berlin-Museums", die Arbeiten für den prämiierten "Libeskindbau" wurden im November 1992 begonnen und Ende 1998 beendet. Kosten - ohne Nachbesserungen: 120 Millionen Mark. Die Dauerausstellung auf 3000 Quadratmeter Fläche soll am 9. September 2001 eröffnet werden. Der Jahresetat des Hauses beträgt derzeit 18 Millionen Mark und wird von 2001 an auf rund 24 Millionen Mark steigen.
* Bei der Eröffnung des Jüdischen Museums am 23. Januar 1999, mit Ministergattin Linda-Tatjana Schily.
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 32/2000
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