07.08.2000

„Im Packeis gefangen“

Kapitän Gunnar Marel Eggertsson über seine geglückte Atlantiküberquerung und das Leben an Bord eines Wikingerschiffs
SPIEGEL: Kapitän Eggertsson, warum haben Sie ausgerechnet auf einem Wikingerschiff den Atlantik überquert?
Eggertsson: Es wäre doch dumm von mir, das 1000-jährige Jubiläum dieser Leistung nicht gebührend zu würdigen - zumal es meine Vorfahren waren, die diese Tat vollbracht haben.
SPIEGEL: Sie sind ein Nachkomme von Leif Eriksson, dem Entdecker Amerikas? Können Sie das beweisen?
Eggertsson: Ja, ich kann meine Ahnenreihe bis zu seinem Großvater zurückverfolgen, weil in Island alles schriftlich festgehalten wurde.
SPIEGEL: Haben Sie Ihr Wikingerschiff "Islendingur" mit Hilfe der Gestirne durch den Atlantik navigiert oder mit moderner Technik?
Eggertsson: Wir orientierten uns an den Sternen. Aber wir hatten auch ein Satelliten-Navigationssystem an Bord, das ist Vorschrift.
SPIEGEL: Bestand nicht die Gefahr, dass Ihre Nussschale von einem modernen Frachter unter Wasser gedrückt wird?
Eggertsson: Nein, die sind ja mit Radarsystemen ausgerüstet. Wir hatten mehr Angst vor herrenlosen Containern, die bisweilen von Bord rutschen und nur knapp über der Wasseroberfläche treiben.
SPIEGEL: Was geschah bei Flaute?
Eggertsson: Im Nordatlantik sind wir eigentlich ständig unter Wind gefahren. Falls der mal nicht wehte, trieb uns ein kleiner Motor an, statt wie früher die Muskelkraft von 64 Wikingern.
SPIEGEL: Bei einer Geschwindigkeit von sieben Seemeilen pro Stunde hatte Ihre neunköpfige Crew viel Zeit.
Eggertsson: Wir arbeiteten in Sechs-Stunden-Schichten mit jeweils vier Leuten. Sonst ruhten wir uns aus.
SPIEGEL: Weil das Leben an Bord so anstrengend war?
Eggertsson: Ja. Als wir um Südgrönland segelten, waren wir auf einmal im Packeis gefangen. Es war stockfinstere Nacht und eine starke Strömung machte uns zu schaffen. Nur mit Glück sind wir nach zehn Stunden herausgekommen.
SPIEGEL: Was halten Sie als Schiffsbauer von der Bootskonstruktion?
Eggertsson: Es ist schon phantastisch, wie seetüchtig die Schiffe waren.
SPIEGEL: Aber ohne ein modernes Begleitboot wollten Sie die Atlantiküberquerung doch nicht wagen?
Eggertsson: Ich wäre auch allein gesegelt, aber dafür bekam ich keine Genehmigung.
SPIEGEL: Konnten Sie die "Islendingur", in die Sie 20 Monate Arbeit gesteckt haben, bei Lloyds in London versichern?
Eggertsson: Ohne Probleme. Die Versicherungssumme beträgt 70 Millionen isländische Kronen (1,9 Millionen Mark).
SPIEGEL: Was bereitete Ihr Smutje zu?
Eggertsson: Vor allem Fisch - geräuchert, gepökelt, getrocknet.
SPIEGEL: Und dazu nach alter Tradition Unmengen von Bier?
Eggertsson: Leider mangelte es an Platz.
SPIEGEL: Stattdessen tranken Sie isländischen Schnaps?
Eggertsson: Das kann man wohl sagen.
INTERVIEW: REINHARD KRUMM
Von Reinhard Krumm

DER SPIEGEL 32/2000
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