21.08.2000

SUBVENTIONENKleiner Aufschwung

Mehr als eine Million Mark kostet den Steuerzahler jeder Arbeitsplatz am „Eurospeedway Lausitz“ - die Rennstrecke ist die einzige Hoffnung einer ganzen Region.
Man kann es Wahnsinn nennen. In eine jener Mondlandschaften, die der Braunkohletagebau hinterlässt, flossen Zehntausende von Tonnen Beton und Asphalt. Und es floss vor allem viel Geld: rund 320 Millionen Mark, davon 241 Millionen als Subvention des Landes Brandenburg. Und für was? Für den Bau von vier Rennstrecken, 55 Boxen, 40 VIP-Lounges, für eine Haupttribüne mit 25 000 Plätzen und weitere 95 000 Zuschauerplätze: den "Eurospeedway Lausitz" in der Nähe von Senftenberg, rund 90 Kilometer südlich von Berlin.
Als gäbe es mit dem Hockenheim- und dem Nürburgring nicht schon zwei Formel-1-Rennstrecken in Deutschland und als könnte mit 241 Millionen Mark der Aufbau Ost nicht sinnvoller gefördert werden.
Wahnsinn nennt es auch der Landesrechnungshof Brandenburg, der nicht glaubt, dass die von der Landesregierung durch den Eurospeedway Lausitz versprochenen 1500 Arbeitsplätze auch nur annähernd geschaffen werden.
Man kann es aber auch Hoffnung nennen, wie es Klaus-Jürgen Graßhoff macht, der Bürgermeister von Senftenberg. Was soll er auch sagen, bei einer Arbeitslosenquote über 22 Prozent. Da zählt jeder Job. Die Betreibergesellschaft der Rennpiste beschäftigt 30 Mitarbeiter, 50 wird es in einem neuen Hotel an der Rennpiste geben und noch mal 50 in einem Prüfzentrum, das die Dekra errichtet. Insgesamt wird der Rennring direkt wohl nur 200 Arbeitsplätze schaffen. Damit würde jeder Job mit mehr als einer Million Mark bezuschusst.
Doch eine Rennpiste, auf der Läufe zur Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft, zur amerikanischen Cart-Serie, Motorrad- und Lastwagenrennen ausgetragen werden, verspricht Arbeit und Einkommen darüber hinaus, für Handwerker, Hotels und Gaststätten. Wie viele Arbeitsplätze es tatsächlich werden, ob 500 oder 1000, kann frühestens in einem Jahr festgestellt werden, wenn sich zeigt, wie viele Besucher dadurch in die Lausitz gelockt werden.
Mehr als 1,2 Millionen sollen es sein, wenn man Hans-Jörg Fischer glaubt, dem Chef der Betreibergesellschaft und einstigen Marketingchef des Nürburgrings. Die "größte und modernste Rennsportanlage Europas", die am vergangenen Wochenende eingeweiht wurde, ist für ihn zugleich eine gigantische Konzertbühne, für die er am liebsten Madonna, Whitney Houston oder die Rolling Stones verpflichten würde.
Viele Bewohner von Senftenberg halten Fischer für einen arroganten Wessi. Seit er den Namen "Lausitzring" strich, um ihn durch "Eurospeedway" zu ersetzen, weil sich das "international besser vermarkten lässt", gilt er als der "mit Abstand unbeliebteste Mensch in der Region" ("Lausitzer Rundschau").
Die Zustimmung zur Rennstrecke aber konnte das nicht bremsen. Die Hoffnungen auf einen kleinen Aufschwung in der gebeutelten Region sind so groß, dass jeder, der sich der Rennstrecke entgegenstellt, ernste Probleme bekommt.
Mit der Gründung einer Bürgerinitiative, mit Mahnwachen und Demonstrationen reagierten mehrere hundert Bewohner, als ein Gericht einen vorläufigen Baustopp verhängte. Sie zogen zum Haus einer Familie, die wenige hundert Meter neben der geplanten Rennstrecke wohnte und wegen der erwarteten Lärmbelästigung geklagt hatte. Und einige beließen es nicht dabei. Die Familie erhielt Drohanrufe und einen Brief: "Zuerst stirbt euer Sohn!!! Dann wird das Haus abgefackelt!!!!"
Ruhe hatte die Familie erst, nachdem sie ihr Haus an die Betreibergesellschaft verkauft hatte. Seitdem muss sie sich lediglich nachsagen lassen, es sei ihr nur ums Geld gegangen.
Kleinkram, zumindest für Rennstreckenchef Fischer, dessen Gedanken längst um einen Vergnügungspark kreisen, den er sich am Rande der Rennstrecke vorstellen könnte, und um die Formel 1. "Da kommt Bernie mit seinem schwarzen Hubschrauber", sagt Fischer, als ein Helikopter an der Strecke vorbeifliegt.
Doch es ist nicht Bernie Ecclestone, der Alleinherrscher der Formel 1. Immerhin: Mit dem hat Fischer sich mehrmals getroffen und ihn fast dazu bewegt, Formel-1-Rennen an den Eurospeedway Lausitz zu vergeben. Aber dann hat Ecclestone das Angebot aus dem Osten genutzt, um Druck auf die Rennpisten im Westen auszuüben.
Der Hockenheimring soll die Strecke umbauen, die Zahl der Zuschauerplätze auf 120 000 erweitern, mehr Platz für VIP-Kunden schaffen, forderte der Formel-1-Herrscher: "Erfüllt Hockenheim unsere Forderungen nicht, müssen wir weggehen."
Diese Sprache verstehen die Politiker im Westen ebenso wie im Osten. Und weil sich Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel um Arbeit und Einkommen für die Region sorgte, versprach er Ecclestone schnell: Wenn der Umbau der Rennpiste 90 Millionen Mark kostet, werde das Land "einen maßgeblichen Anteil" tragen. Es werden wohl 30 Millionen Mark sein. Und der Lenker der Formel 1 sagte zu, die Rennen weiter in Hockenheim fahren zu lassen. Wahnsinn. DIETMAR HAWRANEK
Von Dietmar Hawranek

DER SPIEGEL 34/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SUBVENTIONEN:
Kleiner Aufschwung

  • Disziplinierte Demonstranten in Honkong: So geht Rettungsgasse!
  • Nach Ladendiebstahl: Polizeiübergriff gegen Familie in Phoenix
  • Sturzflug durch die Alpen: "Jetman" schwebt über den Dolomiten
  • Stressfreier Arbeitsweg: Die Paddel-Pendlerin