07.08.2000

Met und Party mit Odin

Wie schon das Hitler-Regime bedient sich auch die Neonazi-Szene am Mythenfundus der Wikinger. Die Nordmänner sind Kult in der braunen Szene.
Was darf es denn sein? Thors Hammer auf dem Feuerzeug? Das "schnörkellose Wikinger-Schwert" für 599 Mark? Oder doch lieber der graue Kapuzenpullover "Odins Volk Germania" für 58 Mark?
Dutzende Gimmicks aus der Welt der Wikinger werden seit Jahren für den aufrechten Deutschen im rechtsextremen Versandhandel feilgeboten: vom Plakat "Odin an der Lichtbrücke" bis zum "Maus-Kissen Wikingerbegräbnis" für den national gesinnten Computernutzer.
Die Nordmänner sind Kult für die braune Szene. Sie dienen als Vorbild für unerschrockenes Kämpfertum und gelten als kraftstrotzende Vertreter der arischen Rasse.
Am Mythen-Arsenal der Hörnerhelme bedienten sich schon die Nazis. Gefürchtet war während des Zweiten Weltkriegs eine Eliteeinheit der Waffen-SS, die "Wiking-Division". Heinrich Himmler, Reichsführer SS, glaubte, dass die Norweger direkte Nachfahren der Wikinger seien. Als Besatzungsmacht in dem skandinavischen Land, so die schriftliche Anordnung, sollten deutsche Soldaten so viele Kinder wie möglich zeugen. So sollte zusammenwachsen, was zusammengehöre.
Schon früh haben sich Vordenker der nationalsozialistischen Rassentheorien von der Mythenwelt der Wikinger und Nordmänner inspirieren lassen. Die 1918 in München gegründete antisemitische Thule-Gesellschaft - früher Unterstützer der NSDAP und militanter Freikorps - benannte sich nach der legendären Insel Thule, auf der in den Nebeln der Vorzeit angeblich Übermenschen der nordischen Rasse lebten.
Wie Atlantis, so die Sage, ging auch Thule unter. Nur wenige der nordischen Musterknaben konnten sich retten. In dem Kultbuch der rechtsextremen und neuheidnischen Szene, der "Thule-Trilogie", wird die krude Theorie aufgestellt, dass diese Versprengten die germanische Rasse gegründet hätten.
Die Saga von Thule und den Nordmännern ist bis heute ein mythologischer Kern für die rechtsextreme und neonazistische Bewegung. Der radikal rechte DS-Verlag in Riesa vertreibt Thule-Uhren, im Internet versorgt das Thule-Netz die Szene mit indizierten Schriften: Hitlers "Mein Kampf" oder die antisemitische Hetzschrift "Protokolle der Weisen von Zion" werden zum Download feilgeboten.
Auch die Runenzeichen der Nordmänner wurden von Hitler und den Nationalsozialisten ebenso benutzt wie von der heutigen rechtsextremen Szene. So setzte die SS ihr Kürzel aus den heute verbotenen Sig-Runen zusammen.
Diese frühen germanischen Schriftzeichen finden sich in einem zentralen, nicht verbotenen Symbol der Neonazis wieder: der "schwarzen Sonne". Auf der Wewelsburg nahe Paderborn, der ehemaligen SS-Schulungsstätte, prangt auf dem Marmorboden des SS-Obergruppenführersaals ein aus zwölf Sig-Runen zusammengesetztes Sonnenrad.
Das Symbol, so propagiert es die neonazistische Postille "Landser", stehe für die germanischen Werte und gilt als Widerstandszeichen gegen die herrschende, angeblich volkszerstörende Kraft. Die "schwarze Sonne" wird als Schmuckstück, Koppelschloss oder als Stickerei auf Tischtüchern im einschlägigen Handel angeboten.
Die Wikinger-Verehrung ist ein fester Bestandteil innerhalb der neonazistischen Kameradschaften. Eine inzwischen verbotene Nachwuchsorganisation trug den Namen "Wiking Jugend". Im "Hamburger Sturm", einer der wichtigeren Szeneschriften, wurde jüngst ein detaillierter Reisebericht zu den "Wikingerfesttagen" in Schleswig abgedruckt.
Selbst im Jenseits sind die nordischen Götter noch präsent. Stirbt einer der braunen Kameraden, hoffen manche Hinterbliebene, dass er seinen Platz in der "Halle der Gefallenen" findet. Dort, in Walhall, sammelte zu Wikingerzeiten Kriegsgott Odin seine Kämpfer bei Met und rauschenden Partys.
Manche Neonazis glauben offenbar, dass der göttliche Schläger immer noch im Geschäft ist: Als der dreifache Mörder und Neonazi Thomas Lemke aus Gladbeck 1997 vor Gericht stand, kommentierte er das Urteil knapp: "Kriegsgott Odin hat mir den Befehl gegeben."

DER SPIEGEL 32/2000
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