07.08.2000

MUSEEN„Geheimnis des Jahrhunderts“

Drei Jahre lang war der Deutsche Werner Spies Museumsdirektor im Pariser Centre Pompidou - gerühmt, aber auch angefeindet. Zum Abschied trumpft er mit einer grandiosen Ausstellung der Skulpturen Pablo Picassos noch einmal auf.
Werner Spies drückt viele Hände. Wenn er - als "Gott auf leichten Sohlen", wie ein sympathisierender Kollege ihn beschrieben hat - durch die Museumsetagen des Centre Pompidou eilt, dann bleibt kein Pförtner und kein Aufseher unbegrüßt. Einen so netten Direktor, ist ihm aus Kreisen des Personals zugetragen worden, habe man noch nicht erlebt.
Derzeit huscht der in Paris ansässige Deutsche besonders oft und gern durchs Haus: zum Abschied und um sich an dem Coup zu freuen, der ihm am Schluss seiner gut dreijährigen Amtszeit geglückt ist. Ende des Monats räumt Spies, 63, seinen Posten als Chef des Musée national d''art moderne, aber noch bis zum 25. September lässt er da eine fulminante Ausstellung von Skulpturen Pablo Picassos in dem Bewusstsein zurück: "Einen besseren Schluss hätte ich nicht finden können."
Tatsächlich? Immerhin hat im vorigen Herbst die Nachricht, Spies werde keine zweite Amtsperiode angeboten, genauso überraschend eingeschlagen wie 1997 seine Berufung. Das Hamburger Kunstblatt "Art" zitierte aus dem "Intrigensumpf" des Centre Pompidou die Kustoden-Häme, der profilierte Kunsthistoriker und erfahrene Ausstellungsmacher (siehe Kasten) sei "alles andere als ein Museumsmann". Darauf beteuerten die Mitarbeiter ihre Solidarität - ohne etwas zu dementieren.
Doch Spies setzt auf Diplomatie und Harmonie: Dadurch, dass manche Kollegen "in einem anderen Takt tanzen", will er genauso wenig irritiert worden sein wie durch die Klagetöne von Régis Debray: Der einstige Ché-Guevara-Kampfgefährte und Berater Mitterrands reagiert mit gekränktem Nationalstolz, weil er die Ecole de Paris in der Schausammlung vermisst.
Dass nun wieder ein Franzose nachrückt, nennt Spies einfach "an der Zeit". Und wenn der designierte Nachfolger Alfred Pacquement, 51, moniert, vor allem die Künstler müssten sich im Museum "zu Hause fühlen", erwidert der scheidende Direktor sanft: "Die drin sind, fühlen sich auch zu Hause." Nur sei der Drang, drin zu sein, viel lebhafter als einst, seitdem nach gut zweijähriger Schlie-ßung die ständige Kollektion wieder eröffnet worden ist - sehr vergrößert, von ihm neu geordnet und mit kräftigen internationalen Akzenten versehen (SPIEGEL 1/2000); jetzt werde sie dreifach stärker frequentiert. Hier "Weichen gestellt" zu haben erfüllt ihn "mit Freude".
Und nun auch noch Picasso: Rund 300 Bronzen, Gipse, Holz-, Blech- und Pappgebilde aus sieben Jahrzehnten, die der Kunst-Berserker bis zu seinem Tod (1973) größtenteils bei sich zu Hause gehütet hatte, sind im Centre zu einem magischen Totem-Wald vereint - anderthalbmal so viel wie bei der bisher größten Übersicht 1983 in Berlin.
Kaum zu glauben, dass all die feminin schwellenden Formen, konstruktiven Gestänge und aus Fundstücken zusammengepappten Basteleien von einem einzigen Künstler stammen sollen. Picasso selbst, das hat Spies noch aus seinem Mund gehört, kam es beim Blick in die eigenen Arsenale vor, "als entdeckte man eine unbekannte Zivilisation".
Kurzbeinig, mit plump ausladenden Körperteilen wie ein Vorzeitidol steht nun eine schrundige Symbolgestalt am Eingang zur Ausstellung. Es ist jene "Frau mit Vase", die, in einem anderen Gussexemplar, 1937 vor dem spanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung (mit Picassos "Guernica"-Gemälde) paradierte und auch auf dem Grab des Künstlers im Provence-Schloss Vauvenargues Wache hält.
Vor dieser Figur stauen sich im Centre Pompidou die Kunstfreunde ein zweites Mal, nachdem sie schon vor dem Haus Schlange gestanden haben; nur eine limitierte Zahl wird jeweils eingelassen. Nach dem bisherigen Ansturm kalkuliert, dürfte es "Picasso sculpteur" gut und gern auf 400 000 Besucher bringen.
Prominente Gäste genießen das Privileg, vom Direktor in Person geführt zu werden - so wie kürzlich Lauren Bacall, die Grand Old Lady aus Hollywood, die sich als ausgesprochen "kenntnisreiche Besu-
cherin" (Spies) entpuppte. Und wenn demnächst, wie angekündigt, Ex-Tennisstar
Boris Becker aufkreuzt, ist er ebenso willkommen. Diese Visite, vermutet der Museumsherr, "hätte Picasso auch gefreut".
Spies'' Job im Centre Pompidou krönt eine kulturelle Mittlerkarriere zwischen Deutschland und Frankreich, die bereits, vor vier Jahrzehnten, der schwäbische Sorbonne-Student als Radiokorrespondent und Kunstkritiker begonnen hat. Er dockte beim Picasso-Galeristen Daniel-Henry Kahnweiler an, spann aber auch Kontakte zu Schriftstellern wie Samuel Beckett oder Nathalie Sarraute und vergab Hörspielaufträge des Süddeutschen Rundfunks. Er übersetzte das - dann in Deutschland viel gespielte - Bühnenstück "Ganze Tage in den Bäumen" von Marguerite Duras und konnte sich dank der Tantiemen endgültig in Paris niederlassen.
"Hüte dich vor dem Surrealismus!", hat Kahnweiler ihn gewarnt - umsonst. Just die alptraumhafte "Versuchung des heiligen Antonius" von Max Ernst, ausgestellt in einer Pariser Galerie, zog Spies in ihren Bann. Doch obwohl unversehens der Künstler hinzutrat und den jungen Mann spöttisch beäugte, kam es nicht gleich zum Gespräch.
Das ergab sich erst, als der Kritiker 1966 einen Artikel zum 75. Geburtstag Ernsts schreiben sollte und der ihn in seinem Landhaus empfing - umgeben von Künstlerkollegen wie Marcel Duchamp und Man Ray. Für Spies tat sich eine "faszinierend neue Welt" auf, er schloss enge Freundschaft mit Ernst und bildete sich zum konkurrenzlosen Kenner seiner Werke heran.
Die Chance, Picasso zu treffen, kam mit dem Projekt Kahnweilers und des Stuttgarter Verlegers Gerd Hatje für einen OEuvrekatalog seiner Skulpturen. Spies, zum Autor erkoren, durfte den fast 90-Jährigen an der Côte d''Azur besuchen und befragen. In einer großen Halle standen originale Gipsmodelle neben danach gefertigten Bronzegüssen, massig modellierte Frauenbüsten neben raffiniert gefalteten Blechsilhouetten. Gemälde hatten in dieser Wunderkammer der greifbaren Objekte so wenig zu suchen wie jetzt in der Pariser Skulpturenschau.
Unverdrossen zählt Spies Picassos plastisches Werk zu den "bestgehüteten Geheimnissen des 20. Jahrhunderts". Dabei hat er alles getan, das Mysterium unters Volk zu bringen und ihm zu erläutern. Der Erstausgabe des Werkverzeichnisses, die der Künstler noch erlebte, folgte 1983 eine erweiterte Version, zugleich als Katalog der damaligen Ausstellung. Diesen Zweck erfüllt auch die jetzt erschienene, abermals ausgebaute Drittfassung mit brillanten Farbfotos*. Das Verzeichnis, anfangs 664 Nummern, ist seitdem um über 100 angewachsen.
So penibel Spies diese überbordende Produktion auflistet - recht fassen kann er sie nicht. Mit Begriffen wie "Kunst" und "Avantgarde", grübelt er, sei dem Phänomen nicht beizukommen. Im letzten Raum der Ausstellung lässt er den großen Recycler und Beseeler als gottähnlichen Menschenschöpfer auftreten: Eine kurze Filmszene, die da als Endlosschleife läuft, zeigt Picasso, wie er seine "Frau mit dem Schlüssel" von 1954 (auch "Bordellmutter" genannt) schlicht aus Terrakotta-Bruchstücken zusammenlegt. Und ihr einen frisch gepflückten Weidenzweig in die Hand gibt. JÜRGEN HOHMEYER
Schau-Meister Spies (Highlights)
1970 Max Ernst (Kunstverein Stuttgart)
1978 Paris - Berlin (Centre Pompidou, Paris)
1983 Picasso. Plastiken (Nationalgalerie Berlin)
1986 Picasso der Zeichner (Kunsthalle Tübingen)
1991 Max Ernst (Tate Gallery, London)
1998 Max Ernst - Skulpturen, Häuser und Landschaften (Centre Pompidou, Paris)
* Mit Picassos "Frau mit Vase" (1933). * Werner Spies: "Picasso. Skulpturen". Hatje Cantz Verlag, Ostfildern; 440 Seiten; 128 Mark (französische Ausgabe 320 Francs).
Von Jürgen Hohmeyer

DER SPIEGEL 32/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 32/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MUSEEN:
„Geheimnis des Jahrhunderts“

Video 02:18

Impeachment-Anhörung von Marie Yovanovitch "Mit einem Tweet durch den Schmutz gezogen"

  • Video "Dreidimensionales Bild: Ein Hologramm zum Anfassen" Video 01:11
    Dreidimensionales Bild: Ein Hologramm zum Anfassen
  • Video "Emotionaler Hoeneß-Abschied: Dieser Tanker muss geradeaus fahren" Video 01:47
    Emotionaler Hoeneß-Abschied: "Dieser Tanker muss geradeaus fahren"
  • Video "137 km/h: Jet-Suit-Pilot bricht Geschwindigkeitsrekord" Video 01:07
    137 km/h: "Jet-Suit"-Pilot bricht Geschwindigkeitsrekord
  • Video "Hyperloop: Virgin stellt Passagierkapsel vor" Video 01:13
    Hyperloop: Virgin stellt Passagierkapsel vor
  • Video "Hochwasser in Venedig: Mose kommt nicht - und die Stadt versinkt" Video 02:21
    Hochwasser in Venedig: "Mose" kommt nicht - und die Stadt versinkt
  • Video "Überschwemmungen: Venedig kämpft erneut gegen Hochwasser" Video 01:16
    Überschwemmungen: Venedig kämpft erneut gegen Hochwasser
  • Video "Hoeneß hört auf: Hier ist Uli" Video 05:01
    Hoeneß hört auf: "Hier ist Uli"
  • Video "Ukraine-Affäre: Pelosi wirft Trump Bestechung vor" Video 00:57
    Ukraine-Affäre: Pelosi wirft Trump Bestechung vor
  • Video "Strand in Finnland: Die Eis-Eier von Hailouto" Video 00:47
    Strand in Finnland: Die Eis-Eier von Hailouto
  • Video "Videokritik zu The Crown Staffel 3: Eine Serie wie ein Monumentalfilm" Video 04:07
    Videokritik zu "The Crown" Staffel 3: "Eine Serie wie ein Monumentalfilm"
  • Video "Proteste in Hongkong: Die Bewegung steuert auf einen Showdown zu" Video 01:53
    Proteste in Hongkong: "Die Bewegung steuert auf einen Showdown zu"
  • Video "Impeachment-Anhörung: Kronzeugen sagen gegen Trump aus" Video 02:08
    Impeachment-Anhörung: Kronzeugen sagen gegen Trump aus
  • Video "Überflutungen in Venedig: Für Touristen eine Attraktion, für die Bewohner ein Problem" Video 01:53
    Überflutungen in Venedig: Für Touristen eine Attraktion, für die Bewohner ein Problem
  • Video "Wahlkampf in Großbritannien: Corbyn ist der unbeliebteste Oppositionsführer" Video 04:12
    Wahlkampf in Großbritannien: "Corbyn ist der unbeliebteste Oppositionsführer"
  • Video "Impeachment-Anhörung von Marie Yovanovitch: Mit einem Tweet durch den Schmutz gezogen" Video 02:18
    Impeachment-Anhörung von Marie Yovanovitch: "Mit einem Tweet durch den Schmutz gezogen"