28.08.2000

DIPLOMATIEZu viel Bismarck

Mit einer umfassenden Reform will das Auswärtige Amt seinen schleichenden Bedeutungsverlust aufhalten und den Frust der deutschen Diplomaten abbauen.
Die Form stimmt schon: die Haltung höflich, der Haarschnitt kurz, die Hose scharf gebügelt. Am Habitus muss der junge Attaché, der da im "Briefing Room" des Auswärtigen Amtes (AA) laut über seine Zukunft nachdenkt, allerdings noch feilen: Allzu smart wirkt leicht aalglatt - so sollte selbst ein Diplomat nicht wirken.
In der Sache ist der gelernte Volljurist mit blauem Hemd und gelbem Schlips schon ganz auf Linie: Er wäre stolz darauf, einmal Deutschland im Ausland zu repräsentieren, am liebsten natürlich als Botschafter. Ein Kollege, farblich nur um Nuancen anders ausgestattet, sieht seinen künftigen Lebenszweck darin, Politik im Gemeinwohlinteresse zu gestalten - an der Stelle, die ihm das Amt einmal zuweisen wird.
Es ist die 54. "Crew", die gegenwärtig im AA ihren Schliff für den diplomatischen Dienst bekommt. Die 7 jungen Frauen und 13 jungen Männer im holzgetäfelten Besprechungsraum sehen ihre Zukunft als deutsche Außenpolitiker in rosigem Licht.
Diese Schwärmerei der AA-Lehrlinge steht in seltsamem Kontrast zur allgemeinen Nölerei im nagelneuen Auswärtigen Amt am Werderschen Markt in Berlin. Nichts ist
mehr so schön, wie es mal war: Ein erheblicher Beförderungsstau blockiert viele Karrieren, und alle im Amt sind von der großen Sinnkrise befallen - wozu eigentlich taugt heute noch Diplomatie?
Der Frust sitzt tief, auch bei den Diplomaten im Ausland. Die Spitze des Hauses hat das erkannt und steuert dagegen. Erstmals in der Geschichte der deutschen Diplomatie werden in der kommenden Woche alle 141 deutschen Botschafter zu einer Konferenz in die Hauptstadt beordert. Die Diplomaten brauchen dringend neue Weisungen aus Berlin.
Sie sind verunsichert über ihre künftige Rolle im Zeitalter der Globalisierung. Zudem gehen die drastischen Haushaltskürzungen schon an die Substanz. "Die hängen teilweise orientierungslos auf ihren Posten am anderen Ende der Welt rum und wissen nicht, wohin der Hase laufen soll", urteilt ein hoher AA-Beamter. Der grüne Staatsminister Ludger Volmer, der das Auswärtige Amt seit nun bald zwei Jahren von innen beobachtet, sieht das Ende der klassischen Diplomatie gekommen: "Hier hängen mir immer noch zu viele Bismarck-Bilder rum. Bismarcks Außenpolitik kann kein Maßstab mehr sein."
Außenminister Joschka Fischer hat seine Diplomaten zur umfassenden "Aufgabenkritik" und "Reform des Auswärtigen Amtes" aufgerufen. Er selbst stellte erste Weichen: Sein Lieblingsbeamter Gunter Pleuger wird durch eine neue Verteilung der Zuständigkeiten zum Super-Staatssekretär. Demnächst soll Steffen Rudolph, der zuletzt Botschafter in Algier war, als neuer Leiter der Zentralabteilung die überkommenen Strukturen des Hauses gegen den Strich bürsten.
Das Auswärtige Amt muss sich ändern, weil die internationale Politik eine andere ist. Die Zeiten, in denen das Weltgeschick nicht selten über geheime diplomatische Kanäle bestimmt wurde, sind vorbei. In der medial vernetzten Welt, in der Kriege live im Fernsehen zu betrachten sind, wird der ehedem elitäre diplomatische Dienst immer mehr zum schnöden Dienstleister für Wirtschaftsunternehmen und Touristen.
Doch selbst für diese vergleichsweise banalen Aufgaben fehlt dem Auswärtigen Dienst das Geld. Um 172 Millionen Mark (rund fünf Prozent) kürzte Finanzminister Hans Eichel den AA-Etat. Weltweit mussten allein im letzten Jahr 19 deutsche Auslandsvertretungen schließen.
Längst ist Außenpolitik keine Domäne des Auswärtigen Amtes mehr. Alle Fachminister - von Landwirtschaft über Verteidigung bis zu den Finanzen - agieren wie selbstverständlich international. Lediglich beim Rechts- und Konsularwesen und bei der Bündnispolitik behält der Außenminister noch die Vorherrschaft.
Dabei haben deutsche Diplomaten zunehmend Bedarf für neue Aktivität erkannt. Um gut 20 Staaten ist die internationale Gemeinschaft in den letzten zehn Jahren gewachsen. Vor allem Länder der Dritten Welt erwarten vom geeinten Deutschland Zuspruch und Unterstützung. "Die kommen auf uns zu, weil sie sich von der Übermacht der USA lösen wollen", hat Volmer festgestellt. Deutschland scheint ihnen dafür mustergültig geeignet, weil es durch Kolonialpolitik nur wenig belastet ist. "Diesen massiv vorgetragenen Ansprüchen können wir nicht nachkommen", klagt Volmer - kein Geld.
Mit Neid schauen die Diplomaten der Bundesrepublik auf Frankreich und Großbritannien. Briten wie Franzosen beschäftigen rund 15 000 Mitarbeiter im diplomatischen Dienst. Die Deutschen können nur gut 8000 Beschäftigte ins Feld führen.
Allein in den USA, wo die Bundesrepublik einst 14 Konsulate unterhielt, rangiert Deutschland nun mit 8 verbliebenen Vertretungen noch hinter Südkorea. Entsetzt reagierte die Spitze des AA, als Sparminister Eichel auch noch vorschlug, die deutschen Botschaften in den EU-Ländern zu schließen: Wie könne Deutschland da seinem gewachsenen internationalen Gewicht gerecht werden?
Fachreferenten des AA dürfen keine internationalen Kongresse besuchen, weil die Reisemittel fehlen. Referatsleiter in Berlin kennen teilweise die Länder nicht, die sie betreuen. Intensive Vorbereitung und Sprachunterricht - einst unverzichtbar für Auslandseinsätze - bleiben heute oft der Eigeninitiative überlassen.
Voll Stolz berichten zwar die jungen Attachés, dass der Aufnahmetest zu den schwierigsten im Lande gehört. Aber das AA hat besorgt registriert, dass die Qualität der Bewerber sinkt. Es hat sich offenbar herumgesprochen, dass die Bezahlung nicht üppig ist und die Aufstiegschancen gering sind.
Im Höheren Dienst warten Vollakademiker nicht selten 25 Jahre, bis sie erstmals eine leitende Position bekommen - als stellvertretende Referatsleiter. Nach der akademischen Ausbildung und weiteren zwei Jahren auf der Diplomatenschule kurven frische AA-Mitarbeiter bis zu sechs Jahre in der Warteschleife, bis sie verbeamtet werden. "Kein Wunder", sagt Staatssekretär Pleuger, "dass da manche talentierten Leute, die wir gern hätten, lieber in die freie Wirtschaft gehen." JÜRGEN HOGREFE
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Botschafter in aller Welt
Das Auswärtige Amt beschäftigt zurzeit rund 8200 Mitarbeiter in 141 Botschaften, 51 Generalkonsulaten und 28 sonstigen Vertretungen in 188 Ländern sowie in Berlin und Bonn. 1999 wurden 19 Konsulate und Botschaften geschlossen.
* Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am 13. Januar an Arte-Chefredakteur Jérôme Clément (l.) durch Botschafter Peter Hartmann (2. v. l.).
Von Jürgen Hogrefe

DER SPIEGEL 35/2000
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