21.08.2000

Kanzlerreise: Zwei Wochen lang will Bundeskanzler Gerhard Schröder auf einer „Sommerreise“ durch die neuen Länder ein vielen Wessis noch immer unbekanntes Stück Deutschland erkunden. Was den Regierungschef erwartet, haben SPIEGEL-Reporter vor Ort in Sachsen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt erforscht.„Wir haben es geschafft“

Wie ein SED-Mann die Wende überstand und als Manager die Plauener Gardine rettete.
Was für eine Katastrophe. Gerade saß Jürgen Dressel noch in Hamburg, verhandelte über neue Aufträge, und alles schien in Ordnung. Dann klingelte sein Handy, eine Stimme am anderen Ende der Leitung sagte: "Wiebe hat Konkurs angemeldet", und das verwandelte Dressels Zuversicht in einen Trümmerhaufen. Jetzt treibt Dressel seinen VW-Passat über die Autobahn Richtung Osten, draußen ist es dunkel, und die Zukunft sieht beschissen aus.
Dressel ist Geschäftsführer der Plauener Gardine, und er hatte gehofft, dass der sächsische Betrieb überlebt, weil die Berliner Firma Wiebe ihn übernommen hatte. Aber nun ist Wiebe pleite, und wenn nicht ein Wunder geschieht, muss auch Dressel morgen Konkurs anmelden.
Das Wunder bleibt aus.
Am nächsten Tag steht Dressel vor dem Chemnitzer Amtsgericht und steigt mit weichen Knien die Treppe empor. Hätte ihm in diesem Moment jemand auf die Schulter getippt und gesagt: "Der Betrieb wird nicht nur weiter bestehen, der Bundeskanzler wird in ein paar Jahren die Plauener Gardine besuchen", dann wäre er wahrscheinlich die Treppe runtergeflogen.
Mittlerweile liegt dieser Tag sechs Jahre zurück, und nun ist da diese Mitteilung, mit der sich der Bundeskanzler ankündigt. Der wird 90 Minuten lang hier sein, er wird sich die Wirkerei ansehen, in der computergesteuerte Maschinen arbeiten, er wird mit Mitarbeitern sprechen und sich zehn Minuten lang mit den 17 Auszubildenden unterhalten. Begrüßt wird Gerhard Schröder von Jürgen Dressel, weil der einer von drei Geschäftsführern ist und Sprecher der Geschäftsleitung. Und außerdem ist er der Mann, ohne den diese Firma wahrscheinlich nicht mehr existieren würde. Was er selbst nie sagt, denn erstens ist Dressel ein bescheidener Mensch, und zweitens wird es schnell gefährlich, wenn man sich dauernd in die erste Reihe drängt. Das kennt Dressel noch von früher.
In der DDR war er in der Partei, aber nur als einfaches Mitglied. Er wollte keine Karriere als Kader machen, er interessierte sich nicht für Dissidenten. Dressel hatte auch nie den Wunsch, aus Sachsen fortzuziehen, das Vogtland zu verlassen oder den Ort und das Haus, in dem er aufgewachsen ist. Seitdem er 16 Jahre alt ist, arbeitet er für die Plauener Gardine.
Er gehört zu denen, die sich nicht mit der DDR identifizierten, sondern die diesen Staat hinnahmen wie einen unangenehmen Verwandten. Man musste ihn ertragen, aber man versuchte, nicht mehr mit ihm zu tun zu haben als nötig, was für Dressel bedeutete, er fuhr mit dem Werksbus "in die Gardine", erledigte seine Arbeit, und am Abend saß er mit der Familie zusammen. Manchmal ging er kegeln. Es war ein statisches Leben.
Dann war die Grenze plötzlich auf, die DDR war weg, und Dressel, der vorher eine Art Abteilungsleiter war, saß auf einem der Chefsessel der Firma, weil man ihn gefragt hatte, weil er es sich zutraute und weil es nicht viele gab, die diesen Job wollten. Denn es sah so aus, als wäre die einzige Aufgabe der Chefs, das Licht auszumachen.
Fragt man Dressel, warum er das Angebot angenommen hat trotz der Anfragen von West-Betrieben, antwortet er: "Ich konnte mich nicht drücken und musste meiner Firma dienen." Hört Dressel dann den Satz: "Das meinen Sie ja wohl ironisch", rutscht seine Stimme ein Stück tiefer, und er sagt sehr deutlich und sehr ärgerlich: "Das meine ich nicht ironisch."
Besonders gut vorbereitet war Dressel nicht auf seine Aufgabe. Zu DDR-Zeiten war es schon ein Ereignis, wenn die Belegschaft der Plauener Gardine eine halbe Schicht extra fahren musste. Nach der Wende gab Dressel es schnell auf, die Stunden zu zählen, die er und andere schufteten, um den Betrieb am Leben zu erhalten und ein Unternehmen zu finden, das wenigstens einen Teil der Plauener Gardine übernehmen wollte: "Wir waren ein ganz schön großer Brocken."
Aber niemand wollte diesen Brocken schlucken. Ein Fast-Monopolbetrieb mit 5000 Menschen, verteilt auf 20 Orte, die an Maschinen arbeiteten, die in ein Museum gehören, aber nicht in einen Betrieb. Und ein Image wie Aldi. Viel, billig und nicht immer gut. Drei Viertel der Produktion blieb in der DDR und in den sozialistischen Bruderländern. Im Westen kauften vor allem Versandhäuser den Stoff aus dem Osten.
Als Wiebe sich endlich mit der Treuhand geeinigt hatte, blieben von den ehemals 5000 Arbeitsplätzen ein paar hundert übrig und von den vielen Fabriken eine. Alles, was noch zu gebrauchen war, wurde in die Halle in Plauen gesteckt.
Dressel vermeidet es noch heute, darüber zu sprechen, wie es war, Tausende zu entlassen. Er ist froh, dass einer seiner Mit-Chefs den Großteil dieser Aufgabe erledigte. "Der hat wirklich gelitten." Am Sonntag besuchte Dressel dessen Grab.
All das war schlimm, aber nach der Übernahme wurde es endlich besser. Der Umsatz stieg, Händler orderten Ware. Bis Dressels Handy klingelte, eine Stimme sagte: "Wiebe hat Konkurs angemeldet" und Dressel und alle anderen im Betrieb sich fühlten wie Marathonläufer, die gut im Rennen liegen und denen plötzlich von hinten in die Beine getreten wird.
Überstanden hat Dressel diese Zeit nur, weil im Zentrum seines Lebens nicht die Arbeit steht und die Karriere, sondern die Familie und das Haus, in dem er lebt. Hier ist er so fest verankert, dass ihn nicht mal der Untergang eines Staates fortreißen kann. Dressel wohnt nicht nur mit seiner Frau, sondern auch mit seiner Mutter und einer Tochter im selben Haus. Und die andere Tochter lebt mit Kind und Mann gleich um die Ecke. Für Dressel ist sein Zuhause kein Ort, der Energie verschlingt, sondern die Tankstelle, an der er seine Reserven füllt.
Aber umsonst ist diese Sicherheit nicht zu haben. Dressel zahlte seinen Preis am 7. Oktober 1989, als in Plauen 5000 Menschen vor das Rathaus zogen und die DDR zum Teufel wünschten. Im Rathaus saßen die Stasi und die SED-Bosse der Stadt. Und zwischen den beiden Lagern standen Polizisten und Betriebskampfgruppen mit Maschinenpistolen. Thomas Küttler war Superintendent in Plauen, und wenn er heute von diesem Tag erzählt, von seiner Rede vor dem Rathaus und dem Gefühl, für etwas Großes zu kämpfen und es zu gewinnen, dann ist sie sofort wieder da, diese Euphorie, die man nur spürt, wenn man wirklich etwas riskiert.
Dressel hat dieses Gefühl nicht. Er saß an diesem Tag in seinem Haus. Wegen der Familie.
So ist er gebaut, und so stieg er vor gut sechs Jahren die Treppe im Chemnitzer Amtsgericht empor und hat die nächsten acht Monate weitergeschuftet. Bis die Augsburger Familie Albani die Plauener Gardine übernahm, weil der Preis in Ordnung war, die Maschinen mittlerweile moderner und weil da einer stand, der im Angesicht des Kapitalismus nicht in Angststarre verfiel oder zum Turbokapitalisten mutierte, sondern dessen wichtigster Wert es ist, seiner Familie das zu sichern, was sie besitzt, und es langsam zu vermehren.
Das nächste halbe Jahrzehnt verging mit neuen Schwierigkeiten, die, gemessen an den überwundenen, klein schienen. Was außerhalb des Vogtlandes geschah, berührte Dressel kaum. Wichtiger als der Parteispendenskandal der CDU sind für ihn die Modefarben der Saison und der Zustand Russlands. Dort wagte er einmal ein Joint Venture, das scheiterte, "weil der Partner uns mit den Kosten belastete".
Heute hat die Plauener Gardine 140 Mitarbeiter und steht ganz ordentlich da, das sagt selbst die Gewerkschaft. Und zum ersten Mal seit der Wende sinkt die Zahl der Beschäftigten nicht. Dressel sagt: "Wir haben es geschafft." Er hat den Entschluss gefasst, sich den Luxus zu gönnen, den Kanzler um nichts zu bitten: "Der Mann hat eigene Probleme."
Der Regierungschef wird auf einen Mann treffen, der ihm entfernt ähnelt. Wie Schröder wandelte sich Dressel vom Genossen zum Boss, aber Dressel wurde nicht getrieben vom eigenen Willen, er wurde eher geschoben von den Verhältnissen. Und sein Interesse an der Politik erschöpft sich darin, dass er Helmut Schmidt verehrt, Schröder respektiert und regelmäßig Sabine Christiansen guckt.
Am Ende des Besuchs werden Schröder und Dressel in ihre Autos steigen. Schröder wird zum nächsten Termin gefahren. Dressel fährt nach Hause. Dort wird er sich auf seinen Stuhl unter der Wäscheleine setzen. Rechts ist seine Frau, links die Mutter, die Töchter kommen, die Schwiegersöhne. Ein Enkel schreit. Das ist so etwas wie Glück. UWE BUSE
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 34/2000
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