28.08.2000

BUNDESWEHR„Männerspezifische Sorgen“

Verteidigungsminister Rudolf Scharping, 52, über den bevorstehenden Einsatz von Frauen in der Bundeswehr
SPIEGEL: Ab Januar werden Frauen in der Truppe auch an der Waffe dienen. Was wird sich ändern?
Scharping: Durch Gespräche mit Frauen weiß ich, dass sie weder verminderte Anforderungen, noch Schutzzäune, noch Quoten wollen. Wenn sie also wie vorgesehen strikt nach Eignung, Leistung und Befähigung eingestellt werden, erwarte ich, dass sie von den Männern respektvoll aufgenommen werden.
SPIEGEL: Wer sich mit Soldaten unterhält, bekommt anderes zu hören. Sie fürchten etwa Ablenkung im Einsatz, Benachteiligung oder falsche Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung.
Scharping: Das sind nicht militärspezifische, sondern männerspezifische Sorgen, die es auch in Unternehmen gibt. Wir müssen in der ganzen Gesellschaft respektvoll miteinander umgehen.
SPIEGEL: Wie bereitet sich die Armee auf die neue Lage vor?
Scharping: Wir haben uns in einer Umfrage mit 15 000 Bundeswehrangehörigen ein ziemlich exaktes Bild über die Stimmung gemacht. Wir kümmern uns auch um jene, die Sorgen, Befürchtungen und Ängste haben. Die wollen wir allen Beteiligten nehmen.
SPIEGEL: Im Zentrum für Innere Führung in Koblenz beginnen demnächst Schulungen, in denen Vorgesetzten der richtige Umgang mit Frauen beigebracht wird. Ist das nötig?
Scharping: In einer militärischen Organisation, die mit Ausnahme des Sanitätsdienstes und des Musikwesens zu 100 Prozent von Männern geprägt ist, muss man den Vorgesetzten helfen, sich auf veränderte Umstände einzurichten. Das ist normal. Im Übrigen sollten nicht nur Männer den richtigen Umgang mit Frauen lernen, sondern auch umgekehrt.
SPIEGEL: In einem internen Papier des Verteidigungsministeriums heißt es, dass "innerhalb militärischer Liegenschaften", also in der Kaserne, eine "sexuelle Betätigung" mit Disziplinarmaßnahmen zu bestrafen sei. Lässt sich die Liebe in der Bundeswehr so regulieren?
Scharping: Ich weiß nicht, woher das Zitat stammt. Kein Mensch will die Liebe regulieren. Dennoch lebt die Bundeswehr auch von der in ihr notwendigen Disziplin und Rücksichtnahme auf andere.

DER SPIEGEL 35/2000
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