28.08.2000

BUNDESPRÄSIDENT„Tapfer, aber nicht sündlos“

Johannes Rau über seinen Gesundheitszustand und Maßnahmen gegen Rechtsextremisten
SPIEGEL: Herr Bundespräsident, Sie haben nach einer schweren Operation Ihre Dienstgeschäfte wieder aufgenommen, bleiben aber vorläufig noch in Ihrem Ferienquartier Spiekeroog. Wie geht es Ihnen?
Rau: Mir geht es jeden Tag besser. Ich bin vor fünf Wochen operiert worden. Und wenn man über 60 ist, dann ist jede Operation eine Quälerei, auch wenn es nur ein entzündeter Blinddarm gewesen wäre. Aber es war eine schwierige Bauchoperation.
SPIEGEL: Auf Fotos wirken Sie sehr schwach.
Rau: Dass ich im Augenblick fünf Kilo weniger wiege als am Tag vor der Operation, will ich gar nicht verbergen. Ich soll nur mehr essen, sagt der Doktor.
SPIEGEL: Zu Beginn Ihrer Amtszeit haben Ihnen Internisten gesagt, Sie könnten mit Ihrem Aneurysma der Bauchschlagader beruhigt weiter leben, während Chirurgen darauf drängten, diese "Aussackung" zu beseitigen.
Rau: Zu einem bestimmten Zeitpunkt waren sich Chirurgen und Internisten einig. Sie hatten die Entwicklung genau verfolgt.
SPIEGEL: Es gab Meldungen, die auf Verwachsungen hingewiesen haben, Schwierigkeiten als Folge einer früheren Ope ration.
Rau: Ja, Professor Broelsch hat einer Zeitung gegenüber das erklärt. Wenn Sie eine Niere verloren haben - wie ich vor acht Jahren -, dann entstehen Verwachsungen, Narbengewebe. Das musste zum Teil freigeräumt werden.
SPIEGEL: Sie hatten für September eine dreiwöchige Reise nach Asien und Australien geplant. Hat Ihnen denn vorher keiner gesagt, dass das wohl nicht gehen werde?
Rau: Na ja, Chirurgen sagen, das können Sie packen. Internisten sagen, da müssen Sie aber ganz schön trainieren. Es ist aber nicht so, dass ich nicht dürfte, sondern dass ich besser nicht sollte.
SPIEGEL: Es wäre zu viel geworden.
Rau: Es wäre wohl falsch gewesen, gewissermaßen als Belastungstest eine solche Reise zu machen.
SPIEGEL: Sind Sie besorgt, dass die ganze Diskussion über Ihre Gesundheitstauglichkeit für das Amt des Bundespräsidenten wieder auflebt?
Rau: Dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Aber natürlich wundere ich mich manchmal schon, wie viel Aufhebens gemacht wurde über die kleine Geschichte mit der Lampe, über die ich gestolpert bin. Dann werden Sie auch etwas sensibel, was öffentliche Wahrnehmung anbelangt.
SPIEGEL: Und nun mischen Sie sich von Spiekeroog aus wieder in die öffentliche Diskussion ein?
Rau: Ich bin drin, aber ich tanze nicht auf jeder Hochzeit. Das muss jetzt auch nicht sein.
SPIEGEL: Glauben Sie nicht, dass in der Rechtsextremismus-Debatte ein Wort von Ihnen hilfreich wäre?
Rau: Ich habe schon oft - zuletzt im Juli - gesagt, wir müssen unbedingt was gegen diese Tendenz tun, die keine nur ostdeutsche ist. Die ist zwar in den östlichen Ländern auffälliger als im Westen, aber keiner möge glauben, das sei ein rein ostdeutsches Phänomen. Das Thema taugt auch nicht für Ost-West-Diskussionen.
SPIEGEL: Finden Sie, dass die NPD verboten werden sollte?
Rau: Es interessiert mich jetzt weniger, ob es einen Verbotsantrag gibt und welche Aussichten es für den gibt. Mich interessiert, wie wir jungen Menschen eine Perspektive geben können, die es ihnen unnötiger erscheinen lässt, den Leuten nachzulaufen, die auf alles eine Antwort haben
und für nichts eine Lösung. Das ist das Problem.
SPIEGEL: Sie sagen, das NPD-Verbot interessiere Sie nicht. Heißt das, es ist Ihnen egal, ob diese Partei verboten wird oder nicht?
Rau: Nein, das will ich nicht sagen, aber ich glaube, das wird ein langwieriger Diskussionsprozess, bis dann das Gericht entscheidet. Bis dahin gibt es vieles zu tun.
SPIEGEL: Was kann denn Politik leisten, um gegen Fremdenfeindlichkeit Beispiele zu setzen oder Trends zu verändern?
Rau: Früh genug auf die Probleme hinweisen. Ich habe frühzeitig und deutlich vor Rechtsextremismus im Internet gewarnt, zuletzt gemeinsam mit Herta Däubler-Gmelin und mit dem entsprechenden Kommissar der Europäischen Union bei einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Kaum Meldungen. Wenig Echo.
SPIEGEL: Wann war das?
Rau: Das ist zwei Monate her.
SPIEGEL: Sie haben sich, als Sie noch Ministerpräsident in Düsseldorf waren, an der Seite von Opfern gezeigt, in Solingen zum Beispiel. Warum traut sich das heute keiner mehr in der Politik?
Rau: Man darf das nicht zur Geste werden lassen.
SPIEGEL: Hin und wieder wäre eine Geste ganz wichtig. Die Politik ist immer schnell bei der Hand, öffentlich Untaten zu verdammen, die Zivilgesellschaft aufzurütteln und nach der Polizei zu rufen. Aber keiner riskiert es, mit der eigenen Person deutlich zu machen, dass die ausländischen Opfer zu uns gehören.
Rau: Ja, das gibt es zu wenig. Darum werde ich mich weiter kümmern. Solche Gesten wird es von mir auch wieder geben, wenn ich zurück bin.
SPIEGEL: Wann wird das sein?
Rau: Am 3. Oktober werde ich in Dresden sprechen. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht vorher öffentlich zu Wort melde.
SPIEGEL: Das Gezerre um den Redner Helmut Kohl kann Ihnen nicht gefallen haben.
Rau: Dazu äußere ich mich nicht. Das ist nicht Sache des Bundespräsidenten. Ich habe Helmut Kohl zum Geburtstag geschrieben, wenn er das Bedürfnis hätte, mit mir über das Geschehene noch einmal zu sprechen, dann stünde ich jederzeit zur Verfügung.
SPIEGEL: Und?
Rau: Er hat das angenommen, aber nicht wahrgenommen.
SPIEGEL: Noch eine Zumutung, Herr Bundespräsident: Sie sollen nicht mehr rauchen, sagt der Arzt?
Rau: Sagt er, ja.
SPIEGEL: Schaffen Sie es?
Rau: Ich bin erstaunlich tapfer. Allerdings nicht sündlos.
INTERVIEW: JÜRGEN LEINEMANN
* Links: am 18. Juli mit Ehefrau Christina, Prinz Philip und Königin Elizabeth II. von England vor Schloss Bellevue in Berlin; oben: am 20. August mit Landrat Henning Schultz nach Übergabe des Ehrenlöffels des Wittmunder Schützenvereins.
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 35/2000
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