14.08.2000

RISIKOKAPITALDer Fluch der „Titanic“

Abenteurer und Geschäftemacher brachen auf, die Schätze aus dem Bauch der „Titanic“ zu heben. Sie scheiterten - am Wetter, an der Technik und am eigenen Unvermögen.
Arnie Geller ist ein überaus gelassener Mensch, doch als die Tiefseekapsel "Mir" von ihrem zwölfstündigen Ausflug von der "Titanic" zurückkehrt, gerät seine Selbstbeherrschung ins Wanken. Sein Hals reckt sich auf Maximallänge, seine Finger zucken zu den länglichen Metallkörben, die vorn am Tauchboot angebracht sind. Wird der Chef der Bergungsfirma RMS Titanic (RMST) endlich die Schätze des gesunkenen Luxusliners in Händen halten dürfen, das Gold, die Diamanten, die Münzen?
Als Präsident der Firma darf Geller als Erster die Fundstücke begutachten - jene Gegenstände, die in einer mondlosen Nacht vor 88 Jahren gemeinsam mit dem prächtigsten Schiff der Welt und den Träumen von 1517 Opfern auf den Grund des Nordatlantiks gesunken waren.
Rund 3800 Meter über dem Unglückswrack fischt er nun schlammverschmierte Eisenteile, Porzellanstücke, zerkratzte Glasflaschen mit gelbem Inhalt aus dem Korb und legte sie andächtig in eine mit Schaumstoff ausgekleidete Plastikkiste.
Dann kommt eine prall gefüllte Ledertasche zum Vorschein. Atemlos beobachten die Schatzsucher, wie Geller sie öffnet. Bücher. Es sind Bücher - der mit 1050 Juwelen besetzte Gedichtband "Rubaiyat" ist nicht darunter.
"Macht nichts", sagen die Schatzsucher. Sie mühen sich, nicht so enttäuscht dreinzugucken wie ihre Abbilder in James Camerons Erfolgsfilm "Titanic". Schnell setzen sie Wissenschaftlermienen auf und bewundern die Artefakte.
Schließlich sind solche Relikte der Katastrophe bislang die Haupteinnahmequelle ihrer Firma: Ausgestellt in aller Welt, bringen sie seit Jahren das Geld in die Kasse des an der New Yorker Börse für Penny-Aktien notierten Unternehmens.
Genau das aber war einigen Aktionären nicht genug - und der Grund für diese Exkursion. Aus dem Mythos "Titanic", so meinten sie, müsse mehr zu machen sein als ein Billigpapier, das zwischen einem und vier Dollar dümpelt.
So tat sich vergangenen November eine Riege von Aktionären zusammen, kippte George Tulloch, den Präsidenten der Firma, und kündigte bessere Zeiten für Aktionäre an. Seit Juni wird die Aktie auch an der Frankfurter Börse gehandelt.
Der ehemalige BMW-Händler Tulloch hatte das Unternehmen, aus dem RMS Titanic hervorging, bald nach der Entdeckung des Wracks 1985 durch den Tiefseeforscher Robert Ballard gegründet. Zwei Jahre später tauchte er in einer ersten Expedition hinunter, barg 1800 Gegenstände und bekam die Bergungsrechte zugesprochen. Die erhält nach Seerecht jeder, der als Erster ein Stück eines Wracks vorweist, solange keine anderweitigen Ansprüche geltend gemacht werden.
Richter Calvitt Clarke vom Norfolker US-Bezirksgericht machte RMST 1994 allerdings strenge Auflagen: Die Artefakte müssen fachkundig gehoben, konserviert und als historische Sammlung der Weltöffentlichkeit präsentiert werden. Nur die ganze Sammlung darf verkauft werden und auch nur, wenn sie öffentlich zugänglich bleibt. Das Wrack muss aus Respekt vor den Toten unbeschädigt bleiben.
Historiker, Meeresarchäologen, Museumsdirektoren waren entsetzt. Für viele Wissenschaftler sind private Bergungsfirmen gleichzusetzen mit Piraten, Plünderern, Grabschändern.
Dennoch fuhr RMST seit 1994 alle zwei Jahre auf Tauchtour. Zusammen mit Fachleuten vom französischen Meeresforschungsinstitut Infremer sammelte Tulloch 5000 Artefakte vom Trümmerfeld, das sich kilometerweit um beide Wrackteile erstreckt. Sechs Millionen Menschen stürmten später die Ausstellungen in aller Welt, um die Zeugen der Tragödie zu sehen.
Doch die hohen Kosten für Bergung und Konservierung minimierten die Gewinne. Anfang 1999 schloss RMS Titanic deshalb einen Vertrag mit der Entertainment-Firma SFX, einem der größten Konzertveranstalter der Welt. Der zahlte RMST für das Recht, Ausstellungen zu machen, mindestens 8,5 Millionen Dollar pro Jahr. Bald sollte Tulloch diesen Deal bitter bereuen.
Denn der Name "Titanic" beflügelte die Abenteuerphantasien der Entertainmentleute. Unter der Führung von John Marsh, der für SFX die Auftritte des Magiers David Copperfield inszenierte, organisierten sie die Machtübernahme. Michael Harris, der einst Künstler an Comedyclubs vermittelte und eine "Titanic"-Memorabilienausstellung in Orlando, Florida, aufbaute, zog in den RMST-Vorstand ein.
Der Aufmarsch der Unterhaltungskünstler mobilisierte die Bergungsgegner. Die amerikanische National Oceanic and Atmospheric Administration sowie Kanada, die USA, Frankreich und Großbritannien wollten die Bergungen untersagen.
Mit einer Klage versucht RMS Titanic derzeit, die Gesetzgebung aufzuhalten. Doch die neuen Manager fürchteten, dass die Exkursion 2000 die letzte sein könnte - sie wollten deshalb aufs Ganze gehen.
Am 27. Juli dieses Jahres trafen sich die drei beteiligten Schiffe, die amerikanische "Intervention", die "Keldysch" aus Russland und das britische Zubringerschiff "Explorer". Erstmals sollte ein unbemannter Tauchroboter ins Innere der Schiffsleiche vordringen, um Wertgegenstände aus Erste-Klasse-Kabinen, der Kapitänsunterkunft, der Poststelle und dem Frachtraum herauszupicken. Das Interesse galt vor allem einer geheimnisvollen Diamantenladung im Wert von 300 Millionen Dollar sowie Leder- und Posttaschen mit den Wertsachen, die aus den Safes gesammelt wurden. Auch der Anker sollte abgeschnitten werden, als Attraktion für die Ausstellungen.
Der Drang zu den Wertsachen hat seinen Grund: Gold und Diamanten seien keine Artefakte, glaubt Geller, und dürften somit ebenso versilbert werden wie einst die Kohlestückchen, die Tulloch für 25 Dollar pro Stück verkauft hatte.
Auch für die Artefakte ließe sich eine clevere Lösung finden: "Wir könnten verschiedene Expeditionen zu Einzelsammlungen erklären und somit gemäß den richterlichen Anordnungen verkaufen", interpretierte Geller die Rechtslage. Anwalt David Concannon rätselte, ob der Richter es erlauben würde, ein paar der vielen tausend Teller vom Meeresboden zu verkaufen.
Hoffnungsfroh hatten sich jedenfalls zwei Investoren der Exkursion angeschlossen, um ihr Risikokapital bei der Arbeit zu sehen. Tatsächlich erlebten sie eine Serie von Pannen. Das Expeditionsteam bestand vornehmlich aus Entertainmentleuten; Michael Harris brachte sogar seine Kumpels von der Rockband Hazies mit.
Die Auftragsfirma Ocean Engineering sandte ein Boot mit einer etwa 30 Meter langen flachen Arbeitsplattform, gedacht für Pipelinereparaturen im Golf von Mexiko, nicht für den herben Wellengang im Nordatlantik. Unablässig überspülten Wellen das Deck, auf der die ferngesteuerten Tauchroboter festgeschnallt waren.
Der erste Tauchversuch des ferngesteuerten Gefährts geriet zum Desaster. Der Tauchroboter wurde von der Strömung unters Boot gezogen, die handgelenkdicken Videokabel verhedderten sich im Schiffspropeller. Panisch ließen die Techniker das Ersatzgerät ins Wasser, zur Bergung des ersten. Beide wurden gerettet, die Reparatur dauerte einen Tag. 55 000 Dollar kostete die "Intervention" pro Tag, fünf Millionen die gesamte Expedition.
Zwei Nächte später scheiterte der zweite Tauchversuch. 200 Meter über dem Grund hielt die Videoanlage dem Druck nicht mehr stand. Der Roboter, der die Diamanten finden sollte, war blind.
Das blieb nicht das einzige Problem. "Es war schwer, dem russischen Piloten, der die Greifarme bedient, zu vermitteln, was ich bergen wollte und was nicht", sagte Harris nach dem ersten Tauchgang. "Immer wenn ich Nein gesagt hatte, griff der ganz begeistert zu."
Um von der armseligen Vorbereitung abzulenken, ärgerte sich Harris lieber lautstark über die Menge an Bierdosen auf dem Wrack. Offenbar, so glaubt er, tränken Passagiere bei dieser Passage aufs Wohl der Toten und schmissen die Dosen über Bord. Schlimmer noch fand er den Zustand "seines" Schiffes: Stahl fressende Bakterien haben die Hülle der "Titanic" schwer beschädigt und wie mit einem grüngrauen Pelz überzogen. Als der Pilot mit einem Greifarm ans Deck klopfte, sank es weg wie nasses Brot.
Der zweite Tauchgang, verkürzt wegen hoher See, brachte wieder nur Artefakte: Bullaugen, einen Telegrafenständer, ein Waschbecken. "Weit und breit keine Diamanten", knurrte Geller.
Endgültig zurückgestutzt wurde die ehrgeizige Exkursion, als eine Botschaft von Richter Clarke das Schiff erreichte. Der ließ, verärgert von widersprüchlichen Pressemitteilungen und Aktionärsgerede, anordnen, dass keinerlei Verletzungen des Wracks vorgenommen werden dürfen.
Geller entließ die "Intervention" und reiste ab, die Investoren im Schlepptau. Ihr Risikokapital werden sie wohl nicht wieder sehen. Obwohl die "Keldysch" noch den ganzen Monat Artefakte sammelt, stürzte der Aktienkurs auf rund zwei Dollar ab. MICHAELA SCHIEßL
Von Michaela Schießl

DER SPIEGEL 33/2000
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