07.08.2000

LITERATURSturzflug aus dem Leben

Die Israelin Zeruya Shalev schildert in „Liebesleben“, wie eine junge Frau einem älteren Mann verfällt. Ihr hocherotischer Roman erzählt die Geschichte einer Sucht. Von Volker Hage
So wünschen sich Eltern ihre Tochter: Ja'ara ist eine strebsame junge Frau, verheiratet mit einem netten Mann, Joni, an dem wenig auszusetzen ist. Sie arbeitet als wissenschaftliche Assistentin an der Universität, der Dekan schätzt sie, bis zum Jahresende soll die Dissertation fertig sein, dann das Baby in Angriff genommen und eine Wohnung gekauft werden. Ein gradliniger Lebensweg scheint da vorgezeichnet.
Doch es wird anders kommen, das deutet die israelische Autorin Zeruya Shalev schon in den ersten Zeilen ihres Romans "Liebesleben" an. Ja'ara besucht ihre Eltern, und es öffnet ihr ein Fremder, ein Freund des Vaters, wie sich schnell herausstellt. Arie, so heißt er, ist ein Mann mit irritierender Ausstrahlung, der lange im Ausland war und nun überraschend zu Besuch kam. Ja'aras Mutter weigert sich, ihn zu sehen, wartet wütend im Bett darauf, dass dieser Arie wieder verschwindet.
Ja'ara aber, verwirrt und fasziniert, stellt fortan ihr Leben auf den Kopf. Sie beginnt eine Liebesgeschichte mit Arie - und ist darin Getriebene und treibende Kraft. In Ich-Form, fast atemlos, in ausschweifenden Satzgebilden, zumeist nur durch Kommata getrennt, erzählt Shalev die Geschichte einer Sucht, von der die Heldin ergriffen wird, "weil alles, was weniger war als das, mich nicht mehr begeistern würde".
Allerding kann auch das, was sie mit Arie erlebt, Ja'ara nicht begeistern - und so ist denn der Roman "Liebesleben" alles andere als die Darstellung einer vergnüglichen Romanze zwischen einem älteren Herrn und einer jungen Frau.
Wenn Arie die Tochter seines alten Freundes bald bei sich daheim empfängt, vollzieht er den Akt stehend an der Wohnungstür ("Dafür bist du doch gekommen"), wie eine Pflichtübung. Doch es kommt noch ärger und entwürdigender. Wie ein gelangweilter Lebemann nötigt Arie die junge Geliebte, Sex mit ihm vor den Augen eines anderen alten Mannes zu haben - und ermuntert diesen Zuschauer sogar zum Mitmachen.
Eines Nachts findet sie bei Arie in einer alten Schuhschachtel eine gewaltige Ansammlung privater Pornografie: Belege für ein offenbar wahlloses Sexualleben - "so viele Brüste und Brustwarzen und Mösen und Ärsche und Haare, eine menschliche Metzgerei, bis zum Überdruss gefüllt". Doch statt sofort Reißaus zu nehmen, grübelt Ja'ara: "Mir kam es vor, als wäre ich die Einzige auf der Welt, die nie fotografiert worden war, die es nicht wert war, fotografiert zu werden."
Zeruya Shalev, 40, schildert Ja'aras Ausschweifungen mit elegischer Leichtigkeit und feiner Ironie; bei aller Deutlichkeit gleitet sie niemals ins plump Pornografische ab.
Der Roman "Liebesleben", im Original 1997 und nun als erstes Buch der Autorin auch in deutscher Sprache erschienen, stand in Israel wochenlang auf Platz eins der Bestsellerlisten, wurde heftig debattiert und von der Kritik gelobt. Auch Shalevs jüngstes, erst vor vier Monaten publiziertes Werk, ein Eheroman, verkauft sich dort bestens.
"Liebesleben" ist raffiniert gebaut. Die Hinweise darauf, dass schon Ja'aras Mutter früher einmal mit Arie, dem Freund ihres späteren Mannes, ein Verhältnis hatte, verdichten sich immer mehr. Sollte am Ende die Affäre zwischen Arie und Ja'ara eine Inzeststory sein - ist Arie in Wahrheit ihr leiblicher Vater? Die Vorgeschichte, die nach und nach aufgedeckt wird, hält etliche Überraschungen bereit.
Ja'ara jedenfalls fällt im Sturzflug aus dem gewohnten Leben. Als ihre Eltern, besorgt um den Zustand der Tochter, ihr und Joni eine nachträgliche Hochzeitsreise nach Istanbul spendieren, lässt sie ihren Mann im letzten Moment allein fahren.
Was sie wirklich sucht, weiß Ja'ara nicht, klar aber ist ihr: Bei ihrem Gatten Joni wird sie es nicht finden. Dem hat sie schon in der Hochzeitsnacht eingeredet, "es sei zu banal zu ficken, wenn alle es tun". Sex hat in dieser Ehe nie eine große Rolle gespielt ("Ich fühlte seine Hände auf meinem Rücken, unentschieden, ob er mich streicheln oder zur Sicherheit massieren sollte"), nun, nach der Erfahrung mit Arie, gelingt ihr mit dem Gatten gar nichts mehr: "Wir hielten uns an den Händen und verflochten unsere Finger ineinander, nackt, aber geschlechtslos, wie Kinder im Kinderhaus eines Kibbuz."
Solche kleinen Hinweise erinnern gelegentlich daran, in welchem Land die Geschichte spielt. Doch die israelische Gegenwart, die jüdische Vergangenheit: Das alles ist in diesem Roman nur ein fernes Echo für das erotische Kammerspiel. Zeruya Shalev legt keinen Wert darauf, ihre Schauplätze genau zu benennen: "Ich wollte Israel nicht verstecken", sagt die Autorin, "aber es ging mir mehr um das, was sich im Inneren eines Menschen abspielt."
Zeruya Shalev war viele Jahre lang Lektorin in einem großen Verlagshaus und ist mittlerweile Cheflektorin eines kleineren Literaturverlags in Jerusalem. "Liebesleben" ist das dritte Buch der Autorin, die mit einem Schriftsteller verheiratet ist. Ihr Cousin ist der auch in Deutschland hoch gelobte Schriftsteller Meir Shalev, ihr Vater Mordechai Shalev ist einer der wichtigsten Literaturkritiker des Landes.
Der sei stolz auf den Erfolg der Tochter, sagt Zeruya Shalev, habe es aber nicht über sich gebracht, "Liebesleben" vollständig zu lesen: Die erotischen Passagen habe er überschlagen.
"Meine Mutter hat ihm genau notiert, welche Seiten er besser auslassen soll", erzählt sie mit sympathischer Unbefangenheit. Der Roman habe wenig Autobiografisches, allerdings sei ihr der Gemütszustand ihrer Heldin bestens vertraut: "Ich kenne die Kraft der Destruktion aus eigener Erfahrung, auch diese Form von Bedürftigkeit, die Sucht, einen Mann zu finden, der alle Probleme löst."
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 32/2000
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