07.08.2000

Aquavit aus Schafshörnern

Auf den Färöer-Inseln haben sich viele Wikinger-Sitten authentisch erhalten.
Sigmundur hatte die bessere Presse, deswegen wurde Sigmundur der Held. Noch immer wird dieser Wikinger gefeiert, der sich vor 1000 Jahren mit seinen Gegnern um die Macht auf den Färöern schlug. Aber eigentlich feiern sie den Falschen. Das findet zumindest Magnus Magnussen, Kettentänzer und Einwohner des färöischen Archipels: "Als Republikaner steht man ja auf der anderen Seite, oder nicht?"
Sie haben seltsame Angewohnheiten beibehalten auf diesen stürmischen Inseln im Nordatlantik. Dazu gehört, dass Politik zu Folklore werden kann und Folklore zu Politik. Dazu gehört der Kettentanz, den Magnussen und fast jeder Mensch auf den Färöern betreibt. Dazu gehört Stampfen und Sprechgesang, meist in Moll - auf Färöisch, was außer Färingern niemand versteht. Und oft gehört dazu, dass man die Geschichte von Sigmundur und Trondur erzählt: Die spielt in der Wikingerzeit und ist immer noch nicht vorbei.
Sigmundur ist der Held der Färinger Saga. 999 brachte er das Christentum auf die Inseln; er setzte sich durch gegen den rothaarigen Trondur, der von der Kirche nichts wissen wollte. Mit der Axt in der Hand hat Sigmundur ihn umgestimmt: "Stirb oder werde getauft."
Weil er der Christ war, kam er in der vermutlich von Mönchen überlieferten Saga gut weg. Dass Sigmundur das Christentum brachte, nimmt man ihm nicht übel auf den Färöern, christlich ist man ja bis heute. Wohl aber, dass er das im Namen eines Monarchen tat: Immer schon hatte Sigmundur enge Beziehungen zum norwegischen Herrscherhaus. Viel hat er dazu beigetragen, dass seine Heimat das wurde, was sie in den Augen vieler Einwohner immer noch ist: eine Kolonie.
Ein Held wie Sigmundur passt nicht mehr gut in diese Zeit, da ein großer Teil der rund 45 000 Bürger nach der Unabhängigkeit strebt von der dänischen Krone, zu der die Inseln heute gehören, ohne Mitglied der EU zu sein. Gerade Traditionalisten würden sich jetzt wohl eher einen wie Trondur als Vorbild nehmen - einen, der seine Sitten verteidigt gegen die Welt, die von außen kommt. Denn natürlich haben die Wikinger ihre Spuren hinterlassen auf diesen nassen, baumlosen Inseln, die für sie der erste Stopp war in Richtung Westen: nach Island, nach Amerika.
Vieles ist geblieben. Es gibt nicht nur die Ruderboote, die sie so wikingerähnlich wie möglich gebaut haben und in denen sie an ihrem Nationalfeiertag am 29. Juli um die Wette fahren, oder die Sitte, dass man danach den Aquavit aus Schafshörnern trinkt. Weit mehr als anderswo wird das Leben von Traditionen bestimmt: "Es stimmt", sagt der Archäologe Símun Arge, "wie die Wikinger leben wir von der Landschaft, vom Meer."
Im 9. Jahrhundert setzten sich die norwegischen Auswanderer auf den Färöern fest. Sie hielten Tiere, machten Heu und bauten Getreide an. Was es zu essen gab, weiß man aus Knochenfunden: Schaf, Schwein, Wal, Fisch, Seevögel. All das steht heute noch auf dem färöischen Speiseplan, und auch ein paar Gewohnheiten haben sie beibehalten, die EU-Kommissare das Gruseln lehren würden. Ihre Schafhaltung beispielsweise: Noch immer treiben sie die Tiere gern auf kleine Felseninseln, die von Seevögeln gedüngt werden, das gibt besonders würziges Fleisch. Geschlachtet wird unter freiem Himmel und nicht im desinfizierten, gekachelten, EU-tauglichen Raum.
Vermutlich konservierten die Wikinger schon auf dieselbe Weise ihren Fisch und ihr Schafsfleisch, wie es jetzt ihre Nachfahren tun: in Bretterschuppen mit Zwischenräumen, durch die die salzige Luft streichen und den Vorrat trocknen kann. Vieles muss noch ermittelt werden über das Leben und die Gebräuche der Vorfahren; später als anderswo fanden auf den Färöern erste Ausgrabungen statt. "Wir sind ja", sagt Símun Arge, der Kurator des färöischen historischen Museums, "ein sehr kleines Volk."
Jetzt aber, 1000 Jahre nach der Christianisierung und den von der Saga beschriebenen Kämpfen, bekommt die Forschung den rechten Schub. So steht nun Símun Arge an einem sehr windigen und ausnahmsweise sonnigen Tag an der Südküste der Insel Sandoy und blickt auf ein Gräberfeld bei der Kirche von Sandur, wo sie zwischen den Toten der letzten Jahrhunderte Wikinger-Gräber gefunden haben und Bodenplatten von einem Wikinger-Langhaus. In der Kirche stießen sie auf fünf ältere Kirchen, darunter eine in norwegischer Stabbauweise, die aus dem 11. Jahrhundert stammt.
Sogar einen Schatz gibt es, den ein Totengräber schon im Jahr 1863 entdeckte: Silberstücke aus Deutschland, England, Irland, Ungarn, auch das Fragment einer arabischen Münze war dabei.
Noch vermag niemand zu sagen, ob die toten Wikinger von Sandoy Christen waren oder nicht. Verblüffend ist, dass in den Gräbern keine Waffen gefunden wurden, sondern nur Schmuckstücke und Sonstiges, was zur Kleidung gehört. Das scheint gar nicht zur alten Zeit zu passen, die den Überlieferungen zufolge ungeheuer blutig war. Natürlich kennt Arge die Geschichten, die man sich so erzählt an langen Abenden bei Kettentänzen, aber er sagt: "Man darf sich nie auf die Sagen verlassen. Erst wenn es archäologische Beweise gibt."
Am Grabfeld Toftanes im Westen der Insel Eysturoy, auf der Sigmundurs Gegner Trondur gelebt haben soll, wollen die Archäologen jetzt Schilder aufstellen und ein bisschen mehr Wissenschaftlichkeit in die Welt bringen. Vielleicht, hofft Arge, wird die Wikingerzeit künftig ein paar Fremde mehr interessieren als diejenigen, die aus Zufall hier landen, weil die Fähre nach Island sie zu zwei Tagen Zwischenstopp zwingt.
Aber vielleicht sehen die Reisenden doch bloß, dass sie weiter kommen in den Westen. Das haben viele Wikinger ja auch getan. BARBARA SUPP
* Mit der dänischen Königin Margrethe (M.)
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 32/2000
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