07.08.2000

BAYREUTHLangsam dämmert's auch den Göttern

Rudolf Augstein über den „Jahrtausend-Ring“ von Jürgen Flimm
Dies ist die eindeutige Botschaft des "Ring des Nibelungen": "Traulich und treu ist's nur in der Tiefe: falsch und feig ist, was dort oben sich freut!" Spielerisch wird sie von den drei Rheintöchtern gesungen, die den Raub des "unschuldigen" Goldes beklagen, dessen Wert sie nicht zu erkennen wussten. Und rein spielerisch fällt ihnen das Gold am Schluss der Tetralogie wieder in den Schoß. "Dort oben" ist die Welt der Götter, Riesen, Zwerge, ja, und auch der Menschen, die allesamt eine blutige Spur hinterlassen. Sie betrachten das Gold nicht als rein und schön, sondern schmieden daraus einen Ring, der ihnen die Weltherrschaft einbringen soll.
Wenn die Theatermacher Jürgen Flimm und Erich Wonder die Chance bekommen, in Bayreuth einen modernen "Ring" zu entwerfen, so liegt das Gelingen ebenso nah wie das Scheitern. Dazu nur so viel: Sie sind nicht gescheitert, aber eine schlüssige Gesamtinterpretation ist noch nicht erkennbar. Reparaturen sind dringend nötig. Und auch wenn andere es anders wollen: Flimm, bleibe unpolitisch!
Als "Rheingold" und "Walküre" vorüber waren, gab es minutenlanges rhythmisches Gestampfe und Bravo-Klatschen, wie es in diesem Haus kaum je zu erleben war. Am Schluss der Jahrtausend-Aufführung aber schienen die Bewunderer in eher defensiver Haltung dazustehen, die Buh-Rufe gegen Flimm, Wonder und auch den Dirigenten Sinopoli nahmen wiederum kein Ende. Die Kritik fiel wie üblich so strahlenförmig auseinander, dass man jeden Künstler versteht, der für sich darin keine Nutzanwendung finden kann und will.
Es wäre verfehlt, allen Unmut dem Ewigkeitsverwalter Wolfgang Wagner aufzubürden. Dass eine rundum gelungene "Götterdämmerung" nur selten gezeigt wurde, hat nämlich nicht in vorderster Linie der Enkel Wagner, sondern der großväterliche Schöpfer selbst zu vertreten. Diese Altlast, die wirklich ihre liebe Not mit sich selber hat, übertrug sich: Der "Siegfried" sei ihm nicht gelungen, bekannte Jürgen Flimm offenherzig. Das ist nicht verwunderlich, denn der Meister hat zu oft in die alte Trickkiste gegriffen. Schon den Schüler Hagen, der, neben seinem Vater Alberich stehend, die Untaten auf Erden kennen lernt, hätten die Macher, die ja auch sonst dem Meister am Bart gezupft haben, einfach weglassen können.
Siegfried versteht plötzlich Vogelstimmen, von der Rolle her ist er einfältig. Dass er in eigener Gestalt Brünnhildes Liebe erringt, kann man gern glauben. Weniger glaubwürdig wirkt er als Tarnkappen-Gunther, als der er der hehren Maid Siegfrieds Ring entreißt und sie "bindet". Gedemütigt trottet sie ihrem künftigen Gatten entgegen. Sie erblickt den Ring an Siegfrieds Finger und schreit: "Betrug, Verrat!"
Der Spielmacher im Stück ist aber Hagen, der Halbbruder der Geschwister Gunther und Gutrune. Er zieht die Fäden. Da wird ausgerechnet dem stimmgewaltigen und umjubelten John Tomlinson von Flimm Schwermut verordnet.
Zwar hat er Siegfried ermordet, doch hatte die liebende Hausfrau Brünnhilde in Siegfrieds Hemd die verwundbare Stelle eingestickt. Warum wohl?
Am Schluss der Tetralogie übernimmt Erich Wonder das Kommando. Etliche Prospektvorhänge fallen und verdecken den Selbstmord Brünnhildes und den Brand von Walhall. Ratlose Gesichter im Zuschauerraum. Brünnhilde nimmt aus Hagens Händen Siegfrieds Schwert und hält es ihm vor die Brust. Er fasst es und stößt es mit aller Gewalt in seinen Leib. Doch Harakiri will gelernt sein.
Hat ihn Reue gepackt? Reue worüber? Wohl kaum, vielmehr das Gefühl, versagt zu haben. Dieser Harakiri-Anfänger robbt sich mühsam dem Rhein entgegen und spricht die letzten Worte des Operndramas: "Zurück vom Ring!" Zu spät, die Rheintöchter schnappen ihm den Ring weg.
Was die vier Wetterkarten bedeuten sollen, die Erich Wonder an dieser Stelle nun nacheinander herunterlässt, weiß man nicht. Man schaut in wechselnde Farben und wechselndes Gebräu. Brünnhildes Selbstmord und den Einsturz der Gibichungen-Halle kann er nur so verhüllen, den fernen Brand Walhalls damit nur andeuten.
Will Brünnhilde Walhall auslöschen? Es sieht so aus. Sie besteigt nicht ihr Pferd Grane, sondern lässt einen Scheiterhaufen bauen, wo ihre Asche in alle Winde zerstreut werden kann. Die frühere Wunschmaid verspürt dies als Vollstreckerin ihres göttlichen Vaters Wotan, der außer Sicht bleibt. Allgemeine Ratlosigkeit beim Publikum.
Es folgt ein Gag, der gewagt ist, der deshalb auch hätte weiter ausgebaut werden müssen: Allein auf der Bühne, den Rücken dem Publikum zugewandt, steht ein etwa zwölf Jahre alter blonder Knabe mit einem seiner Körpergröße entsprechenden Speer. Er starrt auf ein ihm verschlossenes Tor. Dies kann nur Parsifal sein, den soll er auch darstellen. Doch was hat der hier am Ende des "Ring" zu suchen? Das weiß der liebe Gralshimmel.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 32/2000
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