07.08.2000

Menschenjagd im Drachenboot

Mit Jubelfeiern und historischen Bootsregatten feiern die USA die Anlandung der Wikinger vor 1000 Jahren. Doch der Ruf der Jubilare ist zweifelhaft. Neue Grabungen beweisen: Die Nordmannen waren Schutzgelderpresser, sie meuchelten auf vier Kontinenten und handelten mit Sklaven.
Mit frisch gewachsenen Rauschebärten, gewandet in derbes Tuch, wartete die Empfangsdelegation am Strand von L''Anse aux Meadows (Neufundland). Die Getränke standen bereit, auf den Festtischen blinkten die Trinkhörner. Nur die Gäste fehlten.
Nervös blickte die Gesellschaft hinaus in die Dünung. War ein Unglück passiert? Endlich, vorletzten Freitag kurz vor 15 Uhr Ortszeit, hörte man leises Töfftöff. Mit schlaffem Segel und laufendem Hilfsmotor kämpfte sich das Wikingerboot "Islendingur" in die Zielbucht.
Dann betrat Kapitän Gunnar Eggertsson die Neue Welt. 16 000 Zuschauer klatschten Beifall. Politiker und der Indianerhäuptling Misel Joe vom Stamm der kanadischen Micmac eilten dem Fremden entgegen.
2200 Seemeilen weit hatte sich die Crew, von Island kommend, durch den Nordatlantik gequält. Das Boot geriet in Treibeis, es passierte Robbenkolonien und Walherden. Nachts kauerten die Matrosen in einer tristen Kajüte, die Notdurft plumpste über die Planken. Wurde die Stimmung zu trist, kreiste die Schnapsflasche (siehe Interview Seite 197).
Was tut man nicht alles, um die Vorväter zu ehren. Mit seinem Törn hat Eggertsson ("Ich bin ein Urenkel Eriks des Roten im 28. Glied") eine nautische Großtat in Erinnerung gerufen: Nicht der Admiral Christoph Kolumbus entdeckte Amerika - sondern 35 skandinavische Analphabeten.
1000 Jahre ist es her, dass Leif hinn heppni ("der Glückliche") Eriksson, Sohn des Totschlägers Eriks des Roten, den Sprung über den Ozean wagte. Ohne Kompass und Sternenkarte navigierte er ins Land der Indianer.
In zwei Sagas wird das phantastische Unternehmen kolportiert. Erst pullte Leif über haushohe Wellenberge, dann, so steht es in der "Groenlendinga Saga" und der "Eiríks saga rauda", glitt er an "Wunderstränden" vorbei Richtung "Vinland". "Süßer Tau" lag auf den Wiesen, "und die Lachse waren größer, als sie sie je gesehen hatten".
Lange bezweifelten die Historiker den Vorstoß ins Dorado jenseits des Ozeans. Doch im Jahr 1960 verstummten die Skeptiker: In der Bucht von L''Anse aux Meadows kamen acht Wikinger-Katen zutage. Lange vor dem Bau des Kölner Doms betraten die Wikinger die Neue Welt.
Mindestens "drei Schiffsbesatzungen", sagt die Archäologin Patricia Sutherland, hätten die muffigen Grasbuden als Camp genutzt, "es waren auch Frauen dabei". Eine von ihnen gebar das Baby "Snorri".
Von ihrem Brückenkopf unternahmen die Siedler Erkundungstouren Richtung Süden. Dann, so die Sagas, stellten sich ihnen "Skrälingar" ("Schmächtige") in den Weg - gemeint sind wahrscheinlich die Algonkin-Indianer. Es kam zu blutigen Zusammenstößen. Nach 20 Jahren räumten die Konquistadoren entnervt das Feld.
Doch die alten Berichte haben offensichtlich Lücken. An insgesamt zehn Plätzen in Kanada, keiner von ihnen aus den Sagas bekannt, sind mittlerweile Relikte der Nordmannen aufgetaucht: Metallscharniere, Pfeilspitzen und Reste von Kettenpanzern. Eine Holzfigur, gefunden auf der Baffin-Insel, wird als "christlicher Missionar" gedeutet.
Volle vier Jahrhunderte lang, so der neue Forschungsstand, gingen die Odin-Anhänger - zumindest sporadisch - in der Frostwelt Neufundlands auf Safari. Von Grönland aus pendelten sie zum anderen Ufer und trieben mit den Eskimos Handel. Wahrscheinlich wurden auch Narwale und Walrosse gejagt - Lieferanten des begehrten Elfenbeins.
Angesichts solch verblüffender Neueinsichten wächst das Interesse an Leif dem Glücklichen. Kolumbus und die "Mayflower" rücken ins Abseits. Amerika bastelt an einem neuen Gründermythos. 70 Millennium-Festivals sind allein in diesem Sommer in den Vereinigten Staaten geplant. Drachenboote und Lastkähne ("Knorren") aus Europa wurden zur 1000-Jahr-Feier über den Ozean verfrachtet. Das Naturkundemuseum von Washington präsentiert die Wikinger in einer drei Millionen Dollar teuren Prachtschau. Abgeschlossen werden die Feierlichkeiten am 5. Oktober. Dann läuft die "Islendingur" mit großem Trara in New York ein.
Selbst das Weiße Haus strickt an der Wiedergeburt der Nation aus dem Geist des Hörnerhelms. In einer Festansprache Anfang April verneigte sich Präsidentengattin Hillary Clinton vor den "seefahrenden Pionieren" aus dem Land der Fjorde: Amerika könne "stolz sein auf seine nordischen Wurzeln."
Auch in Europa stehen die Erfinder des Knäckebrots (hergestellt aus Baumrinde) hoch im Kurs. Von York bis Malmö spielen Enthusiasten Thing und Sonnenwendfeier. Auf den Färöer-Inseln kokeln Hobby-
Mystiker Großfeuer ab (siehe Kasten). Deutschland präsentiert sich auf der Expo mit dem Plankengerüst eines Wikingerschiffs.
Der Rummel gilt einem Seefahrervolk, das den Schlittschuh mit Knochenkufen erfand und das zwischen 800 und 1100 nach Christus, vom Reisefieber getrieben, vier Kontinente erzittern ließ.
Wikinger schaukelten auf Kamelen bis nach Bagdad. Sie meuchelten in Nakur (Nordafrika) und führten - um 930 nach Christus - Krieg in Aserbaidschan. Als die Maurer in Speyer den Dom bauten, betrieben die Skandinavier bereits ein Handelsnetz, das von Grönland bis Taschkent reichte.
Besonders erstaunlich mutet der Vorstoß der Wikinger in die Weiten Russlands an. Zehntausende von schwedischen Abenteurern waren im 9. Jahrhundert ins Slawenland eingedrungen. "Hochgewachsen wie Dattelbäume, blond und von rosiger Gesichtsfarbe", so werden die nach Osten strebenden Urschweden in einem alten Dokument beschrieben. Die einheimische Bevölkerung taufte die Fremden auf den Namen Rus, die Rothaarigen.
Von den Sowjets wurde das unbequeme Erbe verdrängt. Nun, unter Wladimir Putin, herrscht Grabungsfieber im Land. Über zehn Teams haben sich im Gelände an die Arbeit gemacht. Die Spurensuche reicht vom Ladogasee bis zum Kaspischen Meer. Tausende von Wikingergräbern liegen im Boden.
"Früher wurde die Bedeutung der Wikinger für die Geschichte Russlands ausgeblendet", sagt der Kieler Archäologe Michael Müller-Wille, nun finde eine "völlige Neubewertung" statt. Erfahren hat er das am eigenen Leibe: Im Mai wurde dem Deutschen die Lomonossow-Medaille, der höchste russische Forschungspreis, verliehen - ein Dank für seine archäologische Arbeit in der Wikingersiedlung Gorodiscé bei Nowgorod.
Dort, auf einer Anhöhe, haben die Ausgräber eine kleine Sensation entdeckt. Sie stießen auf die Holzfestung des legendären Rorik. Dieser Wikingerfürst war um 860 mit Blut und Schwert bis in die Ukraine vorgerückt. Dort gründete er das Königreich Kiew, die Keimzelle des russischen Staates.
Leif-Fieber in den USA, Rorik-Renaissance in Russland - zwei ehemals verfeindete Supermächte rücken plötzlich unter dem Banner Walhalls zusammen.
Doch das plötzlich gefragte Erbe des Mittelalters hat einen grausigen Leumund: Wie kein anderes Volk stehen die Wikinger im Ruch von Schlagetots. Erik Blutaxt, König von Norwegen, Ivar der Knochenlose, der isländische Großfürst Geirmundr Höllenhaut: Diese Namen waren Programm.
Wie frühzeitliche Hooligans tauchten die Nordmannen im 8. Jahrhundert aus dem geschichtlichen Dunkel auf. In schlanken Drachenbooten (Spitzentempo: über 20 Stundenkilometer) fielen sie nach Schilderung eines Chronisten als "reißende Wölfe" über das Abendland her.
Am 8. Juni 793 eröffneten die norwegische Piraten die Serie ihrer berüchtigten Überfälle. Mit mehreren Schiffen hatten sie sich Richtung England aufgemacht. Heimlich gingen sie vor der Klosterinsel Lindisfarne an Land. Kurz danach stand die Abtei in Flammen, massakrierte Mönche lagen im Staub. Die Banditen flohen mit goldenen Kruzifixen und edelsteinbesetzten Evangelienbüchern im Gepäck. "Rohe, vollkommen gottlose, verwegene Gestalten", klagte ein irischer Kleriker, hätten den heiligen Ort zerstört.
Weitere Angriffe folgten. Die Raubtouren, meldet eine andere Quelle, waren begleitet von "ungeheuren Blitzen, und in den Lüften sah man entsetzliche Drachen".
Solche Berichte bestimmen das Bild der Wikinger bis heute. Mit Matschauge und gezücktem Schwert sprang Kirk Douglas durch Hollywood-Kulissen. Ob Hägar der Schreckliche oder Sigurd der Drachentöter - der Wikinger, so will es der Mythos, haut drauf, bis es wehtut.
Vor allem unter den Nazis erlebten die Recken aus dem Norden eine dämonische Wiedergeburt. Wie keine politische Bewegung der Neuzeit hat die NSDAP das Erbe der Wikinger zur Rechtfertigung eigener Untaten missbraucht.
Es war der Parteiideologe Alfred Rosenberg, der in seinem Buch "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" (erschienen 1930) die Steilvorlage lieferte. Das Werk verherrlicht in einem beispiellosen Akt von Geschichtsklitterung die Wikinger als letzte Vertreter eines "urgermanischen Traums".
Mit "genialer Zwecklosigkeit" und "wildem jugendlichen Sturm", heißt es dort, hätten die Nordmannen Land um Land erobert, um ihre Idee von "Ehre und Staat" zu verwirklichen.
Menschen, die in Wahrheit weder Möbel noch das Alphabet kannten, mutierten zu Hightech-Geistern, die mit "heldischer Unbekümmertheit" die Welt eroberten. Wie aus dem Nichts hätten sie "in Kiew, in Palermo, in der Bretagne und in England" glanzvolle Kulturzentren geschaffen - Indiz für die Überlegenheit der arischen Rasse.
1933, mit der braunen Machtübernahme, wurden solche Thesen offizieller Stoff an den Schulen. Heinrich Himmler, der "Reichsführer SS", stieg zum Gralshüter der neuen Lehre auf.
Hitler blieb das nordische Gemurmel zwar stets verdächtig. Fixiert auf die Leistung des britischen Empire und des antiken Rom, hatte er für die Invasion der Mettrinker nur Spott übrig. Als "kalt, feucht und trübe" stufte er ihre Heimat ein: "Die Germanen, die in Holstein geblieben sind, waren nach 2000 Jahren noch Lackel."
"Wir sind Nationalsozialisten", gab der Reichsführer in einer Rede zu Protokoll, "und haben überhaupt nichts zu tun mit wallenden Bärten und Haupthaar. Wir haben alle die Haare kurz geschnitten."
Gleichwohl führte Himmler bald ein gespenstisches Eigenleben. Er war es, der seiner Truppe die gezackten Runen verpasste. Er ließ Forschungsschiffe nach Helgoland auslaufen und schob, unterstützt von Archäologen in seiner Abteilung "Ahnenerbe", die ersten Großgrabungen in Haithabu an.
Ob Runenforschung oder Welteislehre - in der SS war der Wikinger-Kult greifbar und gegenwärtig. Der Wahn gipfelte schließlich in der Unternehmung "Lebensborn". In Norwegen, so eine SS-Anweisung, sollten "deutsche Soldaten so viele Kinder wie möglich zeugen, ob ehelich oder unehelich".
Als die Wehrmacht 1940 ins Land der Fjorde einfiel, wurde der Plan umgehend angepackt. Sieben Lebensborn-Heime wurden eröffnet. Rund 10 000 Kinder kamen in den Zuchtstationen zur Welt. Rosenbergs Idee vom "Rassestolz" der Wikinger war wiederbelebt.
Was für ein Irrsinn. Wie kein anderes Volk, das zeigen die neuen Untersuchungen, haben die Wikinger ihren Genpool über die nördliche Hemisphäre verstreut. Als Siedler assimilierten sie sich in Russland, sie vermischten sich mit - schwarzhaarigen - Keltenmädchen und zeugten Kinder mit Franken, Friesinnen und Arabern.
Und auch die "geniale Zwecklosigkeit", von der Rosenberg schwafelte, mutet gespenstisch an. Allein in England erpressten die Wikinger im Jahr 1012 den überfallenen Angelsachsen 48 000 Pfund Gold und Silber ab.
Solche Zahlungen gehörten zu einer Politik, die E. A. Freeman ein "sinnloses und tödliches System" der Erpressung nannte. Der Blick der Wikinger, so der Forscher, war weder heroisch noch stolz, sie "schielten schlicht nach Gold".
Doch ist das alles? Waren die Nordländler wirklich nur Rabauken? In jüngster Zeit haben einige Historiker zur "Ehrenrettung" aufgerufen. Demnach handelt es sich bei den Wikingern nicht um blonde Bestien, sondern um clevere "kopmans", die eine urzeitliche Superhanse schufen. Randaliert, so Harm Paulsen vom Haithabu-Museum in Schleswig, habe nur eine Minderheit - "allenfalls fünf Prozent".
Wie Manager eines internationalen Konzerns hätten die Wikinger den frühmittelalterlichen Handel auf Touren gebracht, so sieht es der Pariser Experte Régis Boyer. Mit breiten "kaupskips" bugsierten sie Wolle, Tran und Speckstein über die hohe See.
Begierig griff die Presse das Weichzeichner-Szenario auf. Die Wikinger "kultivierten die Küste von Irland und England", meldete keck "Focus". Die "Frankfurter Allgemeine" erhob Haithabu zum "global village". Eine ZDF-Dokumentation sah in den Ur-Skandinaviern "Genies aus der Kälte".
Am weitesten ist die Verklärung in den USA gediehen. "Time" machte aus den Wikingern überzeugte "Demokraten". Präsidentengattin Hillary Clinton erklärte das Langschiff flugs zum "Internet des Jahres 1000".
Doch die Beweislage für solcherlei Lobpreisung ist lausig. Aller anders lautenden Schönfärberei zum Trotz lässt sich nicht leugnen, dass die Wikinger in der Hochphase ihrer Macht Hunderte von Siedlungen zerstörten.
Um 800, als sich Europa zaghaft vom nachantiken Verfall erholte, als die Schriftkultur langsam aufzublühen und geordnete Staatswesen sich zu bilden begannen, waren die Nordlichter ein oft verheerend wirkender Störfaktor.
Was im Einzelnen geschah, ist längst nicht geklärt. Vermutlich kaum mehr als 100 000 rothaarige Athleten hielten damals die halbe Hemisphäre in Atem - und dies obwohl die Wikinger eigentlich primitiv und rückständig waren. Weder besaßen sie Sägen, noch konnten sie gute Waffen schmieden. In einem Grab bei Oseberg (Südnorwegen) fand sich ein prachtvoller Bollerwagen - allerdings ohne bewegliche Achse. Das Gefährt konnte nur geradeaus fahren.
Gleichwohl überbrückten die Invasoren in ihrer Blütezeit rund 10 000 Kilometer Wasser- und Landwege. Ganze Völkerschaften - Samen, Finnen, Kelten, Slawen - wurden in Knechtschaft geführt. Aus den entferntesten Weltregionen horteten die Wikinger Beutestücke - eines gar, gefunden in Schweden, ist ein Buddha und stammt aus Indien.
Wie konnte diese furiose Erstürmung von vier Kontinenten gelingen? Was ermöglichte einem Volk, dass weder Tisch noch Stuhl kannte, solch eine Invasion?
Auf viele Fragen wissen die Experten bis heute keine Antwort. Auf der Frühzeit Europas, den dunklen Jahrhunderten, liegt dicker Nebel. Archäologische Artefakte zur Rekonstruktion der politischen Landkarte der Zeit liegen kaum vor. Und die Schreckensberichte der christlichen Chronisten entstanden zumeist erst im 13. und 14. Jahrhundert. Gleichwohl tun die Autoren so, als seien sie als Augenzeugen bei den wikingischen Überfällen ("Strandhögg") dabei gewesen.
Auch die Selbstauskünfte der nordischen Griesgrame stammen aus viel späterer Zeit. Snorri Sturluson, der Schöpfer der Prosa-Edda, brachte sein erstaunliches Dichtwerk erst um 1220 zu Papier. Da aber waren die blonden Heiden längst von Missionaren gezähmt und sangen Hosianna.
Mit sentimentalem Blick schaut Snorris auf die alte Heldenzeit zurück. In seiner Heimskringla, dem Königsbuch, hat er 17 Herrscher porträtiert, darunter auch Harald den Harten (1015 bis 1066), der seine Jugend in Byzanz verbrachte, dann eine "goldene Dame in Rußland" freite und schließlich als Chef einer Invasionsflotte in England verstarb. Was ist da Mythos, was historische Wahrheit?
Gleichwohl tauchen nun neue Indizien und Spuren auf. Geophysiker, Archäologen, Klimaforscher und Pollenanalytiker liefern mit ihren Methoden neue Details. Erst jüngst wurden in Roskilde sieben Wikingerschiffe entdeckt. In Haithabu förderten die Wissenschaftler große Hafenstege zutage - aufgespürt mit Bodenradar.
Auch die "Poseidon" beteiligt sich an der Fahndung. Vorletztes Jahr lief das in Kiel stationierte Forschungsschiff nach Grönland aus und stieß auf Spuren einer Katastrophe.
Vor Brattahlid, nahe der Steinfarm Eriks des Roten, sind riesige Flächen Weideland im Meer versunken. Im Flachwasser wurden Mauerreste und Siedlungsspuren entdeckt. Die Ursache für die Absenkung des Landes ist bislang nicht geklärt. All diese neuen archäologischen Puzzlesteine fügen sich langsam zu einem Gesamtbild. Zumindest die Grundpfeiler des heidnischen Ansturms, der Europa 300 Jahre lang in Atem hielt, treten deutlicher hervor. Drei Hauptbefunde schälen sich heraus:
* Die Raubzüge der Wikinger wurden erst möglich, nachdem sie ihre Schiffe mit Segeln aufgerüstet hatten. Im 8. Jahrhundert hissten sie erstmals die berüchtigten Rah-Segel. Damit geriet Westeuropa in den Aktionsradius der Drachenboote.
* Der Westen des europäischen Kontinents präsentierte sich zu diesem Zeitpunkt als gänzlich ungeschütztes Paradies. Weder das Karolingerreich noch die Könige Irlands und Englands besaßen stehende Heere.
* Schließlich betonen die Forscher einen psychologischen Faktor: Die Wikinger, gestählt durch das entbehrungsreiche Leben in der Heimat, verfügten über ein enormes Durchhaltevermögen.
Zugleich zeichnet sich die Bedeutung eines weiteren Aspekts immer deutlicher ab: Die Nordmannen verdankten ihren Reichtum vor allem der Sklavenjagd. Menschen, so Boyer, waren ihre "wichtigste Ware".
Von Russland bis in die Bretagne waren die Häscher unterwegs. Friesische Bauernbuben, Angelsachsen und irische Kelten gerieten bei den Raubzügen ins Joch der Knechtschaft. Alten Quellen zufolge kostete ein kräftiger Mann 306 Gramm Silber (Frauen: 204 Gramm). Der Preis für ein Kettenhemd, zum Vergleich, lag bei 820 Gramm.
In diesem Licht gilt es die Leistung der "Kopmans" zu sehen. Ihr Imperium basierte, wie das Netz der italienischen Cosa Nostra, auf Schutzgeldzahlungen, Erpressung und Sklaverei. Erst im Laufe der Zeit entwickelte sich aus diesen Strukturen ein transkontinentales Tauschnetz. Als Banditen fingen sie an, als Krämer hörten sie auf.
Die ursprüngliche Heimat der Emporkömmlinge, so viel ist klar, war Skandinavien. Wie ein heidnisches Bollwerk lag dieses Gebiet im 8. Jahrhundert an der Nordspitze Europas. Die Römer hatten die Fjorde nie erreicht.
Kaum zwei Millionen Menschen bewohnten damals die mageren Weiden Dänemarks, Schwedens und Norwegens. Man sprach altnordisch. Hunderte von Kleinkönigen teilten sich die Macht. Eine Zentralregierung war unbekannt.
Der freie Bauer besaß eine große Holzhütte, in der etwa 30 Personen schliefen (im Schnitt 15 Familienangehörige plus 15 Sklaven). Lampen mit ranzigem Walöl sorgten im Winter für Dämmerlicht. Wurden Graupen gekocht, qualmte die Hütte. Kaminabzüge hatten die Buden nicht. Nur jedes dritte Kind erreichte das 10. Lebensjahr.
Allein das Vieh durch den Winter zu bringen kostete enorme Anstrengungen. Bis spät in den Herbst waren die Knechte damit beschäftigt, Heu einzufahren. Dennoch torkelten die Rinder im Frühling meist abgemagert auf die Weiden.
Trotz leerer Mägen blühte der Kriegerkult. Permanente Blutfehden erschütterten das Land. Der Nordmann, so besingen ihn die Dichter, war stolz, unbeugsam und auf gespenstische Weise brutal. Immer wieder taucht in den Liedern das Werwolfmotiv auf. Besonnene Männer verwandeln sich plötzlich in Werwölfe und beißen ihren Opfern die Kehle durch.
Die Gesellschaft folgte einem strengen Dreiklassensystem, Chef im Stammesgebiet war ein reicher Großbauer (Jarl). Ihm zur Seite standen die freien Bauern (Karl). Den Bodensatz bildeten die Thrall, die Sklaven und Unfreien.
Während die Knechte Torf stachen und Saubohnen einfuhren, blühte unter den freien Männern ein bizarrer Kriegerkult. Mut war eine Tugend, Raufereien an der Tagesordnung.
Auch das Rechtssystem mutet archaisch an. Mörder mussten die Angehörigen des Opfers mit "Mörk" und "Penningr" entschädigen - blieben aber frei. Die Strafe für schwere Körperverletzung bemaß sich nach dem Gewicht der abgesplitterten Knochen.
Morgens Regen, mittags Graupensuppe, abends Streit - die Skandinavier seien "einer prekären Subsistenzwirtschaft" entflohen, glaubt der Bonner Forscher Rudolf Simek. Er nennt den Aufbruch ins reiche Ausland, der um 790 einsetzte, eine "späte Phase der Völkerwanderung".
Das passende Transportgerät stand damals bereits zur Verfügung. Beim Bootsbau machte den Wikingern kaum einer was vor. Bis zu 100 Mann konnten ihre schlanken Kriegsschiffe tragen. "Das Drachenboot war der Spaceshuttle des Mittelalters", meint der Schleswiger Archäologe Claus von Carnap-Bornheim (siehe Grafik Seite 188).
Meist schlossen sich einige Wagemutige zusammen und teilten das Risiko. Diese Bootsgemeinschaften waren durch feierliche Eide zusammengeschweißt. Simek spricht von einer "sozial akzeptierten Form organisierter Aggression".
Bezeugt ist, dass sich in den skandinavischen Dörfern scharenweise Abenteurer versammelten, um Raub-Expeditionen zu planen. Wer ein Schiff hatte, konnte ausziehen, um im goldenen Westen Beute zu machen.
Für die Jungmannen, vermutet Simek, dienten die Vikings (altnordisch für Raubzug) zugleich als "Initiationsritus". Der Piratentrip ins Ausland galt als Feuertaufe, die den Knaben zum Mann machte. Das Mindestalter für die Teilnahme lag bei zwölf Jahren.
799 wagten die Gesellen erstmals eine Attacke gegen das riesige Karolingerreich. Unverfroren tauchten die Wikinger in der Loire-Mündung auf und brandschatzten einige Siedlungen. Karl der Große, der "Leuchtturm Europas" und Herr über 1,2 Millionen Quadratkilometer Land, hatte plötzlich "wilde Hornissen" (ein Chronist) am Hals.
Die Überfälle liefen alle nach dem gleichen Plan ab: heimlich landen, Pferde abladen, Kettenhemd überziehen, mit Schwert und Axt die Abtei erstürmen, Silber abgreifen und weg. "Die Wikinger", sagt der Schleswiger Archäologe Paulsen, "haben den Blitzkrieg erfunden".
Anfangs waren es nur Nadelstiche. Doch nach 830 begann eine "neue Stufe der Eskalation", wie der Cambridge-Forscher Simon Keynes erklärt. Vor allem die Dänen schlossen sich nun zu Großheeren zusammen und griffen nach England aus. 851 gelang es den Plünderern erstmals, einen König in die Flucht zu schlagen: Mit 350 Schiffen stürmten sie Canterbury und verwüsteten das englische Thronreich Mercia.
Auch das schwächelnde Karolingerreich, das nach dem Tod des großen Karls in Ost- und Westfranken zerfallen war, sah sich den Angriffen schutzlos ausgesetzt. 881, nach einem Wikinger-Vorstoß in den Rhein, müssen Mainz, Worms und Speyer Tribute zahlen. Am 9. April 882 zündelten die Marodeure in Trier. Die Pfalzkapelle von Aachen, einst Herzkammer des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, wurde als Pferdestall missbraucht.
Städte, die die geforderten Tribute verweigerten, wurden angezündet. Gern griffen die Haudegen an christlichen Feiertagen an, wo sie hohe Würdenträger "fertig versammelt vorfanden" (Keynes) und nur gegen hohe Lösegelder wieder freiließen.
884, nach der Belagerung von Paris, kaufte der westfränkische König Karlmann die Stadt mit der Rekordsumme von 12 000 Pfund Gold und Silber frei. 907 beugte sich der mächtige Kaiser von Konstantinopel, Herrscher des Oströmischen Reiches, den Seeräubern und zahlte Tribut, das berüchtigte "Danegeld".
Die Beute - auch das eine Eigenheit der nordischen Räuber - wurde sodann häufig verbuddelt. Habgier und ein nahezu mythischer Geiz beseelte die Piraten aus Skandinavien. "Fesjukr" (altnordisch für geldkrank) hat Boyer die Wikinger genannt. Kaum zurück in der Heimat, griffen sie zum Spaten. Über 2000 vergrabene Silberschätze wurden allein in Gotland entdeckt.
Mit ehrlichem Handel hatten die Erpresser anfangs nichts am Hut. Die Wikinger gründeten zwar Handelsstützpunkte wie Birka (Schweden), Kaupang (Norwegen) und Haithabu (bei Schleswig). Sie legten die Grundsteine für Städte wie Dublin und Reykjavík. Doch keiner dieser Orte hatte mehr als 1000 Einwohner.
Im Prinzip dienten die frühen Wikinger-Siedlungen als Knotenpunkte, an denen die Unterjochten ihre Tribute abliefern mussten. In Irland musste die keltische Urbevölkerung Wolle und Schafe abgeben. Den Samen und Finnen wurden Rentierfelle abgepresst.
Die Gier der heidnischen Mafiosi zu brechen wollte den frühen Staatsgebilden Westeuropas lange nicht gelingen. Während sich auf dem Kontinent langsam das Christentum ausbreitete, thronten im Norden zwielichtige Piratenkönige, die sich aller Kontrolle entzogen.
Frühe Missionsversuche scheiterten kläglich. Im Jahr 829 rückte zwar der Mönch Ansgar in Schweden ein und predigte in Birka die Leiden Jesu Christi. Doch der Mönch stieß auf taube Ohren. Die Odin-Anhänger mochten vom alten Glauben nicht lassen.
Und der mutet düster an. Boss der Götterfestung Walhall war der einäugige Kriegsgott Odin. Sohn Thor, ein Ben Hur des Nordens, fuhr mit seinem Wagen, gezogen von Geißböcken, übers Firmament. Die Kufen schlugen Blitze. In die sprühenden Funken warf er seinen Donnerhammer Mjöllnir - Namen wie aus dem Ikea-Katalog.
Dabei war der grimme Thor noch einer der Guten. Er bewachte den Kosmos, der über Bifröst, die Regenbogenbrücke, mit der Menschenwelt verbunden war. Permanent musste er Riesen und Monsterschlangen abwehren, die in den entfernten Winkeln des Universums hausten.
Dies düstere Pantheon entspricht dem Kriegerethos der Skandinavier. Jeder Mann, der auf dem Schlachtfeld fiel, so der Glaube, wurde von den Walküren auf feurigen Rössern nach Walhall getragen. Dort durften die besten Kämpfer herumhuren und bis zum Überdruss Met trinken.
Entsprechend beherzt gingen die Rabauken in der Realität zu Werke. Zornig, stets auf den eigenen Vorteil bedacht und zugleich "enorm leidensfähig" (Paulsen) - das ist die psychologische Mixtur, die es den Nordmannen erlaubte, sich die Machtstellung im Frühmittelalter zu erkämpfen.
Auch die tollkühnen Entdeckungsreisen forderten den Männern Entbehrungen ab. Tagelang saßen die Trupps, gekauert auf Holzbänken, in ihren Knorren. Sie trotzten haushohen Atlantikwellen. Bei Regen wurden sie patschnass. Zahllose Langschiffe müssen gekentert in der Ostsee liegen.
Das schreckte die Seeleute nicht. Die Faröer-, die Shetland- und die Orkney-Inseln - wie im Rausch brachen die Boote zu immer gewagteren Hochsee-Abenteuern auf. Navigiert wurde nach den Sternen und den Meeresströmungen. Mitgeführte Raben wiesen den Weg zu nahen Küsten.
870 segelten einige Verwegene quer durch die atlantische Wasserwüste bis nach Island. Vulkane überragten dort das karge Land, Geysire spuckten brühheißes Wasser, schwarze Aschefelder dehnten sich aus bis zum Horizont. Aber auch Zwergbirken und Brustwurzsträucher wuchsen damals auf der Insel, wie neue Pollenanalysen beweisen.
Auf den satten Grünflächen trieben die Neuankömmlinge vor allem Schafzucht. Komplettiert wurde der Speiseplan durch Walrossfleisch und feiste Tordalken, die dicht an dicht auf den Klippen hockten.
Schnell blühte das Gemeinwesen. Zwischen 870 und 930 wechselten rund 20 000 Siedler nach Island. Regiert wurde die Insel von 39 Häuptlingspriestern, die einmal pro Jahr zur großen Versammlung (althing) riefen.
982 schließlich erreichte Erik der Rote, ein "notorischer Totschläger" (Simek), die grönländische Küste. Kurz danach starteten - von Island aus - 25 Expeditionsschiffe, nur 14 kamen an. Steifgefroren und erschöpft fuhren die Pioniere die felsige Küste ab und schlugen an der Südspitze der Eisfestung ihre provisorischen Zelte auf.
Doch solche langfristigen Besiedlungsaktionen blieben die Ausnahme. In England trafen, im Schlepptau der Drachenboote, zwar auch Zehntausende von skandinavischen Bauern ein. Doch die äxteschwingenden Krieger, die der Bewegung ihre Explosivkraft verliehen, hatten an Landbau wenig Interesse.
Die Soldaten zielten auf Gold, Silber Edelsteine - vor allem aber auf Sklaven. Haithabu und der immer wieder in den Quellen erwähnte Handelsplatz "Konunga Hella" dienten als Drehscheiben eines groß angelegten Menschenhandels. In Haithabu wurden eiserne Handschellen aus dem Schlick gezogen.
Einen Teil der Versklavten ließen die Wikinger in ihren nordischen Homelands für sich schuften. Dort schleppten die Unfreien Feuerholz, sie stachen Torf und verteilten Dung auf den Feldern. Der Dichter Snorri berichtet über den norwegischen Dorfboss Erling, auf dessen Gehöft 30 Sklaven lebten: "Durch diese Knechte ließ er alles Tagwerk verrichten."
Auch die Pionierarbeit auf den Inseln wäre ohne die Entrechteten nicht möglich gewesen. Für die Besiedlung Islands wurden etwa 10 000 - in Irland gefangene - Kelten eingespannt.
Ein Sagatext, der von dem Farmer Hjorleif erzählt, deutet an, dass es bei der Schinderei zu enormen Spannungen kam. Weil er keine Pferde hatte, spannte Hjorleif seine Lakaien vor den Pflug. Dafür töteten sie ihn. Schlug sich in der ausführlichen Schilderung die Erinnerung an eine Art Spartacus-Aufstand im Eismeer nieder?
Nicht nur für den Eigenbedarf wurde Nachschub gebraucht. Vor allem das arabische Reich dürstete nach Arbeitskräften aus dem Norden. Westeuropa hatte sich längst aus dem Geschäft zu-rückgezogen. Die kirchlichen Konzile der Merowingerzeit (um 700) erörterten mehrfach den Verkauf christlicher Sklaven an die Araber. Unter Karl dem Großen hörte der heikle Menschenhandel ganz auf.
In die verwaiste Marktnische sprangen die Wikinger: Vor allem ihr Drang nach Osten war vermutlich vom Hunger nach Sklaven gespeist. Im großen Stil, das zeigen die neuen Funde, gingen die Rus-Wikinger in der Tundra auf Menschenjagd.
Bereits um 750, lange bevor im Westen das erste Christenkloster loderte, existierte am Ladogasee, dem "Tor nach Russland", eine Station von Pelzhändlern. Um 860 hatte sich Rorik mit großem Gefolge in Nowgorod festgesetzt.
Immer tiefer drangen die Urschweden in die Steppe ein. Mit kleinen Flussbooten ruderten sie den Dnjepr hinab und drangen in eine kaum bewohnte Sumpfwelt vor. Von dort ging die Reise weiter bis zu den märchenhaften Zinnen von Byzanz.
Der in der Prunkstadt herrschende Kaiser Konstantin Porphyrogennetos beschreibt, wie die Fernhändler nach der Schneeschmelze im Juni, mit Bernstein und Pelzen bepackt, den Dnjepr herunterfuhren. Alle Stromschnellen des Flusses tragen altnordische Namen: Essupi (der Verschlinger), Gelandri (der Gellende) oder Strukun (der Rennende).
Doch es gab noch einen anderen, weiter östlich verlaufenden Weg. Er führte durchs Kaspische Meer - nach Bagdad (siehe Karte Seite 192). Dort thronten Kalifen, die über schier unerschöpfliche Silberminen verfügten.
Die reichen Orientalen verlangten nach Menschenware aus dem Norden und Westen; blonde Diener standen im Kalifat hoch im Kurs.
Die rothaarigen Ost-Wikinger sahen ihre Chance darin, dieses Verlangen zu befriedigen. Mit Blut und Schwert, so nehmen es die Forscher an, drangen sie in die russischen Weiten vor und klauten Kinder und vor allem Frauen. "Das tributpflichtige Gebiet", sagt der amerikanische Forscher Thomas Noonan, "reichte schließlich von der polnischen Grenze bis zur oberen Wolga".
Mit dem Verkauf von Frauen machten die Rus offensichtlich ein Vermögen. In Wikingersiedlungen wurden insgesamt 228 000 arabische Münzen (geprägt in Taschkent, Samarkand und Bagdad) gefunden. Bis nach Island und Irland lässt sich das Geld der Muselmanen verfolgen.
Ebenfalls aus arabischen Quellen stammt die wohl anschaulichste Beschreibung der Piraten aus dem Osten. 922 reiste Ibn Fadlan, ein Diplomat des Kalifen von Bagdad, an die Wolga und sah den Wikingern bei der Arbeit zu.
"Ihre Schwerter sind platt und mit Blutrinnen versehen", erzählt der Araber, jeder Bewohner sei "vom Fingernagel bis zum Hals mit Tätowierungen dunkelgrün gefärbt".
Zugleic h liefert Ibn Fadlan eine detaillierte Beschreibung der Affektstruktur der Rus, die er die "schmutzigsten Geschöpfe Gottes" nennt: "Weder schämen sie sich beim Stuhlgang und Harnen, noch waschen sie sich nach der Befleckung durch Samenerguss, noch waschen sie ihre Hände nach dem Essen."
Auch einen Einblick in die Sexualmanieren des nordischen Volkes erlauben seine Schilderungen:
"Jeder von ihnen hat eine Ruhebank, worauf er sitzt, und bei ihnen sind die für die Handelsleute bestimmten schönen jungen Sklavenmädchen anwesend, und er wohnt seinem Sklavenmädchen bei, während sein Genosse zuschaut. (Es geschieht) auch, dass ein Kaufmann, um ein Mädchen bei einem von ihnen zu kaufen, zu ihm in sein Haus eintritt, findet, dass er sich gerade mit ihr begattet, und nicht eher v on ihr ablässt, bis er seine Absicht erfüllt hat."
Ähnliche Berichte liegen von Klerikern aus dem Westen vor. "Schamlosen und gesetzlosen Verkehr" betrieben die Wikinger mit ihren Frauen, heißt es in einer 1020 verfassten Chronik, "diese Menschen geben sich unverschämt den Ausschweifungen hin, leben in Gemeinschaft mit mehreren Frauen."
Auch die Archäologie kann inzwischen zumindest Indizien beisteuern: Im englischen Repton - dort überwinterte im Jahre 873 ein dänisches Heerlager - wurden Knochen entdeckt. Die Untersuchung der Skelette ergab, dass in der Militärbasis 20 Prozent Frauen lebten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um Angelsächsinnen, die zum Liebesdienst gezwungen wurden.
Diesen Sündenpfuhl trocken zu legen gelang nur langsam. 965 ließ sich der Dänenkönig Harald Blauzahn taufen. Doch noch 100 Jahre später dröhnte ein Missionar, immer noch spritze das Blut auf den Götzenbildern der Freyja. In den heidnischen Tempeln erklängen "obszöne Lieder".
Den Isländern, die um 1000 zum Christentum wechselten, versüßte man die Konversion mit Sondergesetzen. So wurde ihnen weiterhin das Recht zugestanden, ungewollte Kinder auszusetzen. Taufen fanden im warmen Wasser von Geysiren statt.
Langsam kehrte im zerzausten Europa Ruhe ein. Bereits 911 war Fürst Rollo mit einem Lehen in der Normandie gezähmt worden. Die Gauner mutierten nun zu Gewerbetreibenden. Die Dänen holten Salz aus dem Frankenreich. Die Norweger dealten mit englischem Zinn oder Walrosszähnen aus Lappland.
Die Schiffstypen änderten sich. Dickbauchige "Kaupskips" und Kutter ("skuta") verkehrten zwischen den Kontoren Nowgorod, Dublin, Reykjavík und London. Der größte bislang aufgefundene Wikinger-Frachter konnte 38 Tonnen Ladung fassen.
Auch in Grönland, Rohstoffquelle für Lebertran, Walöl und Elfenbein, brummte das Geschäft. Rund 4000 Menschen lebten in Brattahlid. Erst vor wenigen Monaten hat ein dänisches Team in der Siedlung neue Gehöfte entdeckt. Zwischen den Mauerstümpfen lagen noch die Holztüren.
Dieser Ort diente schließlich als Startrampe in die Neue Welt. Wie weit die Konquistadoren dort in den Süden vorstießen, ist bis heute unbekannt. In den Chroniken heißt es: "Es kam kein Winterfrost, und das Gras welkte nur wenig."
Auch ein mysteriöser Flecken namens "Hop" wird erwähnt. Páll Bergthorsson, ein isländischer Meteorologe, ist überzeugt, es handele sich bei diesem Ort um "den Hafen von New York".
Fieberhaft suchen die Amerikaner nun nach weiteren Spuren der Wikinger. Der bislang südlichste Fund, eine um 1070 geprägte Silbermünze, kam im US-Bundesstaat Maine zum Vorschein - 600 Kilometer nördlich von New York.
Dort, im vermeintlichen Hop, wird am 5. Oktober, unter dem strengen Blick der Freiheitsstatue, der rotbärtige Kapitän Eggertsson mit seiner klobigen Schiffs-Replik einlaufen.
Hillary Clinton hat den wackeren Isländer bereits willkommen geheißen. Die Skandinavier seien "große Entdecker" gewesen, meint sie. "Wie die USA" hätten die Wikinger "neue Ideen" in die Welt getragen; ihre Schiffe hätten "Menschen und Orte verbunden".
Ein gewagter Vergleich.
MANFRED ERTEL, JOHANNES SALTZWEDEL,
MATTHIAS SCHULZ
* Aus einer russischen Chronik; das Bild zeigt Wikinger, die ihr Boot an einer Stromschnelle über Land ziehen. * Links: Farbdruck nach Gemälde von Max Koch (um 1905); rechts: Gemälde von P.N. Arbo (1869). * Nachbau eines Wikinger-Langschiffs aus Haithabu im deutschen Pavillon.
Von Manfred Ertel, Johannes Saltzwedel und Matthias Schulz

DER SPIEGEL 32/2000
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