07.08.2000

PARASITOLOGIEFatale Attraktion

Ein winziger Parasit beeinflusst das Verhalten von Ratten - und möglicherweise sogar von Menschen. Diese unheimlich anmutende Macht schreibt die Parasitologin Joanne Webster von der University of Oxford dem Einzeller Toxoplasma gondii zu, der in Katzen, aber auch in Menschen und anderen Säugetieren haust. In Ratten bewirke das Sporentierchen eine erstaunliche Wesensänderung, berichten Webster und Kollegen nun in den britischen "Proceedings of the Royal Society": Befallene Nagetiere verlören ihre angeborene Scheu vor Katzen - und würden zu einer leichten Beute. Der Parasit gelangt in den Darm der Katze. Später wird er mit dem Kot ausgeschieden, an dem sich wiederum Ratten anstecken. Letztere entwickeln daraufhin eine "unkluge Anziehung" zu Katzen und werden prompt verschlungen. Der Kreis schließt sich für den Parasiten. Viele Menschen (in Frankreich bis zu 84 Prozent der Bevölkerung) sind infiziert. Normalerweise kontrolliert das Immunsystem die Besiedler, die sich oftmals auch im Gehirn einnisten. Stecken sich allerdings schwangere Frauen an, kann das beim Ungeborenen zu Hirnschäden und Erblindung führen. An dieser Toxoplasmose erkranken mitunter auch immunschwache Erwachsene. Den Forschern zufolge könnte der Parasit nicht nur in Ratten, sondern auch in Menschen das Verhalten beeinflussen. "Wir sollten einen in unseren Gehirnen derart weit verbreiteten Parasiten nicht ignorieren", warnt Webster. "In der Tat gibt es Beweise, dass man auch in Menschen subtile Verhaltensänderungen erwarten könnte."

DER SPIEGEL 32/2000
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